Sommer 2035, ARD-Studio, Berlin-Adlershof, Mittwoch, 22:30 Uhr. Eine Moderatorin stellt eine Frage zur Klimaanpassung an einen Bundesminister. Acht Sekunden Stille. Niemand wirft etwas dazwischen, kein Cut, keine Einblendung. Der Minister formuliert frei von Sprechzetteln und Floskeln.
Den Begriff Vibeshift hat im Mai 2025 der Deutschlandfunk-Podcast Die Peter Thiel Story für ein deutschsprachiges Publikum greifbar gemacht: kultureller Wandel nach rechts, orchestriert aus dem Silicon-Valley-Netzwerk um Peter Thiel. In einer D2030 Futures Lounge im November wurde das zentrale Learning sichtbar: An dieser Erhitzung wird seit fast vier Jahrzehnten gearbeitet. Die Hitze, die du jetzt spürst, ist Resultat einer Architektur.
Wer bestimmt, was abgeht?
Trotz akzeptabler Wahlbeteiligung fühlt es sich für viele Bürger*innen so an, als bestimmten zehn bis 15 Prozent, was wirklich abgeht in Deutschland. Diese These ist eine Zuspitzung dramatisch anmutender Statistiken. Im aktuellen Bundestag haben nur fünf Prozent der Abgeordneten längere Zeit in einem nichtakademischen Beruf gearbeitet, während 40 Prozent der deutschen Arbeiterschaft genau dort tätig sind. 630 Abgeordneten stehen 6.198 Lobbyregister-Eintragungen gegenüber, mit Aufwendungen von rund 910 Millionen Euro allein im Jahr 2024. Die Zufriedenheit mit der Demokratie liegt laut Demokratie-Monitor 2025 auf Bundesebene bei 44 Prozent, kommunal bei 59, das Vertrauen in die Parteien mit 35 Prozent noch darunter. Diese Zahlen beweisen keine gekaperte Demokratie. Sie erklären, warum sich die Erzählung einer ausgehöhlten Demokratie für viele plausibel anfühlt.
Demokratie scheint verfangen in Partikularinteressen und Verfahrensroutinen, die sich als Sachzwang tarnen. Die rechte Erzählung von der gekaperten Demokratie zieht ihre Plausibilität daraus, dass sie eine reale Erfahrung benennt und falsch erklärt. Demokratisches Recht reicht über die Wahl hinaus. Bürger*innenversammlungen, Vereine, Petitionen oder Klimaräte bilden die Substanz einer Demokratie über den Wahltag hinaus. Wo diese Räume austrocknen, schrumpft Demokratie auf einen Tag alle paar Jahre zusammen. Das kann nicht funktionieren.
Hitzeschutz braucht Entscheidungen
Kim Stanley Robinson lässt seinen Roman Das Ministerium für die Zukunft von 2020 mit einer Hitzewelle in Indien beginnen, in der 20 Millionen Menschen sterben. Von dort aus erzählt er ein Jahrzehnt politischer Arbeit unter Hitzedruck, in der ein UN-Ministerium gegründet, Geoengineering zwischen Staaten ausgehandelt und Zentralbanken auf Klimapolitik verpflichtet werden. Die entscheidende Frage des Romans liegt darin, wie kühl Politik unter Hitze gemacht werden kann: demokratisch, technokratisch oder autoritär.
Der Übergang ist kurz. Hitzeschutz braucht Entscheidungen, jede einzelne davon konflikthaft. Wer bekommt Schatten? Welche Straße wird entsiegelt? Wo fallen Parkplätze weg? Welche Pflegeheime, Schulen, Wohnungen werden zuerst geschützt? Wer bezahlt die Klimaanpassung? Sobald diese Fragen in Empörungslogik, Kulturkampf, Sachzwangrhetorik oder Beteiligungsfrust geraten, wird der Klimawandel zwar körperlich spürbar, aber politisch blockiert. Das ist das Spiel einer falschen Alternative: Sie wollen Klima nicht schützen, sie wollen das Misstrauen gegen demokratische Verfahren verstärken, also das politische Klima zerstören, in dem Hitzeschutz verhandelbar wäre.
Sommer 2035, Leipzig-Plagwitz, Vereinsheim eines Sportvereins, Mittwoch, 19:30 Uhr. Vor der Mitgliederversammlung steht der Hitzeschutzplan für die Halle auf der Tagesordnung. Drei Generationen sitzen am Tisch. Ein älteres Mitglied fragt, wie viele Trainings im Sommer ausgefallen sind. Niemand weiß die Zahl auswendig. Jemand kümmert sich darum, das beim nächsten Mal mitzubringen.
Wer der Demokratie nichts mehr zutraut, liest Hitzeschutzmaßnahmen schnell als Zumutung. Stimmen wie: Schon wieder nehmen die uns Parkplätze weg, schon wieder entscheidet irgendein Gremium, schon wieder Klimapolitik gegen normale Leute. Diese Lesweisen funktionieren in vielen Fällen besser, je hektischer Demokrat*innen reagieren.
Der Sog der Erhitzung lebt von
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