Als der sozialdemokratische Pressedienst am 14.7.1954 eine neue Zweimonatszeitschrift ankündigte, »die die Probleme unserer Gesellschaft wissenschaftlich untersuchen will, nicht voraussetzungslos und unverbindlich, sondern von einem klar bezeichneten Standpunkt aus, von links«, wurde die Genese des Namens Die Neue Gesellschaft nicht weiter erläutert. Man wollte ja nach vorne schauen, verstand sich als Erneuerungsprojekt der SPD-Programmatik, das 1959 zum Godesberger Programm führte, und vermied so jeden Retrobezug auf die noch stark vom marxistischen Diskurs geprägte Vorläuferzeitschrift aus der Weimarer Republik.
Diese hieß Die Gesellschaft und erschien als Theorieblatt der Sozialdemokratie vom April 1924 bis zum März 1933 im parteinahen Dietz-Verlag. Man sucht sie in den wichtigsten Werken zur Geschichte der SPD und Arbeiterbewegung der Weimarer Jahre meistens vergebens. Sie stand im Schatten der unabhängig-revisionistischen Sozialistischen Monatshefte und vor allem Die Weltbühne entwickelte sich mit einer Auflage mit 15.000 Exemplaren zur entscheidenden Stimme linker Intellektueller in den Jahren vor 1933.
Führende Parteiintellektuelle
Die Gesellschaft selbst war Nachfolgerin der legendären, zunächst von Karl Kautsky geleiteten, SPD-Theoriezeitschrift Die Neue Zeit, die allerdings nach 40jährigem Erscheinen wie so vieles im Strudel der schwindelerregenden Inflation von 1923 untergegangen war. Im Jahr darauf, als die Existenzkrise der Republik vorerst überwunden war, beauftragte der SPD-Parteivorstand mit der Herausgabe keinen geringeren als Rudolf Hilferding, der mit seinem Hauptwerk Das Finanzkapital die marxistische Kapitalismuskritik erneuert hatte und der sogar Reichsminister der Finanzen war. Hilferding war hier zweifellos der Richtige: wie später auch Peter Glotz als Chefredakteur der NG/FH war er ein führender Parteiintellektueller, der wie Walter G. Oschilewski schrieb, »seinen Weg auf dem schmalen Grat zwischen Opportunismus und Illusionismus« (Neue Gesellschaft 8/77) ging. Sein Lebenswerk wird gerade in »seiner« Gesellschaft deutlich, einerseits die Restaurationspolitik der Rechtsparteien abzuwehren, andererseits Fehler und Halbheiten der republikanischen Regierungen zu überwinden. Seine Bedeutung für die SPD zeigt sich auch darin, dass Hilferding mit Kautsky 1925 das Heidelberger Programm der wiedervereinigten Sozialdemokratie formulierte – als dritten Weg zwischen nationalistischen Diktaturgelüsten und kommunistischem Utopismus.
Andere Zeitschriften des SPD-Parteivorstandes: »Lachen links« und die »Frauenwelt« mit Schnittmusterbögen.
Die – so der Untertitel – Internationale Revue für Sozialismus und Politik erschien als »die wissenschaftliche Zeitschrift der Partei« monatlich in einer Auflage von 5.000 Exemplaren im Vierteljahresabonnement zu schließlich 5,25 Reichsmark. Andere, ebenfalls nach 1924 neue Zeitschriften des SPD-Parteivorstandes, hatten eine weitaus größere Verbreitung: das Witzblatt Lachen links mit75.000 Exemplaren, die Frauenwelt mit Schnittmusterbögenmit65.000 Exemplaren oder das Fachblatt Die Gemeinde. Halbmonatsschrift für sozialistische Arbeit in Stadt und Land für rund 50.000 Gemeindevertreter und kommunale Praktiker der SPD.
Gesellschaftstheoretische Zugänge zu den Problemen der Zeit
Das zeigt, schon damals war es nur eine gebildete Minderheit, die sich mit gesellschaftstheoretischen Zugängen zu den Problemen der Zeit auseinandersetzen konnte und wollte. Welche Rolle fällt einer solchen parteinahen intellektuellen Avantgarde zu? Wieweit Politik, die der sozialen Gesellschaftsreform verpflichtet ist, auf wissenschaftlicher Analyse basieren muss, wieweit daraus ein Zukunftsnarrativ entstehen sollte, ist bis heute umstritten. Reaktionäre Sehnsucht nach alten Zeiten, Beliebigkeit, Verwaltung des Status Quo und Machtversessenheit passten jedenfalls damals wie heute nicht zur ernsthaften Suche nach einer besseren Gesellschaft.
