Spätabends am 17. September 2009 in Dresden. Der 82jährige Günter Grass saß noch auf einen Absacker mit mir zusammen, nach unserer dortigen Veranstaltung seiner Politischen Lesereise durch Ostdeutschland. Er sprach über die von ihm angedachte August-Bebel-Stiftung zur Förderung sozialdemokratischer Bildung, hatten wir doch gerade wieder erlebt, wie es örtlichen SPD-Funktionsträgern an Geschichts- und Programmverständnis mangelte. An diesem Abend kam Grass mit der Idee, es nicht bei der Verleihung eines Preises im Sinne Bebels zu belassen. Darüber hinaus sollten Bücher initiiert, gefördert und herausgebracht werden, die sich um die »soziale Bewegung« und um Persönlichkeiten der Sozialdemokratie drehen. Dabei solle mit unterhaltsamen und spannenden Geschichten der historische Stoff fiktiv-literarisch aufbereitet werden, um so auch weniger akademische Leser und SPD-Genossen zu erreichen.
Bei vertrautem Pfeifenrauch blieb nebulös, was der Literaturnobelpreisträger sich da genauer vorstellte. Meinte er politische Romane, wie man sie von Alfred Schirokauer (Lassalle. Ein Leben für Freiheit und Liebe), von Stefan Heym (Fünf Tage im Juni) oder von Erich Loest (Nikolaikirche) kennt? Wie wäre das Freiheitliche und Emanzipatorische von der Agitation des Sozialistischen Realismus abzugrenzen, gesprochen wurde über Hans Marchwitza (Roheisen)? Dabei dürfte Grass so etwas Monumentales, wie die ein paar Jahre später erschienene, fünfbändige Fiktion mit Dokumenten und O-Tönen des italienischen Schriftstellers Antonio Scuratiüber Mussolini (M), kaum gemeint haben. Und sollten sich die Romane eigentlich nur auf »Helden« der SPD, wie Bebel, Luxemburg, Bernstein, Kautsky, Ebert, Hilferding, Schumacher, Schmidt, Wehner oder Brandt, konzentrieren? Kann nicht auch die Geschichtswissenschaft, wie das aktuelle Buch von Victoria Krummel über den Weimarer Parlamentspräsidenten Paul Löbe (Ein Leben für die Demokratie), flott und einprägsam formuliert sein?
Transit 64 – so etwas könnte Günter Grass gemeint haben.
Nicht nur an diesem Abend blieben Fragen offen, denn die Anregung der gezielten Buchförderung konnte angesichts begrenzter Stiftungsmittel auch später nicht realisiert werden. Doch immerhin wurde auf den Lübecker Literaturtreffen der Günter-Grass-Preis ins Leben gerufen, der zeitgenössischen Schriftstellern verliehen wird, deren Werke sich produktiv und kritisch mit den gesellschaftspolitischen Verhältnissen ihrer Zeit auseinandersetzen – aber dies ist eine andere Geschichte…..
Die Erinnerung an jenes Gespräch mit Grass lebte unlängst auf bei der Lektüre von Transit 64, dem zweiten Buch (nach ihrer 80er-Jahre Hausbesetzer-Geschichte Aufprall)des Trios Heinz Bude, Bettina Munk und Karin Wieland. Das Werk hätte ihm wohl gefallen: halb Fantasie, halb historische Tatsachen berücksichtigend, zudem fast eine Graphik Novel. So etwas könnte der Schriftsteller, Grafiker und Bildhauer an jenem Abend gemeint haben.
Die Erzählung präsentiert ein irritierendes Verwirrspiel zu Marlene Dietrich und Willy Brandt, in dem Fakten und dichterische Freiheit eigenartig miteinander verwoben sind. 1964: Ein historisch zweitägiger Zwischenstopp der antifaschistischen Künstlerin in Ostberlin, auf dem Weg aus den USA nach Warschau, ist verbrieft. Im schriftstellerischen Plot kommt dann der andere einstige antifaschistische Kämpfer, jetzt tatsächlich Regierender Bürgermeister von Westberlin, ins Spiel. Er fragt die singende Filmdiva, ob sie nicht gegen den in den Nationalsozialismus verwickelten Heinrich Lübke als Bundespräsidentin kandidieren wolle... Eine schöne Idee, die auf die Seelenverwandtschaft der beiden abzielt, in Wirklichkeit aber stimmte die SPD klar für Lübke, was eine wichtige Weichenstellung für die Große Koalition war, die die studentische ApO dann bekämpfte.
