Wir etwa Mitte der 50er bis Mitte der 60er Jahre Geborenen wurden Boomer-Generation genannt. Wegen der im Nachkriegsdeutschland gestiegenen Geburtenraten waren wir immer ziemlich viele. Wir wuchsen auf in Westeuropa in friedlichen Zeiten, im »Goldenen Zeitalter« (Eric Hobsbawm) des Kapitalismus. Durch das »Wirtschaftswunder« mit steigenden Löhnen, zunehmendem Konsum und relativer Stabilität ging es immer besser. Schließlich führten Bildungsreform und Ausbau der Universitäten viele von uns in Berufskarrieren einer neuen akademischen Mittelklasse.
Heute müssen wir, auch Nach-68er genannt, offenbar damit alt werden, dass viele unserer roten Linien nicht mehr gelten, dass zentrale Gewissheiten dieser Generation sich in Luft aufgelöst haben. Unsere Eltern standen, auch wenn sie keine schlechten Menschen waren, auf der Seite des Bösen und konnten damit ein Leben lang nicht umgehen. Heranwachsend war für viele die Auseinandersetzung mit dem elterlichen Beschweigen der Schuld prägend. Mancher erkämpfte sich, ermöglicht durch den studentenbewegten und linksliberalen Aufbruch, eine Gegensozialisation, die aus der nationalsozialistischen Barbarei radikale Konsequenzen zog. Man dachte, was eigentlich ziemlich unhistorisch war, eine solche demokratische, soziale oder gar demokratisch-sozialistische Lebenshaltung würde sich immer mehr durchsetzen, der positive Trend hätte in der selbstreflexiven Postmoderne gewissermaßen Ewigkeitswert.
Sichergeglaubtes ist vergänglich
Demgegenüber erleben wir heute, wie zeitverhaftet und vergänglich das mittlerweile einst Sichergeglaubte wurde. Antimilitarismus, Demokratisierung und systemüberwindende Reformen muten wie geschichtlich ferne (oder gar historisch gescheiterte) Projekte an. Ökologische Transformation droht, nicht nur unter kapitalistischen Wachstumszwängen und der Kapital-, Reichtums- und Machtkonzentration, immer wieder unter die Räder zu kommen. Es gibt zentrale rote Linien der Boomer, die im 21. Jahrhundert zur Disposition stehen:
Erstens: Wir waren sicher, dass wir nie mehr Krieg führen wollten und schon gar nicht gegen Russland, in dem unsere Väter und Großväter so bestialisch gewütet hatten. So verweigerten wir den Kriegsdienst und engagierten uns in der Friedensbewegung Anfang der 80er Jahre. Wir waren zwar nie hundertprozentige Pazifisten (natürlich war der Nationalsozialismus nur mit Gewalt zu stoppen), jedoch fühlten wir uns wohl in der »postheroischen« Gesellschaft, dem sozialpsychologischen Gegenbild zu den »Männerphantasien« (Klaus Theweleit) des faschistisch-soldatischen Charakters. Nach der Implosion des Kommunismus 1989/90 schien das Ziel einer dauerhaften europäischen Friedensordnung und weltweiter Abrüstung greifbar nahe.
»Die Verhältnisse von Blockkonfrontation und Kaltem Krieg waren regelbasierter und stabiler als die derzeitige Welt in Aufruhr und im Umbruch.«
Doch aus heutiger Sicht waren die Verhältnisse von Blockkonfrontation und Kaltem Krieg regelbasierter und stabiler als die derzeitige Welt in Aufruhr und im Umbruch hin zur multipolaren Weltordnung. Völkerrechtswidriger Angriffskrieg, das Ende des Westens wie wir ihn kannten, Europa fast ganz auf sich alleine gestellt, Autokraten und Diktatoren, die die Welt beherrschen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen, Eskalationsrisiken (auch atomar), das Ende von Rüstungskontrolle und Abrüstungsabkommen – so ist die neue Realität des 21. Jahrhunderts.
Dabei sind Fragen früherer Jahrhunderte wieder aufgetaucht, denn »der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer«, wie es bereits 1799 in der berühmten Radierung von Francisco de Goya hieß: Wo wird legitimes Sicherheitsinteresse zum Vorwand, wo beginnt imperialistische Aggression und nationalistisches Großmachtstreben, Grenzen gewaltsam zu verschieben? Wieweit tritt an die Stelle der internationalen Rechtsordnung wieder machtpolitische Erpressung, militärische Überlegenheit, das (Un-)Recht des Stärkeren? Sind »Kriegstüchtigkeit«, Wehrdienst, Aufrüstung, Abschreckung und Auslandseinsätze wirklich sicherheitspolitisch alternativlos – oder wie können Diplomatie, Waffenstillstand und Friedensverhandlungen trotz Militarisierung wieder eine Rolle spielen? Auch wenn Verteidigungsanstrengungen gut begründet sind, erhöht nicht jede Aufrüstungsspirale die Kriegsgefahr, gefährdet den sozialen Wohlstand und verdrängt andere wichtige politische Ziele?
Zweitens: Wir hielten die bundesdeutsche Demokratie mit zwei mehrheitsfähigen demokratischen Volksparteien, die miteinander konkurrieren, für gefestigt. Alles Rechtsaußen jenseits des christlichen Konservatismus schien durch die Erfahrung des Nationalsozialismus dauerhaft diskreditiert.
