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Wem gehört Amazonien?

»Im Gegensatz zu dem, was die Brasilianer glauben, ist Amazonien nicht ihr Eigentum – es gehört uns allen.« Diesen Satz soll der ehemalige US-Vizepräsident und unermüdliche Klimakämpfer Al Gore gesagt haben. In Brasilien ist er einer der meist zitierten Aussprüche eines US-Amerikaners und markiert ein nationales Trauma: die Unterstellung einer »internationalen Gier nach Amazonien« – wie auch der Titel eines populären Buches lautet.

Das Zitat und seine Bedeutung in Brasilien zeigen eines: Die Beantwortung der Frage, wem denn Amazonien gehört, ist anscheinend brisant. Dabei ist die Antwort eigentlich offensichtlich. Natürlich gehört Amazonien den Staaten, die im Amazonasbecken liegen – und Brasilien ist unter diesen Staaten der größte. Also gehören etwa zwei Drittel der Region, die Amazonien genannt wird, zu Brasilien. Und die nationale Souveränität hat im internationalen System einen hohen Stellenwert. Warum dann dennoch diese Angst in Brasilien? In den meisten Fällen geht die Bedrohung der nationalen Einheit heute doch von Autonomiebewegungen aus, wie wir in Europa in jüngster Zeit am Beispiel der Katalanen sehen konnten. Derartige Autonomiebewegungen sind in Brasilien aber völlig unbedeutend und haben sich auch eher im Süden des Landes zu Wort gemeldet.

Nein, es geht in diesem Fall tatsächlich um eine Bedrohung von außen. Der Satz von Al Gore ist nicht das einzige Statement, das in Brasilien als Beleg angeführt wird, dass eine solche Bedrohung kein Hirngespenst ist. Es gibt eine ganze Litanei von Zitaten, in der Frankreichs ehemaliger Präsident François Mitterrand einen Ehrenplatz einnimmt mit seiner Erklärung: »Brasilien muss eine eingeschränkte Souveränität über Amazonien akzeptieren«. Aber auch der US-General Patrick Hughes, ehemaliger Chef der Defense Intelligence Agency (DIA) äußerte sich bemerkenswert: »Wenn Brasilien beschließt, Amazonien zu nutzen und damit die Umwelt in den USA in Gefahr bringt, dann müssen wir bereit sein, diesen Prozess zu unterbrechen«. Sogar Michail Gorbatschow darf hier nicht fehlen: »Brasilien muss Teile seiner Rechte über Amazonien an kompetente internationale Organisationen abtreten.«

Narrativ der Bedrohung

Der Glaube an die Gefahr einer internationalen Einmischung in Brasilien ist tief im nationalen Bewusstsein verankert – von rechts bis links. Um die Gefahr plausibel zu machen, wird immer auf die indigenen Völker und ihre enormen Territorien verwiesen. So umfasst das Gebiet der Yanomami in Brasilien 96.650 km², das ist mehr als doppelt so viel wie die Fläche der Niederlande. Das Gebiet liegt an der Grenze zu Venezuela und auch dort leben Yanomami. Länderübergreifend gelten 192.000 km² als Yanomami-Land, mehr als die Fläche Griechenlands. Zudem bezeichnen sich die indigenen Völker selbst als »indigene Nationen«. Ein Szenario, in dem sich die Yanomami etwa als Antwort auf Menschenrechtsverletzungen für unabhängig erklären und internationale Hilfe erbeten, gilt den brasilianischen Militärs als realistisch.

Wie immer man das auch beurteilen mag – das Narrativ der »Bedrohung der nationalen Souveränität« war und ist wohl etabliert und wirkmächtig. Es bietet einerseits eine wichtige Legitimation für die brasilianischen Streitkräfte, denen es ansonsten an äußeren Feinden mangelt. Es war aber auch immer wieder grundlegend wichtig für die Bestimmung der Leitlinien der brasilianischen Außenpolitik. Die Diskussion um begrenzte Souveränität bei Völkermorden hat in Brasilien alle Warnleuchten blinken lassen. Wenn etwa der UN-Sonderberater für die Verhütung von Völkermord Adama Dieng erklärt, Völkermord, Kriegsverbrechen, ethnische Säuberungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit seien eine Verletzung der Souveränität und hinzufügt: »Souveränität bedeutet Schutzverantwortung«, dann wird dies in Brasilien als Bestätigung für seine Befürchtungen gesehen. Folge davon ist, dass Brasilien bei den Vereinten Nationen jegliche Verurteilung diktatorischer Regime ablehnt und zum treuen Abstimmungspartner von Russland und China wurde.

Aber auch in der globalen Umweltpolitik und insbesondere im Kontext der Rahmenkonventionen für Klima und Biodiversität ist Brasiliens Handeln immer durch das Bestreben geprägt, jegliche Bedrohung der nationalen Souveränität abzuwehren. Dazu gehören auch verbindliche Verpflichtungen im Rahmen der Konventionen. Federführend bei den Verhandlungen ist übrigens immer das brasilianische Außenministerium.