Eine historisch-literarische Dokufiktion
Entstanden ist ein schmaler, jedoch eindringlicher »Roman« mit Rückblenden aus der Kriegsfront und dem organisierten Widerstand, sowie mit Episoden einer Nachkriegszeit, in der der Umgang mit der beschwiegenen Schuld noch allgegenwärtig war, denn »da guckten die meisten weg, wenn Juden verschwinden und Sozis drangsaliert werden«. Die ehemaligen Widerständler, die gewissermaßen zwischen allen Stühlen als Deutsche gegen Deutsche kämpfen mussten, umgibt eine eigenartige Atmosphäre der Melancholie. Fragte doch der Rest der Welt, so lesen wir, »ob es sich bei den Deutschen nicht um eine andere Spezies Mensch handelt. Und dafür sind die Ruinen und der Hunger doch eine geradezu milde Strafe«.
Weitere Schwergewichte der Zeitgeschichte wie Egon Bahr, Herbert Wehner oder Walter Ulbricht tauchen auf und werden – vielleicht sogar ziemlich treffend – charakterisiert, wobei die bedeutungsschwangeren Dialoge natürlich allesamt Fantasieprodukte sind. Fließende Grenzen zwischen Tatsachen und Imagination charakterisiert diese verrückte Geschichte aus der Zeit des Kalten Krieges. Dabei wird der Leser durch das Fiktionale eben nicht wie bei heutigen Fake News in die Irre geführt, sondern es entfaltet sich eine kluge Dialektik, die mit kontrafaktischem Schreiben historisch wahrhaftige Bilder erzeugt.
Lehrjahre der Bundesrepublik
Wer sich allerdings an die gesicherten Tatsachen halten mag, der greife zum zeitgeschichtlichen Sachbuch. Der Kulturjournalist Harald Jähner hat in Wunderland. Gründerzeit der Bundesrepublik 1955 – 1967 dieselbe Periode in einem furiosen Kaleidoskop charakterisiert. Eine Zeit, in der sich in Alltag, Politik, Kultur und Lebensstil alles neu formierte, »die dunklen Jahre« jedoch noch ziemlich präsent waren.
Einerseits war es die Phase des Wirtschaftswunders, 1955 mit unglaublichen zwölf Prozent Wachstum hin zur »nivellierten Mittelstandsgesellschaft« (Helmut Schelsky), mit einem Kaufrausch für (fast) alle: mit »Freßwelle«, Möbeln, Autoboom, Massentourismus, Elektrogeräten: »Nie zuvor war eine Gesellschaft derart schnell um so vieles reicher geworden wie die der jungen Bundesrepublik«. Mit dem »Wiederaufbau«, in den 1950er Jahren entstanden in 15 Jahren drei Millionen Wohnungen. Mit dem Rückzug ins eigene Heim, der »Ohnemichels Familie«, dem gemeinsamen Radio- und Fernsehabend und einem von 1955 bis 1969 anhaltenden Babyboom, »Kinder der Zuversicht« genannt. Mit Politik wollte man nichts mehr zu tun haben: Mei Ruh will i ham, das Lebensmotto hatte sich mein Vater, einst Hitlerjunge und junger Oberstleutnant, im heimatlichen Dialekt eingerahmt.
Andererseits war, worum es ja auch im Roman von Bude, Munk, Wieland geht, die Nazi- und Weltkriegs-Vergangenheit höchst virulent: durch die Heimkehr der letzten zehntausend sowjetischen Kriegsgefangenen 1955; durch den Kalten Krieg, der nahtlos an der »jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung« anknüpfen konnte; mit einer miefig-autoritären Atmosphäre, der repressiven Durchsetzung von »Anstand und Moral«, unfähig zu Wärme, Zärtlichkeit und Toleranz; mit schweigenden »gespenstigen Vätern«, die aus der Welt des Befehlens, Gehorchens und Strafens kamen; mit einem lebensfeindlich interpretierten Christentum und schwarzer Pädagogik; mit dem Wegwischen aller Schuldfragen, jetzt wo das »sinnlose Leiden« überwunden war: zumindest der exorbitante Tabak- und Alkoholkonsum verwies darauf, welche Kraft dieses Beiseiteschieben kostete.
