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Vom Gebrauch und Missbrauch des Marxismus

Das Werk von Karl Marx und Friedrich Engels hat auf das Sozialismusverständnis in Deutschland, aber auch in anderen Ländern Europas, mit Ausnahme Skandinaviens und anfänglich auch Großbritanniens, und der sogenannten Dritten Welt lange Zeit einen beherrschenden Einfluss ausgeübt. Es wirkt in abgeschwächter Weise bis heute fort und wird in Krisensituationen von mobilisierten linken Milieus regelmäßig neu belebt. Gegenwärtig sind wir Zeugen einer eigenartigen Marx-Renaissance, die vom bürgerlichen Feuilleton, über linke Akademiker und Intellektuelle bis hin zur Kommunistischen Partei Chinas reicht, in der dieses Erbe längst abgehakt schien. Diese erstaunliche Bandbreite des Interesses kann nicht überraschen, sie hat die Geschichte des Marxismus fast von Anfang an über ein ganzes Jahrhundert hinweg immer geprägt. Die beispiellose Bandbreite der »Verwendungen« dieser Lehre im Spannungsfeld zwischen dem emanzipatorischen Reformismus der Sozialdemokratie und den diktatorischen Legitimationsinteressen des »Marxismus-Leninismus« ist allerdings kein Zufall. Sie hat eine Basis im marxschen Werk selbst. Allerdings gibt es in seinem Denken einen harten humanistischen Kern, der eine deutliche Grenze zwischen seinem Gebrauch und dem Missbrauch zu politischen Zwecken markiert.

Auf jeden Fall hält die verbreitete, ebenfalls in erster Linie politischen Zwecken dienende Vorstellung, Marx’ Werk enthalte den Leninismus, weder der Geschichte der demokratischen Arbeiterbewegung noch der ideengeschichtlichen Forschung stand. Für die Rezeption der marxschen Lehre in der demokratischen Arbeiterbewegung war nämlich immer der »demokratische« Marx in Verbindung mit den Beiträgen von Engels maßgeblich. Zentral für diese Wirkungsgeschichte war die Forderung des Kommunistischen Manifestes (1848), für die sozialistische Arbeiterbewegung gelte es, zunächst die Demokratie zu erkämpfen, in deren Rahmen sodann die »gesellschaftliche« Kontrolle des Eigentums an Produktionsmitteln schrittweise zu organisieren sei. Das von Engels forcierte Verständnis der Geschichte als eine Art naturgesetzlichen Geschehens wurde im Sozialismus der sozialdemokratischen Parteien lediglich als eine wissenschaftliche Bestätigung dafür verstanden, dass sie und ihre Sache den »Rückenwind der Geschichte« haben.

Marx und Engels selbst hatten zwar eine radikale Kritik des Kapitalismus hinterlassen und die scheinbar »wissenschaftliche« Gewissheit, dass die Geschichte der Klassenkämpfe erst ihr Ende finden werde, wenn eine »für und durch die Gesellschaft betriebene Produktion« eingerichtet ist. Sie hatten aber nie beschrieben, wie eine solche sozialistische Produktionsweise organisiert sein könnte, die – ihren eigenen Imperativen gemäß – gleichzeitig die Selbstbestimmung der Produzenten in der Arbeit und die rationale gesamtwirtschaftliche Regelung der Produktion ermöglicht. Diese für jede politische Wegbestimmung empfindliche Lücke ließ, wie sich historisch zeigen sollte, für ihre Füllung im praktischen Handeln viele höchst unterschiedliche Varianten zu. Der eher selten und beiläufig von Marx und Engels benutzte Ausdruck »Diktatur des Proletariats« war aber ausschließlich darauf bezogen, dass eine demokratisch gewählte »Arbeiterregierung« das »bürgerliche« Grundrecht auf Privateigentum an großen Produktionsmitteln, dem Besitzbürgertum besonders heilig, nicht respektieren würde. Sie sollte vielmehr eine Regierung für und durch die »ungeheure Mehrheit« ermöglichen.

