Menü

Klimagerechtigkeit und Frieden gehören zusammen Umdenken erforderlich

Ende Januar rückten die Wissenschaftler*innen des Bulletin of the Atomic Scientists den Zeiger der Weltuntergangsuhr, die die geschätzte Wahrscheinlichkeit einer vom Menschen verursachten globalen Katastrophe anzeigt, um eine Sekunde nach vorne. Die Gründe dafür sind nach ihrer Ansicht die anhaltende nukleare Aufrüstung, das schwindende Rüstungskontrollregime und die völlig unzureichenden weltweiten Anstrengungen zur Bekämpfung der Klimakrise.

Denn Klimakatastrophe und atomares Wettrüsten sind nicht nur zwei existenzielle Bedrohungen für den gesamten Planeten, sondern sie verstärken sich gegenseitig, wie Tilman Ruff, australischer Mediziner und Forscher, in einer aktuellen Studie betont. Bereits die Zerstörung durch einen regionalen nuklearen Krieg würde die Temperaturen weltweit absinken lassen, mit katastrophalen Auswirkungen für Landwirtschaft und Nahrungsmittelversorgung. Zudem sind militärische Aktivitäten enorme Treibhausgasemittenten, die den Klimawandel beschleunigen. Ruff fordert deshalb dringend eine globale Zusammenarbeit, um beide Bedrohungen gleichzeitig anzugehen.

Der globale Klimaschutz muss deutlich ambitionierter werden.

Für die Funktionsfähigkeit der Biosphäre und damit die Gesundheit der Menschen ist ein stabiles Klima Grundvoraussetzung. Aber 2024 lag erstmalig die globale Durchschnittstemperatur mehr als 1,5 Grad über dem vorindustriellen Mittel. Die Klimakatastrophe ist inzwischen weltweit spürbar, auch wenn US-Präsident und Klimawandelleugner Donald Trump als eine seiner ersten Amtshandlungen wieder aus dem Pariser Klimaabkommen ausgetreten ist. Wenn der globale Klimaschutz nicht deutlich ambitionierter wird, steuern wir auf bis zu 3,1 Grad Erderwärmung im Jahr 2100 zu, mit verheerenden Auswirkungen. Der Ausstieg aus fossilen Energien, die Anpassung an nicht umkehrbare klimatische Veränderungen und die Einhaltung der planetaren Belastungsgrenzen müssen daher erste Priorität unseres Handelns sein. Aber Aufrüstung und Krieg stehen dem diametral gegenüber, denn die Herstellung von Waffen setzt enorme CO2-Mengen frei, militärisches Gerät nutzt fossile Brennstoffe und die Aufrüstung verschlingt Ressourcen, die für die Antwort auf den Klimawandel dringend gebraucht werden. Eine Armee oder ein Krieg kann nicht klimaneutral sein. Umgekehrt erhöht der Klimawandel das Risiko von bewaffneten Konflikten und damit auch das Risiko eines nuklearen Krieges.

Gefahr der nuklearen Eskalation

Laut einer Studie des Bundesamtes für Strahlenschutz fürchten 58 Prozent der Deutschen, dass bei einem Krieg Atomwaffen eingesetzt werden könnten. Zu Recht, denn die Gefahr eines Atomkriegs in Europa ist durch die Drohungen des russischen Präsidenten Putin, im Ukrainekrieg unter Umständen Atomwaffen einzusetzen, wieder auf die Tagesordnung zurückgekehrt. Sie wird verstärkt durch die Verschärfung der russischen Atomwaffendoktrin. Die Argumente derjenigen, die Atomwaffen befürworten, beruhen im Wesentlichen auf dem Mythos der nuklearen Abschreckung, das heißt, einen nuklearen Zweitschlag so glaubhaft anzudrohen, dass die gegnerische Seite Angst davor haben muss, nach einem nuklearen Erstschlag selbst vernichtet zu werden und deshalb keinen ausführt. Der Abschreckungsgedanke liegt auch der Stationierung von Atomwaffen auf deutschem Boden im Rahmen der nuklearen Teilhabe zugrunde. Die Befürworter*innen nuklearer Abschreckung wie die NATO-Staaten oder Russland behaupten, sie würde den Frieden sichern. Aber Atomwaffen sind keine Friedensbewahrer, immer wieder wurden auch Atomwaffenstaaten militärisch herausgefordert.

Sollte es zum Einsatz auch nur einer einzigen Atomwaffe kommen, dann wäre ihre Zerstörungskraft katastrophal. Die Folgen kennen wir nicht nur aus Hiroshima und Nagasaki, sondern auch von den über 2.000 Atomwaffentests. Auch die fünf Atommächte im UN-Sicherheitsrat räumen ein, dass »ein Atomkrieg nicht gewonnen werden kann und deshalb nie geführt werden darf«. Doch in ihren Nukleardoktrinen verankern sie dennoch die Schritte, die in genau diesen Krieg führen könnten. Dabei wissen wir aus der Geschichte, dass es mehrfach nur Glück war, das den Weg in den Atomkrieg verhinderte. Deshalb argumentieren nicht nur Aktivist*innen der Friedensbewegung, dass nukleare Abschreckung einen Atomkrieg wahrscheinlicher macht. Doch anstatt in Abrüstungsgespräche zu gehen, modernisieren alle Atomwaffenstaaten ihre Arsenale.

Klimawandel und nukleare Bedrohung

Die Forschungen von Lili Xia und Kolleg*innen zum nuklearen Winter haben überzeugend nachgewiesen, dass selbst ein sogenannter regionaler Atomkrieg, etwa zwischen Indien und Pakistan, zu schwerwiegenden klimatischen Veränderungen führen würde. Die darauffolgenden Ernteausfälle und Hungersnöte würden mehrere Milliarden Menschen das Leben kosten. Ein Atomkrieg bedeutet Klimakatastrophe im Schnelldurchlauf.

