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100 Jahre PEN Vom Dinnerclub zur modernen NGO

Als sich im Oktober 1921 40 Autorinnen und Autoren im beliebten Londoner Restaurant Florence versammelten, um einen Dinnerclub für Literaten ins Leben zu rufen, hätte sich wohl kaum einer der Anwesenden träumen lassen, dass aus dieser Idee die – wenn man so will – älteste NGO der Welt entstehen würde, mit inzwischen rund 150 Zentren in über 100 Ländern und schätzungsweise rund 40.000 Mitgliedern in aller Welt.

Ein Foto des Gründungsdinners zeigt Damen und Herren in Abendgarderobe, und auch die Speisefolge des sechsgängigen Festmenüs mutet edel an – Turbot Mornay, Médaillon de Bœuf Bordelaise, Grouse Rôtie und anderes mehr. Dazu hielt der erste Präsident John Galsworthy eine Tischrede. In sein Amt war er noch nicht demokratisch gewählt, sondern von der Gründerin des Clubs, der umtriebigen Schriftstellerin Catherine Amy Dawson Scott – Spitzname Sappho – berufen. »Wir Schriftsteller«, sagte Galsworthy, »sind gewissermaßen die Treuhänder der menschlichen Natur, und wenn wir engherzig und voller Vorurteile sind, schaden wir der gesamten Menschheit. Aber je besser wir einander kennen (…), desto größer sind die Aussichten der Menschheit auf Glück in einer noch nicht allzu glücklichen Welt.«

Das Ende des Ersten Weltkriegs lag erst drei Jahre zurück, und man wollte für Frieden und Völkerverständigung einstehen – eine Art Völkerbund der Literaten, »die Vereinigten Staaten von Europa und Nordamerika in der Literatur«, wie es Dawson Scott nannte. Diesem Anliegen des internationalen Austauschs und der Versöhnung unter ehemaligen Kriegsgegnern war wohl auch die Parole Galsworthys geschuldet: »No politics in the PEN« – keine Politik! Dass man mit diesem Motto nicht durchs 20. Jahrhundert kommen konnte, sollte sich spätestens 1933 zeigen. Angesichts der barbarischen Bücherverbrennungen und der Verfolgung prominenter PEN-Autoren durch die Nationalsozialisten war Schweigen keine Option, denn es wäre nicht weniger politisch gewesen als die kritische Positionierung und der Protest.

In der Folge entstand jener Einsatz für verfolgte Autorinnen und Autoren sowie für Writers in Exile, für den der PEN bis heute renommiert ist. Nach dem Vorbild des PEN-Komitees für Writers in Prison wurde später übrigens Amnesty International gegründet, und es ist sicher kein Zufall, dass bei der Gründung der deutschen Sektion von Amnesty mit Carola Stern und dem 2020 verstorbenen Journalisten Gerd Ruge zwei deutsche PEN-Mitglieder beteiligt waren.

Richtschnur allen Handelns ist dabei die schlanke Charta, die jedes PEN-Mitglied unterzeichnet und deren Formulierungen noch auf Galsworthy und die Anfänge zurückgehen. »Literatur kennt keine Landesgrenzen«, heißt es darin, und die Mitglieder verpflichten sich, »jeder Art der Unterdrückung der freien Meinungsäußerung in ihrem Lande, in der Gemeinschaft, in der sie leben, und wo immer möglich auch weltweit entgegenzutreten«.

Das fragwürdige Recht, sich beleidigt zu fühlen

Die Formen der Unterdrückung sind freilich vielfältig geworden. Längst geht es nicht mehr nur darum, sich gegen staatliche Zensur und Verfolgung durch autoritäre Regimes zur Wehr zu setzen, wenngleich der Kampf gegen diese Formen der Unterdrückung des freien Wortes nach wie vor einen Großteil der Arbeit ausmacht. Man denke bloß an den nur zum Sterben aus der Haft entlassenen chinesischen Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo, an die ermordete russische Journalistin Anna Politkowskaja, deren Kollege von der Nowaja Gazeta, Dmitri Muratow, 2020 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, gemeinsam mit der philippinischen Journalistin Maria Ressa.

