Geschichtsschreibung entsteht nie im luftleeren Raum. Bereits der Theologe Johann Martin Chladenius (1710 – 1759) sprach vom jeweiligen »Sehepunkt«, der jede historische Erkenntnis prägt. Historikerinnen und Historiker betrachten die Vergangenheit nicht von einem neutralen Aussichtspunkt aus, sondern stets vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen und Gegenwart. Das beeinflusst nicht nur ihre Urteile über historische Ereignisse, sondern bereits die Auswahl der Themen, Fragestellungen und Quellen.
Ein Blick auf die Entwicklung der Geschichtswissenschaft seit dem Ende des Kalten Krieges verdeutlicht das. Die 1990er Jahre standen zunächst im Zeichen einer Renaissance der Nationalgeschichte. Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Staaten und der politischen Neuordnung Europas richtete sich das Interesse vieler Historikerinnen und Historiker wieder auf die Geschichte einzelner Nationalstaaten. Mit der fortschreitenden europäischen Integration verschob sich der Fokus jedoch auf transnationale Verflechtungen: Europa wurde nicht länger primär als Summe seiner Nationalgeschichten verstanden, sondern als Raum wechselseitiger Beziehungen, kultureller Transfers und gegenseitiger Abhängigkeiten. Seit den 2000er Jahren trat schließlich die Globalgeschichte in den Vordergrund. Werke wie Christopher Baylys The Birth of the Modern World (2004) oder Jürgen Osterhammels Die Verwandlung der Welt (2009)stehen exemplarisch für den Versuch, in Zeiten der Globalisierung historische Entwicklungen in weltumspannenden Zusammenhängen zu erklären.
Solche historiographischen Konjunkturen sind keine bloßen wissenschaftlichen Moden. Sie reflektieren politische und gesellschaftliche Entwicklungen und werden nicht zuletzt durch eine entsprechende Forschungsförderung verstärkt. Der Blick der Geschichtswissenschaft verändert sich folglich mit dem Blick der Gesellschaft auf sich selbst.
Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass in den vergangenen Jahren Flucht, Vertreibung und Exil zu den dynamischsten Forschungsfeldern der Zeitgeschichte zählen. Die Erfahrung einer Welt, in der Migration zu einem der zentralen politischen Konfliktthemen geworden ist, hat den Blick auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts verändert. Historikerinnen und Historiker interessieren sich heute weniger für die großen Persönlichkeiten des Exils als für die Strukturen von Flucht, die Handlungsspielräume der Betroffenen sowie die politischen Entscheidungen der Aufnahmestaaten.
Auffällig ist weiterhin, dass sich diese Entwicklung nicht mehr nur in der Wissenschaft, sondern ebenso auf dem anspruchsvollen Sachbuchmarkt niederschlägt. Den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt in diesem Jahr die Münchner Südosteuropa-Historikerin Marie-Janine Calic für ihre Balkan-Odyssee. Auf der Shortlist stand außerdem Jan Jekal mit seiner Studie über das amerikanische Exil (Paranoia in Hollywood. Wie die USA exilierte Künstler erst rettete und dann verfolgte, 1941 – 1953«, Matthes & Seitz). Beide Bücher unterstreichen das wachsende Interesse an historischen Erfahrungen von Migration und Vertreibung. Was aber lehrt der Blick in die Geschichte? Welche Erkenntnisse vermitteln die neuen Studien über Flucht und Exil während des Nationalsozialismus? Und lassen sich daraus
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