»Militär ist für 5,5 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich, ohne jegliche Kriegsaktivitäten.«

Doch nicht erst ein atomarer Krieg hätte fatale Folgen für das Klima und damit für die Menschheit. Bereits die Produktion, Instandhaltung und Tests von Atomwaffen führen zu erheblichen Umweltschäden. So können freigesetzte radioaktive Substanzen und chemische Abfälle Böden und Gewässer kontaminieren, tragen der hohe Energieverbrauch und der Ausstoß von Treibhausgasen bei Produktion und Wartung der Waffen, bei der Bereitstellung der nötigen nuklearen Infrastruktur und schließlich bei den militärischen Übungen erheblich zur globalen Erwärmung bei. Und all dies für das Festhalten an einer Waffe, die selbst laut ihren Befürworter*innen niemals eingesetzt werden soll. Militär ist für 5,5 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich, ohne jegliche Kriegsaktivitäten. 2023 verursachte etwa die NATO 15 Prozent mehr militärische Emissionen als 2022, Deutschland sogar 55 Prozent mehr (9,4 Millionen Tonnen CO2 im Jahr 2023 gegenüber 6,1 Millionen Tonnen 2022). Das entspricht dem Jahresverbrauch von 750.000 durchschnittlichen US-PKW. Dies ist das Ergebnis einer Studie, die die ärztliche Friedensorganisation IPPNW gemeinsam mit anderen Nichtregierungsorganisationen anlässlich des NATO-Jubiläumsgipfels veröffentlichte.

Dem Weltklimarat IPCC zufolge ist eine Reduzierung von Emissionen in allen Sektoren bis zum Jahr 2030 gegenüber 2019 erforderlich, um das Klimaziel von 1,5 Grad zu erreichen. Dies würde eine jährliche Reduzierung der militärischen Emissionen um mindestens fünf Prozent erfordern. Der Trend zum Ausbau des Militärs und damit zur Erhöhung der Militäremissionen wird sich in den kommenden Jahren aber wahrscheinlich wegen der steigenden Rivalitäten unter den Großmächten fortsetzen. Dabei werden die zusätzlichen Militärausgaben größtenteils für militärisches Gerät verwendet werden, welches in hohem Maße fossil betrieben wird. Dabei wäre das Gegenteil richtig. Die Summen, die für Rüstung ausgegeben werden, sollten in Klimaschutz und Klimaanpassung für Länder im Globalen Süden investiert werden.

Wir müssten also lernen, die beiden Herausforderungen Klimagerechtigkeit und Frieden zusammen anzugehen. Das erscheint aber auf den ersten Blick angesichts der herrschenden Machtverhältnisse völlig unrealistisch. Aber welche Möglichkeiten stehen jetzt noch zur Verfügung? Es braucht weltweit einen Paradigmenwechsel hin zu Abrüstung und weltweiter Kooperation. Die gute Nachricht ist, dass immer mehr Akteure begreifen, dass Zukunftslösungen in der internationalen Politik immer auf Kooperation angewiesen sind. Ohne gegenseitige Zusammenarbeit, ohne Kompromissbildungen geht gar nichts. Aber im Zeitalter von Trumps »MAGA«-Denken, Putin‘scher »toxischer Nostalgie« (Naomi Klein), und Xis Streben nach einer sinozentrischen Weltordnung ist das alles andere als ein Selbstläufer.

Positive Entwicklungen

Die Erfolge in der Bewegung gegen Atomwaffen, zuletzt der vor vier Jahren in Kraft getretene Atomwaffenverbotsvertrag der UN, zeigen, welcher Weg eingeschlagen werden muss. Nicht zuletzt die Überlebenden der Atomwaffentests und der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki haben zusammen mit der internationalen Zivilgesellschaft und klugen Diplomat*innen ihren Kampf gegen Atomwaffen in die UN-Generalversammlung getragen. 73 Länder haben den Vertrag schon ratifiziert, 94 haben ihn unterschrieben, gegen den Widerstand der Atommächte. Ein wesentliches Moment der Friedens- und Antiatomwaffenbewegung ist dabei, die eigenen Ängste bezüglich der Gefahren von Atomwaffen zwar anzuerkennen, sich aber nicht einschüchtern zu lassen.

Die letzte UN-Generalversammlung 2024 entschied, dass eine neue wissenschaftliche Studie über die Folgen eines Atomkriegs erstellt werden soll, in die neuere Erkenntnisse über die Gefahren eines nuklearen Winters und die damit einhergehende nukleare Hungersnot eingehen sollen. Endlich kann dann auf einer gemeinsamen Grundlage eine globale Debatte über die katastrophalen langfristigen Auswirkungen des Einsatzes von Atomwaffen geführt werden. Die Legitimität und Öffentlichkeitswirkung einer offiziellen UN-Studie wäre ein Schritt auf dem Weg zu einer vollständigen weltweiten Abschaffung von Atomwaffen. Eine weitere Studie soll im Mai durch die Weltgesundheitsversammlung der WHO in Genf verabschiedet werden und sich auch mit den Folgen der Atomwaffentests auseinandersetzen. Deutschland, das sich in einer langen Tradition von nuklearer Abrüstung sieht, sollte diese Resolution unterstützen. Die Beendigung des atomaren Wettrüstens ist unerlässlich, um einen Atomkrieg zu verhindern und die dadurch freiwerdenden Ressourcen für die Bekämpfung des Klimawandels einzusetzen. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel. Die Führung eines solchen Prozesses gehört in die Hand der Vereinten Nationen.

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Nach oben