München hat einen neuen Schandfleck. Seit der Schließung der Karstadt-Filiale am Hauptbahnhof im Juni 2023 ist die angrenzende Schützenstraße »total verödet«, sagt Eduard Wölbitsch, Ex-Betriebsratschef des Kaufhauses. »Ein Bild des Grauens.« 40 Filialen von Galeria-Karstadt-Kaufhof mussten in den vergangenen Jahren für immer ihre Türen schließen. Die Folge: Leerstand, brettervernagelte Schaufenster, und dann, nach Monaten, oft Jahren des voranschreitenden Verfalls folgt der Abriss. Die Zeit der Warenhäuser ist vorbei und die Möglichkeiten, sie in neue Nutzungen zu überführen, sind begrenzt. Auf den riesigen Verkaufsflächen gibt es kein Tageslicht, eine Umnutzung in Wohnungen oder Büros ist aufwendig und teuer.
2022 wurden in Deutschland knapp 12.600 Gebäude abgerissen. Abbruch und Neubau, damit kommen Eigentümer*innen auch heute noch meist günstiger weg als mit der Sanierung eines maroden Haues. Doch der Abriss von Gebäuden führt nicht nur zum Verlust wichtiger Baudenkmäler und zu sozialer Verdrängung, auch die Klimabilanz von Abbrüchen ist schlecht. Denn für die Errichtung und den Rückbau von Gebäuden, die Gewinnung und Herstellung von Baustoffen, ihren Transport zur Baustelle und die spätere Entsorgung wird viel Energie verbraucht. 40 Prozent der deutschen Treibhausgas-Emissionen entstehen deshalb im Bau- und Gebäudesektor.
Die Kaufhäuser müssen also bleiben. Genauso die leerstehenden Hotels, sanierungsbedürftigen Opernhäuser, ausgestorbenen Kirchen und ungenutzten Bürogebäude. Davon sind zumindest die Initiativen überzeugt, die sich für ihren Erhalt einsetzen. Sie kommen – je nach Baujahr und Stil des bedrohten Gebäudes – aus diversen soziokulturellen Lagern und haben unterschiedliche Motive. Architekt*innen und Stadtplaner*innen sind dabei, Kulturschaffende, Künstler*innen, Denkmalpfleger*innen, Historiker*innen, Altbau-Liebhaber*innen, Gentrifizierungsgegner*innen, Klimaaktivist*innen. Dementsprechend vielfältig sind ihre mitunter kreativen Strategien gegen den Abriss.
Memes und Merchandising: Informieren
Wer Menschen zwischen Ukrainekrieg und Kindergeburtstagsfeier auf den geplanten Abriss des leerstehenden Gebäudes drei Straßen weiter aufmerksam machen will, braucht eine gute Geschichte. Im Fall des abrissgefährdeten »Mäusebunkers«, einem ungenutzten Laborgebäude der Freien Universität Berlin, war das Medienecho auf die David-gegen-Goliath-Geschichte groß: zwei Aktivisten kämpfen gegen den Klinikkonzern Charité um den Erhalt eines befremdlichen Betonbunkers. Seit kurzem steht das brutalistische Gebäude unter Denkmalschutz. Dass der Abriss (bisher) erfolgreich verhindert werden konnte, zeigt auch, welche Rolle Kulturinstitutionen wie das Deutsche Architekturmuseum haben können. Parallel zur Ausstellung »SOS BRUTALISMUS – Rettet die Betonmonster!« im Jahr 2017 bekam die Social-Media-Kampagne #SOSBrutalism auf Instagram über 50.000 architekturinteressierte Follower*innen. Mit gut geschossenen Fotos wird seitdem auf Instagram, Facebook und Co für den Erhalt gefährdeter Brutalismus-Ikonen auf der ganzen Welt gekämpft.
In Dortmund, wo die Universitätsbibliothek der Technischen Universität 2024 abgerissen werden soll, sind es Studierende, die sich auf dem Instagram Account @tudortmundmemes gegen den Abriss des Gebäudes stark machen. Durch die Meme-Postings wurde eine breite Masse angesprochen, die sich weniger für die Architektur der Nachkriegsmoderne interessiert, als um den Verlust eines wichtigen sozialen Treffpunkts trauert. Mit einer schönen Portion Komik und Kreativität setzt sich auch die Initiative »Abbrechen Abbrechen« gegen den Abriss des 1977 erbauten Münchner Justizzentrums ein. 13 als Eisbären verkleidete Bestandsaktivist*innen singen und tanzen in einem ohrwurmverdächtigen Musikvideo, das auf Instagram schnell tausende Nutzer*innen erreichte.
