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Über Emanzipation als Bedrohung und »Weiblichkeit« als Zufluchtsort Weiblich, jung, identitär

Die Silvesternacht in Köln 2015 nahm Einfluss auf den gesellschaftlichen Diskurs über den europäischen Umgang mit Geflüchteten und Grenzen, sie beherrschte die Schlagzeilen und wurde von verschiedenen Akteuren politisch instrumentalisiert. So nahm die sogenannte »Identitäre Bewegung« (IB) sie zum Anlass, um eine Zielgruppe stärker anzusprechen, die, sowohl in der Wählerschaft rechtspopulistischer Parteien als auch in der rechtsextremen Szene, wenig repräsentiert ist: die jungen Frauen. Dazu veröffentlichte die IB auf der Internetplattform YouTube den Videoaufruf »Botschaft an die Frauen«, in dem verschiedene Protagonistinnen der Bewegung, mit Bezug auf die Silvesternacht, an Frauen appellieren, sich bei ihr zu engagieren. Proteste gegen Vergewaltigungen und sexualisierte Gewalt, insbesondere in Form von Kindesmissbrauch, sind schon häufig von Rechtsextremen als Mobilisierungsthema genutzt worden. In dem Video der IB rekurrieren die Frauen zudem auf Errungenschaften des Feminismus, die durch die »fremden Einwanderer« bedroht seien. Aber wie hält es die Identitäre Bewegung selbst mit der Gleichberechtigung?

Obwohl sie sich selbst immer wieder als »weder rechts, noch links – nur identitär« bezeichnet, verorten Kenner der neurechten Szene, wie beispielsweise der Historiker und Journalist Volker Weiß, sie mit Blick auf ihre Inhalte und historischen Bezüge am äußersten rechten Rand. In solchen rechtsextremen Strukturen und dem zugehörigen völkischen Weltbild haben Frauen klare Aufgaben. Vorrangig wird ihnen die Rolle der Helferin und Mutter zugeschrieben, die völkische Ziele der Bewegungen vorantreiben soll. Zudem werden sie oftmals von der extremen Rechten auch strategisch eingesetzt, um mehr gesellschaftliche Akzeptanz zu erlangen. So konstatierten Expertinnen wie Andrea Röpke bereits vor Jahren eine Hinwendung rechter Bewegungen zu Familienfreundlichkeit und der Einbindung rechter Frauen in pädagogische Kontexte, insbesondere im ländlichen Raum.

Dieses Engagement der Frauen für die Außenwirkung der rechten Bewegungen dockt an traditionelle Geschlechterbilder an. So arbeitet Michaela Köttig heraus, dass rechte Frauen in den Medien, der Forschung oder auch in der pädagogischen Praxis häufig aus dem Blick geraten. Ihr politisches Engagement wird weniger wahr- oder ernstgenommen, sie werden als weniger gewaltbereit und somit auch als weniger wirkmächtig eingeschätzt als rechte Männer. So wirken auch die Gesichter der Identitären Bewegung, wie das des österreichischen »Postergirls« Alina von Rauheneck, über die zeitgemäße Bebilderung von »Frauen- und Familienthemen«. Strahlende Mütter mit ihren Kindern vor Kornfeldern, Tutorials für traditionelle Flechtfrisuren, bestickte Kissen in Hipster-Altbauwohnungen. Erst bei genauerem Hinsehen finden sich dazwischen Versatzstücke des weltanschaulichen Kanons der Neuen Rechten: Cover von Büchern Ernst Jüngers oder des rechtsextremen italienischen Kulturphilosophen Julius Evola, aufbereitet für Instagram-Sehgewohnheiten.

Die »andere Jugend« auf der virtuellen Bühne

Denkt man beispielsweise an das Phänomen der Schulhof-CDs, mit dem freie Kameradschaften und die NPD Schülerinnen und Schüler für die rechtsextreme Szene zu interessieren versuchten, ist es nichts Neues, dass aktivistische und junge Bewegungen der äußersten Rechten moderne Formen nutzen, um traditionelle Inhalte zu verbreiten. Die Aktionsformen der Identitären Bewegung kalkulieren zudem das mediale Echo, das sie nach sich ziehen könnten, mit ein. So drangen Mitglieder der IB im Juli 2015 in die SPD-Bundeszentrale im Willy-Brandt-Haus in Berlin ein, um dort an einem Balkon ein Transparent gegen die Zuwanderung in Europa zu befestigen oder erklommen im August 2016 das Brandenburger Tor, um dort ein Banner mit der Aufschrift »Sichere Grenzen – sichere Zukunft« zu entrollen. Nachfolgend nannte Götz Kubitschek, neurechter Vordenker und Publizist, dieses Vorgehen eine »Raum- und Wortergreifungsstrategie innerhalb der Medienmechanismen unserer Zeit«. Glückwunsch: Die »Identitären«, die für eine als »europaweit« angekündigte Demonstration im Juni 2016 nur ca. 100 Aktive mobilisieren konnten, haben das Internet verstanden!

