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Der Betrieb als politischer Kampfplatz und die Verantwortung der GewerkschaftenSchutzraum und Resonanzraum

Christiane Benner, Erste Vorsitzende der IG Metall: »Der Anspruch ist hoch – und er steht zunehmend unter Druck. Denn ausgerechnet dort, wo Gewerkschaften stark sind, wo Mitbestimmung gelebt wird und betriebliche Interessenvertretung handlungsfähig ist, zeigen sich politische Widersprüche, die sich nicht ohne Weiteres auflösen lassen. Der Betrieb erscheint damit zugleich als Schutzraum demokratischer Praxis und als Resonanzraum rechter Normalisierung.«

»Entscheidend ist, ob Beteiligung als wirksam erlebt wird oder als ›von oben‹ durchgesetzt.«

Der ernüchternde Befund lautet: Gewerkschaftliche Verankerung im Betrieb schützt nicht automatisch vor rechter Orientierung. Betriebspolitischer Erfolg kann politische Entfremdung überdecken – für eine Zeit. Entscheidend ist, ob Beteiligung als wirksam erlebt wird oder ob Entscheidungen, selbst in demokratischen Gremien, als »von oben« durchgesetzt erscheinen. Erst wo Selbstwirksamkeit, Konfliktfähigkeit und kollektive Aushandlung tatsächlich erfahrbar werden, entsteht demokratische Resilienz.

Rechte Deutungen entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie wachsen dort, wo soziale Unsicherheit, Transformationsdruck, Statusangst und politische Entfremdung zusammentreffen – und wo Umbrüche im Arbeitsalltag als fremdbestimmt erfahren werden: Transformationserfahrungen, Pandemieregelungen, Konflikte um Verbrenner, E‑Mobilität oder Gesundheitsschutz. Rechte Angebote setzen genau hier an. Sie politisieren Verunsicherung, ohne reale betriebliche Gestaltungsperspektiven zu eröffnen.

In vielen Belegschaften ist eine schleichende Verschiebung zu beobachten. Abwertende Sprache wird normalisiert, autoritäre Lösungsvorstellungen gelten plötzlich als »realistisch«, demokratische Institutionen werden pauschal delegitimiert. Das tritt oft nicht als offener Extremismus auf, sondern als vermeintlich pragmatischer Alltagsverstand. Rechte Normalisierung funktioniert weniger über geschlossene Ideologie als über Gewöhnung: durch Wiederholung, durch Verharmlosung und durch das Ausbleiben von Widerspruch.

»Der Betrieb bleibt Arbeits- und Solidargemeinschaft und ist zugleich Schauplatz gesellschaftlicher Spaltungsprozesse.«

Gerade diese Form der Normalisierung ist für Gewerkschaften schwer zu greifen. Sie ist anschlussfähig, widerständig gegenüber moralischer Kritik – und sie frisst sich in den betrieblichen Alltag, ohne dass sofort rote Linien überschritten werden. Wenn die Grenzziehung zu lange aufgeschoben wird, verschiebt sich das Sagbare – schleichend und oft kaum reversibel. Der Betrieb bleibt somit zugleich Arbeits- und Solidargemeinschaft und ist zugleich Schauplatz gesellschaftlicher Spaltungsprozesse.

Das zeigt sich auch an neuen rechten Organisationsformen im Betrieb. Vereine wie das 2009 bei Daimler in Untertürkheim gegründete »Zentrum«, die als vermeintliche »alternative Gewerkschaft« auftreten, knüpfen gezielt an betriebliche Konflikte und Enttäuschungen an und inszenieren sich als Sprachrohr »der Beschäftigten« gegen die etablierten Gewerkschaften. Studien und Recherchen belegen dabei enge Verbindungen zu Akteuren der AfD sowie zu Netzwerken der Neuen Rechten; zentrale Figuren treten auf AfD-Veranstaltungen auf oder kandidieren parallel für die Partei.

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