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Die Industrie reorganisiert ihre Zulieferstrukturen Unglücklich verkettet

Viele international agierende Unternehmen haben in den zurückliegenden Monaten festgestellt: Komplexe globale Wertschöpfungsketten, die sie in den letzten Jahren angelegt haben, um niedrigere Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen andernorts auszunutzen, sind voller Risiken. Je verzweigter und internationaler die Lieferketten sind, desto riskanter sind sie. Die volks- und betriebswirtschaftlichen Risiken einer hyperglobalisierten Ökonomie traten im Frühjahr 2020 gnadenlos zutage. Dominierende Strategien wie Outsourcing und Just-in-time-Fertigung haben die Unternehmen anfällig für Unterbrechungen ihrer Lieferkettenstruktur gemacht. Jetzt können sie besser erkennen, wie hoch der Preis ist, wenn ihre Lieferanten ausfallen.

Diese Unterbrechungen der Lieferketten zwingen gerade auch die weiterverarbeitenden Unternehmen in Deutschland zur Reorganisation. Die Liefer-»kette« ist heutzutage vielmehr eine Netzwerkstruktur, in deren Mitte sich der Endproduzent befindet. Nach Berechnungen des ifo-Instituts sind die wichtigsten Industriebranchen Deutschlands eben diejenigen mit besonders hoher Komplexität: Dazu zählen die Automobilindustrie, der Maschinenbau und die Elektrotechnik. Damit geraten aus der Perspektive der IG Metall vor allem die Kernbranchen der deutschen Industrie unter massiven Druck. Der Auftragseingang im Maschinenbau verfehlte im April 2020 sein Vorjahresniveau real um rund 31 %. Den stärksten Einbruch durch die Coronakrise hat der Automobil- und Transportsektor zu verzeichnen. Hier wurden eine Vielzahl von Werken und Produktionslinien stillgelegt.

Die Erfahrung der Unsicherheit global verzweigter Wertschöpfungsketten verstärkt nun den Trend der De-Globalisierung, welcher schon in den Jahren zuvor mit der Finanzkrise eingesetzt hatte, aber nun eine ganz neue Qualität erhält. Die Unternehmen müssen dabei die Sicherheit und Langfristigkeit ihrer Lieferketten stärker in den Vordergrund rücken. Die mikroökonomische Abwägung von Resilienz und Effizienz hat dabei makroökonomische Folgen. Volkswirte prognostizieren eine Tendenz zum »Reshoring«, eine Rückkehr industrieller Wertschöpfung nach Europa und in die USA. Es scheint, als ob die postpandemische Weltwirtschaft weniger globalisiert sein wird. Zugleich zeigt die Covid-19-Pandemie wie alles zusammenhängt: Handel, Geopolitik und Technologie.

Die Unternehmen scheinen aktuell eine »Dual-Sourcing«-Strategie anzustreben – mit sowohl inländischen als auch transnationalen Lieferantenbeziehungen, um sich von den globalen Verwerfungen der Lieferketten unabhängiger zu machen. So werden etwa deutsche Firmen tendenziell weniger in Asien und deutlich mehr in Osteuropa produzieren lassen. Die Herstellung lässt sich dort besser kontrollieren, die Lieferketten sind weniger störanfällig. Der Trend, in der jeweiligen Kontinentalregion zu produzieren – in Osteuropa für Europa, in China für China – wird sich verstärken. Sichere Lieferketten sind eben auch ein Qualitätsmerkmal. Damit werden die globalen ökonomischen Verflechtungen nicht beendet, aber es wird doch eine Periode partieller De-Globalisierung eingeleitet.

Die Pandemie stellt auch deshalb eine Umbruchsituation dar, weil sie die Verknüpfung vielfältiger politischer und wirtschaftlicher Interessen verdeutlicht, aus denen eine Neuordnung der internationalen Beziehungen sowohl auf politischem als auch wirtschaftlichem Terrain folgt. Zusätzlich nimmt der zunehmende Systemwettbewerb zwischen den USA und China Europa und noch stärker die Bundesrepublik in den Schwitzkasten. Dabei lautet eine zentrale Frage, wo die neu vermessene Resilienz aufhört und wo schädlicher Protektionismus anfängt. Die Diskussion über eine Neuausrichtung der Lieferstrukturen als Reaktion auf die Coronakrise darf nicht die global zu beobachtenden protektionistischen Tendenzen weiter anheizen. Wenn durch die geopolitischen Spannungen zwischen den beiden Großmächten die internationalen Lieferketten gestört werden, ist dies besonders für die exportlastige deutsche Industrie von Nachteil. So rückt aktuell bei der Betrachtung der außenwirtschaftlichen Verflechtungen wieder stärker die problematische Exportabhängigkeit der deutschen Ökonomie in den Vordergrund.

