Hätte es so kommen können wie in Thomas Brussigs satirischem Wenderoman Helden wie wir? Dort fällt die Berliner Mauer durch das riesengroße Genital des Stasi-Mitarbeiters Klaus Uhltzscht. Brussigs Schlusskapitel »Der geheilte Pimmel« ist ein Höhepunkt der frühen Wendeliteratur. Selten war DDR-Nonsens ähnlich unterhaltsam – allenfalls in der 30 Jahre später erschienenen Kifferkomödie Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste von Jakob Hein. Der Roman spekuliert launig über jenen von der BRD gewährten Milliardenkredit, der dem siechenden Sozialismus 1983 einige Extra-Jahre ermöglicht hatte.
Während die realen Hintergründe des spektakulären Deals zwischen CSU-Chef Franz Josef Strauß und DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski im Dunkeln liegen, zieht Jakob Heins Grischa einen staatlichen Haschischhandel in Grenznähe auf, um West-Berlin so lange mit Rauschgift zu überschwemmen, bis die BRD von sich aus den antifaschistischen Schutzwall bewacht – so wie sie seit der Haschischlegalisierung die Grenze zu den Niederlanden kontrollieren. Der Plan geht in großen Teilen auf. Erst nachdem besagter Milliardenkredit geflossen ist, stellt die DDR ihren Guerilla-Klassenkampf ein.
Die Resignifikation der DDR
Wären nur mehr Storys über »den Osten« so schmissig wie Brussigs und Heins Spekulationen. Doch es kursieren unüberschaubar viele Geschichten über die 41 Jahre währende Republik, und viele sind unangenehm heroisch. »Hunderttausende in Leipzig und anderen großen, aber auch kleineren Städten – das klingt eindrucksvoll. Doch belegt es ebenso, dass damals über 15 Millionen, das heißt die überwältigende Mehrheit, hinter den Gardinen abgewartet hatte, ›was nun wird‹«, erinnert der ostdeutsche Publizist Marko Martin in seinem 2025 erschienenen Essay Freiheitsaufgaben an die Montagsdemonstrationen 1989/90.
Martin ergänzt, dies sei »keine Schelte aus zeitlicher oder geografischer Ferne, sondern ein nachgetragener Faktencheck. Ihn anzunehmen, könnte auch Ammenmärchen geraderücken wie das vom ›89er Revolutionsvolk‹, das danach vom Westen bitter enttäuscht worden sei und allein deshalb drei Jahrzehnte lang an den Wahlurnen die Nachfolger der einstigen Staatspartei SED am Leben gehalten und jetzt sogar die rechtsextreme AfD zur stärksten Partei im Osten gemacht hat.«
Eine solche Aussage tönt in einen enormen Hallraum, denn 2026 finden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern statt. Mancherorts wird bang auf die möglichen Ergebnisse geschaut und die DDR, der Blick zurück in die Geschichte, ist in ostdeutschen Bundesländern Wahlkampfthema. In welcher Weise AfD und BSW die DDR als Sehnsuchtsort inszenieren, um an ihre Wählerinnen und Wähler zu kommen, beschreibt Historiker Volker Weiß in seiner lesenswerten Studie Das Deutsche Demokratische Reich und erzählt, dass bereits 2019 im Brandenburgischen Wahlkampf auf AfD-Plakaten zu lesen war: »Damals wie heute: Wir sind das Volk!«
Dieser Artikel ist noch nicht im Volltext freigeschaltet.
Sie können aber hier die
Ausgabe
bestellen
.


Kommentare (0)
Keine Kommentare gefunden!