Auf dem SPD-Parteitag 1924 in Berlin hieß es im Bericht des Parteivorstandes: »Die neue Schrift verspricht bei dem großen Kreis von Mitarbeitern aus der Arbeiterinternationale ein für tätige Sozialisten unentbehrliches Organ zu werden«. Das machte tatsächlich das Profil der Gesellschaft aus:
Nicht nur enthielt sie geschichtsphilosophische, den Marxismus fortentwickelnde bzw. revidierende Beiträge, »in der Hoffnung«, so Hilferding, »daß der Inhalt der Zeitschrift in ständigem Streben nach wissenschaftlicher Erfassung des ungeheuren Reichtums sozialen Lebens die Probleme vervollständigen, ihre Lösung untersuchen und so an dem Entstehen eines neuen, sozialen Weltbildes mitschaffen werde«.
Auch wurde dieser Bezug auf die Arbeiterinternationale eingelöst durch viele kluge Analysen der sozialen Verhältnisse, politischen Kämpfe und Arbeiterbewegungen anderer Länder. Allein im ersten Halbjahr ihres Erscheinens findet man etwa Texte zu Belgien, Schweden, England, Dänemark, Südslawien, Russland, Frankreich, USA, Japan, Italien, Tschechoslowakei. In der journalistischen Praxis konterkariert diese europäische, manchmal globale Sichtweise vieler Beiträge den deutschtümelnden autoritären Nationalismus, der ja nicht nur zu Weimarer Zeiten der eigentliche ideologische Gegenspieler des demokratischen Sozialismus war (und dessen Wiederauferstehung wir gerade wieder erleben).
Kritik am autoritären Denken
Einmal immerhin erinnerte sich die Neue Gesellschaft ihrer Vorgängerin: In Heft 4/1964 lieferte Claus Inselmann einen instruktiven Überblick der Texte aus neun Jahrgängen, denen durchaus »über die damalige Zeit hinausgehende Erkenntnisse zu entnehmen« seien. Aus den Zwischenüberschriften, mit denen er seine Lektüre-Fleißarbeit gliederte, erschließt sich die Themenbreite mit der sich Die Gesellschaft in den 20er Jahren beschäftigte: »Kritik am autoritären Denken. Recht und Staat. Einheitsstaat und Selbstverwaltung. Notstandsprobleme. Um ein neues Strafrecht. Die Armee in der Demokratie. Ökonomische Fragen. Jugend, Erziehung, Kultur. Sozialistische Bewegung und Gewerkschaften.«
Die Spannbreite der Autoren verweist auf einen linken Pluralismus und eine undogmatische Debattenkultur.
Die Spannbreite namhafter (allerdings vor allem männlicher) Autoren verweist auf einen linken Pluralismus und eine undogmatische Debattenkultur, u.a. Gustav Radbruch, Paul Tillich, Siegfried Marck, Karl Kautsky, Ferdinand Tönnies, Friedrich Meinecke, Arthur Rosenberg, Herbert Marcuse. Und von der jüngeren Generation u.a. Walter Benjamin, Hannah Arendt, Theodor Geiger, Otto Kirchheimer, Carlo Mierendorff, Julius Leber, Herbert Marcuse, Erich Rinner, Theodor Haubach. Welch interessante Mischung aus politisch engagierten Wissenschaftlern und intellektuelleren Politikern.
Im ersten Heft beschrieb Hilferding das Selbstverständnis, gab gewissermaßen die für die nächsten Jahre geltende Linie vor. Am Beginn stand die Absage an ideologische Dogmatik im Sinne eines, wie man heute sagen würde, offenenDiskursorgans: »Müssen wir erst sagen, daß unsere Zeitschrift in solcher Zeit nicht mit dem Anspruch auftreten kann noch will, ein fertiges System der Erkenntnis aus dem neuen ungeheuren Erfahrungskomplex heimzubringen? Erst aus dem Ringen um soziale Erkenntnis, für die die Zeitschrift eine Freistatt sein soll, wird sich einheitliche Auffassung, wird sich die Ueberlegenheit bestimmter Forschungsmethoden ergeben können.«
Eindeutig ist Hilferdings Bekenntnis zum demokratischen Staat und von daher auch in der Gesellschaft die konsequente Verteidigung der Weimarer Demokratie gegen ihre Feinde: »Die Arbeiterschaft betrachtet die Republik als ihr Werk, sie ist Träger dieser Staatsform, die ohne ihre leidenschaftliche Unterstützung und Verteidigung unmöglich wäre. Das starre politische System von ehedem ist plastisch geworden, ihrer Einwirkung zugänglich.«
Dabei gehe die wirtschaftsdemokratische »Ausgestaltung der Oekönomie stets nur in andauernder organischer Entwicklung, also evolutionär, vor sich.« So vertrat Hilferding die Grundhaltung konstruktiver Reformpolitik – was ja nicht selbstverständlich war, noch 25 Jahre zuvor hatte der SPD-Parteitag den Reformismus von Eduard Bernstein zurückgewiesen. Jetzt will sich die Zeitschrift an den wissenschaftlichen Debatten zur Ausgestaltung sozialistischer Politik beteiligen: »Wenn Engels sein und Marxens Lebenswerk als den Fortschritt des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft bezeichnete, so handelt es sich jetzt um die Anwendung der Sozialwissenschaft auf die soziale Organisation. Es wäre der Uebergang vom wissenschaftlichen zum konstruktiven Sozialismus.«
»Die Zeitschrift will sich an den wissenschaftlichen Debatten zur Ausgestaltung sozialistischer Politik beteiligen.«
Im Herbst 1924 erläuterte Hilferding unter der Überschrift »Realistischer Pazifismus« Grundsätze sozialdemokratischer Außenpolitik, die aller Zeitenwende zum Trotz auch auf heutige Debatten verweisen: »Es handelt sich um Einschränkung der Souveränität der Einzelstaaten durch Schaffung überstaatlicher Organisation. Einschränkung der wirtschaftlichen Souveränität, damit nicht durch wirtschaftliche Absperrung der Staaten voneinander monopolistische Tendenzen des organisierten Kapitalismus, die zu gewaltsamen Eruptionen drängen, übermäßig durch staatliche Eingriffe gesteigert werden und gewaltsame Gegenwirkungen anderer Staaten provozieren. Einschränkung der politischen Souveränität, also Begrenzung der einzelstaatlichen Machtpolitik und ihrer Mittel durch obligatorische Schiedsgerichte und Abrüstung«.