Was es längerfristig für die Exportnation Deutschland bedeutet, wenn auch andere Nationen dem »Reshoring-Trend« folgen, ist aktuell noch nicht abzusehen. Keine andere der 20 größten Industrienationen ist so intensiv in die Weltwirtschaft eingebunden wie Deutschland. Vor allem in den letzten beiden Dekaden haben deutsche Unternehmen neue Produktionsstätten in der Nähe ihrer Absatzmärkte errichtet. So tätigt die deutsche Industrie die Hälfte ihrer Umsätze im Ausland.

Neben Tendenzen partieller De-Globalisierung und des verstärkten Systemwettbewerbs innerhalb der Triade zieht Corona eine dritte geostrategische Veränderung nach sich. So existieren auch Sektoren, die sich diesem Trend der De-Globalisierung widersetzen bzw. sich noch stärker internationalisieren. Dies ist beispielsweise im Finanzsektor der Fall, aber vor allem in der Datenökonomie. Die Digitalisierung erhält einen kräftigen weiteren Schub. Damit verbunden ist eine weitere Verlagerung von stofflicher zu digitaler Wertschöpfung. Diese findet im Wesentlichen innerhalb der US-amerikanisch dominierten GAFAM-Ökonomie statt. Damit sind natürlich Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft gemeint, die allesamt Profiteure der Krise sind und zugleich die traditionellen europäischen Industrien mit ihren Erfolgsmodellen immer stärker abhängen. Diese Tech-Giganten scheinen, unabhängig von der offensichtlichen Krise des amerikanischen Gesellschaftsmodells, ihre geostrategische Position immer weiter auszubauen.

Technologieunternehmen sind weniger auf physische Lieferketten über Ländergrenzen hinweg angewiesen. Die Tech-Konzerne konnten in den letzten Jahren permanent ihre Renditen steigern und agieren bei der Neuorganisation von Wertschöpfungsketten mit gewaltigen Investitionen, denen selbst die deutsche Automobilindustrie nur einen Bruchteil gegenüberstellen kann. Generell muss innerhalb der Systemkonkurrenz festgehalten werden: Bei den großen Technikthemen, die für die Machtressourcen in zukünftigen Wertschöpfungsthemen zentral sind, sind Europa und auch Deutschland massiv im Rückstand. Eine Folge: Die Machtasymmetrie zugunsten der US-Tech-Industrie setzt die Autonomie innerhalb der Wertschöpfungsketten – auch der deutschen Konzerne – noch stärker unter Druck. Gleichzeitig wird deutlich, dass Überlegungen zu einer Digital- und Finanztransaktionssteuer keineswegs ad acta gelegt werden sollten, sondern im Gegenteil dringend realisiert werden müssen.

Die Funktionalität der Lieferketten verbesserte sich in den letzten Wochen vielfach wieder, wenn auch bislang auf deutlich niedrigerem Niveau. In den wichtigsten europäischen Partnerländern ist die Industrie langsam wieder hochgefahren worden und staatliche Rettungsprogramme konnten – bislang zumindest – eine umfängliche Insolvenzwelle verhindern. Die heutigen Lieferketten werden also voraussichtlich größtenteils wieder in Gang kommen.

Aber, ist es sinnvoll, alte, überholte, womöglich schädliche Strukturen einfach wiederherzustellen? »Lieferketten im Stresstest – aber wollen wir wirklich die alten wiederhaben?«, mit dieser Frage überschrieb unlängst Ronald Bogaschewsky, Professor für Betriebswirtschafts- und Industriebetriebslehre an der Universität Würzburg einen Beitrag im ifo Schnelldienst. Ein falsch verstandenes globales Beschaffungswesen, bei dem für ein paar Prozent Kosteneinsparungen der weltweit billigste Anbieter gesucht wird, bedarf der Korrektur.

Die Covid-19-Rezession droht(e), die Euro-Zone mit geschlossenen Grenzen, abgebrochenen Lieferketten und einer Verstärkung der ökonomischen Unterschiede zwischen den Ländern zu zerreißen. Mittelfristig geht es darum, wieder mehr Beschaffung und Wertschöpfung in Europa aufzubauen. Komponenten aus Asien sind nach Berechnungen von Bogaschewsky gar nicht entscheidend günstiger, wenn alle Faktoren wie Logistik, staatliche Gebühren, Kommunikationsaufwand etc. eingerechnet werden. Preist man die klimapolitischen Folgen, die Verletzungen der Menschenrechte und die Abhängigkeit von undemokratischen Regimen ein, dann kommen diese Importe letztlich sogar teurer.