Man denke an Can Dündar und Aslı Erdoğan, für die sich nur die Alternative »Gefängnis in der Türkei oder Leben im Exil« stellt, an Stella Nyanzi aus Uganda, die wegen eines Schmähgedichts auf den Präsidenten zur Staatsfeindin erklärt wurde, oder die Filmemacherin und Schriftstellerin Tsitsi Dangarembga aus Zimbabwe, 2021 mit dem Friedenspreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels geehrt; sie hat in ihrem Land ein PEN-Zentrum gegründet.

Eine andere Art, ja eine andere Ära der Unterdrückung des freien Wortes wurde im Februar 1989 mit der Fatwa gegen den britischen Schriftsteller Salman Rushdie eingeläutet, als der politische und religiöse Führer der Islamischen Republik Iran, Ayatollah Chomeini, alle gläubigen Muslime aufforderte, den Verfasser des Romans Die satanischen Verse sowie alle an der Verbreitung des Romans Beteiligten – also Verleger und Verlagsmitarbeiterinnen, Übersetzer und Buchhändlerinnen – zu töten. Der Roman verunglimpfe den Islam und verletze die religiösen Gefühle aller Muslime.

In seinem Essay Zivilisierte Verachtung. Eine Anleitung zur Verteidigung unserer Freiheit hat der schweizerisch-israelische Philosoph und Existenzialpsychologe Carlo Strenger die Fatwa gegen Rushdie als »Testfall« für den Westen analysiert, bei dem manche Reaktion enttäuscht habe. So sprach sich kein Geringerer als John Le Carré in einem Leserbrief gegen eine Taschenbuchausgabe des Romans aus: Niemand habe »das gottgegebene Recht, eine großartige Weltreligion zu beleidigen und dann ungestraft veröffentlicht zu werden«.

Ungestraft? Hat John Le Carré seine Worte, wie es ein Schriftsteller sollte, auf die Goldwaage gelegt? Wollte er wirklich die angedrohte Todesstrafe, vollzogen durch wen auch immer, der gerade Lust hat zu töten und dabei en passant das ausgesetzte Kopfgeld in Höhe von einer Million Dollar kassiert hätte, wenn nicht befürworten, so doch achselzuckend in Kauf nehmen? Hätte er mit derselben Verve etwa die britische Komiker-Gruppe Monty Python einer Fatwa preisgegeben, gegen deren Film The Life of Brian zehn Jahre zuvor insbesondere christliche, aber auch jüdische Vereinigungen scharf protestiert hatten, weil sie ihre Gefühle verletzt sahen? Ihr Protest beschränkte sich freilich auf die Forderung nach Aufführungsverboten oder Boykott.

»Die Idee der liberalen Demokratie und die Grundwerte der Aufklärung«, darauf wies Carlo Strenger hin, »können von dem Recht, intellektuelle Kritik zu üben und Satire zu veröffentlichen, nicht getrennt werden; dass dabei mitunter die Gefühle der Kritisierten verletzt werden, lässt sich nun mal nicht vermeiden (...)«.

Auf den Punkt brachte dies auch Zineb El Razhoui, die als Redakteurin der Satirezeitschrift Charlie Hebdo dem Massaker in ihrer Redaktion nur durch Zufall entkam. Es gebe wohl ein Grundrecht auf freie Meinungsäußerung, sagte sie bei einer PEN-Zusammenkunft; vom Recht darauf, sich beleidigt zu fühlen, habe sie hingegen noch nie gehört.

Bangladesch, Mexiko, Afghanistan

Ein Land, in dem sich besorgniserregende Akte brutaler Selbstjustiz häufen, die auf das Konto religiöser Terroristen gehen, ist Bangladesch. So wurde der Universitätsprofessor Rezaul Karim Siddique – er schrieb unter anderem Kurzgeschichten und Gedichte – im April 2016 auf dem Weg zur Arbeit von islamistischen Eiferern attackiert und mit Macheten getötet. Ein Jahr zuvor war schon der humanistische Freidenker und Rationalist Avijit Roy auf dem Heimweg von einer Buchmesse ebenfalls mit Macheten angegriffen worden. Er erlag seinen Verletzungen, seine Frau überlebte schwer verletzt.