»Aus dem Demokratisierungspostulat unserer Jugend wurde das Rückzugsgefecht der Resilienz.«
Auch eine rote Linie, die verblasst. Denn im jetzigen Vielparteiensystem wird die rechtspopulistische bis rechtsextremistische AfD, legt sie zu wie bisher, ohne Parteienverbot kaum dauerhaft von der politischen Macht fernzuhalten sein. Natürlich ist die heutige Rechte, nennen wir sie postfaschistisch, anders als ihre historischen Vorläufer. Doch völkischer Nationalismus, Autokratie, Feindbilder, Diskriminierung, Vertreibung (Remigration) usw. ähneln sich. Nicht nur in den USA sieht man, wie zur Sicherung der politischen Macht jedes Mittel recht ist: Desinformation, menschenverachtende Rhetorik, Angriffe auf Institutionen, Einschränkungen des Wahlrechts. Unter dem Strich wurde aus dem Demokratisierungspostulat unserer Jugend das Rückzugsgefecht der Resilienz. Gegen den dominanten Zeitgeist, diese rote Linie aufzulösen, gegen die Zerstörung der Demokratie von innen heraus, scheint kaum ein Mittel gewachsen zu sein.
Drittens: Wir waren überzeugt, auch wenn wir hinter den technologischen Fortschritt manches (besonders ökologische) Fragezeichen setzten, in einer im Grunde unaufhaltsamen sozialen Fortschrittsperspektive zu leben. Ob von Sozialer Marktwirtschaft oder Demokratischem Sozialismus die Rede war, letztlich ging es um die Bändigung, Regulierung oder Überwindung kapitalistischer Ungerechtigkeit, um: Chancengleichheit, Aufstiegsversprechen, soziale Bürgerrechte, Wohlstand für alle, Wirtschaftsdemokratie, öffentliche Güter, Lebensqualität usw.
Auch dieses Weltbild einer roten Linie zwischen richtig und falsch, zwischen progressiv und reaktionär wird angezweifelt. Es gilt mit der Erfahrung umzugehen, dass auch an sich fortschrittliche Kräfte mit ihrer Politik neoliberale Grenzen überschritten, neue gesellschaftliche Widersprüche nicht sehen wollten, ökonomische und kulturelle Ungleichheit vergrößerten, das Auseinanderdriften von urbanen Eliten und ländlichen Milieus nicht verhinderten, das Politische auf Verwaltungsakte reduzierten und der Entfremdung gegenüber Politik, Institutionen und Medien wenig entgegenzusetzen wussten.
Das politische Lebensgefühl hat sich in individualisierten Zeiten gewandelt, es fehlt die rote Linie zwischen demokratischem Engagement und antidemokratischem Ressentiment: Einst war der (sozialdemokratische) Politiker »unser Mann« des um seine »vollständige, politische wie ökonomische Befreiung ringenden arbeitenden Volkes« (Heidelberger Programm der SPD 1925), der sich gegen »die da oben«, für die Grundrichtung sozialen Fortschritts, stark machte. Man fühlte sich eins mit der Partei, die die Interessen der Klasse vertrat und deren Reformagenda dem eigenen Weltbild entsprach. Demokratie hieß vor allem demokratische Gegenmacht gegen die Herrschaft des Kapitals und dessen Profiteure.
»Pauschale Entfremdung von der Politik an sich, Wut und Hass auf die Politiker allesamt, auf Institutionen und Medien.«
Jetzt sieht man sich einer sogenannten »politischen Klasse« gegenüber, meint Spielball von den Eliten da oben zu sein, die nicht mehr wüssten, wie es »kleinen Leuten« geht, die diese nicht respektieren und sich nicht kümmern, die nur an den eigenen Vorteil denken würden. Pauschale Entfremdung von der Politik an sich, Wut und Hass auf die Politiker allesamt, auf Institutionen und Medien – ein solcherart gewandeltes politisches Lebensgefühl erweist sich als höchst anschlussfähig für Systemverachtung und Widerstandsrhetorik von Rechtsaußen.
Halten wir fest: Wer den mentalen Wandel von der industriellen Moderne hin zur Postmoderne, die bekanntlich alle Sinnzusammenhänge der Moderne hinterfragt und dekonstruiert, erkämpft hat, lebte mit klaren roten Linien. Moral und Kritik, Postmaterialismus und Gerechtigkeit, sowie Emanzipation, Eigensinn, Selbstverwirklichung und Lebensintensität. Was gewissen materiellen Wohlstand voraussetzt und durch immer mehr Wissen, Bildung und Information möglich wurde. Und wir dachten, es würde wie im alten Fortschrittsoptimismus alles, nennen wir die Richtung sozialökologisch oder rotgrün, immer so weitergehen.
Doch jetzt ist plötzlich dieser gesellschaftliche Konsens der Postmoderne an einer neuen roten Linie zerbrochen, am Lebensgefühl von Verlust, Ausgrenzung und Niedergang, das Rechtsaußen in ein erfolgreiches Narrativ verwandelt. Dagegen empfahl der Zukunftsforscher Matthias Horx jüngst: »Habt nicht feste Meinungen. Wollt nichts unbedingt. Seid nicht starr. Seid nicht auf Euch selbst bezogen.« Wäre dies die progressive Alternative der Zukunft – statt wieder neue rote Linien zu ziehen? Es besteht jedenfalls Diskussionsbedarf.


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