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Hesiod, neben Homer einer der berühmtesten Dichter der griechischen Archaik, erzählt in Werke und Tage einen bis heute bekannten Mythos. Die Entstehung der Technik wird in der griechischen Mythologie mit dem Titanen Prometheus verbunden. Er bringt den Menschen das Feuermachen bei, den Ursprung der technischen Entwicklung. Zeus, der zu dieser Zeit mit den Titanen um die Herrschaft in der Welt kämpft, revanchiert sich, indem er Epimetheus, Prometheus‹ etwas zurückgebliebenem Bruder, ein Geschenk macht: ein Gefäß, das in der deutschen Übertragung fälschlicherweise als »Büchse« übertragen wurde. Die Bedeutung des Geschenks steigt, weil es von einer eigens dafür geschaffenen Frau getragen wird. Hephaistos formt sie aus Lehm, Athene schmückt sie, Aphrodite verleiht ihr Anmut und Schönheit, und Hermes trägt mit seiner trügerischen Zunge und listigen Gesinnung zum Gesamtœuvre bei. Die Frau, Pandora genannt, trägt den Beinamen »die Allbegabte« oder »Trägerin von allen Gaben«.
Epimetheus jedenfalls nimmt das Geschenk entgegen, obwohl sein Bruder ihn gewarnt hat, und öffnet es. Aus dem Gefäß entweichen alle Übel – Krankheit, Mühsal, Sorge usw. – in die Welt. Als man erschrocken versucht, den Deckel wieder zu schließen, ist es bereits zu spät. Nur eine Sache bleibt in der »Büchse« zurück: élpis, die Hoffnung.
Eine banale Interpretation des Mythos sieht darin eine pessimistische Haltung gegenüber einer Welt, in der jegliche Übel vorhanden sind und Hoffnungslosigkeit herrscht. Tatsächlich kann der Mythos auch ganz anders, ja sogar gegensätzlich interpretiert werden. So kann die Hoffnung etwa als letzte positiv bewahrte Gabe der Götter verstanden werden. Die Übel fliegen heraus, die Hoffnung bleibt als Schutz zurück. Zeus lässt wenigstens die Hoffnung bei den Menschen, um das Leben unter Übeln erträglich zu machen. In diesem Fall wäre »Hoffnung« ein Trost und eine Handlungsressource: Sie verhindert Resignation, trägt durch Leid und motiviert zur Arbeit. Eine negative Interpretation sieht die Hoffnung dagegen als vorenthaltenen Trost, der den Menschen entzogen ist. Die Hoffnung bleibt im Gefäß und gelangt nicht zu ihnen. Zeus verweigert den Menschen damit auch das letzte Mittel gegen die Übel.
»Man muss sich auch fragen, wieso die Hoffnung positiv gedeutet werden kann.«
Seitdem ist die Welt ohne Hoffnung den Plagen ausgeliefert. Wenn man sich jedoch vor Augen hält, dass aus der »Büchse« nur schlechte Dinge hervorgegangen sind, muss man sich natürlich auch fragen, wieso die Hoffnung – egal ob als entzogen oder bewahrt verstanden – positiv gedeutet werden kann. Eine dritte Interpretation sieht die Hoffnung daher als letztes Übel: Sie ist eine reine Illusion, ein Täuschungsaffekt. Ein weiteres Übel, das im Krug eingeschlossen bleibt und die Menschen zumindest nicht zusätzlich täuschen kann. In diesem Fall ist es gut, dass die élpis nicht entweicht, denn die Menschen entgehen so der Selbsttäuschung einer trügerischen Hoffnung. Fast drei Jahrtausende später wird Nietzsche Hoffnung ironisch als »das schlimmste der Übel, weil es die Qual verlängert«, bezeichnen.
Grundmotiv menschlicher Existenz
Unabhängig davon, wie dieser uralte Mythos verstanden wird, kann man heute feststellen, dass Hoffnung aus unterschiedlichen Perspektiven – religiös, soziologisch, historisch – ein Grundmotiv menschlicher Existenz darstellt. Sie trägt durch Krisen, nährt Visionen einer besseren Zukunft und wirkt als innerer Antrieb für Handeln und Geduld. Schon früh haben Religionen Hoffnung als transzendenten Wert gedeutet, während Philosophen seit der Antike nach ihren anthropologischen, ethischen und erkenntnistheoretischen Dimensionen gefragt haben. Heute stellt sich die Frage neu: Kann Religion in einer Welt, die von Technik, Wissenschaft und Digitalisierung durchdrungen ist, noch Hoffnung stiften oder muss diese Hoffnung heute in der Technik gesucht werden?