Diese transnationale Sicht der Dinge – wozu passt, dass das Heidelberger Programm der SPD 1925 gar die Vereinigten Staaten von Europa vorsah – ging soweit, eine gemeinsame demokratische Öffentlichkeit in Europa zu fordern, wie sie im Übrigen bis heute noch nicht existiert, die politischen Kulturen sind bekanntlich weiterhin vor allem national geprägt. Kautsky formulierte in Die Gesellschaft: »Auf keinen Fall wird bei der Fülle der internationalen Aufgaben für den Sozialismus unserer Zeit und der großen Anzahl von Staaten, die an ihrer Lösung mitzuwirken haben, ein deutsches Organ allein genügen das erforderliche gemeinsame günstige Band für die Proletarier aller Länder zu bilden. Wir hoffen und wünschen das Gedeihen und die kraftvolle Entfaltung der Gesellschaft nicht zum mindesten deshalb, weil wir erwarten, daß dadurch der Anstoß zu ebenbürtigen Schwesterpublikationen sozialistischer Parteien englischer und französischer Zunge erteilt wird.«
Verkennen der historischen Situation
Aus diesem europäischen Traum wurde das Scheitern der Demokratie, die blutige Machtergreifung der Nazis, der expansive Vernichtungskrieg, die Shoa. Bei Durchsicht der letzten Ausgaben bis März 1933 hat man dasselbe Erlebnis wie bei der Weltbühne: Es überwiegt der Eindruck eines Business as usuell. Man findet ganz zu Ende noch Beiträge wie von Otto Kirchheimer, der aus sozialdemokratischer Sicht Fragen der Verfassungsreform aufwirft, von Max Schneider, der das Wahlverhalten von Frauen seit 1918 analysiert, oder von Fritz Naphtali, der einen analytischen Rückblick auf die Weltwirtschaftskrise liefert. Und Reflexionen zum 50. Todestag von Karl Marx über den sozialdemokratischen Weg, der sich nicht mehr am Marxschen Loblied der Revolutionsbarrikaden der Pariser Commune von 1871 orientiert, sondern am späten Engels, der sich der Vorstellung annäherte, über gewonnene Wahlen den Kapitalismus zurückzudrängen.
Alles wichtige Texte, aber in dieser historischen Situation? Die Dimension des Zivilisationsbruches und der bevorstehenden Katastrophe war offenbar auch der intellektuellen Parteielite nicht klar. Hilferding feierte gar zum Auftakt des Jahres noch, dass die Reichspräsidentenwahlen 1932 Hitler nicht an die Macht gebracht hatten, und er blickte optimistisch in die Zukunft: der Abstieg der in die Legalität gebannten Nationalsozialisten würde sich fortsetzen, denn »die absteigende Partei hat die Chance die Alleinmacht durch die Verdrängung ihrer Regierungspartner doch noch zu erobern in verschwindend geringerem Ausmaße als die aufsteigende«. Welche Fehleinschätzung!
Es kam bekanntlich anders. Nicht nur Die Gesellschaft, die SPD selbst und alles Demokratische wurden verboten, der Naziterror wurde für Linke, Unangepasste und Juden tödliche Bedrohung. Der 84jähige Kautsky musste nach dem »Anschluss Österreichs« an das Nazireich im März 1938 in die Niederlande emigrieren, wo er im Oktober in Amsterdam starb. Der 74jährige Hilferding wurde Februar 1941 zusammen mit Rudolf Breitscheid in Marseille verhaftet und von französischen Behörden an die Gestapo ausgeliefert. Er starb zwei Tage später im Pariser Gestapo-Gefängnis, nachdem er auf dem Weg dorthin schwer gefoltert worden war.


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