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picture alliance / CHROMORANGE | Elke Münzel

Demokratische Kräfte können nur mit einer Politik gegen die verbreitete Unsicherheit erfolgreich seinWider die Angstmonopolisten

Untersuchungen zufolge erleben viele Menschen sich und das Land wie auf einer abschüssigen Bahn: ohne Halt, ausgeliefert, dem Abgrund entgegen. Während die Politik in einer Welt der Umbrüche die Kontrolle über die ökonomischen, gesellschaftlichen und sozialen Entwicklungen zu verlieren scheint, beklagen die Individuen in ihrem Alltag einen Verlust an Vertrautheit und Verlässlichkeit. In einer solchen Konfiguration verändert Angst beim Einzelnen und in der Gesellschaft die Perzeptionsmuster und damit den Blick auf Gegenwart und Zukunft. Die vielen Krisen der jüngeren Vergangenheit haben tiefe Spuren hinterlassen. Die Deutschen sind in ihrer mentalen Verfassung überwiegend skeptisch und bedrücktVon Zuversicht keine Spur. Verflüchtigt die Erwartung, dass es irgendwie immer aufwärts geht, dass sich Leistung lohnt, dass Fortschritt gewiss ist. Andreas Reckwitz spricht vom »Zukunftsverlust«.»Die Deutschen sind in ihrer mentalen Verfassung überwiegend skeptisch und bedrücktVon Zuversicht keine Spur.«

»Die Deutschen sind in ihrer mentalen Verfassung überwiegend skeptisch und bedrücktVon Zuversicht keine Spur.«

In Deutschland und anderen westlichen Demokratien haben Regierungen und Politik immer noch nicht verstanden, wie desillusioniert und frustriert große Teile der Bevölkerung sind. In der politischen Arena empfinden viele ein Gefühl der Ohnmacht, weil sie sich mit ihrer Lebenswirklichkeit und ihren alltäglichen Sorgen nicht beachtet und repräsentiert fühlen. In der Arbeitswelt sehen sich die Beschäftigten mit einer Entmachtung der lebendigen Arbeit konfrontiert, der die Gewerkschaften aufgrund ihrer Organisations- und Mobilisierungsschwäche wenig entgegenzusetzen haben. Im Alltag erleben Bürgerinnen und Bürger immer wieder Formen der Missachtung und Ignoranz, wenn behauptet wird, sie müssten bloß fleißiger sein, länger arbeiten, später in Rente gehen, mehr privat vorsorgen und auf Gehalt verzichten, um das Land wettbewerbsfähiger zu machen.

In allen gesellschaftlichen Systemen lässt sich ein spezifisches und widersprüchliches Verhältnis von Politik und Angst feststellen. So erhebt Politik den Anspruch, für alle kollektiven und sozialen Ängste über eine angemessene Lösung zu verfügen. Ängste werden gegenstandslos, weil die Politik sich darum kümmert, die Ursachen für Befürchtungen zu beseitigen. In diesem Ideal repräsentiert die Politik die »Freiheit von Angst«.

Zugleich sind Ängste ein Lebenselixier von Politik. In dieser Dimension handelt es sich darum, vorhandene Ängste im politischen Prozess zu bearbeiten, zu funktionalisieren und zu instrumentalisieren. Davon zu unterscheiden ist eine bewusste Politik der Angst, die darauf abzielt, »neurotische Angst« (Sigmund Freud) hervorzurufen. Schon vor mehr als 30 Jahren erschien die Studie »Angst vor dem Absturz« von Barbara Ehrenreich. Der eingängige Buchtitel ist zum paradigmatischen Ausdruck für das Lebensgefühl vieler Menschen in Zeiten von Polykrisen geworden. 

»Angst ist zu einem Leitbegriff unserer Zeit geworden, mit dem sich nicht nur Stimmungslagen der Gegenwart beschreiben lassen.«

Da in einem Wirtschaftssystem, das regelmäßig Krisen produziert, strukturelle Unsicherheiten in der Lebens- und Zukunftsplanung für die Individuen immanent sind, ist die Bestätigung von Abstiegs- und Verlustängsten in Befragungen und Erhebungen nicht überraschend. Wenn aber Ängste in unserer Gesellschaft derart virulent geworden sind, dann richtet sich der Fokus auf die Bedeutung von Ängsten für politische Entwicklungen und auf die Wechselwirkung von kollektiven Dispositionen und gesellschaftlichen Dynamiken. Angst ist zu einem Leitbegriff unserer Zeit geworden, mit dem sich nicht nur Befindlichkeiten und Stimmungslagen der Gegenwart beschreiben lassen. Mit dem Verweis auf Abstiegs- und Bedrohungsängste scheinen wir über einen Universalschlüssel zu verfügen, um plausibel zu erklären, warum rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien in bedrohlichem Ausmaß Zustimmung erfahren, warum das Vertrauen in demokratische Institutionen und Verfahren schwindet, warum ein neuer Typus des »politischen (Angst-)Unternehmers« die Bühne betritt oder der Wunsch nach einem »charismatischen Führer« Zuspruch findet. 

Nach den jüngsten Wahlergebnissen wurden Wahlanalysen, Milieustudien und sozialpsychologische Tiefeninterviews bemüht, um direkt von grassierenden Ängsten auf politische Entwicklungen wie Rechtspopulismus und AfD-Höhenflug zu schließen. Doch dieser Rekurs auf die Abstiegsängste suggeriert nur eine umfassende Erklärung. Um zu verstehen, warum und wie sich vorhandene Ängste tatsächlich politisch niederschlagen, müssen die Wirkungen und Vermittlungen zwischen wirtschaftlicher Lage, politischem System sowie dem Alltagsbewusstsein und dem Gesellschaftsverständnis der Individuen nachgezeichnet werden. 

Der »Rohstoffcharakter« von Angst

Oskar Negt hat in diesem Kontext den Begriff »Angstrohstoff« eingeführt. Ängste an sich sind in jeder Gesellschaft stets vorhanden. Negt lenkt das Augenmerk auf ein diffuses Gefühl der Bedrohung, das überhaupt erst um sich greifen kann, wenn der Abbau sozialstaatlicher Leistungen, der Verlust von Sicherheit und ein polarisiertes gesellschaftliches Klima die tradierten Erwartungen auf ein gutes Leben und eine bessere Zukunft erschüttert haben. Insofern dominiert bei Negt der erlittene gegenüber dem befürchteten Verlust. Noch entscheidender ist aber der Hinweis auf den Rohstoffcharakter von Ängsten. Rohstoffe müssen in der Regel bearbeitet und umgeformt werden, um sie nutzbar zu machen. Nicht anders verhält es sich mit dem Rohstoff »soziale Ängste«.

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