Alle drei monotheistischen Religionen setzen entscheidend auf die Kategorie der »Hoffnung«, wenn auch mit minimalen Unterschieden. Im Judentum ist sie eng mit den Erfahrungen von Exil, Bedrängnis und Befreiung verbunden. Gottes Treue führt dazu, dass sich die Hoffnung nicht auf eine abstrakte Zukunft richtet, sondern auf die konkrete Verheißung. Dies kann die Rückkehr ins Gelobte Land, die Ankunft des Messias oder die Erwartung der Gerechtigkeit Gottes in der Geschichte sein. Die jüdische Hoffnung ist noch nicht auf das Jenseits ausgerichtet, gründet jedoch auf Gott, der die Welt allein erschaffen hat und sie zur Vollendung führen wird. Das Christentum steht in einer ähnlichen Tradition und entwickelt den Gedanken weiter. Aufgrund der Auferstehung Jesu deutet Hoffnung auf ein ewiges Leben hin. Sie ist aber auch eine Kraft, die – zusammen mit Liebe und Glauben – die konkrete Gesellschaft verändern kann bzw. soll.
Der Apostel Paulus formuliert in seinem Brief an die Römer, der in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts nach Christus verfasst wurde, ein Prinzip, das sinnbildlich für diese christliche Haltung steht. Er stilisiert Abraham, den Gründervater von Judentum, Christentum und Islam, als Vorbild des vollkommen glaubenden Menschen. Abraham hat »gegen die Hoffnung voller Hoffnung gehofft« (Röm 4,18). Es ist die Hoffnung auf die Verheißung Gottes, die das Leben überhaupt erst lebenswert macht, da es sich an Gott orientiert. In der islamischen Tradition ist Hoffnung untrennbar mit Gottes Barmherzigkeit verbunden. Sie ist jedoch keine naive Zuversicht, sondern eine Haltung zwischen Furcht und Vertrauen. Der Mensch hofft auf Vergebung, Rechtleitung und schließlich auf ein Leben im Paradies, während er zugleich Gottes Gericht fürchtet. Die Suche nach einer Balance zwischen diesen Extremen macht Hoffnung zu einem ethischen Antrieb. Sie hält den Gläubigen in Achtsamkeit und Hingabe.
Alle drei monotheistischen Religionen weisen eine gemeinsame Grundstruktur auf. Die Hoffnung hat eine transzendente Ausrichtung, die das gegenwärtige Zeitfenster überschreitet und sich in göttlicher Verheißung gründet. Diese ist nicht beliebig, sondern eingebunden in eine kosmische Ordnung. Sie fungiert als Fundament für Identität und Gemeinschaft und trägt maßgeblich zur Stiftung eines Lebenssinns sowohl für den Einzelnen als auch für die Gemeinschaft bei. Insbesondere in Krisenzeiten entfaltet sie eine stabilisierende Wirkung.
»Die Perspektive hat sich gewandelt, Hoffnung richtete sich zunehmend auf Fortschritt, Vernunft und Wissenschaft.«
Die Annahme, dass Religionen den Menschen Hoffnung geben, ist nicht neu. Auch in der Epoche der Aufklärung, die sich durch eine kritische Haltung gegenüber religiösem Denken auszeichnete, wurde die Frage nach der Möglichkeit von Hoffnung als ein zentrales Anliegen betrachtet. Die Perspektive hat sich jedoch gewandelt, wobei sich die Hoffnung zunehmend auf Fortschritt, Vernunft und Wissenschaft richtete. Immanuel Kant, der Philosoph, der wie kein anderer den Geist dieser Zeit verkörpert, formuliert die dritte seiner vier philosophischen Grundfragen genau in dieser Richtung. Neben den existenziellen Fragen »Was kann ich wissen?«, »Was soll ich tun?« und »Was ist der Mensch?« ist auch die Frage nach der Hoffnung von zentraler Bedeutung: »Was darf ich hoffen?«. Für ihn ist jedoch die Hoffnung nicht länger als eine rein religiöse Kategorie zu betrachten, sondern vielmehr als Ausdruck moralischer Vernunft und des geschichtlichen Fortschritts. Neben Erkenntnissen, Moral und Anthropologie war die Frage nach dem berechtigten Hoffen von entscheidender Bedeutung für sein Verständnis der Welt.
