Die beste Charakterstudie, die über Donald Trump bislang erschienen ist, stammt nicht von einem Politikwissenschaftler, sondern von einem Sportjournalisten. Sie erschien 2019 unter dem Titel Commander in Cheat und kam ein Jahr später unter dem weniger originellen, aber hellsichtigen Titel Der Mann, der nicht verlieren kann heraus. Der Autor, Rick Reilly, stellt uns darin einen Golfer vor, der beim Spiel ständig lügt und betrügt und sich für einen der erfolgreichsten, nein, den erfolgreichsten Amateurgolfspieler in der Geschichte der USA hält, eben ein Gewinnertyp, der natürlich weiß, wie es geht.
Dieser Typ ist aber nicht nur ein einzigartiger Spieler, er ist zugleich ein einzigartiger Golf-Unternehmer, der 18 der weltbesten Golfplätze sein eigen nennt. Lesenswert ist die Studie von Reilly, weil sie den Mann, der die USA wieder groß machen wollte, als das entlarvt, was er ist, im Golf wie in der Politik: kleinkariert und neiderfüllt, eitel und arrogant, rachsüchtig und niederträchtig, missgünstig und wehleidig.
Natürlich ist in seinen Golfclubs nicht alles Gold was glänzt. Sie tragen zwar protzige Namen und erstklassige Ortsbezeichnungen, nur haben die mit der Realität nicht viel gemeinsam. So liegt »Trump National Golf Club Washington, D.C.« irgendwo, aber mit Sicherheit nicht in Washington, und im Platzranking des Zentralorgans dieser Sportart, dem Golf Digest, landet keiner der Trump-Plätze unter den ersten 100. So wenig wie deren vom Besitzer behaupteter Geldwert stimmt, so wenig stimmt dessen Handicap. Beide stehen tatsächlich in einem umgekehrten Verhältnis zueinander.
Ein Viertel seiner Amtszeit soll Trump auf dem Golfplatz verbracht haben. Was als Vorwurf der Medien gemeint war, erwies sich – wie wir heute wissen – als politischer Glücksfall, hielt ihn doch das große Spiel mit dem kleinen Ball von vielen kleinen falschen Entscheidungen mit großer Tragweite ab. Inzwischen erscheint die erste Auslandsreise Trumps, die ihn im Mai 2017 nach Riad führte, in einem anderen Licht. Natürlich kam er gut zurecht mit Kronprinz Mohammed bin Salman, deswegen stützte er diesen auch noch nachdem Salman den saudisch-amerikanischen Journalisten Jamal Khashoggi in der Türkei hatte töten und zerstückeln lassen.
Kleine Dankesbeweise dafür waren eine milliardenschwere Investition des saudischen Staatsfonds PIF (Public Investment Fund) in eine Anlagegesellschaft von Trump-Schwiegersohn Jared Kushner und die Austragung von gleich drei Turnieren der vom demselben Staatsfonds unterhaltenen Golfliga LIV im Jahr 2023 auf den mittelmäßigen Plätzen Trumps.
»Günstige politische Investition in einen leicht zu durchschauenden Präsidentschaftskandidaten.«
Da die renommierte PGA Tour dem Trump-Golfplatz in New Jersey nach dem Sturm auf das Kapitol die Ausrichtung der Championships 2022 entzogen hatte, konnte sich der Aufwiegler mithilfe der Saudis wieder in Szene setzen und genoß die große Aufmerksamkeit gleich zweifach: als politische Revanche und als geldwerten Vorteil für seine Golfclubs und die mit ihnen verbundenen Hotels. Kronprinz Salman, der dem 900 Milliarden Dollar schweren Fonds vorsitzt, dürfte die Tourabstecher als günstige politische Investition in einen leicht zu durchschauenden Präsidentschaftskandidaten betrachten, dem nichts wichtiger scheint als persönliche Anerkennung und familiärer Reichtum.
Damit wären wir bei Saudi-Arabien, das nach Kuwait, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar im großen Stil in Sportereignisse investiert und dies als integralen Bestandteil der Saudi-Vision 2030 begreift, mit der das Land aus der Erdöl-Ära gestärkt hervorgehen will. Dabei geht es einerseits um ein groß angelegtes Sportswashing, mit dem Riad seine Verwicklung in die Terroranschläge vom 11. September 2001 vergessen machen und von zahllosen Menschenrechtsverletzungen ablenken möchte, andererseits um die Instrumentalisierung einer populärer Sportart für ehrgeizige politische und wirtschaftliche Ziel.
