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Könnte aus der verbreiteten Resignation eine neue Form der Revolution erwachsen? Vom Wert des leisen Rückzugs

Jemand bemerkte einmal halbironisch, dass jedes Zeitalter seine eigene psychische Krankheit habe: Wenn zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Neurotizismus und nach dem Zweiten Weltkrieg die Schizophrenie den medizinischen Diskurs beherrschten, so kann man heute mit Recht sagen, dass die Krankheit des 21. Jahrhunderts die Depression ist. Die Anzahl der Betroffenen ist dramatisch angestiegen: Während zu Beginn des Jahrhunderts in Deutschland etwa 110.000 Menschen erkrankt waren, waren es 2023 bereits mehr als 260.000 – darunter besonders viele junge Menschen.

Allerdings muss man mit den Zahlen vorsichtig sein. Neben der Depression als klinischer Erkrankung lässt sich heute auch eine weitverbreitete depressive Stimmung beobachten – eine Haltung der Hoffnungslosigkeit, Erschöpfung, Verzweiflung und Resignation. Zwar hängt sie mit der psychischen Krankheit zusammen, darf aber nicht mit ihr gleichgesetzt werden. Viele Umfragen und gesellschaftliche Beobachtungen weisen auf diese Stimmung hin – doch woher kommt sie eigentlich?

»Die depressive Stimmung ist ein Resultat gesellschaftlicher und kultureller Entwicklungen.«

Auf den ersten Blick scheint die Antwort klar: Wir leben in einer Zeit tiefgreifender Krisen. Immer häufiger spricht man dabei von der Polykrise – einem Sammelbegriff, der zahlreiche Einzelkrisen umfasst: wirtschaftliche Stagnation, politische Erosion der Demokratien, die Krise der sozialen Reproduktion, humanitäre Katastrophen (Kriege im Nahen Osten, in der Ukraine, im Sudan) sowie die ökologische Krise. Doch diese offensichtlichen Hinweise erklären nicht, warum gerade heute die Resignation so allgegenwärtig ist (also nicht nur in den Ländern, die von diesen Krisen direkt betroffen sind, sondern fast überall). Schließlich hat die Menschheit im 20. Jahrhundert Kriege, Epidemien und Katastrophen erlebt, die weitaus schlimmer waren als die heutigen. Diese Stimmung darf daher nicht als bloßes Ergebnis äußerer Ereignisse verstanden werden. Sie ist struktureller Natur – ein Resultat gesellschaftlicher und kultureller Entwicklungen, das weltweit spürbar ist.

In seinem mittlerweile klassischen Werk Capitalist Realism von 2009 versuchte der britische Kulturtheoretiker Mark Fisher, die Wurzeln dieser Stimmung zu erklären. Seine Diagnose lautet: Mit den neoliberalen Reformen der 70er Jahre wurde die Zukunft als politische Dimension abgeschafft. Das zeigte sich beispielsweise im Diskurs über das »Ende der Geschichte«, den Francis Fukuyama prägte. Dabei ging es um die Vorstellung, dass nach dem Zerfall der sozialistischen Regime die (neo-)liberale Demokratie die einzig mögliche Form des politischen Systems darstelle – und dass alle anderen Regierungsformen, sofern sie dem westlichen Ideal nicht folgen, im Laufe der Geschichte zwangsläufig verfallen würden.

 

 

Nach Fishers Beobachtung führte der Verlust der Zukunft zur Verbreitung einer depressiven Grundstimmung. Denn: Ohne Zukunft gibt es keine Hoffnung auf Veränderung; ohne Hoffnung werden keine Pläne geschmiedet, entfaltet sich kein Handeln – und schließlich zieht sich der Mensch, ohne Handlungsperspektive, in sich selbst zurück. Heute, fast 16 Jahre nach diesen Debatten und Zeitdiagnosen, zeigt sich ein merkwürdiges Phänomen: Die Stimmung, die einst vom System hervorgebracht wurde, beginnt nun, das System selbst zu bedrohen. Wie kann das sein?

Der Geburt der Protesten aus dem Geiste der Erschöpfung

Lange Zeit waren große Protestbewegungen von Zukunftsvisionen getragen – von der Französischen Revolution bis zum Mai 1968 – um es plakativ auszudrücken. Die dahinterstehende Überzeugung lautete: Nur durch gemeinsamen, intensiven Einsatz im revolutionären Kampf lässt sich die Welt verändern. Diese Grundlage moderner Protestkulturen nennt der italienische Autor Franco Berardi 2024 in seinem Buch Quit Everything. Interpreting Depression das »expansive Paradigma« – und dieses, so Berardi, befinde sich heute in der Krise.

Daher lautet heute die zentrale Frage: Wie können in Zeiten globaler Resignation überhaupt noch Proteste entstehen? Berardi führt dafür den Begriff des Deserteurs ein. Er schreibt: »Desertion wird in immer mehr Bereichen des modernen Lebens zur vorherrschenden Verhaltensweise.« Damit meint er nicht bloß die militärische Desertion, sondern einen symbolischen Akt des Rückzugs, der auch in der Arbeitswelt, in der Welt der Produktion und des Konsums stattfindet: »Desertieren bedeutet, den Kampf zu verlassen, sich heimlich aus dem Getümmel zu stehlen und zu fliehen – bevor die Militärpolizei dich erwischt und für deine Feigheit in den Rücken schießt.«

Selbstentzug aus dem System als radikalste Form des Klassenkampfes?

