Im Frühjahr 2026 öffnete sich ein Portal zu einer Paralleldimension, in welcher die AfD die Regierung in einem oder mehreren Bundesländern stellt und das Land für immer verändert. Die Partei steht in Sachsen-Anhalt bei 42 Prozent und könnte bei der Landtagswahl im September die absolute Mehrheit gewinnen – und ab Oktober den Bundesratspräsidenten stellen, weil Sachsen-Anhalt turnusmäßig übernimmt. Parallel dazu werden interne AfD-Papiere öffentlich, die zeigen, wie die Partei nach der Machtübernahme in Justiz, Verwaltungsapparat und Bildungsbereich eingreifen will. Wer einen Blick durch dieses Politik-Portal wirft, dem wird schwindelig.
Woher kommt die Energie und Wut, die die AfD zur führenden Partei in den Sonntagsumfragen macht? In den Medien wird immer noch das Narrativ von einem Konflikt zwischen dem Establishment und den Abgehängten erzählt: die woken, urbanen und akademischen Mittelschichten mit progressiven liberalen Werten gegen die Verlierer der Globalisierung, die gegen die moralische Arroganz der »Woken« und die ökonomische Perspektivlosigkeit revoltieren. Das ist sicher nicht ganz falsch, aber ist das die einzige Erklärung – oder geht es um mehr? Und wie soll man Lösungsansätze entwickeln, wenn man nicht das ganze Bild kennt?
Rechtspopulismus als Projekt der herrschenden Klasse.
Schon in den 90er Jahren notierten die Politikwissenschaftler Herbert Kitschelt und Anthony McGann angesichts rechtspopulistischer Erfolge wie die der Republikaner in Süddeutschland: »Die soziologische Darstellung der rechtsautoritären Politik bleibt unvollständig, wenn nicht auch die Strategien politischer Unternehmer berücksichtigt werden, die sich ihnen bietende Gelegenheiten nutzen.« Der Begriff des Unternehmers hat hier eine Doppeldeutigkeit: Einerseits meint er opportunistische Akteure, die politische Gelegenheiten ergreifen. Gleichzeitig waren viele Protagonisten des Rechtspopulismus eben tatsächlich Unternehmer, die selbst Firmen gegründet hatten – wie Heinrich Geiselberger klug beobachtet hat. Das gilt für Silvio Berlusconi, den Schweizer Christoph Blocher und Donald Trump ebenso wie für Tino Chrupalla, der einen Malerbetrieb leitete. Genau wie für die Unterstützer der rechtspopulistischen Initiativen: von den amerikanischen Koch-Brüdern und dem Nius-Mäzen Frank Gotthardt bis zur Tech-Right um Marc Andreessen, Christian Angermayer, Elon Musk, Peter Thiel und den Argentinier Martín Varsavsky.
Wie ändert sich der Blick auf den Rechtspopulismus, wenn man ihn nicht ausschließlich als Reaktion seitens Arbeiterklasse und Unterschichten, sondern auch als strategisches Projekt einer Fraktion der – altmodisch gesprochen – herrschenden Klasse versteht?
AfD-Erfolge im Wirtschaftswunderland
Keine andere Region in Deutschland zählt pro Kopf so viele sogenannte Hidden Champions wie der Landkreis Hohenlohe – mehr als 70 sind es aktuell, Familienunternehmen, die meist in den 60er Jahren entstanden, und vor allem im Bereich Elektrotechnik, Metallverarbeitung und Verpackungen erfolgreich sind. Ein Stück alte Bundesrepublik: mit Vollbeschäftigung, hoher Exportquote, demografischer Stabilität. Wirft man einen Blick auf die Daten, scheint die Welt in der Region in Ordnung. Vollzeitbeschäftigte verdienen hier laut einer Auswertung der Zeit im Schnitt über 4000 Euro brutto – geringfügig mehr als im Bundesdurchschnitt. Die Arbeitslosenquote liegt stabil bei rund vier Prozent.
»Der Sound kommt einem bekannt vor – ganz weit weg, aber extrem laut.«
Dennoch wählte hier bei der Bundestagswahl 2025 mehr als jeder Vierte die AfD. In der Lokalzeitung Hohenloher Tagblatt liest man täglich neue Erfolgsmeldungen über Hidden Champions – und daneben Schlagzeilen wie: »AfD erreicht in manchen Bezirken Werte wie eine Volkspartei.« Der Bezirk ist damit der ideale Laborraum, um die auf den ersten Blick unwahrscheinliche Nähe und die Schnittmengen zwischen Familienunternehmern, die auf Exporte angewiesen sind, und populistischen Tendenzen, die entlang nationaler Grenzen neue Gräben ausheben wollen, zu studieren. Selbst Reinhold Würth, der Schraubenmagnat, der sich im Wahlkampf 2024/25 öffentlichkeitswirksam gegen die AfD stellte, erklärte kurz nach der Wahl, eine CDU-Minderheitsregierung, die von der AfD toleriert werde, sei für ihn akzeptabel – »wenn dies die Wirtschaftswende ermöglicht«.
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