Das philosophische Denken differenziert in der Folge zwischen Hoffnungsutopie – Hoffnung als utopische Energie, die in der Welt selbst angelegt ist, quasi als Motor gesellschaftlicher Veränderung – und Hoffnungskritik – wie im Existentialismus, wo Hoffnung als eine Illusion wahrgenommen wird, die vom Handeln im Hier und Jetzt ablenkt. Die vorliegende Positionierung gegenüber der »Hoffnung« ist demnach von entscheidender Bedeutung für das moderne Menschenbild.
Die technischen und digitalen Entwicklungen der modernen Gesellschaft haben schließlich dazu beigetragen, dass sich nicht nur unsere Welt und Weltwahrnehmung verändert, sondern auch unsere Hoffnungsbilder andere Gestalten angenommen haben: die Medizin als Heilsversprechen, die Langlebigkeit als erstrebenswert darstellt, die Ökologie, in der es um Nachhaltigkeit durch erneuerbare Energien geht, Visionen von Transhumanismus und Unsterblichkeit. Es ist eine Entwicklung zu beobachten, dass Technik und zuletzt KI Funktionen übernehmen, die traditionell mit religiösen Hoffnungen assoziiert wurden.
»Die Hoffnung, die in technische Lösungen gesetzt wird, ist eine fehlbare.«
Dabei ist es irrelevant, dass religiöse Hoffnung eine Transzendenz – also eine Dimension, die über die sichtbare Wirklichkeit hinausgeht – beinhaltet, welche die technische Hoffnung offenbar nicht hat. Diese bleibt nämlich immanent: Zwar vermag sie Leiden zu lindern, doch vermag sie nicht, die Frage nach dem Sinn zu beantworten. Enttäuschung stellt ein signifikantes Problem dar, da Fortschrittsglaube in Ernüchterung umschlagen kann. Dieser Zusammenhang wird durch ökologische Krisen und technologische Risiken evident. Durch die Fokussierung auf technische Lösungen werden neue Abhängigkeiten geschaffen. Die Hoffnung, die in diese Lösungen gesetzt wird, ist demnach eine fehlbare. Obgleich Religionen in der Theorie eine Perspektive anbieten, die über den materiellen Horizont hinausweist, ist eine solche Hoffnung in der Praxis nur aus einer sinnstiftenden Haltung des Glaubens wirklich verständlich. Diese ist allerdings nicht jedem und jeder gegeben beziehungsweise nicht jede und jeder will oder kann sie wahrhaben.
Unabdingbare Beigabe eines Lebens mit Zukunft
In diesem Sinne scheint der alte Mythos von der Büchse der Pandora aktueller denn je. Die Hoffnung ist eine gebundene Ressource, die sich durch Konzentration und Verwahrung auszeichnet. Sie ist nicht als ein freischwebender Affekt zu verstehen, sondern wird in Abhängigkeit des Kontextes aktiviert. Die Büchse fungiert als ein Reservoir für die Zukunft, wobei die Hoffnung als ein Verbindungsglied zwischen der Gegenwart und dem Kommenden betrachtet werden kann. In dieser Interpretation postuliert Hesiod, dass selbst in einer als »Übel-Welt« bezeichneten Realität ein Rest an Zukunftsfähigkeit existiert, der zwar verfügbar, aber nicht unbegrenzt ist.
Die von Hesiod überlieferte Pandora-Episode ist nicht als banales Märchen vom »letzten Trost« zu verstehen, sondern als präzise politisch-anthropologische Szene. Sie veranschaulicht die Erkenntnis, dass die Welt durch die Entfesselung der Übel dauerhaft leidvoll ist, und markiert zugleich den menschlichen Handlungsspielraum, indem sie die Hoffnung als (zurückgehaltene) Ressource einführt. Der Mythos veranschaulicht somit, dass Hoffnung weder als Tugend noch als Laster zu betrachten ist, sondern vielmehr als eine (in gewisser Weise) gefährliche, zugleich aber auch unabdingbare Beigabe eines Lebens mit Zukunft. Hesiod lässt diese Ambivalenz in seiner Dichtung zu und legt so den Grundstein für die bis heute virulente Frage, ob Hoffnung bewahrt, vorenthält, täuscht oder trägt.


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