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Flexiblere Arbeitszeiten statt pauschaler Verlängerung Schuften bis 70?

Eine der ältesten Forderungen der Arbeiterbewegung war die nach dem Achtstundentag, in den 1950er Jahren ging es um die Fünf-Tage-Woche. Oft waren dafür erbitterte Streiks nötig, etwa 1984 von IG Metall und IG Druck und Papier für die 35-Stunden-Woche, der von den Arbeitgebern mit massiven sogenannten »kalten« Aussperrungen beantwortet wurde.

Angesichts der aktuell trüben wirtschaftlichen Aussichten wächst nun aber der Druck, einen Teil der erkämpften Errungenschaften wieder zurückzudrehen, der Ruf nach längeren Arbeitszeiten wird lauter. Immer mehr Arbeitgeber fordern die Abschaffung des Acht-Stunden-Tags, die Erhöhung des Renteneintritts­alters sowie die Deregulierung von Zeitarbeit.

»Die platten Forderungen nach einer Verlängerung der Arbeitszeit passen nicht zur Lebensrealität vieler Menschen.«

Die Gewerkschaften fordern dagegen für die Beschäftigten mehr Souveränität bei der Arbeitszeit. Deren Wünsche sind sehr unterschiedlich und hängen nicht zuletzt vom Einkommen ab. Viele Beschäftigte in Deutschland wollen weniger arbeiten, wobei sich die Arbeitszeitwünsche nach Altersgruppen, sozioökonomischer Lage und Geschlecht unterscheiden. Rund 50 Prozent der älteren wollen früher in den Ruhestand. Frauen in unfreiwilliger Teilzeit hingegen wollen länger arbeiten, können es aber oft nicht. Und Menschen ohne Arbeit finden häufig schlicht keinen Job in erreichbarer Entfernung, weil sie scheinbar zu alt sind, gesundheitliche Einschränkungen haben oder nicht die passende Qualifikation.

Die platten Forderungen nach einer Verlängerung der Arbeitszeit passen also offensichtlich einerseits nicht zur Lebensrealität vieler Menschen. Und sie haben andererseits auch mit der Situation in vielen Unternehmen, in denen die Beschäftigten der Arbeitsbelastung schon heute kaum noch standhalten, wenig zu tun. So fordern etwa Pflegekräfte nicht nur mehr Geld, sondern setzen sich unter anderem für bessere Personalschlüssel ein, um der zunehmenden Arbeitsverdichtung entgegenzuwirken. Schichtarbeiter kämpfen für zusätzliche Freischichten, um die Gesundheitsbelastung zu reduzieren. Beschäftigte in der Automobilindus­trie setzen sich für Weiterbildungszeiten ein, um für die Transformation zur E-Mobilität gerüstet zu sein.

Die Debatte verdient mehr Sachlichkeit und eine Vision

Die rasant voranschreitende Digitalisierung und der zunehmende Einsatz künstlicher Intelligenz werden die Arbeitswelt in den kommenden Jahren noch stärker verändern. Und angesichts der demografischen Entwicklung und der Dekarbonisierung unserer Wirtschaft werden wir über die Arbeit der Zukunft und eine moderne Arbeitszeitpolitik noch mehr nachdenken und debattieren müssen als bisher.

»Oft wird in der Diskussion verdrängt, dass in Deutschland so viel gearbeitet wird noch nie.«

Oft wird in der Diskussion verdrängt, dass in Deutschland so viel gearbeitet wird noch nie. Nach Angaben des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) waren es 2023 fast 55 Milliarden Stunden (niedrigster Wert 2005: 47 Milliarden Stunden). Die Erwerbsquote ist gestiegen, insbesondere die Erwerbsbeteiligung von Frauen deutlich, die aber zu rund 50 Prozent – häufig unfreiwillig – teilzeitbeschäftigt sind. Demgegenüber sind die durchschnittlichen individuellen Arbeitszeiten von 38,5 (1991) auf 36,3 Stunden (2022) gesunken, was aber auch mit der hohen Teilzeitquote von Frauen zusammenhängt (2024 49 Prozent gegenüber zwölf Prozent bei Männern). Unterschlagen wird auch gerne, dass jährlich über 1,3 Milliarden Überstunden geleistet werden, davon die Hälfte unbezahlt, was zu enormen gesundheitlichen Belastungen führt, sozial unverantwortlich und auch wirtschaftlich nicht sinnvoll ist.

