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Rote Linien

Der Wunsch nach klar erkennbarer Abgrenzung ist also oft eine sehr zwiespältige, widersprüchliche Angelegenheit. Oft drückt er Notwendiges aus: wieder Klarheit, was verbindet und was keinesfalls akzeptabel ist. Es kann aber auch sein, dass dann der Dialog aufhört, wo er besonders nötig wäre. Dass kaum mehr jemand anderen zuhört, die Kompromissmaschine Demokratie entscheidungsunfähig wird.

Eine lapidare Antwort wäre: So ist das eben in Zeiten großer Umbrüche. Die politischen Lager gruppieren sich neu. Wer rote Linien zieht, muss mit der Konsequenz leben. Manche ziehen deshalb möglichst selten welche. Klingt pragmatisch, verstärkt aber Beliebigkeit. In der Rubrik Dafür & Dagegen geht es um eine der Konsequenzen: den weltweiten Druck auf die Menschenrechte.

Rote Linien zum Themenschwerpunkt dieses Heftes zu machen folgt dem Gedanken: Da ist mittlerweile ein Problem. In Zeiten des Individualismus ziehen zu viele nur noch ihre persönlichen Linien und sind nicht mehr bereit, Abgrenzungen anderer zu akzeptieren. Zu beobachten ist, wie sicher geglaubte Linien sich im Weltenwandel auflösen. Wieder andere setzen skrupellos auf das Recht des Stärkeren.

Identität nur zur Eigenabgrenzung? Bloß nicht. Auch nicht dazu, Veränderungen generell abzuwehren. Kriege, Nationalismus, Rassismus und Menschenrechte, Staatsverschuldung, soziale Solidarität: Politische Heimat lässt sich vielfältig an aktuellen politischen Themen festmachen. Und immer spielt hinein, was unbedingt abgegrenzt werden muss. Es sind die Grundwerte der liberalen Demokratie.

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