Die sozialdemokratischen Parteien und zahlreiche basisdemokratische linke Milieus außerhalb der großen Parteien, vor allem in den Gewerkschaften, haben daher ihre demokratischen Programme bis zum Ende der Weimarer Republik zur Gänze und danach bis in die Gegenwart hinein in Teilen mit Bezug auf die Theorie von Marx begründet. Noch im geltenden Grundsatzprogramm der deutschen Sozialdemokratie gilt der Marxismus getreu ihrer über 150-jährigen Geschichte als eine der Wurzeln der sozialen Demokratie. Der von Wladimir Iljitsch Lenin und seinen Gefolgsleuten seit dem Ersten Weltkrieg auf der Basis seiner Erfahrungen im autokratischen Russland entwickelte (später so genannte) »Marxismus-Leninismus« stellt hingegen, auch wenn er an einzelne Elemente bei Marx freihändig anknüpft, einen Bruch auf ganzer Breite mit dem ursprünglichen demokratischen Marxismus dar. Zum Angelpunkt dafür wurde Lenins fundamentalistische Umdeutung der marxschen Geschichtsphilosophie in ein unumstößliches Dogma, das den in seine Geheimnisse eingeweihten Berufsrevolutionären die höhere Berechtigung verleiht, im Namen der Geschichte zu handeln und alle Grundrechte und demokratischen Normen zu missachten, wo immer sie der Vollstreckung der »Wahrheiten« dieses Dogmas im Wege stehen. Der erbitterte Kampf zwischen den leninistischen Kommunisten und den demokratischen Sozialisten, der die Arbeiterbewegung spaltete und sich vor allem in Westeuropa zwischen 1917 und 1921 vollzog, war darum nicht etwa ein Ringen um die Anerkennung oder Ablehnung des »Marxismus«. Strittig war allein, ob die demokratische Deutung oder die leninistische Umdeutung dem Erbe von Marx gerecht wird. Es war das Ringen zwischen einer fundamentalistischen und einer demokratisch offenen Deutung der Theorie von Marx.

Lesarten und politische Interessen

Das Werk von Marx selbst aber ist nicht nur durch die ungewöhnliche Vielfalt der Themen und die große Varianz zwischen theoretischer Grundlagenarbeit und aktuellen politischen Stellungnahmen, sondern auch infolge der langen Zeitspanne von vier Jahrzehnten, in denen es Gestalt annahm, voller Spannungen und Divergenzen, bis hin zu unleugbaren Widersprüchen. Daher lässt auch der direkte Zugriff auf die Texte heute keine schnellen und eindeutigen Antworten oder gar Rezepte für die offenen Fragen der Gegenwart erwarten. Und eben darum bietet es in verschiedenen Situationen immer wieder Anknüpfungspunkte für das Verständnis der Lage oder für ihre kompromisslose Kritik.

Eine kurze Erinnerung an die hauptsächlichen Lesarten des Marxismus und ihre jeweiligen Probleme dürfte aus den genannten Gründen zweckdienlich sein. Vorwegzuschicken ist dabei die Feststellung, dass außer in den allerersten Jahren, zu Marx’ Lebzeiten selbst, sein Werk und seine Ideen stets in einer sehr speziellen Lesart durch andere politische Interpreten als »Marxismus« Eingang in die Organisationen der Arbeiterbewegung oder linke intellektuelle Milieus gefunden hat. Diese Varianten des »Marxismus« waren von den besonderen Deutungsmustern ihrer Zeit und politisch situativen Interessen und Sichtweisen der für das jeweilige Deutungsparadigma Verantwortlichen geprägt. Dergleichen ereignet sich in gewissen Grenzen bei der aktuellen Aneignung jedes theoretischen Erbes.

Der Marxismus der (west-)europäischen Sozialdemokratie vor dem Ersten Weltkrieg war in erheblichem Maße durch die naturwissenschaftlich gefasste Weltanschauung von Friedrich Engels und die Evolutionslehre von Charles Darwin geprägt. Die Geschichte erschien in diesem Lichte viel stärker als im Werk von Marx selbst als eine Art naturähnlicher Evolutionsprozess, der durch das Handeln der Menschen in den großen Linien im Grunde gar nicht und in den kurzfristigen Episoden nur bedingt beeinflusst werden kann. Infolgedessen dominierte die Funktion des Marxismus als legitimierende und motivierende Weltanschauung auf Kosten des stets stark geschwächten Nachdenkens über die nächsten Schritte der konkreten Praxis. Die für das zielgerichtete aktive Handeln notwendigen Analysen, Konzepte und konkreten Programme, für die es bei Marx selbst nur allzu allgemeine Hinweise, aber keine ausgearbeiteten Theorien gibt, blieben darum im demokratischen Teil der »marxistischen« Arbeiterbewegung stets unterentwickelt. Ein kennzeichnender Dualismus zwischen geglaubter »Theorie« im allgemeinen Teil der Parteiprogramme und Aktionsprogrammen im Handlungsteil beherrschte allzeit diese Traditionslinie.