Innovationen haben schon immer die Erwerbsarbeit verändert und schürten die Angst vor Arbeitsplatzverlust. Viele Arbeitsplätze wurden zwar tatsächlich auch vernichtet, es entstanden aber neue und das gesamtvolkswirtschaftliche Arbeitsvolumen hat sich erhöht. Werden künftig durch den zunehmenden Einsatz von Künstlicher Intelligenz und die Dekarbonisierung Arbeitsplätze vernichtet? Neben dieser Angst gibt es aber auch die Hoffnung, dass neue, hochqualifizierte Arbeitsplätze in einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft entstehen werden, die uns von monotoner, gesundheitsschädigender Arbeit weiter befreien, Erwerbsarbeit reduzieren und mehr Freizeit ermöglichen.

Die Erfahrungen zeigen aber, dass sich kürzere Arbeitszeiten und gesunde Arbeitsbedingungen nicht von selbst ergeben. Das hängt auch davon ab, wie viele Menschen sich auch künftig in Gewerkschaften engagieren werden.  

Wunsch nach Zeitsouveränität

Offensichtlich ist eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit nicht gewollt und statt statischer Arbeitszeitkonzepte wünschen sich viele Menschen flexiblere Modelle, die ihren veränderten Ansprüchen nach mehr Zeitsouveränität gerecht werden und zu ihrem Leben passen. Immer mehr Menschen sind bereit, auf Gehalt zu verzichten, wenn sie ihre Arbeitszeit dadurch reduzieren können. 2018 wurde den Beschäftigten der Deutschen Bahn tarifvertraglich die Wahloption zwischen Geld oder Zeit eingeräumt und 50 Prozent haben sich für »mehr Zeit« entschieden. Seitdem wird immer mehr Beschäftigten auch in anderen Branchen eine Verkürzung ihrer Arbeitszeit auf Dauer oder befristet eingeräumt.

Aber Zeitsouveränität – also mehr Selbstbestimmung über die Arbeitszeit – muss man sich auch leisten können. Für Beschäftigte mit geringeren Gehältern ist dies häufig keine Option. Umso wichtiger sind für sie tariflich gesicherte Löhne und Arbeitszeiten, die deutlich bessere Verdienste bedeuten und ihnen daher erst Wahloptionen ermöglichen. Dafür braucht es dringend eine Stärkung der Tarifbindung, denn mittlerweile fallen nur noch knapp 50 Prozent der Beschäftigten unter den Schutz von Tarifverträgen. Daher war es so wichtig, dass die Mindestlohnrichtlinen der EU die Mitgliedstaaten dazu verpflichten, die Tarifbindung langfristig wieder auf 80 Prozent zu erhöhen. Dass die Vergabe öffentlicher Aufträge des Bundes künftig an die Zahlung von Tariflöhnen gebunden wird, ist ein konkreter Schritt um dieses Ziel zu erreichen.

»Den Wünschen stehen zahlreiche Barrieren im Weg.«

Immer mehr Frauen, die in Teilzeit beschäftigt sind, wollen länger arbeiten, aber nicht unbedingt »Vollzeit«, und immer mehr Vollzeit arbeitende Männer wollen reduzieren. Dahinter verbirgt sich häufig der Wunsch nach einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie, sei es, um gemeinsame Verantwortung für die Erziehung der Kinder oder die Pflege von Angehörigen zu übernehmen. Auch für gesellschaftliches Engagement wird Zeit benötigt. Aber den Wünschen stehen zahlreiche Barrieren im Weg, wie die unzureichende Verfügbarkeit von Kitaplätzen oder steuerliche Fehlanreize wie das Ehegattensplitting.

