Der Sommer 2024 war laut dem Europäischen Klimawandeldienst Copernicus der heißeste jemals gemessene Sommer auf der Erde – vor 2023, das seinerseits den Rekord von 2016 gebrochen hatte. Man könnte an dieser Stelle eine Reihe von Zahlen aufführen: 1,5 Grad globale Erwärmung, achtzehn Monate in Folge mit Rekordtemperaturen, die Sahara, die sich nach Norden ausbreitet, unaufhaltsam wie schmelzende Eiswürfel in kühlender Limonade. Doch Zahlen haben die unangenehme Eigenschaft, das Gefühl zu betäuben, das sie eigentlich wecken sollten. Deswegen kein Zahlenkatalog. Stattdessen: ein Spaziergang durch den deutschen Sommer.
Stadtbewohner kennen das Phänomen des urbanen Wärmeinseleeffekts mittlerweile aus eigener Erfahrung, auch wenn die wenigsten es so nennen würden. Gemeint ist, dass Städte sich schneller aufheizen als ihr Umland – und sich langsamer abkühlen. Die Wände der Häuser, die Betonbrücken und der Asphalt speichern die Wärme des Tages und geben sie nachts wie ein Radiator an die Umgebung ab. In deutschen Großstädten kann der Temperaturunterschied zwischen der Innenstadt und dem umliegenden Grüngürtel in Tropennächten – also Nächten, in denen das Thermometer nicht unter 20 Grad fällt – vier bis acht Grad betragen.
Für manche Menschen bedeuten ein paar Grad Temperaturunterschied genau die Grenze zwischen Stress und Lebensgefahr.
Das klingt nach wenig. Es ist nicht wenig. Es macht etwas mit den Menschen, vor allem eben in der Stadt. für ältere Menschen, für Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Für Säuglinge bedeutet dieser Unterschied unter Umständen die Grenze zwischen Stress und Lebensgefahr. Der Hitzesommer 2003, der Europa überraschte, forderte allein in Deutschland schätzungsweise 7.000 Todesopfer. Frankreich hatte eine Übermortalitäöt von 15.000 Menschen. Europa insgesamt über 70.000. Diese Zahlen kommen nicht von Klimaaktivistinnen, sondern aus peer-reviewten Studien in renommierten medizinischen Fachzeitschriften. Und es sind gerade die ersten Hitzewellen des Jahres, die den Menschen besonders zu schaffen machen. In diesem Jahr gab es eine solche Hitzewelle bereits Ende Mai. Viel früher als sonst.
Aber 2003 ist 20 Jahre her. Was hat sich seitdem verändert? Nicht genug. Deutsche Städte haben Hitzeschutzpläne entwickelt, es gibt Trinkwasserspender in einigen Innenstädten, manche Kommunen haben Hitzetelefone eingerichtet. Doch wer im Sommer 2022 oder 2023 durch Frankfurt, Berlin oder Dortmund gelaufen ist, wenn das Thermometer 38 Grad zeigte, hat vor allem eines gesehen: Menschen, die sich irgendwie arrangieren. Die unter dem einzigen Baum der Straße stehen. Die in klimatisierten Supermärkten länger als nötig verweilen. Die ihre Mittagspause so planen, dass sie sich nicht bewegen müssen. Improvisation ist keine Strategie. Aber sie offenbart etwas Wichtiges: Die Deutschen haben das Schwitzen noch immer nicht institutionalisiert.
Eine kurze Geschichte der deutschen Hitzeresistenz
Es gibt Kulturen, die mit Hitze umgehen können. Sie haben ihre Städte anders gebaut, sie haben anders gelebt, anders gegessen. In Sevilla beginnt das gesellschaftliche Leben erst nach neun Uhr abends. In Tunis gibt es eine Siesta, die keine Schwäche ist, sondern Vernunft. Im griechischen Thessaloniki stehen die Platanen auf dem Aristotelous-Platz nicht aus ästhetischen Gründen – sie sind Klimaanlage, Versammlungsort und Überlebenshilfe in einem.
In Deutschland dagegen gilt: Wir arbeiten von acht bis fünf. Wenn es heiß ist, klagen wir. Dann klagen wir darüber, dass wir klagen. Schließlich klagen wir über die Klimaanlage im Büro, die zu kalt ist. Die Siesta gilt als südeuropäische Extravaganz, klimatisierte Schlafsäle in Parks – wie sie etwa Tokio oder Singapur für Obdachlose und Ältere einrichtet - könnten ein Beitrag auch zu einer ernsthaften politischen Debatte über Eigenverantwortung und Vorbild sein.
»Wir sind in gemäßigten Breiten konditioniert worden und müssen nun umlernen.«
Eine Anpassung der Lebensweise ist nämlich gar nicht revolutionär. Sie wäre nur konsequent. Wer seinen Alltag im Hochsommer um drei Stunden nach hinten verschiebt, der schläft besser, arbeitet konzentrierter und leidet weniger. Das ist keine Schwäche, sondern Biologie: Der menschliche Körper ist kein Gerät mit Klimamodus, er ist ein evolutionäres Produkt. Wir sind in gemäßigten Breiten konditioniert worden und müssen nun umlernen. Kulturelle Anpassung braucht Vorbilder. Sie braucht Unternehmerinnen und Unternehmer, die diese Entwicklung vorausschauend adaptieren und so auch die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens stärken. Oder wie Charles Darwin sagte: Nicht die stärkste, klügste oder schnellste Spezies überlebt, sondern die anpassungsfähigste.