Die (einzige) Chance: Mehr Europa

Die Coronakrise bietet somit auch eine Chance für die europäische Gemeinschaft, näher zusammenzurücken und die notwendige sozial-ökologische Transformation voranzutreiben. Europa wird seinen eigenen Weg gehen müssen, um gegenüber der America-First-Politik und den Großmachtbestrebungen aus Fernost zu bestehen. Bei der beschriebenen Re-Kontinentalisierung der internationalen Wertschöpfungsketten spielt Größe eine entscheidende Rolle. Die Bundesrepublik ist zu klein, um mit den USA oder China konkurrieren zu können. Insofern ist die Kooperation auf europäischer Ebene die entscheidende Erfolgsvoraussetzung, um nicht nur den gemeinsamen, vertieften Absatzmarkt, sondern auch die gesamten europäischen Innovationsmerkmale zu nutzen.

So muss die Lehre aus dieser Krise lauten: Die wichtigsten Wirkstoffe und Abhängigkeiten identifizieren, Produktion nach Deutschland und in die EU zurückholen, Versorgungssicherheit und gute Arbeit schaffen. Es geht dabei um »technologische Souveränität« für Europa – auch, um sich seine Eigenständigkeit gegenüber China und den USA zu bewahren. Im Vordergrund sollten dabei hochqualitative, innovative Produkte stehen. Hierfür ist die Souveränität in zentralen technischen Zukunftsbereichen wie der Künstlichen Intelligenz (KI) und der Quantentechnologie die Voraussetzung, um mehr strategische Autonomie zu erreichen. Diese »technologische Souveränität« bedarf aber der politischen Intervention, nicht nur auf nationaler, sondern gerade auch auf europäischer Ebene. Im Zusammenspiel von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik sind innereuropäische Wertschöpfungsketten zu initiieren.

Dabei spielen die energiepolitischen Rahmenbedingungen eine große Rolle: Abgaben, Umlagen, CO2-Preise. Die Pandemie könnte der Anstoß für eine Energiepreisreform sein, die neue Geschäftsmodelle ermöglicht. Und der Aufbau der Infrastruktur ist entscheidend: Wasserstofftankstellen, Ladestationen, Strom- und Wassernetze, flächendeckende IT-Netze. Die Bundesregierung sollte die EU-Ratspräsidentschaft nutzen, damit die nationalen Anreize und die Initiativen der EU-Ebene in eine gemeinsame Richtung gehen. Die EU-Staaten haben – etwa im Energiebereich – sehr unterschiedliche Kompetenzen, die sich gut ergänzen können. Auch die osteuropäischen Länder sind Teil der europäischen Lieferketten und haben ein Interesse daran, dass diese nicht zusammenbrechen. Rückverlagerung muss dabei keineswegs ausschließlich von Nachteil und mit höheren Kosten verbunden sein. Jüngere Studien zeigen: Eine Verbesserung der Wertschöpfungstiefe kann zu verbessertem Know-how, höherer Produktivität und mittelfristig höheren Gewinnen im eigenen Unternehmensnetzwerk führen.

Dementsprechend muss in Zukunftstechnologien wie Digitalisierung, KI, Batterietechnik und die mit dem Green Deal verbundene ökologische Kreislaufwirtschaft investiert werden. Andere Initiativen wie klimaschonende Fertigungsprozesse etwa für Stahl, bei Rohstoffen und Cloud-Speichern könnten folgen.

Für ein Lieferkettengesetz

Die Coronakrise rückt Sachverhalte in den Vordergrund, die eigentlich schon immer bekannt waren, aber von weiten Teilen der Öffentlichkeit verdrängt wurden. Wir müssen dafür sorgen, dass es verantwortungsvolle Lieferketten gibt, in denen Arbeitnehmerrechte, »Gute Arbeit« und Umweltstandards an allen Stellen gesichert werden. Durch die Einhaltung von Umwelt-, Sozial- und Menschenrechtsstandards können Risiken vermieden und verlässliche Beziehungen zu Lieferanten aufgebaut werden, die gerade in Krisenzeiten die Wertschöpfung erhalten. Aktuell sind die Unternehmen gezwungen, ihr Risikomanagement zu verbessern und die Lieferketten neu aufzustellen.

Gerade in den letzten Monaten hat sich die gesellschaftliche und politische Debatte massiv verstärkt, welche die Verantwortung von Unternehmen und die Einhaltung von Sorgfaltspflichten in ihren Lieferketten thematisiert. Einige Firmen haben daher mit der Linie der Arbeitgeberverbände gebrochen und setzen sich selbst für ein Lieferkettengesetz ein. Und auch auf europäischer Ebene hat die Debatte Fahrt aufgenommen.

EU-Justizkommissar Didier Reynders kündigte unlängst einen Gesetzesentwurf für ein europäisches Lieferkettengesetz an. Deutschland sollte durch ein nationales Lieferkettengesetz, hier im Rahmen der Ratspräsidentschaft, Treiber der Entwicklung sein. Jetzt muss man das Zeitfenster nutzen: für nachhaltigere und ökologischere Lieferketten. Spezifische und sinnvolle Reorganisationsprozesse der Wertschöpfungsketten geschehen nicht von alleine, sondern bedürfen der politischen Rahmung.

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