NG/FH: Frau Frey, bei Festivals und erst recht beim Festivalsommer denkt man eher an Film, Theater und Konzerte. Ist ein Lesefestival nicht ziemlich ungewöhnlich, das Lesen ist doch eigentlich was fürs stille Kämmerlein?
Lavinia Frey: Leseveranstaltungen und besonders Literaturfestivals erleben weltweit einen Boom. Es gab eine erste Welle an Gründungen vor 25 Jahren, so alt ist auch das Internationale Literaturfestival Berlin. In den letzten 10 Jahren hat dies nochmals einen zusätzlichen Schub bekommen.
Es soll allein in Deutschland rund 60 Festivals geben, warum der Erfolg und Zuspruch für das Berliner Literaturfestival?
Der Wunsch zur Begegnung, der Wunsch des Austausches wächst in einer digitalen und gespaltenen Welt. Man möchte diejenigen, die die Bücher verfassen, also diese wunderbaren Welten mit einer ganz eigenen Sprache schaffen, persönlich erleben. Man will auch gemeinsam mit anderen dabei sein, wie Tiefes gedacht wird und sich von völlig Neuem überraschen lassen.
Es dreht sich also vor allem um Lesungen und Podiumsdiskussionen?
Es gibt verschiedenste Arten, Literaturfestivals zu machen, das habe ich auf meinen Reisen in den letzten drei Jahren gelernt. Unser Festival besteht aus vier Teilen. Im ersten Teil holen wir internationale zeitgenössische Literatur nach Berlin. Das ist das Einmalige und national Ausstrahlende dieses Literaturfestivals: Nirgendwo in Deutschland hat man im literarischen Programm diese Geballtheit an wichtigen zeitgenössischen Positionen aus unterschiedlichsten Regionen der Welt. Der zweite Teil besteht aus Debatten, Dialogen und Diskussionen zu gesellschaftlichen und politischen Themen.
Wie eigentlich entsteht so ein Festivalprogramm inhaltlich?
Diese Frage beinhaltet auch die Frage »Wer wählt aus?« und führt zum dritten Teil. Welche Erfahrungen und Perspektiven spielen eine Rolle? In unserem fachlich herausragendem kuratorischen Team sind fast ausschließlich Frauen, sozialisiert in Ost- und Westdeutschland. Aber wie ist zum Beispiel der Blickwinkel von jemandem, der in Mexiko aufgewachsen ist und jetzt in den USA lehrt? So entstand das Programm Curator in Residence. Jedes Jahr laden wir eine:n Schriftsteller:in ein, die oder der von einer Jury ausgesucht wird, mit uns zu arbeiten und einen Teil des Festivals zu kuratieren – gewissermaßen ein Festival im Festival. Dieses Jahr ist es der südindische Autor Jeet Thayil, der seinen Blick auf die Literatur mitbringt. Und der vierte Teil ist das Junge Programm. Das sind Veranstaltungen für Schulklassen in allen Altersstufen, plus Kinder mit ihren Familien.
Es gibt ja den Begriff der Weltliteratur, also die herausragendsten und einflussreichsten Werke, weltweit übersetzt und international bekannt. Aber Sie entdecken auch überall Nachwuchs?
Ja, natürlich. Doch was heißt bekannt? Bekannt hier im deutschsprachigen Raum oder im englischsprachigen Raum oder in Südasien? Wir haben selbstverständlich die großen Stars, Literaturnobelpreisträger:innen, Träger:innen des Bookerpreises usw. »Ein Vierteljahrhundert Weltliteratur« war der Titel unseres 25jährigen Jubiläums, da Weltliteratur eine große Tradition des Festivals ist. Beispielsweise war der ungarische Schriftsteller László Krasznahorkai seit 2002 sieben Mal zu Gast auf dem Festival und erhielt letztes Jahr den Literaturnobelpreis. Hertha Müller, deutschsprachige Nobelpreisträgerin, war, bevor sie den Nobelpreis bekommen hat, fünf Mal auf dem Festival.
Wie finden Sie weltweit diese Literat:innen, die besonders interessant sind?
Zunächst, weil wir selbst kompetente Leute haben, die das können und wirklich Expertise haben. Dann verfügen wir über ein Netzwerk, das uns nicht nur hilft, die jetzigen Stars einzuladen, sondern auch die von morgen zu finden. Wir gehen das sehr strukturiert auf unterschiedlichen Ebenen an. Zum einen sprechen wir intensiv mit den deutschsprachigen Verlagen, so dass wir immer wissen, was veröffentlich werden wird. Dann sind wir gut vernetzt mit vielen anderen relevanten internationalen Literaturfestivals, eigentlich auf allen Kontinenten. Und schließlich erhalten wir Empfehlungen von Übersetzer:innen, von Kolleg:innen, die sagen, schau mal auf dies und das. Hinzu kommt der jährlich wechselnde Curator in Residence, dank dem immer besondere Werke und Autor:innen in den Fokus rücken.
