Kriege gestalten die Welt. Unsere politische Ordnung in Europa ist eine Kriegsgeburt, genauso wie nahezu alle Staaten der Europäischen Union, mit lediglich drei Ausnahmen: Die friedliche Trennung Norwegens von Schweden im Jahr 1905, die Loslösung Islands von Dänemark 1918 und schließlich die gewaltfreie Aufteilung der Tschechoslowakei 1992 in Tschechien und die Slowakei. Alle übrigen europäischen Staaten sind aus Kriegen hervorgegangen, wobei Dauer und Intensität der damit verbundenen Gewalterfahrungen erheblich variierten; vom nur wenige Tage währenden Schweizer Sonderbundskrieg von 1847 mit 93 Gefallenen bis hin zu den über Jahrzehnte geführten und extrem gewaltintensiven Nationsbildungskriegen in Südosteuropa im 19. und frühen 20. Jahrhundert.
Analog verhält es sich mit grundlegenden Umbrüchen der Weltgeschichte. Revolutionen waren historisch fast nur dann erfolgreich, wenn es den Revolutionären gelang, Kriege zu führen – und sie zu gewinnen. Das Ende des Sowjetimperiums bildete in dieser Hinsicht die große Ausnahme. Bis dahin vollzog sich der Zerfall von Großreichen nahezu ausnahmslos gewaltsam. Inzwischen stellt sich jedoch die Frage, ob wir – mit über 30 Jahren Verzögerung – nicht doch eine historische Kontinuität erleben. In dieser Lesart wäre der russische Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 der verspätete Versuch, die Umbrüche von 1989/90 mit militärischen Mitteln rückgängig zu machen.
Pazifistischer Alleingang der EU
Die Wahrnehmung von Krieg als dem zentralen Gestalter von Zukunft endete in Europa mit dem Zweiten Weltkrieg. Mit der Gründung der EU beschritt der Kontinent einen präzedenzlosen Sonderweg. Die jahrhundertelange europäische Kriegsgeschichte fand ihr – zumindest vorläufiges – Ende, indem der Nationalstaat in eine überstaatliche Ordnung eingebettet wurde, in der die Regelung von Konflikten durch Krieg kategorisch ausgeschlossen ist. Heute, 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, fällt die Bilanz dennoch gemischt aus: Nach innen hat sich das Vorgehen als ein einzigartiges Erfolgsmodell erwiesen; nach außen hingegen treten seine Grenzen spätestens seit 2022 offen zutage – nicht zuletzt, weil der Rest der Welt dem pazifistischen Pfad der EU nicht gefolgt ist. Stattdessen stehen wir 35 Jahre nach dem Untergang des Ostblocks am Beginn einer Neuordnung der Welt, in der Krieg einmal mehr ein wesentliches Instrument politischen Handelns darstellt. In der Publizistik ist das Thema derzeit ein Dauerbrenner, weshalb ein Blick auf die verschiedenen Perspektiven lohnt.
Der Krieg kehrt als Instrument der Politik zurück.
Jens Stoltenberg, vormaliger NATO-Generalsekretär, derzeitiger norwegischer Finanzminister und wohl künftiger Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, hat auf über 500 Seiten seine Erinnerungen an zehn Jahre an der Spitze des westlichen Verteidigungsbündnisses vorgelegt. Trotz seines Umfangs ist das Buch eine überraschend kurzweilige Lektüre, nicht zuletzt, weil Stoltenberg recht offen aus Hintergrundgesprächen und internen Runden berichtet, in denen es immer wieder darum ging, Donald Trump und damit die Vereinigten Staaten im NATO-Verbund zu halten.