Lenins Deutung des Marxismus – nicht der Marxismus selbst – besiegelte die Spaltung der internationalen Arbeiterbewegung und schuf den Marxismus-Leninismus als verbindliche Weltanschauung und Legitimationstheorie der kommunistischen Parteien im 20 Jahrhundert. Da Lenin im Marxismus eine Handlungsanleitung für die Revolution in einem ganz überwiegend agrarischen Land suchte, in dem die Arbeiterklasse nur eine sehr kleine Minderheit der Gesellschaft und die bäuerliche Landbevölkerung durchweg von jeglicher Bildung abgeschnitten war, spitzte er einzelne Elemente der marxschen Theorie im Hinblick auf diese Situation zu. Dazu gehörte die weiter verschärfte naturwissenschaftliche Deutung der Gesetze der Geschichte als allgemeine Legitimation für das Handeln der Berufsrevolutionäre und die Dogmatisierung der Etappen der historischen Entwicklung sowie die Ersetzung des Ziels Vergesellschaftung der Produktionsmittel durch ihre Verstaatlichung. Daran knüpften die großen Strömungen der Befreiungsbewegungen der Dritten Welt an, soweit sie sich auf den »Marxismus« beriefen. Sie gaben, zusätzlich zur leninistischen Avantgarde-Theorie dem marxschen Begriff der Arbeiterklasse eine so weit gefasste neue Deutung, dass die Bauernschaft in ihren Agrargesellschaften in die emanzipatorische Rolle des marxschen »Proletariats« schlüpfen konnte.

Der »westliche Marxismus«

Von diesen drei Hauptvarianten des Marxismus unterscheidet sich der sogenannte »westliche Marxismus«, der in Europa seit den 20er Jahren bis in die Gegenwart Bedeutung erlangte, vor allem dadurch, dass er in all seinen höchst unterschiedlichen Variationen (von Georg Lukács, über Antonio Gramsci und Karl Korsch bis zur Frankfurter Schule) keine direkte Verbindung zur Arbeiterbewegung und ihren Parteien mehr hatte und insofern von jedem Praxisbezug gänzlich abgeschnitten war. Seine Träger waren intellektuelle Kapitalismus- und Kulturkritiker, die vor allem marxistisch inspirierte Erklärungen dafür suchten, warum in der westlichen Welt die große Revolution ausgeblieben war, die Arbeiterklasse kein marxistisch geprägtes Klassenbewusstsein entwickelte und die Politik beider verfeindeter Brüder der Arbeiterbewegung, der Sozialdemokraten wie der Kommunisten, jeweils auf ihre eigene Weise der »wahren« Theorie von Marx nicht gerecht wurde. Infolgedessen verlagerte sich ihr Schwerpunkt stark auf die kulturelle und teilweise auch auf die individuelle Sphäre der Gesellschaft, dem Ort, wo die Deutungsmuster der Gesellschaft und das Bewusstsein der modernen Arbeiterklasse hauptsächlich geprägt werden. Auf diese Weise ergaben sich durchaus fruchtbare Synthesen zwischen Marx und der Psychoanalyse Sigmund Freuds (Frankfurter Schule) sowie zwischen Marx und dem Existenzialismus (Frankreich). Die Verbindung zwischen Marx und der kantischen Ethik, dem sogenannten Austromarxismus, allerdings spielte als Grundlage der Österreichischen Arbeiterbewegung jahrzehntelang eine bedeutende Rolle.

Über die scharfen Gegensätze hinweg war dem in den verfeindeten Parteien der Arbeiterbewegung befolgten Marxverständnis doch gemeinsam, dass sie den »Marxismus« als eine umfassende Weltanschauung verstanden. Damit fundierte er nicht nur die großen politischen und sozialökonomischen Zielsetzungen, sondern auch die Antworten auf existenzielle Fragen des »Sinns« der menschlichen Geschichte und des individuellen Lebens. Auch der »westliche«, von der Arbeiterbewegung getrennte, »Marxismus«, überwiegend eine Angelegenheit von Intellektuellen, mochte für den Einzelnen bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts eine ähnliche integrale Lebensbedeutung haben. Die weltanschaulich-ethischen Energien beider Varianten des Marxismus sind heute vollständig erloschen, kaum vorstellbar, dass sie noch einmal zum Leben erweckt werden könnten. Daran wird auch der chinesische Präsident scheitern, der eben dies von seiner jüngst dekretierten Marx-Renaissance an den Universitäten und in der Partei erhofft.

