Die engen Gassen der Jerusalemer Altstadt sind beinahe leer. Die palästinensischen Händler der Souvenirläden stehen an den Türen und reden miteinander. Einer von ihnen raucht. Der andere schält Pistazien. Spazieren einzelne Touristen vorbei, ringen sie um ihre Aufmerksamkeit. Obwohl sie offensichtlich konkurrieren, teilen sie dasselbe Schicksal. Denn wie an ihren müden Gesichtern zu erkennen ist, laufen die Geschäfte seit gut zwei Jahren alles andere als gut. Neben Heiligenstatuen, Rosenkränzen und »I love Jerusalem«-Shirts haben die meisten von ihnen den neuesten Artikel ihres Sortiments in Pole Position ausgestellt: Trump-Kippas. Auf der einen ist das Foto des frech lächelnden US-Präsidenten zu sehen, auf der anderen steht »Make America Great Again«. Vor einigen Tagen trat in Gaza ein wackeliger Waffenstillstand in Kraft und die Hamas ließ die letzten 20 Geiseln frei, die noch am Leben sind. Und Israel ist offensichtlich der Trumpmania verfallen.
Eine Frage der Perspektive
Es ist keine Woche her, da bestellte der US-Präsident die Nationalgarde nach Chicago, um den »inneren Feind«, etwa Obdachlose, Fentanylabhängige und Migranten, zu bekämpfen. Morgen soll er vor der Knesset reden, um den »ewigen Frieden« in der Region zu deklarieren. Laut Pressemitteilung des Weißen Hauses soll es ihn seit 3.000 Jahren in dieser Form nicht gegeben haben. Israelische Abgeordnete laden Fotos auf ihre Social-Media-Kanäle, auf denen sie die roten MAGA-Mützen mit der Aufschrift: »Trump the Peace President« tragen. Eine Frage der Perspektive, möchte man behaupten.
Vor dem Jaffator hängen mehrere Reihen amerikanischer und israelischer Flaggen, die im Wind fast lautlos gegeneinanderschlagen. Eine übergroße Leuchtreklame wurde vor dem »Friends of Zion Museum« angebracht. Sie zeigt die »Stars and Stripes« und den Davidstern gleichzeitig, ineinander verschwimmend. Ein klatschender Donald Trump wurde in die Fotomontage eingefügt, mit der Aufschrift: »Kyros der Große lebt!«. Passanten werfen kurze Blicke nach oben, zumeist flüchtig. Dabei handelt es sich um Kyros II, einem persischen König, der in der jüdischen Geschichte zu einer legendären Figur wurde, weil er gefangenen Juden die Rückkehr aus Babylon nach Jerusalem gestattete. Ein vielleicht passender Vergleich.
An der Grabeskirche bleibt eine kleine Gruppe stehen. Drei palästinensische Lehrer aus der Westbank, sichtlich unsicher, aber aufmerksam. Ihre Schritte sind langsam, die Blicke ruhig, beinahe bedächtig gegenüber der jahrhundertealten Fassade. Einer streicht mit der Handfläche über den Stein, als teste er die Temperatur. Es ist ihr erster Besuch in diesem Stadtviertel, erzählen sie einem griechisch-orthodoxen Priester, der zufällig neben ihnen steht. Ihre Stimmen sind leise, als sie ihn über die eingeritzten Graffitis an den Wänden der Basilika befragen. Ein Paar steht vor einem Zeitungsstand nahe der Klagemauer und guckt sich die Schlagzeilen an. Israels größte Tageszeitung, Haaretz, schreibt heute: »Bibisitter: Für die USA ist Israel ein Kleinkind, das mit Gesetzgebung spielt.« Hintergrund ist, dass die Knesset mehrheitlich für die Annektion des Westjordanlandes gestimmt hat. US-Außenminister Marco Rubio warnt, dass dies eine klare rote Linie sei und den Waffenstillstand gefährde.