Vielleicht hierzu ein Beispiel?
Zum Beispiel brachte unser erster Curator in Residence, Helon Habila, die Schriftstellerin Nnedi Okorafor mit ihrem Buch She Who Knows mit. Sie ist in Amerika ein Star, schreibt Comics und Prosa in den Genres Fantasy und Africanfuturism und war hier nicht bekannt. Nicht nur das Publikum, sondern auch ein Verlag war so begeistert von Autorin und Buch, dass Anfang diesen Jahres die deutschsprachige Übersetzung publiziert wurde.
Inwiefern sind die weltweit vielen Sprachen ein Problem? Der Text muss doch ins Deutsche oder mindestens ins Englische übersetzt sein?
Die Sprachen sind ein Geschenk. Viele Texte, die wir vorstellen, entstehen in ganz anderen Sprachen von Autor:innen aus Afrika, China, Indien. Die Lesungen finden dann immer in Originalsprache und in der Übersetzung statt. Das macht den Reiz des Festivals aus. Meist erfahren wir davon über Empfehlungen aus unserem Netzwerk. Und wenn wir wirklich der Meinung sind, das ist richtig gut und noch nicht auf Deutsch oder Englisch veröffentlicht, lassen wir die Texte auch selbst übersetzen. Das kann man nicht in Gänze machen, aber drei, vier Texte lassen sich durchaus für das Publikum übersetzen. Wir hatten da zum Beispiel Suaheli, wir haben natürlich Chinesisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch und viele andere Sprachen.
Gibt es literarische Themen, wie Liebe, Familie, Alter, Heimat, die sich überall auf der Welt gleichen?
Das sind die großen und verbindenden Menschheitsthemen. Man liest Autor:innen aus einem anderen Kulturkreis aber auch, um diesen kennenzulernen. Themen wie Liebe oder Familie sind so spannend, da sie einen selbst betreffen und gleichzeitig sehr unterschiedlich erzählt werden. Etwa, was ist Familie? Ist es eine Kleinfamilie? Ist es Vater, Mutter, Sohn und Kinder? Oder ist es die Großfamilie, wo jeder Bekannte schon der Onkel ist? Ich habe gerade Heart Land der südindischen Bookerpreis-Autorin Banu Mushtaq gelesen, wo Familie ganz anders definiert wird.
Oder John of John von Douglas Stuart. Der Roman spielt im Norden Schottlands auf einer Insel vermutlich in den 70er/80er Jahren. Da geht es um Liebe, es geht um Vater und Sohn, es geht um das Ausleben der eigenen Sexualität. Aber ich entdecke auch diese Landschaft, die Webereien, die Herstellung von Wolle, die Arbeit mit den Schafen – das wird so wunderbar und detailliert beschrieben, wie ich es vorher noch nicht kennengelernt habe.
Merkt man der internationalen Literatur an, dass die politische Welt aus den Fugen geraten ist, spielen Kriege und soziale Verelendung eine größere Rolle? Z. B. wer kannte hierzulande vor dem Krieg schon ukrainische Autorinnen oder Autoren?
Wir merken das natürlich, diese Themen spielen eine Rolle. Beispielsweise sagte unser Curator in Residence 2024, Helon Habila, er verstehe, dass der Ukrainekrieg für Europa ein dramatisches Thema ist. Und doch hat er über Kriege in Afrika gesprochen, die schon schrecklich lange, länger als damals der russische Angriffskrieg, dauerten. Er hatte die Autorin V. V. Ganeshananthan eingeladen, die in Brotherless Night über den Bürgerkrieg in Sri Lanka geschrieben hat. Die Eröffnungsrednerin war Beata Umubyeyi Mairesse, eine Ruanda-Überlebende. Also Krieg gibt es leider an vielen Orten der Welt. Wir lernen die Schrecken, aber auch Hoffnungen, wie sie in anderen Ländern formuliert werden, über diese Literatur kennen.
Der bekannte Spruch, Gegenwartsliteratur sei ein Seismograph der Gesellschaft, gilt auch für das Literaturfestival?