Aus deutscher Sicht mag die Milliardeninvestition in den Golfsport unverständlich erscheinen, wenngleich es auch hierzulande bald doppelt so viele in Vereinen organisierte Golfspieler gibt wie SPD-Mitglieder. In den USA ist das Golfspiel ungleich populärer. Zuletzt zeigte sich dies beim Waste Management Phoenix Open, an dem über 200.000 Zuschauer teilnahmen und das leider wie ein Hochrisikospiel der Fußball-Bundesliga endete, nämlich mit etlichen polizeilichen Gewahrsamnahmen und zahlreichen Platzverweisen nachdem unter erheblichem Alkoholeinfluss zahlreiche Gewalttaten verübt worden waren.
Das Spiel der (weißen) oberen Mittelschicht.
Vor allem aber ist Golf das Spiel der (weißen) oberen Mittelschicht und seiner Präsidenten. 17 der letzten 20 US-Präsidenten spielten Golf, der amtierende Präsident weist ein sehr gutes Handicap von nur 6,7 auf, auch wenn diese Meldung inzwischen einige Jahre zurück liegt. Politisch sind die Gewichte zwischen republikanischen und demokratischen Amtsinhabern im historischen Vergleich übrigens recht ausgeglichen. Woodrow Wilson und dessen Nachfolger Warren Harding führen die Rangliste der schlechtesten Golfspielerpräsidenten an. Auf der einen Seite gilt Franklin Delano Roosevelt als der begabteste Golfer, der aber ebenso wie John F. Kennedy sein Talent wegen eines gesundheitlichen Handicaps nicht ausspielen konnte.
Nach einem vorübergehenden Tief unter Lyndon B. Johnson brachten zunächst Bill Clinton (mit nicht immer lauteren Tricks) und dann Barack Obama die Demokraten wieder weit nach vorn. Bei den Republikanern verlief Richard Nixons Golfspiel weit glücklicher als dessen Präsidentschaft. Ronald Reagan interessierte sich eher für Pferde, obwohl er ein ganz passabler Golfspieler war. Die Bushs waren hingegen nicht nur in der Politik, sondern auch im Golfsport erfolg- und einflussreich
Dies mag genügen, um verständlich zu machen, warum der PIF unter seinem CIO Yasir Al-Rumayyan mit einem solch hohen Einsatz in den internationalen Golfsport eingestiegen ist. Al-Rumayyan, der auch an der Harvard Business School studiert hat, der größten Erdöl-Gesellschaft der Welt sowie dem englischen Fußballclub Newcastle United vorsitzt sowie ein enger Vertrauter Salmans ist, hat sich mit der Gründung einer Golftour wohl auch einen eigenen, großen Traum erfüllt. Übersetzt bedeutet das: Hier ging es nicht um den Kauf irgendeines Vereins der Fußballbundesliga, sondern gleich um den Aufbau einer zweiten FIFA.
Lockruf des Geldes
Und so entspann sich eine Schlacht zwischen alter und neuer Liga, die in der Sportgeschichte ihresgleichen sucht. Die 2022 gegründete LIV setzte gigantische Summen für Turnierpreisgelder und Handgelder ein, um prestigeträchtige Spieler einzukaufen. Tiger Woods sollen mehrere hundert Millionen Dollar geboten worden sein, doch der Sportmilliardär blieb der 1929 gegründeten PGA Tour treu. Andere Spieler wurden weich und wechselten. Die PGA Tour versuchte daraufhin eine Brandmauer gegen die LIV Tour zu errichten, indem sie Spieler, die auf die andere Seite gegangen waren, von ihrer Tour ausschloss.
Doch im Sommer 2023 trat ein, was Trump bereits ein Jahr zuvor prophezeit hatte: PGA Tour, LIV Tour und die in England ansässige DP World Tour gaben bekannt, gemeinsam eine neue Turnierserie aus der Taufe zu heben. Spieler wie Nordire Rory McIlroy die dem Lockruf des Geldes nicht gefolgt waren und der PGA die Treue gehalten hatten, fühlten sich zu Recht verraten und verkauft, zumal Al-Rumayyan auch noch zum Verwaltungsratsvorsitzenden des neuen Golfkonglomerats aufsteigen sollte. Donald Trump lobte die bevorstehende Fusion als einen »großen, schönen und glamourösen Deal für die wunderbare Welt des Golfs«, obwohl alles wie eine kalte Übernahme aussah.