Echte und imaginäre Souveränität
Carolina Landsmann, Autorin der Kolumne, stellt fest: »Die als Knesset bekannte Farce stimmte über die Souveränität über ›Judäa und Samaria‹ ab, aber sie hätte genauso gut über die Ausübung der Souveränität über den Mars abstimmen können. Unterdessen richtet die USA einen militärischen Kommandoposten in Kiryat Gat ein. Israel übt imaginäre Souveränität im Westjordanland aus; Amerika übt echte Souveränität innerhalb des eigenen Territoriums Israels aus.« Merkwürdig, dass es gleichzeitig Stimmen in den USA gibt, besonders aus den Reihen der MAGA-Szene, die das genaue Gegenteil behaupten. In einem kürzlich viral gegangenen »Schreiduell«, wie der Spiegel es betitelte, zwischen dem ehemaligen Fox-News-Moderator Tucker Carlson und dem Texanischen Senator Ted Cruz wurde ja mit einiger Vehemenz festgestellt, dass Premierminister Netanyahu über die Außenpolitik Washingtons anscheinend bestimme. Schon wieder eine Frage des Blickwinkels?
»Die Mauern der Metropole wirken wie ein fortlaufender Kommentar.«
In Tel Aviv weht ein leicht anderer Wind. Die Häuserwände rund um das hippe Florentin-Viertel sind eine Offenbarung. Graffitis leuchten in allen Farben. Eine hellblaue Wand erinnert an Sun Yakobov, der am 7. Oktober 2023 auf dem Nova-Festival ermordet wurde. Um die Ecke ist das Gesicht eines rot gefärbten Netanyahus mit Teufelshörnern auf der Stirn zu sehen. Unter »Peace and Unity« steht: »Then stop the genocide«. »Stop the War« wurde groß auf eine weitere Mauer gesprüht. Jemand anderes hat dem das »Don’t« davorgesetzt. Eine Fußgängerin bleibt davor stehen, betrachtet es einige Sekunden und geht weiter, ohne erkennbare Reaktion. Die Mauern der Metropole wirken wie ein fortlaufender Kommentar. Eine Entwicklung ins Ungewisse.
Auf Kanal 12 läuft die beliebteste Satireshow Israels, Eretz Nehederet, »wunderbares Land«. An diesem Abend spielt Trump die Rolle eines Cäsars, getragen von israelischen Politikern, die sich erkennbar schwertun, das Gleichgewicht zu halten. Bibi ist darum bemüht, Trump zufriedenzustellen, was wiederum die Empörung seiner rechtsextremen Minister hervorruft. Auch die Qataris sind da, Kaiser Trump macht gute Geschäfte. Die Sketche sind überzeichnet, zugespitzt, der Humor ist dem Land nicht abhandengekommen. Gut möglich aber, dass Trump darin die Satire gar nicht erkennen würde. Und noch wahrscheinlicher ist, dass es Premierminister Bibi ganz und gar nicht behagt.
Tatsächlich ist noch unklar, wie der Premier den Familien der Geiseln und den Gegnern seiner Regierung erklären wird, weshalb der Waffenstillstand nicht auf seine Initiative zurückgeht. Im Zweitagestakt werden nun Staatsbesuche aus Übersee folgen. Die amerikanischen Freunde kommen, um den Waffenstillstand zu beobachten. Sie fliegen Drohnen zur Aufsicht über den Gazastreifen, gesteuert aus ihrer brandneuen Militärbasis in Kyriat Gat. Sie warnen: Jerusalem darf den Deal jetzt nicht kapern. Nach Vertrauen klingt das nicht.
Kritik unerwünscht
Auf dem Hostage Square in Tel Aviv besteht Konsens darüber, dass Trump der Mann der Stunde sei. Derjenige, der mit dem Pragmatismus der New Yorker Immobiliengeschäfte den »Albtraum beendet« habe, wie manche es formulieren. Die konventionelle Diplomatie habe hingegen komplett versagt. Überall hängen noch gelbe Schleifen und Banner: »Bring them Home Now.« Eine Tafel zählt die Tage seit dem 7. Oktober 2023: Heute sind es 742. Bei der Kundgebung am Abend jubelt die Menge, als Trumps Name erwähnt wird. Fällt Netanyahus Name, wird gebuht.