Auch wenn der Sozialdemokrat Stoltenberg in Stil und Habitus nahezu den Gegenpol zum ebenso erratischen wie zornigen Trump bildet, muss er für die Sicherheits- und Verteidigungspolitik einräumen, dass der frühere und nun erneut amtierende US-Präsident nicht in allen Punkten falsch lag. Das gilt vor allem für die im Kern seit Jahrzehnten erhobene Forderung, die europäischen Staaten – und allen voran Deutschland – müssten ihre Verteidigungsausgaben deutlich erhöhen, ihre sicherheitspolitische Trittbrettfahrerei gegenüber den USA beenden und endlich selbst Verantwortung für ihre strategische Peripherie übernehmen. Bereits Barack Obama und Joe Biden hätten diese Linie vertreten, letztlich durchgesetzt wurde sie jedoch erst unter Trump und dem Eindruck der russischen Aggression.
Erhellend sind auch die persönlichen Einblicke, die Stoltenberg gewährt. So berichtet er, dass ihm sein Vater Thorvald Stoltenberg, selbst ehemaliger norwegischer Außenminister, dringend abgeraten hatte, als ihm 2014 der NATO-Posten angeboten worden sei. Stattdessen solle er sich doch lieber noch einmal um das Amt des norwegischen Premierministers bewerben, so der väterliche Rat; als NATO-Generalsekretär werde er sich rasch langweilen. So amüsant die Anekdote ist, verdeutlicht sie doch auch, wie offenkundig verfehlt die außen- und sicherheitspolitischen Prognosen selbst unter Experten in den 2010er Jahren ausfielen.
Lothar Schröter, Historiker, langjähriger Major der Nationalen Volksarmee der DDR und Vorstandsmitglied der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg, hat ein Buch über die Ursachen des Ukrainekriegs geschrieben, in dem ebenfalls die NATO eine zentrale Rolle spielt, wenngleich anders als bei Stoltenberg eine unrühmliche. Der Band ist im Verlag edition ost erschienen, der für sich beansprucht, Positionen zu vertreten, die ansonsten im öffentlichen Diskurs marginalisiert – um nicht zu sagen unterdrückt – würden.
Misstrauen und düstere Prophezeiungen
Drei inhaltliche Kostproben: Den Mainstream-Medien in Deutschland und allen voran den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten sei nicht zu trauen. Russland verteidige sich in der Ukraine gegen die Aggression und Expansion der NATO. Und, wer heute im Westen die Unterstützung der Ukraine einfordere, solle sich das gut überlegen, denn Russland »wird den Blutzoll nicht vergessen, den das Land […] in Verantwortung besonders der NATO-Führungsmächte gezahlt haben wird.« Erwähnenswert sind derlei Ausführungen allenfalls deshalb, da sie eben keine Nischenmeinung mehr darstellen, sondern in politisch linken wie auch rechten Kreisen gleichermaßen verbreitet sind; und leider auch in einer politisch fragilen Mitte zunehmend verfangen.
Was Schröter schreibt, würde inhaltlich gleichermaßen gut auf die Kommentarseiten der sehr linken Jungen Welt wie der sehr rechten Jungen Freiheit passen. Wer sich im September 2026 in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und auch Berlin um ein politisches Mandat bewirbt, dürfte Schröters Positionen im Wahlkampf regelmäßig begegnen.
»Der Wandel ist so tiefgreifend, dass herkömmliche Erklärungsmuster kaum noch gültig sind.«
Intellektuell deutlich vielsichtiger und auch anregender ist das neue Buch des an der University of Hongkong lehrenden Politikwissenschaftlers Daniel Marwecki. Marwecki ist 2024 mit einer kritischen Analyse der deutsch-israelischen Beziehungen seit 1949 hervorgetreten, in der er das oft beschworene »Wunder der Aussöhnung« weniger moralisch als vielmehr realpolitisch deutete, als Ergebnis einer wechselseitigen Interessen- und Machtpolitik (Absolution? Israel und die deutsche Staatsräson, Wallstein 2024).