Doch nicht nur der digitale Raum wird genutzt, um auf den geplanten Abbruch eines Gebäudes aufmerksam zu machen – manchmal begeben sich Anti-Abriss-Initiativen auch an die Orte von gefährdeten Gebäuden. Die Journalistin Uta Winterhager bietet Führungen durch das Bonner Stadthaus an, das aufgrund der hohen Sanierungskosten rückgebaut werden soll. Helfen soll auch eine Merchandise-Kampagne: T-Shirts mit der Aufschrift »Merken Sie sich Ihre Farbzone!« erinnern an das zeittypische Leitsystem des Großbaus von 1977.
Petition bis Besetzung: Protestieren
Der erste Schritt ist getan – die Öffentlichkeit weiß von den Abrissplänen. Um Entscheider*innen nun zum Erhalt eines gefährdeten Gebäudes umzustimmen, treten Anti-Abriss-Initiativen in den direkten Austausch und versuchen einflussreiche Personen, etwa aus der Politik, für ihre Sache zu gewinnen. Wie wichtig ein breites Netzwerk von Unterstützer*innen ist, zeigte die Initiative Zukunft Städtische Bühnen in Frankfurt am Main, bei der sich viele namhafte Personen aus der Architektur- und Kulturszene engagierten. Ihre Forderungen wurden ernst genommen und bei unzähligen Veranstaltungen diskutiert.
Petitionen sind bei Anti-Abriss-Initiativen beliebt, um Bauherr*innen und Politik zum Einlenken zu bewegen. Präzise formuliert, gut platziert und mit den richtigen Erstunterzeichner*innen können schnell viele Unterschriften gesammelt werden. Darüber hinaus setzen Gebäuderetter*innen auf klassische Protestformen wie Demonstrationen und Kundgebungen. Bei einem Protestmarsch gegen den Abriss der 1910 errichteten Pennsylvania Station in New York im Jahr 1963 beteiligten sich berühmte Persönlichkeiten wie die Autorin Jane Jacobs und der Architekt Philip Johnson. Das Berliner Kollektiv urban fragment observatory organisierte gegen den Abbruch mehrerer Nachkriegsbauten einen Kundgebungsumzug als »Protest Fest« und trug statt Protestschilder bunte Modelle der gefährdeten Bauten.
Nachdem es in den 70er und 80er Jahre in ganz Deutschland zu einer großen Welle von Besetzungen abrissgefährdeter Häuser gekommen war, wurden sie in den Nullerjahren zur Seltenheit. In Frankfurt zeigten nun jüngst zwei Besetzungen der 1890 erbauten Dondorf-Druckerei, welche Wirkmacht diese auch heute noch entfalten können. Die Max-Planck-Gesellschaft, die das Gebäude für einen Neubau abreißen wollte, zog sich aus dem Gelände zurück.
Denkmalschutz: Erhalt absichern?
Steht ein Gebäude erst unter Denkmalschutz, ist der Abriss vom Tisch. Das trifft zwar nicht immer zu, das zeigte gerade erst der Abbruch eines 200 Jahre alten denkmalgeschützten Fachwerkhauses in Bayreuth, das vom Bayerischen Landesverein für Heimatpflege zum »Abriss des Jahres 2023« gekürt wurde. Doch die Unterschutzstellung ist dennoch für viele Initiativen ein wichtiger Schritt im Kampf gegen den Abriss, verhindert sie doch, dass ein Gebäude ohne Genehmigung des Denkmalamtes rückgebaut werden kann. Welche Macht die Landesdenkmalämter haben können, wurde beim Huthmacher-Haus am Berliner Bahnhof Zoo deutlich. Die Immobiliengesellschaft Bayerische Hausbau plante, das in den 50er Jahren errichtete Bestandsgebäude durch einen Neubau zu ersetzen, bevor sich das Denkmalamt gegen den Abbruch aussprach und daraufhin der Investor das Neubauprojekt aufgab.