Unterdessen sitzt ein junges Pärchen im Café, Smartphone in der Hand, und plant die nächste Europareise. Per Ausschlussverfahren gehen sie alle Länder durch, »die uns noch nicht hassen«. Und seitdem Frankreich einen palästinensischen Staat anerkennt, bleibt ihrer Meinung nach nur noch Deutschland auf der Liste. Ernüchtert stellen sie fest: »Vielleicht sollten wir doch nach Thailand oder Vietnam«. Der Carmel-Markt ist rammelvoll. Wieder hängen zwischen den Läden die Trump-Kippas. In Tel Aviv sind sie weniger prominent als in Jerusalem positioniert. Als hätten sie ihren anfänglichen Überraschungseffekt bereits verloren. Ein Tourist hebt eine davon hoch, dreht sie in der Hand und legt sie zurück, als er das Preisschild sieht.
Als beginne gleich ein entscheidendes Fußballspiel, schalten die Bars ihre Bildschirme ein. Trumps Rede in der Knesset wird live, ohne hebräische Übersetzung, übertragen. Während er den tobenden Applaus der Abgeordneten genießt, erscheint in den Untertiteln eine Zahl, die viele hier schon kennen: 83 Prozent der Israelis haben laut einer Umfrage ein »positives Bild« der USA unter der zweiten Trump-Regierung. Im Vergleich dazu liegt der Durchschnitt der anderen 24 abgefragten Nationen bei 49 Prozent, bei Deutschland sind es 33. Plötzlich stören zwei Abgeordnete die Rede. Ofer Cassif und Ayman Odeh stehen auf, beide mit einem weißen Blatt Papier in der Hand. Die Mikrofone fangen keine Worte ein, dafür das Rascheln der Blätter und die lauten Rufe der Ordner. Cassif wird abgeführt, das Blatt mit der Aufschrift »Recognize Palestine!« kurz sichtbar, bevor die Sicherheitsleute es ihm aus der Hand nehmen. Odeh wird im nächsten Moment ebenfalls hinausbegleitet, sein Gesicht unbewegt, sein Zettel kaum zu erkennen. Die Regie blendet zurück zur Hauptkamera, als wäre nichts passiert.
»Jetzt möchte man einen ›Sieg‹, feiern, der vielleicht das Gegenteil davon ist.«
Trump spricht weiter: »Ich möchte Ihnen gratulieren, dass Sie den Mut hatten zu sagen: ›Das war’s, wir haben gewonnen.‹ Und dass Sie jetzt Ihr Leben genießen, Israel wieder aufbauen und stärker und größer und besser machen als je zuvor.« An die politische Zukunft Gazas, Palästinas, des Nahen Ostens wird man wohl erst morgen denken können. Jetzt möchte man einen »Sieg«, feiern, der vielleicht das Gegenteil davon ist. Bilder der heimkehrenden Geiseln bewegen das gesamte Land. Doch zum Feiern ist hier niemandem zumute. Denn obwohl die Bilder von Gaza im Hintergrund und überschattet bleiben, durchdringen sie langsam aber sicher Teile des kollektiven Gewissens.
Leben im Zwischenraum
Zurück in Jerusalem werden die Läden am Rand des muslimischen Viertels geschlossen. Die Händler stapeln Kisten, schieben Metalltüren herunter, räumen ihre Auslagen ein. Ein Mann wischt Staub von einer Vitrine, ohne besondere Hast. In der Ferne ertönt der erste Aufruf des Abends zum Gebet. Kein Urteil liegt über der Stadt. Eher ein sonderbares Schweben. Ein langsames Warten darauf, wie der nächste Tag aussehen wird. Auch morgen wird man nebeneinander aufwachen, doch nicht miteinander. Zwischen Flaggen, Händlern, Schlagzeilen und vorsichtigen Fragen entsteht ein Bild, das noch keinen festen Rahmen besitzt. Es ist ein Zustand, der weder einen Abschluss noch den Beginn einer neuen Ordnung markiert. Ein Zwischenraum, der erst mit der Zeit Form annehmen wird. Dann senkt sich der Abend endgültig über die Stadt. Und der Sonnenuntergang, der sich über die Hügel legt, scheint auf die Mauer, hinter der die Westbank liegt, ehe es dunkel wird.

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