»Vorgefertigten Weltbildern erteilt er eine klare Absage.«
In Die Welt nach dem Westen skizziert er die gegenwärtigen geopolitischen »Umbruchsmomente und Übergänge« vor dem Hintergrund der historischen Erfahrungen des 19. und 20. Jahrhunderts und unternimmt auf dieser Grundlage den Versuch, mögliche Zukünfte behutsam »zu ertasten«. Vorgefertigten Weltbildern erteilt er dabei eine klare Absage, zumal er den derzeitigen Wandel als so tiefgreifend erachtet, dass herkömmliche Erklärungsraster kaum mehr gültig seien. Als exemplarisch dafür wertet er die weltweiten Reaktionen auf die russische Invasion der Ukraine: Vor noch 20 Jahren hätte das weitgehend geschlossene Vorgehen des Westens ausgereicht, um Russland in die Knie zu zwingen. Heute hingegen verfüge Moskau vor allem in China und Indien, aber auch in Brasilien oder Südafrika, über hinreichend attraktive wirtschaftliche und politische Alternativangebote.
Mehr Fragen als Antworten
Marweckis Buch liefert keine kohärente Erzählung einer neuen Weltordnung, sondern setzt auf ausgewählte Aspekte. Dabei fällt es bisweilen schwer zu erkennen, ob sich der Autor eine referierte Position auch zu eigen macht oder sich gerade von ihr distanziert. Ob man das als ein Manko oder einen Vorzug des Buches wertet, obliegt den Erwartungen der Leser, in jedem Fall beendet man die Lektüre mit mehr Fragen als Antworten im Kopf – allerdings guten Fragen, die man sich zuvor so nicht gestellt hat. Trotz aller Zurückhaltung:
Erstens: Wie schon in seinem Buch zu den deutsch-israelischen Beziehungen ist für Marwecki auch in der Weltpolitik Macht die alles dominierende Währung; moralische Erwägungen spielen kaum mehr eine Rolle oder allenfalls die, das Machtstreben zu kaschieren oder legitimieren. Das Agieren der US-amerikanischen Außenpolitik etwa jüngst in Venezuela scheint diese These zu stützen.
Zweitens: Darauf fußende westliche Kategorien wie eine regelbasierte Ordnung oder die Annahme einer Wertegemeinschaft verlieren an Bedeutung. An ihre Stelle treten Fragmentierung und Konflikte, die es zu jonglieren und auszugleichen gilt, idealerweise friedlich und in wechselnden Konstellationen.
Drittens: Sucht man nach einem historischen Referenzrahmen für das, was uns im 21. Jahrhundert bevorstehen könnte, bietet sich am ehesten das lange 19. Jahrhundert an. Besonders die europäische Konstellation des »Konzerts der Mächte« mit ihren wechselnden Bündnissen, ihrer inhärenten Fragilität und ihrer pragmatisch interessengeleiteten Ausrichtung bietet sich als Vergleich an, allerdings nicht mehr im europäischen, sondern diesmal im globalen Maßstab.
Und was wird bei alledem aus Deutschland und Europa? Im sich anbahnenden Großkonflikt zwischen den Vereinigten Staaten und China wird Europa, folgt man Marwecki, kaum mehr eine Rolle spielen. Umso mehr sei es für die Europäer an der Zeit, über die eigene weltpolitische Verortung nachzudenken. Da eine Rückkehr zu früherer Bedeutung ebenso wenig zu erwarten sei wie der Bestand einstiger »Überlegenheitsfantasien«, gehe es vor alle darum, sich im Sinne eines »würdevollen Abstiegsmanagements« möglichst autonom zwischen den sich formierenden Blöcken zu positionieren.
Daniel Marwecki: Die Welt nach dem Westen. Über die Neuordnung der Macht im 21. Jahrhundert. Ch. Links, Berlin 2025, 288 S., 24 €.
Lothar Schröter: Der Ukraine-Krieg. Die Wurzeln, die Akteure und die Rolle der NATO. edition ost, Berlin 2025, 348 S., 32 €.
Jens Stoltenberg: Auf meinem Posten. In Kriegszeiten an der Spitze der NATO. Erinnerungen. Aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg. Siedler, München 2025, 528 S., 32 €.


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