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Roboterfahrzeug Sojourner auf dem Mars (1997) ©

picture-alliance / dpa | Max-Planck-Institut

Kulturelle Werte und Normen müssen die Oberhand behalten Technodiktatur ante portas?

Und wer hätte noch vor einem Jahr gedacht, mit welcher Geschwindigkeit und Radikalität Donald Trump und seine Truppe einige der Grundfesten der menschlichen Kultur einreißen? Dazu gehören ganz allgemein die Ideen von Menschenwürde und Menschenrechten sowie die internationalen Institutionen der Konfliktregelung und des sozialen Ausgleichs. Die Welt befindet sich längst in einer globalen Auseinandersetzung zwischen Technodiktatur und kultureller Evolution. Es geht um eine entwicklungsgeschichtliche Weichenstellung.

Wie wollen und können wir in Zukunft miteinander leben?

Noch nie seit Aufzeichnung entsprechender Daten waren die Durchschnittstemperaturen so hoch, hungerten so viele Menschen, lebten so viele Kinder in Kriegsgebieten und konzentrierte sich der Reichtum in so wenigen Händen. Geopolitisch erleben wir eine nachhaltige Machtverschiebung durch neue imperiale Ansprüche etwa Russlands, Chinas und der USA sowie durch das wachsende Selbstbewusstsein vieler Länder des Globalen Südens. Wie wollen und können wir in Zukunft miteinander leben? Die zur Wahl stehenden Gesellschaftsmodelle werden weder durch den Gegensatz von Kapitalismus und Sozialismus noch durch den von Globalismus und Nationalismus angemessen beschrieben. Nationalistische und populistische Strömungen sind weltweit durchaus mit revanchistischen und neoimperialen Ansprüchen verwoben, aktuell zum Beispiel im Hinblick auf Taiwan, Grönland und Ukraine.

Jenseits kurzfristiger wahltaktischer politischer Programme und mittelfristiger Fragen der Generationengerechtigkeit geht es entwicklungsgeschichtlich um sehr viel mehr: Soll primär die Technik oder die Kultur das Schicksal der Menschheit und des gesamten Planeten bestimmen? Letztlich müssen wir über das Verhältnis von Natur, Technik und Kultur verhandeln. …Die große Wegscheide der Menschheitsentwicklung lautet Technodiktatur oder Kulturevolution. Es geht nicht um Technikfeindlichkeit, sondern um die Frage des Primats. Es ist kein Zufall, dass Trump und die ihn unterstützenden Tech-Milliardäre den Klimawandel leugnen und den bestehenden Herausforderungen mit noch mehr technischen Gegenmaßnahmen begegnen wollen (von der Regenproduktion bis zur Auswanderung auf den Mars).

»Die Skrupellosesten legitimieren sich nicht durch die Einhaltung kultureller Normen, sondern allein durch ihren Erfolg.«

In den USA zeichnet sich der Weg in eine libertäre Technodiktatur ab: An die Stelle der Kontrolle des Staates durch die Bürger tritt die staatlich-technische Kontrolle aller Massenkommunikation, an die Stelle der Stärke des Rechts das Recht des Stärkeren, an die Stelle der Freiheit und Würde aller Menschen die uneingeschränkte Autonomie der Mächtigen. In dieser libertären Technodiktatur setzen die mächtigen Kapitalbesitzer frei von staatlicher Bevormundung ihre Markt- und Machtinteressen durch. Die existenzvernichtende Konkurrenz sorgt dann dafür, dass die Skrupellosesten überleben. Sie legitimieren sich nicht durch die Einhaltung kultureller Normen, sondern allein durch ihren Erfolg. In den etatistischen Technodiktaturen Chinas und Russlands sichern Überwachungstechniken das Kontrollmonopol des Staates über seine Bürger. In allen Fällen gilt das Primat der Technik, die sich allein durch ihren Erfolg legitimiert, gegenüber der Kultur, die sich durch gemeinsam vereinbarte Normen des Zusammenlebens legitimiert. Damit wird die evolutionsgeschichtliche Wegscheide deutlich, an der wir uns gegenwärtig befinden: Technodiktatur oder kulturelle Evolution?

Kulturelle Weitergabe von Wissen

Mit der neueren Evolutionsforschung kann Kultur als die Weitergabe lebensrelevanter Informationen durch soziales Lernen definiert werden. Neben dem mechanisch-natürlichen intergenerationalen Informationstransfer durch Gene gewinnt das kulturelle Lernen von Techniken und Verhaltensnormen durch Beobachtung, Nachahmung und Training zunehmend an Bedeutung. Charles Darwin folgend überleben diejenigen Individuen und Arten, die am besten an ihre Umweltbedingungen angepasst sind. Die moderne Evolutionstheorie betont, dass insbesondere der Mensch, aber auch viele andere Tiere ihre Umweltnischen durch Technik und Kultur selbst mitgestalten. Die kulturelle Weitergabe von Wissen ist wesentlich schneller als der träge Mechanismus von Mutation und Selektion. So hat der Mensch seit 10.000 Jahren seine natürliche Umwelt durch Ackerbau und Viehzucht »umgepflügt«. Seit mehr als 200 Jahren gestaltet er die Natur durch Industrialisierung, Digitalisierung und sogar die Manipulation der Gene. Die bisher entwickelten »kulturellen Nischen« des menschlichen Zusammenlebens verdanken sich im Wesentlichen der »verstehenden Kooperation« und nicht einer existenzvernichtenden Verdrängungskonkurrenz.