Doch ob eine Denkmalschutzeigenschaft ein Gebäude überhaupt langfristig schützen kann, darüber wird in Fachkreisen immer wieder diskutiert. Denn weil der Erhalt des historischen Zustands meist mit hohen Investitionskosten verbunden ist, droht am Ende nicht selten trotzdem der Verfall. Auch über die Bedeutung von Baudenkmälern für den Klimaschutz sind die Meinungen gespalten. Eine Unterschutzstellung als Umweltschutzmaßnahme schließen die Denkmalämter häufig kategorisch aus. »Kulturdenkmale tragen in der Tat zur Ressourcenschonung bei, aber das Potential der Ressourcenschonung macht ein Bauwerk nicht zwangsläufig zum Kulturdenkmal«, schrieb etwa der Landeskonservator Dr. Martin Hahn in der denkmalpflegerischen Bewertung des in den 70er Jahren erbauten Mannheimer Collini-Centers, das für einen Neubau teilweise abgerissen werden soll.
Visionen und Wächterhäuser: Vormachen, wie’s gehen kann
Wird über die Zukunft eines leerstehenden Hauses spekuliert oder über die Entscheidung für Abriss und Neubau berichtet, dauert es oft nicht lange, bis (alternative) Zukunftsszenarien durchgespielt werden. Für das Café Seeterrassen in Hamburg fertigte die Architektin und Designerin Ulrike Krages eine Visualisierung an, die zeigte, wie der ursprüngliche Zustand des mehrfach umgestalteten Gebäudes wiederhergestellt werden könnte. Der Flachbau aus den 50er Jahren sollte abgerissen und durch ein neues Restaurant ersetzt werden, bevor der Bezirk Hamburg-Mitte ihn kaufte. Nun ist eine Sanierung geplant.
Die Gestalter*innen Something Fantastic entwickelten mit den Beraterinnen für Kulturkommunikation Bureau N und der Kuratorin Julia Albani für das seit 2014 leerstehende Internationale Congress Centrum, kurz ICC, in Berlin ein Konzept, das die Umnutzung der High-Tech-Ikone aus dem Jahr 1979 in ein zeitgenössisches Kulturzentrum vorsieht. Das Projekt wird online anschaulich präsentiert. Eine fundierte Vision zu formulieren und diese so zu kommunizieren, dass sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, fällt jedoch vielen Anti-Abriss-Initiativen schwer.
Rettungsinitiativen organisieren temporäre Zwischennutzungen.
Um Entscheider*innen vom Potential der Bestandsgebäude zu überzeugen und sie vor dem Verfall infolge des Leerstands zu bewahren, organisieren Rettungsinitiativen zudem temporäre Zwischennutzungen. Der Verein HausHalten e. V. nutzt leerstehende denkmalgeschützte Altbauten in Leipzig für Kulturveranstaltungen und soziale Angebote. Das Modell der »Wächterhäuser« soll Vandalismus und unbemerkte Witterungsschäden verhindern und das Viertel beleben. Unterscheidet sich die Zwischennutzung jedoch stark von der ursprünglichen Nutzung oder wird ein Gebäude dabei nicht zuverlässig gepflegt, kann sie den Zustand des Bestandsgebäude auch verschlechtern und Eigentümer*innen die Entscheidung für einen Abriss erleichtern. Der in den 60er Jahren erbaute Labsaal am ehemaligen Bockenheimer Universitätscampus in Frankfurt wurde zwischenzeitlich als Notunterkunft genutzt. Dafür nahm die Stadt, deren eigene Immobiliengesellschaft ABG das Gebäude für einen Neubau abreißen will, günstige Einbauten vor, welche die Chancen für eine dauerhafte Weiternutzung verringerten.
Und trotzdem sind es genau die überraschenden Zwischen- und Umnutzungen, die auch für die wachsende Zahl leerstehender Kaufhäuser Hoffnung machen. Das Projekt Frei_Fläche nutzt den 2020 geschlossenen Karstadt-Sport in der Hamburger Innenstadt als temporären Coworking-Space, Veranstaltungs- und Ausstellungsort. Das frühere Hertie-Kaufhaus im schleswig-holsteinischen Rendsburg ist heute für 110 Senior*innen ein Zuhause. Teile der Decken wurden entfernt, um Platz für neue Lichthöfe zu machen. Voraus gehen muss jedoch ein Sinneswandel darüber, welch großes architektonisches Potential in unserem Gebäudebestand steckt. Oder um es wie die Studierenden 1967 beim Protest gegen die modernistische Architektenelite zu sagen: »Alle Häuser sind schön, hört auf zu bauen.«


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