Das Bild bleibt uneinheitlich: Zwar werden Bücher mit sexuellen Themen nach wie vor in Folie eingeschweißt, als sei dies eines der größten Probleme der Kulturpolitik, doch Weihnachten konnten wir – eigentlich verbotene und zutiefst verpönte – lesbische Szenen in der historisierenden Serie Hunyadi im Fernsehen sehen. Eine Serie, die übrigens mit erheblicher staatlicher Unterstützung produziert wurde, während junge Filmemacher ihre Filme unent–geldlich oder mit privater Unterstützung produzieren müssen.
A propos Kino: Vor kurzem waren die Freiheitskämpfe vom März 1848 mit dem leidenschaftlichen Titel Jetzt oder Nie! zu sehen; in etwa so zeitgemäß wie ein MAD-Comic, aber irgendwie hat man auch dafür eine Finanzierung gefunden, vielleicht weil der regierungsnahe Philip Rakay den Film produziert hat. Dieser Propagandafilm war ein Flop, und das obwohl Schulklassen dazu gezwungen waren, ihn anzuschauen. Ein weiteres Beispiel ist der Film, den der in die Jahre gekommene National-Rockstar Ákos über sich selbst gedreht hat und der dann wegen mangelnder Besucherzahlen innerhalb weniger Tage aus den Kinos genommen wurde. Das sei eine politische »Attacke«, erklärt der Rockstar. Er hat wohl vergessen, dass derzeit seine Freunde an der Macht sind und dass sie die beträchtlichen Produktionskosten des Films zur Verfügung gestellt haben.
Nicht regierungsfreundlich gesinnte Menschen schauen im übrigen lieber YouTube-TV-Kanäle, auf denen auch junge Leute vertreten sind wie Kontrol oder Balzac oder einer meiner Favoriten, die Zeichentrickserie Jelenetek a Szondi utcából (Szenen aus der Szondi-Straße). Aber auch alte Hasen wie Partizán oder Jólvanezígy haben bereits mehrere hunderttausend Abonnenten und produzieren ihre Sendungen für ein großes Publikum.
Literarische Vereinigungen sind seit fast einem Jahrzehnt nicht mehr funktionsfähig.
Kehren wir zurück zur Literatur. Ich bin nun einmal Schriftstellerin, und meine Vorgänger vertrauen ihr Erbe, ihre Hinterlassenschaften derzeit reihenweise ausländischen Bibliotheken an, so etwa Imre Kertész und Peter Esterházy – auch wenn jetzt dank der Hilfe und der Lobbyarbeit ungarischer Schriftsteller, und natürlich auch hier mit ausländischer Unterstützung, das Esterházy-Haus doch nicht verfallen, sondern zu einer literarischen Residenz werden wird. Der größte Literaturverein Ungarns, die Gesellschaft der Schriftsteller (Szépírók Társasága) hat zum ersten Mal seit Jahren wieder nennenswerte Fördergelder erhalte. So kann die Organisation manchmal sogar 100 (!) Euro für eine Lesung anbieten. Das Schriftstellerzentrum Kárpát Medencei Tehetségkutató Alapítvány ist in den letzten Jahren erst aufgeblüht und dann wieder verschwunden – zusammen mit den schweren staatlichen Milliarden in den fürsorglichen Händen von Orbán János Dánes und Demeter Szilárd (natürlich Fidesz- und Orbanfreund).
Vereinigungen wie zum Beispiel der Literaturkreis József Attila Kör mit all ihren Workshops, Camps, pädagogischen und künstlerischen Programmen in mehreren Städten des Landes sind seit fast einem Jahrzehnt nicht mehr funktionsfähig. Ja, einige bekommen etwas, die Mehrheit jedoch nicht. Die Propagandamaschinerie und Zermürbungsstrategie tun ihr übriges. Im Ergebnis sind nur noch wenige Interessenvertretungen übrig geblieben, und die im kulturellen Bereich Tätigen sind finanziell völlig ruiniert. Und die ungarische PEN-Vereinigung ist in vielerlei Hinsicht mit der ungarischen Regierung verbunden, für die meisten Schriftsteller ist eine Migliedschaft keine Option.
»Von Zeit zu Zeit erhalten Verlage staatliche Almosen, die aber nicht verhindern, dass auch dieser Berufsstand kurz vor dem Bankrott steht.«
Unter ungarischen Theaterregisseuren verbreitet sich die Mehrsprachigkeit: Unabhängige Theaterstücke werden plötzlich in Fremdsprachen produziert, um damit Europa zu bereisen, wenn sie zu Hause nicht zum Zug kommen. Man muss nur die aktuellen Aussagen von Kornél Mundruczó oder Szabolcs Hajdu lesen: Ersterer arbeitet nur noch auf Englisch oder Deutsch, Letzterer dreht fast ausschließlich in seiner Wohnung und mit Freunden. Natürlich erscheinen Bücher, sogar sehr lesenswerte, aber jeder hat neben dem Schreiben natürlich noch zwei oder drei Jobs. Von Zeit zu Zeit erhalten die Verlage ein paar staatliche Almosen, die aber nicht verhindern, dass auch dieser Berufsstand kurz vor dem Bankrott steht.
Die Verfasserin dieser Zeilen gibt sich keinen Illusionen hin, sie veröffentlicht bei einem kleinen ungarischen Verlag und schreibt seit langem auf Deutsch. Honorare für Lesungen? Gelegentlich gibt es symbolische Beträge, die jedoch nicht einmal die Bus- oder Bahnkosten decken. Daher lohnt es sich, Lesungen mit Workshops, Schulungen oder Konzerten zu kombinieren, damit vielleicht die Verpflegungskosten gedeckt sind, vor allem, wenn man in der jeweiligen Stadt Freunde findet, bei denen man übernachten kann. In den Zwanzigern sind das natürlich wilde, romantische Erlebnisse, aber mit vierzig ist diese wilde Romantik nicht mehr so beliebt.
Ich habe kein besseres Schlusswort, als dass man das freie Denken nicht verbieten kann.


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