Hitze ist keine demokratische Angelegenheit. Das ist der unbequeme Kern der Debatte, der im Smalltalk über den Sommer gerne übersehen wird. Wenn gebildete, mobile und wohlhabende Menschen über Hitze sprechen, meinen sie Unbehagen und eine Lästigkeit wie Wollmäuse in der Flurecke. Wenn arme, alte und kranke Menschen über Hitze sprechen, meinen sie Gefahr.
Wer sich eine Klimaanlage leisten kann, leidet weniger. Wer in einem Haus mit Garten und Bäumen wohnt, leidet weniger. Wer seinen Arbeitsort, seine Arbeitszeit und seinen Aufenthaltsort selbst bestimmen kann, leidet weniger. In Deutschland leben überproportional viele ältere, arme und alleinstehende Menschen in schlecht isolierten Wohnungen in dicht bebauten Stadtteilen – also dort, wo die Hitze am stärksten zuschlägt, und dort, wo sie am wenigsten aufgefangen wird.
Das Paradox der eigenen Abkühlung
Gleichzeitig arbeiten Erntehelfer auf deutschen Feldern, Dachdecker auf deutschen Dächern, Paketboten auf deutschen Straßen – in der Sonne, unter Zeitdruck, ohne Klimaanlage. Die EU hat mit der überarbeiteten Richtlinie zur Arbeitssicherheit erste Schritte in Richtung Hitzeschutz am Arbeitsplatz unternommen, doch die nationale Umsetzung bleibt zögerlich. Ein Recht auf Arbeitspause bei 35 Grad klingt selbstverständlich. Es ist es nicht. Die soziale Dimension des Klimawandels ist lange bekannt, doch strukturell zu wenig im Blick.
Es gibt eine tiefe Ironie im modernen Umgang mit Hitze: Je mehr wir schwitzen, desto mehr kühlen wir – und desto mehr heizen wir. Klimaanlagen sind mittlerweile für einen signifikanten Teil des globalen Energieverbrauchs verantwortlich. Die Internationale Energieagentur schätzt, dass Klimaanlagen bis 2050 für rund 13 Prozent des weltweiten Strombedarfs verantwortlich sein könnten. Strom, der in vielen Teilen der Welt noch immer aus fossilen Quellen kommt, und damit jene Erwärmung befeuert, vor der er schützen soll.
Das ist kein Argument gegen Klimaanlagen in Krankenhäusern, Pflegeheimen oder dort, wo Hitze lebensbedrohlich wird. Es ist ein Argument für Prioritäten. Und für Alternativen: Grüne Dächer, begrünte Fassaden, Stadtbäume, helle Oberflächen, Wasserverdunstung im öffentlichen Raum – all das kühlt, ohne zu heizen. Es ist in vielen Städten erprobt, es funktioniert, es ist bezahlbar. Es fehlt vor allem am politischen Willen, es als Pflicht zu verstehen und nicht als nettes Extra. Wien hat in den vergangenen Jahren intensiv in solche Maßnahmen investiert und gilt inzwischen als europäisches Vorbild für urbane Klimaanpassung. Singapur, eine der heißesten Städte der Welt, hat das Prinzip der »biophilic city« – der mit Natur verwobenen Stadt – zur Staatsräson erhoben. Stuttgart kämpft seit Jahren um seinen Grünzug, der die Stadt belüftet wie ein natürlicher Ventilator.
Etliche Zielkonflikte und die nicht mehr beherrschbaren Vorschriften machen es uns schwer, Klimaanpassung in kurzer Zeit zu realisieren.
Es gibt Wissen. Es gibt Beispiele. Es mangelt nicht an Ideen. Es sind die etlichen Zielkonflikte, das »alle sollen mitgenommen werden«-Denken und die nicht mehr beherrschbaren endlosen Vorschriften, die es uns schwer machen, Klimaanpassung in kurzer Zeit zu realisieren. Bis 2050 werden sich die Hitzewellen in Deutschland noch einmal verdoppeln. Häufigkeit, Intensität und Dauer nehmen zu. Anpassung ist also kein Luxus mehr, sondern neben Klimaschutz eine zwingend notwendige Maßnahme.
Lernen, unter dem Brennglas zu leben
Vielleicht ist das die zentrale Frage des heißen Sommers: Wann hören wir auf, Hitze als Ausnahme zu behandeln? Solange wir jeden heißen Juli als unerwartetes Ereignis besprechen, wie eine Naturkatastrophe, die über uns hereinbricht und nicht als vorhersehbare Folge politischer Entscheidungen – solange werden wir uns immer wieder neu wundern und erneut das Klagelied anstimmen. Und wir werden immer wieder überrascht und unvorbereitet sein.
Der Sommer ist nicht mehr das, was er war. Er wird immer heißer, länger, unerbittlicher. Für manche Menschen ist er schön, für andere ist er gefährlich, für alle ist er ein Spiegel des eigenen Umgangs und der persönlichen Möglichkeiten. Er zeigt, wie wir gebaut haben, wie wir planen, wie wir priorisieren, wen wir schützen und wen wir das Schwitzen überlassen. Es ist kurz nach acht Uhr morgens. Die Luft steht. Der Asphalt riecht bereits nach Nachmittag. Wohl denen, die sich an diesem Tag anpassen können.


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