Passend zu ihren medialen Strategien handelt es sich bei der Zielgruppe der IB vor allem um Student/innen und Entscheider/innen, weniger um die »breite Masse«, sie ist stark mit studentischen Bewegungen verbunden. Zudem hofft sie in Deutschland auf eine Annäherung an die AfD. In Österreich, neben Frankreich und Italien einem mit etwa 1.000 Mitgliedern stärksten Standort der IB, finden sich neben thematischen auch personelle Überschneidungen mit der FPÖ. Bereits in ihren Anfängen als »l’autre jeunesse«, die der heutigen Gesellschaft, ihren Freiheiten und ihrer Dekadenz, in pathetischen YouTube-Videos den Krieg erklärt und sich als Opfer der 68er bezeichnet, findet sich der antiliberale Kern ihrer Argumentation.

Thematisch widmet sich die Identitäre Bewegung vor allem dem »ethnokulturellen Erhalt« Europas und kämpft gegen einen angeblichen Austausch der Bevölkerung durch (muslimische) Einwanderer. Verhandelt wird diese Ideologie vor allem anhand der Diskussion über den Umgang mit Geflüchteten. Hierbei ähnelt das identitäre Konzept, mitsamt seiner Berufung auf den Ethnopluralismus, stark nationalrevolutionären Ansätzen der Vergangenheit. Die Umsetzung dieses Konzeptes basiert auf dem Vorgang der Zuweisung: Völker sollen in ihren »Räumen« bleiben, Frauen und Männer haben klar definierte Aufgaben, muslimische Männer sind Invasoren und im schlimmsten Falle Vergewaltiger.

Das Identitäre ist das Gegenteil vom Uneindeutigen. Seine Kategorien werden bedroht, wenn an die Stelle der Nation eine vernetzte »Weltgemeinschaft« tritt oder anstelle des generischen Maskulinums geschlechtergerechte Sprache verwendet wird, welche dichotome Wahrnehmungen von Geschlechtern infrage stellen will. Nicht umsonst ist der von rechts so bezeichnete »Genderwahn« eines der Themen, gegen das in der Szene am meisten polemisiert wird.

Was interessiert junge Frauen an einer solch begrenzenden Perspektive auf sich selbst und ihr Umfeld? Eine These wäre, dass die rechtsextreme Ideologie, die auch bei der Identitären Bewegung vorherrschend ist – obwohl sie durch popkulturelle Referenzen, Social-Media-Präsenz und ein hippes Erscheinungsbild verschleiert wird –, es Frauen ermöglicht, sich selbst einen exklusiven Platz in der Gesellschaft zuzuweisen, nämlich den der Nachwuchs gebärenden Frau, die den »Fortbestand des deutschen Volkes« oder der »weißen Rasse« ermöglicht. Diese Rolle stellt sowohl den offenen und vieldeutigen Geschlechterentwürfen, die in einer liberalen Gesellschaft möglich sind, etwas entgegen, als auch den Vereinbarkeitsproblemen moderner Familien. Eindeutigkeit und klar zugewiesene Rollen sollen das Unbehagen an der Vielfalt einer post-postmodernen Gesellschaft kurieren.

Widersprüche sind für Jene, die nach einer solchen Eindeutigkeit streben, oft kein Hindernis. Die Botschaft von der Zerstörung der nationalen Identität durch die amerikanische Kultur verbreitet die Identitäre Bewegung über die Kanäle des Silicon Valley: Instagram, Facebook, YouTube. Nach dem gleichen Muster werden Errungenschaften des Feminismus von Frauen »verteidigt«, die glauben, dass die »natürliche Ordnung« jeder Frau ihren Platz an der Seite eines Mannes zuweise, dass Frauen ohne Kinder nicht komplett seien und das »echte Weiblichkeit« nur eine Ausprägung kenne.