Und damit begann ein politisches Tauziehen, das bis in den US-Kongress und ins Justizministerium hinein reichte. Nicht nur demokratischen Politikern war nämlich aufgefallen, dass PIF-Chef Al-Rumayyan bei LIV-Events auf Trumps Golfplätzen mit »MAGA«-Cap aufgetreten war, auch die Vereinigung von Familien mit Opfern und Überlebenden des Terroranschlags vom 11. September 2001 – 9/11 Families United – verurteilte nun den schmutzigen Deal. Neben politisch-moralischen Argumenten traten die Demokraten mit einem wettbewerbsrechtlichen Argument Ermittlungen im Kongress los: Würde mit einem solchen Turnier nicht ein Monopol entstehen, das jeden weiteren sportlichen Wettbewerb ersticken würde?
Politisch brachte ein anderer den sicher geglaubten Deal wieder ins Wanken. Im Spätsommer 2023 gab der saudische Kronprinz Bin Salman in einem Interview mit Fox News unumwunden zu, dass mit dem Deal ein Sportmonopol entstehe. »Wir werden keinen Wettbewerb mehr haben«. Und mit einem Lächeln fügte der Kronprinz offenherzig hinzu: »Wenn Sportswashing unser Bruttoinlandsprodukt um ein Prozent wachsen lässt, dann machen wir weiter Sportswashing.« Das war nun nicht nur den Demokraten zu viel.
Hinter den Kulissen rüsteten die Gegner des Coups auf. Dafür bedurften sie nicht nur öffentlicher und politischer Unterstützung, sie brauchten vor allem Geld. Ende 2023 geriet der Deal dann endgültig ins Wanken. Tiger Woods und anderen war es gelungen, US-amerikanische Eigentümer von Sportclubs ins PGA-Lager zu ziehen, die bereit waren, bis zu drei Milliarden US-Dollar zu investieren, und außerdem zeigten nun auch die amtlichen Ermittlungen Wirkung.
Der unverzeihliche Fehler des Donald Trump.
Dass ein solcher Deal mit der »Make America great again«-Rhetorik rein gar nichts zu tun hatte, fiel nun auch dem letzten Angehörigen des republikanisch gesinnten US-Geldadels auf. Dieser Geldadel hatte sich mit dem neureichen Goldfasan stets schwer getan. In Las Vegas etwa hatten sie sein goldenes Hotel nur abseits der Strip genehmigt. Nun aber hatte er einen unverzeihlichen Fehler begannen. Wer die Grenzen der USA gegen ungebetene Eindringlinge ernsthaft verteidigen will, darf sich nicht zum Handlanger eines saudischen Kronprinzen machen, der sich mit der Übernahme des traditionellen Gesellschaftsspiels der US-Oberschichten in die US-Elite einkaufen will.
Und doch, einen Punkt konnte die LIV Golf gleich am Jahresbeginn machen. Jon Rahm, ein amtierender Masterssieger, wechselte für rund 500 Millionen Dollar, und damit für mehr Geld als bei der PGA Tour in einem Jahr ausgeschüttet wird, zur Saudi-Liga. Dem Golf-Magazin gegenüber rechtfertigte der Spanier diesen Schritt damit, »eine großartige Gelegenheit für mich und meine Familie« wahrgenommen zu haben und befeuerte damit den Golf-Krieg weiter. Woods brach jeden Kontakt zu Rahm ab.
Inzwischen mehren sich aber die Stimmen, die Konfrontation zu beenden und eine friedliche Koexistenz zwischen den beiden Ligen zu organisieren. Manche träumen sogar von einer integrierten globalen Golfliga, die Tradition und Kommerz auf eine neue Stufe hebt. Doch selbst dann, wenn sich die Kontrahenten zu einer solchen Dialektik des Kompromisses durchringen sollten, bleibt die Erkenntnis: Das Sportliche ist politisch.


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