Als der brennende Amazonaswald 2019 wieder in den internationalen Fokus rückte, haben die Flammen auch wieder die Debatten um die nationale Souveränität befeuert. Jair Bolsonaro und seine Regierung zeigten sich irritiert, wenn über das Amazonasgebiet als »Lunge der Erde« gesprochen wurde, und als der französische Präsident Emmanuel Macron gar postete, »unser Haus brennt (…), das ist eine internationale Krise«, war dies eine Steilvorlage für die Regierung. Dies sei Kolonialismus, der Amazonas gehöre Brasilien und den anderen Staaten des Amazonasbeckens – so die Antwort. Statt über die Ursachen der Feuer konnte die Regierung nun über nationale Souveränität und europäische Arroganz reden. »Macron ist es gelungen, Brasilien hinter Bolsonaro zu vereinigen« verkündete der ideologische Guru des Präsidenten, Olavo de Carvalho. Das ist natürlich übertrieben, aber mit Sicherheit ist es Bolsonaro gelungen, die Einheit mit den Militärs, die massiv in der Regierung vertreten sind, zu stärken.

In der Folge wurde unter der Führung des Vizepräsidenten und Militärs Hamilton Mourão ein neuer Amazonas-Rat eingesetzt, der nun die Federführung für die Politik in Amazonien innehat. Mourão hat sich etwas besonnener als Bolsonaro geäußert und versichert, Brasilien werde in Zukunft die illegale Entwaldung bekämpfen. Jenseits einer manchmal außer Kontrolle geratenden Rhetorik zeigt sich: Eine wirksame internationale Reaktion auf die Vernichtung von Umweltgütern, auch wenn sie von globaler Bedeutung sind, ist und bleibt eine Chimäre. Insbesondere weil dann ja auch die Hauptverantwortlichen der Klimakrise, die entwickelten Länder des globalen Nordens, in den Blick genommen werden müssten. Ist es in Zeiten gescheiterter Interventionen und einem multilateralen System in der Krise wirklich realistisch anzunehmen, eine ausländische Macht oder UN-Truppen könnten im brasilianischen Amazonasgebiet intervenieren? Außerhalb Brasiliens glaubt das wohl niemand. Greifbar hingegen sind die innenpolitischen Folgen der als bedroht vermuteten Souveränität.

Besitzverhältnisse zum Teil unklar

Aber die Frage »Wem gehört Amazonien?« lässt sich auch ein wenig anders stellen: Wem gehört eigentlich das Land und der Wald in Amazonien? Und diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Immerhin, für knapp die Hälfte der Fläche Amazoniens sind die Besitzverhältnisse gut definiert. Jeweils etwas mehr als eine Million Quadratkilometer sind indigene Gebiete und Schutzgebiete. Das sind 2.197.485 km² oder 43,9 % der Fläche Amazoniens. Das ist eine kaum vorstellbare Dimension; allein die indigenen Gebiete machen etwa dreimal die Fläche Deutschlands aus.

Aber außerhalb dieser Gebiete ist die Situation unübersichtlich und wird in Brasilien allgemein als Landbesitz-Chaos (caos fundiário) bezeichnet. Etwa 700.000 km² haben gar keine offiziellen Besitzer – es ist öffentliches Land, das keiner Person oder Verwendung (etwa als Schutzgebiet) zugeteilt wurde – terras não designadas. Damit nicht genug. Nach einer Erhebung der brasilianischen NGO Imazon sind lediglich 4 % Amazoniens privates Land mit gesicherten Landtiteln, während bei 32 % keine gesicherten Titel existieren. Der Regierung Bolsonaro sind die enormen Territorien der indigenen Völker und der Schutzgebiete ein Dorn im Auge. Sie sind legal gegen Abholzung und großflächige Landnahmen geschützt. Aber infolge der Demontage der Umweltbehörden durch die Regierung häufen sich illegale Übernahmen. Schutzgebiete werden ausgehöhlt und Fakten geschaffen, die dann zu Veränderungen der Rechtslage herangezogen werden. Gleichzeitig versucht die Regierung, die nicht zugewiesenen öffentlichen Flächen an angebliche Besitzer zu verteilen. NGOs kritisieren dies als einen gigantischen Prozess des Landgrabbings.

Die Frage, wem Amazonien gehört, ist also in Bewegung – in wohl kaum einer anderen Gegend der Welt sind Besitzverhältnisse so schlecht definiert und umstritten. In der Regierung Bolsonaro sehen Großgrundbesitzer, aber auch Goldgräber und Bergbaufirmen, eine einmalige Chance, sich immense Landflächen anzueignen.

Die Feuer in Amazonien sind ein sichtbarer Ausdruck dieses Prozesses. Sie sind nicht ein unsinniger Frevel an der Natur, sondern Voraussetzung und Teil der Landnahme. »Wer entwaldet, dem gehört das Land«, so lautet eine bekannte Parole. Das entwaldete Land ist wertvoll – und wird irgendwann für Viehzucht und Anbau von Soja und Mais genutzt werden. Das sind keine Produkte für die Ernährung der lokalen Bevölkerung, fast alles geht in den Export. Und da liegt auch die europäische Mitverantwortung: bei den Sojaimporten aus dem Regenwald. Soja aus Amazonien ist Futter für die europäische Fleischwirtschaft. 2018 stammten 36 % des in die EU eingeführten Sojas aus Brasilien. »Unsere« Landwirtschaft nutzt also auch Flächen außerhalb Europas, dies wird als virtueller Flächenverbrauch bezeichnet. Und in diesem Sinne »gehört« auch uns Land in Amazonien, abgeholztes Land für die Exportwirtschaft. Wahrlich kein Grund für Besitzerstolz.

Kommentare (1)

  • helmut.mueller
    helmut.mueller
    vor 2 Wochen
    sehr interessant

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