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Die Vielfalt muslimischer Leben in Deutschland Über Integrationsfragen hinaus

Die Selbstwahrnehmung dieses Milieus war dabei stark vom jeweiligen Einwanderungs­zeitraum geprägt. Für die erste Generation der sogenannten Gastarbeiter, aber auch Geflüchteter und Studierender dominierten bis weit in die 1990er Jahre Erfahrungen sozialer Unsichtbarkeit und kultureller Fremdheit. Viele verstanden ihren Aufenthalt zunächst als vorübergehend. Gleichzeitig blieb die Verbindung zu den Herkunftsländern emotional stark, praktisch jedoch begrenzt: Telefonate waren teuer, Reisen selten, Informationen verzögert. Hinzu kamen offene und subtile Formen des Rassismus sowie eine kaum vorhandene Repräsentation in Politik, Medien, Wissenschaft oder Kultur. Das Gefühl, dauerhaft »Gast« oder »Ausländer« zu bleiben, prägte viele Biografien nachhaltig. Das spürte auch die Nachfolgegeneration.

Integrationserfahrung und Selbstwahrnehmung ändern sich mit den Generationen.

Die zweite Generation bewegte sich häufig zwischen verschiedenen Lebensrealitäten. Sie war familiär mit den Herkunftsländern verbunden, fühlte sich dort jedoch oft ebenso nicht vollständig als selbstverständlichen Teil des Landes. So wie in Deutschland. Wobei ihnen Deutschland stets vertrauter war und ist. Gerade aus diesem Gefühl des »Dazwischen«, was auch viele Eltern durch ihre mentale Abwesenheit und teilweise praktizierenden Verwahrlosung oder ihre Kinder lediglich als Privatassistenten in der Fremde behandelten, entstand für viele das Bedürfnis nach einer Identität, die nationale Grenzen überschreitet. Islamistische Bewegungen, die den Islamals gesellschaftliches und politisches Ordnungssystem verstehen, boten verstärkt seit den 1990er Jahren genau dies an.

Auftakt war 1979 die Gründung der Islamischen Republik Iran, doch die Wirkung in Europa entfaltete sich mit Verzögerung, gerade weil die Elterngeneration noch durch ihr Herkunftsland und ihre Religionspraxis geprägt war, die nicht islamistischer Natur war, aber doch traditionell. Für die neue Generation bot sich in dieser neuen islamischen Präsenz ein globales muslimisches Selbstverständnis, das Zugehörigkeit, Würde und moralische Orientierung versprach. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 verstärkte sich diese Entwicklung enorm, weil muslimische Identität dauerhaft politisiert und öffentlich problematisiert wurde.

Wandel in dritter und vierter Generation

Heute zeigt sich ein weiterer Wandel. Die dritte und vierte Generation versteht den Islam zu einem größeren Teilnicht mehr als Gegenentwurf zu Deutschland, sondern als selbstverständlichen Teil deutscher Realität. Die Aussage des damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, der Islam gehöre mittlerweile auch zu Deutschland, war insofern weniger ein gesellschaftlicher Bruch als Ausdruck eines bereits laufenden Wandels. Hinzu kam die Institutionalisierung islamischer Theologie an deutschsprachigen Universitäten. Islam wird nicht mehr nur in islamistisch-salafistischen Kreisen auf deutsch diskutiert, gelehrt und reflektiert.

Digitale Technologien vereinfachen Verbindung zur Herkunftsgesellschaft.

Auch Migrationserfahrungen haben sich verändert. Für Neuankömmlinge aus Syrien, Afghanistan oder dem Irak, aber ebenso aus den damaligen Gastarbeiterländern, ist die Verbindung zur Herkunftsgesellschaft durch digitale Technologien wesentlich einfacher geworden. Videotelefonie, soziale Medien und günstige Flugverbindungen ermöglichen einen Alltag zwischen mehreren Orten zugleich. Das frühere Gefühl eines radikalen Heimatverlustes tritt dadurch schwächer auf. Gleichzeitig erleichtert

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