Im modernen Kapitalismus werden unablässig die Energien der Menschen mobilisiert und gelenkt. Gerade deshalb hält Berardi den Selbstentzug aus dem System heraus für die radikalste, tiefste – wenn auch keineswegs leichteste – Form des »Klassenkampfes«, die der heutigen Generation zur Verfügung stehe. Diese »Nicht-Handlung« ist strategisch rational, da sie die Funktionslogik des Systems untergräbt, und zugleich ethisch legitim, da es zunehmend schwierig ist, eine global organisierte Protestbewegung zu formen – besonders in einer Generation, die Schwierigkeiten hat (unter anderen aufgrund der depressiven Stimmung) miteinander zu kommunizieren.

Berardis Theorie spiegelt sich in aktuellen sozialen Praktiken wider, etwa in der chinesischen Bewegung Tang Ping (»Flachliegen«). Sie entstand aus Online-Diskussionen über Arbeitsbelastung und Lebensglück und führte dazu, dass viele junge Menschen ihre Arbeitszeit drastisch reduzierten oder ihre Jobs aufgaben. Die Bewegung richtete sich gegen das »999«-Prinzip (Arbeiten von neun bis 21 Uhr, sechs Tage pro Woche) und führte, wie es manche Kommentatoren bemerken, zur Mikrokrise in der chinesischen Wirtschaft.

Erschöpfung und Nachhaltigkeit

Trotz staatlicher Zensur verbreitete sich der Tang-Ping-Trend international. In Europa und weltweit spricht man seit 2022 – also seit dem Ende der meisten Corona-Maßnahmen – von Quiet Quitting (dem »leisen Rückzug«): Menschen tun nur noch das Nötigste bei der Arbeit, vermeiden Überstunden und emotionale Bindung an den Arbeitsplatz. Studien zeigen, dass etwa 60 Prozent der Beschäftigten bei der Arbeit nicht engagiert sind – genau das charakterisiert das »Quiet Quitting«.

Nun zeigen sich die Auswirkungen der verbreiteten Resignation und depressiver Stimmung nicht nur in der Arbeitswelt. Die hier skizzierten Prozesse haben auch einen erheblichen Einfluss darauf, was man heute unter Nachhaltigkeit und ökologischem Handeln versteht.

Im Jahr 2020 veröffentlichte der japanische Theoretiker Kohei Saito sein Buch Das Kapital im Anthropozän. Darin argumentiert er, dass die einzige Lösung der Klimakrise in einer Verlangsamung der Wirtschaft liege. Wie es der englische Titel des Buches treffend auf den Punkt bringt: Slow Down!

Saito gehört zur wachsenden Bewegung des »Degrowth«-Ansatzes (auf deutsch spricht man über »Anti-Wachstum«). Die zentrale These dieser Bewegung, oder eher Herangehensweise in der Wirtschaft, den Sozialwissenschaften und der Ökologie, lautet: Wirtschaftswachstum ist nicht notwendig für Lebensqualität, sogar im Gegenteil, ab und zu kann es für sie bedrohlich sein. Auf einer endlichen Erde kann es kein unendliches Wachstum geben — so lässt sich der Hauptgedanke kurz zusammenfassen.

»Entschleunigung der Wirtschaft erfordert eine neue Form der Subjektivität.«

Allerdings haben viele Kritiker dieses Ansatzes auf ein zentrales Problem hingewiesen: Entschleunigung der Wirtschaft erfordert eine neue Form der Subjektivität. In modernen Großstädten ist man an Geschwindigkeit gewöhnt – man rennt mit dem Kaffee zur Arbeit, redet schnell, produziert unentwegt content, konsumiert und ist obsessiv mit der eigenen Leistungssteigerung beschäftigt. Moderne Menschen sind also von der Wachstumslogik infiziert und es ist schwer sich diesem verinnerlichten Zwang zu entziehen.

Phönix aus der Asche?

Gerade heute aber entsteht eine neue Form dieser entschleunigten Subjektivität. Junge Menschen – in China, Europa, Amerika oder Japan (wo Saitos Buch über 500.000 mal verkauft wurde!) – wenden sich vom Lebensstil ihrer Eltern ab. Sie arbeiten weniger, suchen Ruhe, leben nachhaltiger und suchen nach dem Sinn in dieser Welt. So entsteht eine neue Lebensform, die – bewusst oder unbewusst – den ökologischen Notwendigkeiten unserer Zeit entspricht.

Nun was folgt daraus? Aus Resignation und Erschöpfung könnte eine neue Welt hervorgehen. Wie der Phönix aus der griechischen Mythologie, der aus seiner eigenen Asche wiederaufersteht, kann die erschöpfte, depressive Generation eine neue, nachhaltigere und vielleicht glücklichere Welt schaffen. In seiner berühmten Rede »I Have a Dream« sagte Martin Luther King, dass er mit diesem Glauben »fähig sein [werde], aus dem Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung zu hauen«. Diese Worte haben nichts an Aktualität verloren.

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