»Die Nazi- und Weltkriegsvergangenheit war noch höchst virulent.«
Es ist das Verdienst von Jähner immer wieder das Typische aus dem Anekdotischen herauszuschälen, etwa anhand von Joseph Neckermann, für ihn der »Konfektionär der Volksgemeinschaft«. Doch bereits in jenen Jahren rangen das Alte und Neue miteinander, selbst die prachtvolle Warenwelt des Neckermann-Katalogs blieb nicht unwidersprochen: »Die Mehrheit unter uns hat sich für eine kleinbürgerliche Hölle entschieden, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint«, so Hans Magnus Enzensberger 1960.
Alles hatte seine Kehrseite: Einerseits arbeitete man aus dem Hunger kommend zu dieser Zeit wie besessen, im Schnitt 48 Stunden in der Woche, auch – wie nicht nur Hannah Arendt meinte – »als Verdrängungsmethode«. Andererseits brauchte man die 1964 bereits auf 1 Mio. angewachsenen südeuropäischen »Gastarbeiter« zur Sicherung des Wohlstands (die 13,5 Mio. versklavten Zwangsarbeiter gab es ja nicht mehr) – diese Arbeitsmigranten trugen, so sehr sie diskriminiert wurden, wiederum zur kulturellen Öffnung des Landes bei. Vieles ist eben lesbar als Vorgeschichte der Jugendrevolte, der Demokratisierung und Modernisierung Ende der 60er Jahre: Der neue Wohlstand brachte auch eine moralisierende intellektuelle »Kritik des Überflusses« hervor, dem »mündigen Verbraucher« solle geholfen werden sich vom »Konsumterror« zu befreien. Das Fernsehen funktionierte auch als »mächtigster Erzieher«, das Gespräch zu lernen. In Architektur, Mode, Kunst und Film, gewissermaßen von Gerhard Richter bis zum Kanzlerbungalow, entstand eine Avantgarde demokratischen Chics; die US-amerikanische Populärkultur beeinflusste vom Rock ’n’ Roll bis zum Soldatensender AFN bereits Teile der Jugend; 1961 – 63 gab es eine erste ernsthafte Phase hiesiger Aufarbeitung des Nationalsozialismus, von der Ergreifung Eichmanns bis zum Frankfurter Auschwitzprozess, wofür besonders der mutige Staatsanwalt Fritz Bauer steht. Das letzte Kapitel des Bandes heißt »Die Jugend drückt die Stopptaste«: Aus der Beatjugend und der Ästhetik der Verweigerung wird die Infragestellung der belasteten Vätergeneration, wird eine Studentenrevolte, eine Kulturrevolution und politischer Reformaufbruch.
Zeiten des Übergangs: Wo Frauen noch an den Herd gehörten, in den Schulen noch geprügelt wurde und Homosexuelle noch Verfolgung erlitten, wo die sprichwörtlichen »Leichen im Keller« zumindest nachts noch ihr Unwesen treiben. In denen aber ein junger Günter Grass 1959 Die Blechtrommel schrieb, die Beatles 1962 in Hamburg ihre Musikerkarriere begannen und seit 1956 ein Theodor W. Adorno in Frankfurt/M. als ordentlicher Professor Philosophie und Soziologie lehrte. Eine Transitgesellschaft auf dem Sprung in die demokratische Moderne, doch noch kaum fähig zur politischen Selbstreflexion. Vielleicht traf Ralf Dahrendorf 1965 dieses Lebensgefühl der jungen Bundesrepublik am besten: Es gibt »wenige moderne Länder, deren Menschen ähnlich ratlos vor der Gesellschaft stehen, zu der sie selbst gehören.«
Heinz Bude/Bettina Munk/Karin Wieland: Transit 64. Hanser, München 2025, 208 S., 25 €.
Harald Jähner: Wunderland. Die Gründerzeit der Bundesrepublik 1955 – 1967, Rowohlt, Berlin 2025, 480 S., 32 €.


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