Kommentare (1)

  • Laura
    Laura
    am
    Eine interessant Ansicht, aber nicht ganz stimmig. Wir reduzieren uns nicht auf das Kinderkriegen sondern erklären, dass es dazu gehört. Liebe Paula, Sie könnten hier nichts schreiben, wenn Ihre Mutter sich gegen das Kinderkriegen entschieden hätte. Die Erklärung der linken Politiker sind mindestens genauso abwegig. Da wird doch tatsächlich gesagt, dass wir froh über die Einwanderer sein sollen, da wir doch sonst in ein paar Generationen ausgestorben wären.
    Ich zweifle den Wahrheitsgehalt der Aussage nicht an. Dies sollte aber keine Begründung für Einwanderung sein, sondern ein Hinweis, das wir eine bessere Familienpolitik benötigen. Dazu gehört auch, dass wir nicht Frauen untereinander oder Männer untereinander verheiraten. Zwar hat Alice Schwarzer behauptet, das die Frau genetisch komplett ist und somit keinen Mann zur Fortpflanzung benötigt, aber wir wissen, dass die Natur etwas anderes sagt.
    Was die Sprache anbelangt, so ist sie immer von der Regierungsform abhängig. Unser Sprache setzt sich aus verschiedenen Völkern und somit unterschiedlichen Regierungsformen zusammen. Die hauptsächlichen Regierungsformen waren patriarchaische Regierungsformen. Nur zwei der Völker aus denen unser Sprachstamm kommt hatte ein Matriachat als Regierungsform. Was aber auch lustig ist, ist das wir das Angelsächsisch auf die Insel getragen haben, wo es dann zu einer Reinform wurde. Die Insel von der ich spreche nennen wir heute England. Das Land der Angeln. Noch heute kann an in Sachsen die Aussprache von "de Frau und de Mann" hören. Eigentlich also ein geschlechtsneutraler Artikel, wie auch heute im Englischen der Artikel "the". In unserer kulturellen Sprachvermischung haben wir sogar aus "de Baum" einen männlichen Baum gemacht, mit "der Baum". Natürlich entwickelt sich die Sprache immer weiter, aber deshalb ist es trotzdem unsinnig sich über die bestehende Sprache als Instrument der Unterdrückung aufzuregen. Das th, welches im englischen Sprachgebrauch noch üblich ist, wurde in Deutschland abgeschafft. Der Grund war einleuchtend. In Deutschland war das H nach dem T stumm. Es hatte also keine Funktion. Dinge ohne Funktion kann man abschaffen. Dies geschah noch zur Kaiserzeit. Vor dem Kaiser hatte man großen Respekt. Der Regierungsstuhl des Kaisers war der Thron. Da der Thron nun mal dem Kaiser gehörte blieb hier das h bestehen. Begründung bei der Rechtschreibreform: "Dem Volke steht es nicht zu dem Kaiser etwas zu nehmen. Deshalb wird der Thron des Kaisers in seiner ganzen Pracht erhalten."
    In der Sprache und der Sprachreform geht es also immer um die Regierung und nicht um Sinn oder Unsinn der Reform. Aber da sie von vielfältigen Geschlechterentwürfen reden, frage ich Sie nach der Streichung des Fräuleins. Heute müssen wir in einer Anrede, wenn wir nicht wissen wer den Brief lesen wird, "Damen, Herren und Diverse" schreiben. Früher schrieben wir "Herr, Frau, Fräulein". Das Fräulein wurde verboten, obwohl es doch auch zu einem vielfältigem Geschlechterentwurf hinzugerechnet werden kann. Aus dem Wort Fräulein erkennt man, dass es sich hierbei um eine nichtverheiratete Frau handelt.
    Was Flüchtlinge angeht, kann ich Ihnen gerne von der Erlebnissen meiner Urgroßmutter berichten. Diese musste auch aus Deutschland fliehen. Die Flüchtlingslager, in denen sie untergebracht waren, waren keine Hotels. Sie nannten sie selber Flohkisten. Denn sie schliefen unter Planen auf Kisten. Die Hygiene war so miserabel, das eigentlich jeder Läuse hatte. Sie hatten sich aber nicht beschwert und keinen Luxus gefordert. Sie haben für ihr Überleben hart gearbeitet und sind nach Deutschland zurückgekehrt, als der Krieg zu Ende war. Geflohen waren übrigens meine Urgroßmutter mit ihren Kindern. Mein Urgroßvater hatte im Krieg gekämpft. Die Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen sind zum großen Teil Männer. Früher nannte man so etwas Fahnenflucht und wurde mit dem Tod bestraft. Wenn sie dann hier sind, wollen sie ihre Frauen und Kinder nachholen. So etwas ist keine Kriegsflucht, sondern eine Wirtschaftsflucht.
    In Deutschland wurde zwar dafür gekämpft, das auch Frauen um Millitär gehen dürfen, aber jetzt geht fast niemand mehr zum Millitär, schon gar nicht die Frauen.
    Entschuldigung dafür, dass ich nicht auf jeden Punkt ihres Artikels eingegangen bin. Wenn Sie mir aber erlauben ihren Artikel abzudrucken, werde ich in meinem nächsten Buch auf jeden Punkt genau eingehen.

    Viele Grüße
    Laura Nussbaum

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