Technisches Wissen ist ursprünglich Teil der menschlichen Kultur. Technik umfasst alle Artefakte und Mechanismen, die gezielt entwickelt wurden, um die Wirkung menschlichen Handelns zu erhöhen. Beispiele sind Pfeil und Bogen, Hammer und Nagel, Maschinen und Satelliten, Geld und ETFs. Technik entwickelt zunehmend ein Eigenleben und schiebt sich zwischen Natur und Kultur. Das Anthropozän ist eine Epoche der planetaren Entwicklung, in der die technischen Eingriffe des Menschen in die Natur nicht mehr von ihm kontrolliert werden können. Technik ist heute auf vielfältige Weise in die menschliche Lebenswelt eingewoben, in die Natur durch Landwirtschaft und industrielle Ressourcennutzung, in das soziale Zusammenleben durch Mobilitäts- und Kommunikationssysteme, in unsere Körper durch Medizin und Gentechnik und in unser Selbst durch Künstliche Intelligenz und Social Media.

Vorrang der Technik vor der Kultur

Bis vor wenigen Jahrhunderten war das menschliche Zusammenleben wesentlich durch Natur(kräfte) und Kultur bestimmt. Kultur als durch Lernen weitergegebenes Wissen wurde zur »zweiten Natur« des Menschen. Inzwischen spielen die vom Menschen geschaffenen Technostrukturen als »dritte Natur« eine immer größere Rolle. Dies manifestiert sich in technischen Artefakten und in instrumentellen Verfahren des nutzenmaximierenden Zugriffs auf die Welt.

»Der Begriff der Freiheit wird auf den Kopf gestellt: Nicht mehr die Freiheit von ständisch-feudaler Willkür ist gemeint, sondern die Freiheit von allen gesellschaftlichen Regeln«

Im 21. Jahrhundert verkörpern die Tech-Milliardäre diese neue Symbiose von Technik, individueller Nutzenmaximierung und rasanter Anhäufung unvorstellbaren Kapitals. Der Begriff der Freiheit wird auf den Kopf gestellt: Nicht mehr die Freiheit von ständisch-feudaler Willkür ist gemeint, sondern die Freiheit von allen gesellschaftlichen Regeln. Auch die Gewöhnung an den Gedanken, Konflikte mit Waffengewalt lösen zu können, spiegelt den Vorrang der Technik vor der Kultur wider. Nach den beiden großen Weltkriegen des 20. Jahrhunderts hat sich eine internationale Staatenordnung etabliert, die auf gemeinsam vereinbarten Regeln des Zusammenlebens und der Konfliktregulierung beruht. Das entsprechende, über Generationen gewachsene kulturelle Wissen und die entsprechenden Mindeststandards werden zunehmend von Technodiktatoren aller Art bekämpft. Dies zeigt sich in der Missachtung der Menschenrechte und der Vereinten Nationen sowie in der Tendenz, Konflikte durch Kriege oder Deals statt durch Verhandlungen lösen zu wollen.

Technodiktatoren investieren Aufmerksamkeit und Kapital in technologiebasierte Projekte wie die Besiedlung des Mondes oder des Mars. Im technik- und machtdominierten Denken von Musk und Trump dürfen solche Projekte nicht durch staatliche Regulierungen oder globale Auflagen gebremst werden. Sie sollen sich ausschließlich am technisch Machbaren und am Erfolg orientieren. Es geht nicht darum, die vom Menschen verursachten Schäden auf der Erde zu reparieren, sondern darum, den Exodus einer elitären Minderheit auf andere Planeten vorzubereiten. China und Russland könnten ihre Macht ohne KI-basierte Überwachungstechnologien kaum aufrechterhalten. Eine neue Weltordnung soll nicht in den bestehenden internationalen Institutionen ausgehandelt, sondern durch militärisches Kräftemessen errichtet werden.

»Technik kann nur dann einen wesentlichen Beitrag zur nachhaltigen Gestaltung der Welt leisten, wenn sie in eine umfassende soziokulturelle Legitimation eingebettet ist.«

Über Jahrmilliarden wurden überlebenswichtige Informationen von Generation zu Generation durch die Natur der Gene weitergegeben. Mit der evolutionären Entwicklung des Menschen kam die Weitergabe von Wissen durch erlernte Kultur hinzu. Seit einigen Jahrhunderten prägt die Technik als Produkt menschlichen Wissens zunehmend die natürliche und kulturelle Welt. Technik kann einen wesentlichen Beitrag zur nachhaltigen Gestaltung der Welt leisten, aber nur, wenn sie in eine umfassende soziokulturelle Legitimation eingebettet ist. Andernfalls hat sie das Potenzial, die Existenz der Menschheit in ihrer heutigen Form zu gefährden. In Technodiktaturen tritt an die Stelle legitimierender Normen, Werte und Verfahren eine pragmatische Output-Legitimität. Recht hat nicht, wer sich an vereinbarte Regeln hält, sondern wer Erfolg hat.

Gegenwärtig entfernen sich mit KI-Programmen, militärischer Aufrüstung und neoimperialen Ankündigungen die technischen Potenziale der Weltgestaltung tendenziell von den Möglichkeiten ihrer kulturellen Kontrolle und Steuerung. Gelingt es Europa und vielen Ländern des Globalen Südens und Ostens im Verbund mit internationalen Organisationen eine Alternative zu entwickeln? Wie kann jenseits der Technodiktaturen eine entwicklungsgeschichtliche Perspektive entwickelt werden, die auf vereinbarten kulturellen Werten und Normen und den internationalen Institutionen der Menschenrechte und der Vereinten Nationen aufbaut? Die vielen diagnostizierten »Zeitenwenden« deuten auf einen Wendepunkt in der menschlichen und planetaren Entwicklung hin.

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