Auch diese Liste an Beispielen ließe sich verlängern, schreckliche Einzelschicksale. Gemeinsam ist ihnen die oftmals anschließende Straflosigkeit der Täter, im Fall Bangladeschs vielleicht nur aufgrund eines schwachen Staates. Wenn wir aber an Mexiko mit seiner erschreckend hohen Fallzahl an getöteten Journalistinnen und Journalisten denken, so arbeiten dort wohl eher organisierte Kriminalität und korrupte staatliche Instanzen Hand in Hand – eine »unheilige Dreifaltigkeit« von Korruption, Gewalt und Straffreiheit, wie es der frühere Präsident von PEN International, John Ralston Saul nannte. Und seine Nachfolgerin im Amt, Jennifer Clement, konstatierte traurig, in Mexiko, wo sie lebt, gebe es keine »Writers in prison: We have writers in graves«.

Die Case-list des PEN International benennt Mexiko und Afghanistan als die tödlichsten Länder für Journalisten im Jahr 2020. 2021 dürfte sich diese Zahl in Afghanistan traurigerweise erhöhen. So hat der PEN allein im August mehrere afghanische Mitglieder verloren, die auf offener Straße von den Taliban ermordet wurden. Andere warten nach wie vor verzweifelt auf ein Visum, PEN-Zentren in aller Welt bemühen sich seit August 2020 um Möglichkeiten der Ausreise für sie.

Strukturelle Gefahren

Angesichts solch existenzieller Bedrohung mögen andere Formen der Unterdrückung des freien Wortes vergleichsweise harmlos anmuten, dennoch sind sie es nicht. Zu nennen wäre die Bedrohung der Freiheit des Wortes durch Internet-Giganten, die sogenannte GAFA-Connection: Google, Apple, Facebook und Amazon, eine große, weltweite Überwachungsmaschinerie; zu nennen wären auch die Trollfabriken in Petersburg und anderswo, die uns mit Fake News bombardieren; zu sprechen wäre über das Thema der Zensur durch Algorithmen und Marktmechanismen und darüber, wie das Urheberrecht im Zeitalter der Digitalisierung so gestaltet werden kann, ohne dass Autoren und Urheberinnen in grandiosem Stil enteignet werden.

Zu sprechen ist über die zunehmende Zahl der Angriffe auf Journalisten im Kontext rechtsextremer Demonstrationen ebenso wie über Hatespeech und Hetze und darüber, wie diese verstärkt zu Selbstzensur führen; hierzu hat der deutsche PEN gemeinsam mit der Universität Rostock eine aussagekräftige Untersuchung durchgeführt. Apropos Selbstzensur: Die PEN-Charta benennt sehr schön das Spannungsfeld, man könnte auch sagen, die Dialektik zwischen Freiheit und Verantwortung.

Freiheit schließt auch freiwillig geübte Zurückhaltung ein: Nicht jede sprachliche Sensibilisierung und Rücksichtnahme, als Political Correctness diffamiert, bedeutet schon Zensur, und nicht jedes kritische Abstandhalten gegenüber Angriffen auf die Menschenwürde ist gleich Cancel Culture.

Hier werden wir im Einzelfall immer wieder nachdenken, diskutieren, aushandeln und ausloten müssen, Irrtümer inbegriffen. Nicht nur die Mitglieder der schreibenden Zunft, sondern jede und jeder Einzelne von uns, wo immer wir stehen. Dafür wünsche ich uns allen Courage und Zuversicht, dazu Ausdauer und die nötige Portion Gelassenheit. Dem PEN, der die für Herbst 2021 geplante Jubiläumsfeier im Mutterland der Organisation pandemiebedingt absagen musste und nun 100 Jahre+1 feiert, bis man sich im September 2022 hoffentlich leibhaftig im schwedischen Uppsala wird treffen können – sei gewünscht, dass er in nochmal 100 Jahren überflüssig sein möge – in dann wirklich glücklicheren Zeiten.

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