Ja, sicherlich. Die Frage ist, ob wir ihn auch hören. Ich erinnere mich, auf der Europäischen Schriftstellerkonferenz, die ich mit Karin Graf 2014 und 2016 betreuen durfte, ging es beim ersten Mal um die Selbstverständigung, warum es Europa braucht. Beim zweiten Mal war da schon eine skeptischere Stimmung. Eine ungarische Autorin sagte uns: Ich schreibe genau gleich, ich war immer unpolitisch, ich mache nichts anders und plötzlich bin ich politisch. Also es geht auch darum, in welchem Umfeld werde ich gelesen, um Rezeptionssicht und Kontextualisierung.
Nochmals nachgehakt: Auf Ihrer Internetseite ist von Multiperspektivität, Dialog und Gastfreundschaft die Rede, das ist doch etwas anderes als man in einem Wahlprogramm der AfD lesen kann, wo steht, Kultur solle der Identität des deutschen Volkes dienen und Internationalistisches solle nicht mehr gefördert werden.
Ja, wir sind das Gegenteil.
Hat der Bundespräsident Sie nicht im letzten Jahr deshalb als gesellschaftlich und politisch besonders engagiertes Festival gelobt?
Das ist die DNA des Festivals. Ich sage immer, unser Programm ist unsere Kommunikation. Unser Auftrag ist es, diese Vielfalt nach Berlin zu bringen und in einen Austausch mit dem Publikum zu bringen. Gleichzeitig ist das Festival ein Ort, wo sich die Autor:innen und Kolleg:innen der Buchbranche untereinander begegnen. Die Basis dafür ist unsere Gastfreundschaft. Wir wollen, dass alle abends zusammen essen und trinken können. Da entstehen vielleicht auch neue Projekte und Kooperationen, neue Ideen und letztlich auch neue Bücher. Denn wir wollen auch ein Ort für Neues sein.
Wir sind Unter den Linden, in der Nähe der russischen Botschaft. Führen Einschränkungen der Meinungsfreiheit und Menschenrechtsverletzungen dazu, dass aus vielen Ländern Autoren nach Deutschland geflohen sind?
Ja, eine ganze Reihe interessanter und wichtiger Literaten sind in Deutschland im Exil oder vorübergehend hier. Von ihnen erfährt man viel über die Zustände in ihren Ländern. Und gleichzeitig ist es wichtig, diejenigen zu hören, die in den Ländern weiterhin leben. PEN Berlin und PEN Deutschland, mit denen wir beide kooperieren, leisten hierfür wichtige Arbeit.
Aber ist das Buch nicht auch bei uns auf dem absteigenden Ast? Wir treffen manchmal Studierende, die sagen, wir lesen nur noch am Bildschirm, keine Bücher mehr.
Ich bin grundsätzlich optimistisch, auch was das Festival angeht. Ich war gerade auf dem Kerala-Literaturfestival in Calicut, ganz im südlichen Indien, direkt am Ozean. Das Festival besuchen 450.000 Menschen in vier Tagen. Der Bundesstaat Kerala hat mit 99% die höchste Alphabetisierungsrate in Indien und damit eine steigende Tendenz im Lesen, im Buchverkauf und allem. Auf dem Festival waren viele Familien und junge Menschen. Also ich glaube und hoffe, dass das letzte Wort noch lange nicht gesprochen ist. Auch bei uns begegnen mir immer mehr junge Leute, die wieder ein Buch aus Papier lesen wollen, wo das Haptische wieder Bedeutung erlangt.
Werden nicht viele der Bücher überall auf der Welt mittlerweile von der KI geschrieben? Welche Rolle spielt die KI in der heutigen Literatur?
Ich glaube eine große Rolle. Wie stark Autorinnen und Autoren mit KI arbeiten, finde ich äußerst relevant und dies wird auch in der Buchbranche intensiv diskutiert. Ich frage mich mittlerweile bei jeder E-Mail, die ich bekomme, hat das jetzt eine KI geschrieben oder nicht? Gleichzeitig ist KI eine Tatsache in unserem Leben und unseren Kreativitätsprozessen. Wir selbst hier im Literaturfestival beschäftigen uns intensiv mit der Anwendung von KI, aber mehr im Sinne von kontextualisiertem Nutzen. Das heißt, wir nutzen sie, um Prozesse zu beschleunigen und zu vereinfachen, aber wir ersetzen nie unsere eigene Kreativität.
Ganz zum Schluss fragen wir die Kennerin der literarischen Bücherwelt, was sollte man demnächst unbedingt lesen?
Han Kangs neues Buch Der goldene Faden, das wir im Rahmen des Festivals gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern vorstellen werden. Fantastisch ist auch Ben Lerners Tanskription und ich empfehle die junge deutschsprachige Autorin, Dana Vowinckel, ihr Buch Anton und Alma erscheint im September.

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