Wie weiter mit Marx?

Nun stellt sich also die Frage, wo soll man anknüpfen, um heute von Marx zu lernen? Die jüngste Marx-Renaissance in der westlichen Welt resultiert ja aus einer sehr tief greifenden Ratlosigkeit, veranlasst durch die unerwartete Weltfinanzmarktkrise von 2008. Diese Renaissance bis hinein ins bürgerliche Feuilleton versucht unter Umgehung aller drei genannten Haupttraditionslinien des Marxismus einen direkten Rückgriff auf Motive der Kritik der politischen Ökonomie von Marx. Auf analytischer Ebene scheinen viele der marxschen Einsichten über die Motive die kapitalistisch verfasste Ökonomie auch heute noch – oder vielmehr gerade heute besonders – des Pudels Kern zu treffen. Freilich gab es während der gesamten Geschichte des Kapitalismus immer eine prinzipielle Kapitalismuskritik aus unterschiedlichen Quellen. Der Kapitalismus selbst ist ja kein scheues Reh, das ein diskursiver Windhauch in Wissenschaft und Politik, geschweige denn den Feuilletons erschrecken könnte. Im Gegenteil: Er ist im Feuer erbitterter Kritik im späten 18. Jahrhundert ins Leben getreten, hat in jeder Phase seiner Entwicklung massivste Gegnerschaft in Theorie und Praxis hervorgerufen und – was immer wieder in Vergessenheit gerät – nur dadurch überlebt und an Standfestigkeit in jeder Krise sogar noch zugelegt, weil er die Kunst kultivierte, sich von der Kritik zu nähren.

Sicherlich war der tief gehende Wandel des Kapitalismus seit Marx nicht das Verdienst des Kapitals, sondern einer sozialdemokratischen Politik, die damit durchaus an Marx selbst anknüpfen konnte. Die Einbettung von Privateigentum und Märkten in einen umfassenden Sozialstaat, die Domestizierung der Klassenkonflikte in Tarifautonomie und Mitbestimmung und die wirtschaftspolitische Regulation haben den Kapitalismus halbwegs, wenn auch durchaus widerruflich, zivilisiert.

Der sozialdemokratische Kompromiss, der dazu führte, hat durchaus eine solide Basis in Marx. Dieser nahm nämlich 1868 in einem wichtigen Text eine entscheidende Differenzierung seiner politischen Vorstellungen vor. Er erklärte mit Blick auf den Kampf um den Achtstundentag die »Beschränkung des Arbeitstages für eine Vorbedingung, ohne welche alle anderen Bestrebungen nach Verbesserung und Emanzipation scheitern müssen«. Worauf es ankomme, sei die Brechung der Gesetze der politischen »Ökonomie des Kapitalismus« durch demokratische Reformen zur Durchsetzung der »politischen Ökonomie der Arbeiterklasse«, deren Prinzip eben nicht die schrankenlose Kapitalverwertung, sondern die »soziale Ein- und Vorsicht« ist. Damit skizziert Marx die Prinzipien einer Reformstrategie zur Einbettung des Privateigentums und der Märkte in politische-soziale Gegenstrukturen, um den Vorrang sozialer und gesellschaftlicher Interessen vor dem Profitmotiv zu sichern. Dass diese soziale Transformationsstrategie ein Kampf mit Fortschritten und Rückschritten werden würde, hätte Marx kein bisschen überrascht. Was er (und viel mehr Engels) seiner Lehre an Weltanschauung und Erlösungsmetaphysik beigefügt hat, ist vergangen – ersteres mit den Erfahrungen des 19. Jahrhunderts und letzteres mit denen des 20. Dass aber die Ökonomie der Märkte und des Privateigentums erst durch eine Politik der »sozialen Ein- und Vorsicht« gesellschaftsfähig werden kann, bleibt auch im 21. Jahrhundert die Grundidee der sozialen Demokratie. Auch deswegen gehört Marx keineswegs zum alten Eisen.

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