Seit geraumer Zeit wird das Für und Wider der Vier-Tage-Woche diskutiert und erhitzt die Gemüter. Gerade für junge Menschen scheint das ein attraktives Modell zu sein. Einige Unternehmen testen es bereits. Und in manchen Branchen, die von der Transformation der Wirtschaft in besonderer Weise betroffen sind, wie die Stahlindustrie, kann eine Vier-Tage-Woche Beschäftigung sichern und Personalabbau verhindern oder mindern. Vor Jahren hat VW in einer Krisensituation das Modell praktiziert. Für andere Branchen mag das Modell nicht geeignet sein, da der Arbeitskräftemangel schon jetzt groß ist. Kontrovers ist die Frage nach dem Lohnausgleich, der für viele die Voraussetzung ist, oder nach der Arbeitsverdichtung und den sich daraus ergebenden Gesundheitsrisiken.

Durch die Corona-Pandemie hat sich in vielen Branchen mobiles Arbeiten etabliert. Neben einigen Risiken gibt es zahlreiche Chancen: eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, geringere Fahrtzeiten, weniger Stress im Berufsverkehr und geringere Umweltbelastung. Mobiles Arbeiten der Zukunft muss aber so gestaltet werden, dass sich eine Win-win-Situation für die Beschäftigten und die Unternehmen ergibt. Zudem wird die Halbwertszeit beruflichen Wissens durch beschleunigte Innovationen, Digitalisierung, disruptive Technologien wie Künstliche Intelligenz immer kürzer. Lebensbegleitendes Lernen und kontinuierliche Weiterbildung wurden als notwendig für unsere künftige Beschäftigungsfähigkeit bereits seit Langem erkannt. Schon heute gibt es dafür zahlreiche tarifliche Regelungen. Trotzdem bleibt die grundsätzliche Frage: Wer soll die Bildungszeiten bezahlen und brauchen wir ein Recht auf Weiterbildung?

Bis zum Umfallen

Viele wollen früher in Rente gehen. Dem steht die Forderung gegenüber, das Renteneintrittsalter zu erhöhen und an die gestiegenen Lebenserwartungen anzupassen. Dabei wird ignoriert, dass viele Beschäftigte es schon heute nicht bis zum gesetzlichen Rentenalter schaffen, weil die Arbeitsbedingungen zu anstrengend waren. Und in Krisenzeiten schicken Arbeitgeber ihre Leute gerne in den Vorruhestand, um betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden. Auf der anderen Seite wollen immer mehr Rentner in Deutschland arbeiten, oft aus finanzieller Not. Viele fühlen sich aber auch noch fit und für sie war eine erfüllende Berufstätigkeit immer schon mehr als Broterwerb. Untersuchungen weisen darauf hin, dass Rentner ohne Arbeit häufig krank werden, vereinsamen und früher sterben. Länger gesund arbeiten bedeutet immer auch länger leben. Dann müssen die Unternehmen aber auch für Arbeitsbedingungen sorgen, die nicht krank machen, und sie müssen älteren Beschäftigten auch Perspektiven bieten. In vielen Arbeitsverträgen ist aber fixiert, dass mit dem Erreichen des gesetzlichen Rentenalters das Beschäftigungsverhältnis endet.

»Modelle zur Gestaltung der Lebensarbeitszeit werden weiter an Bedeutung gewinnen.«

Das Konzept der Lebensarbeitszeit schließlich wurde bereits Mitte der 60er Jahre entwickelt, geht über die Vorstellungen einer Verkürzung der Wochenarbeitszeit hinaus, beinhaltet u. a. Bildungszeiten im Erwerbsverlauf, Sabbaticals und bezahlte Freistellungen, Teilzeit sowie flexible Ruhestandsregelungen. Erste tarifpolitische Regelungen der Sozialpartner gibt es seit Längerem, u. a. den Demografie-Tarifvertrag für die chemische Industrie oder den Weiterbildungstarifvertrag für die Metall- und Elek­troindustrie. Modelle zur Gestaltung der Lebensarbeitszeit über die gesamte Erwerbsbiografie werden vor dem Hintergrund der sozialen, kulturellen, aber auch wirtschaftlichen Veränderungen in unserer Gesellschaft weiter an Bedeutung gewinnen, ihre Ausgestaltung aber auch künftig umkämpftes Terrain bleiben.

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