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Den Wandel der Öffentlichkeit haben noch nicht alle Parteien verstanden Wie politisch ist TikTok? 

»Ja, wir machen es, um auch dagegenzuhalten, mit Fakten und mit tatsächlichen Nachrichten«. So begründet  Bundeskanzler Friedrich Merz, warum er auf TikTok präsent ist. Er ist zwar erkennbar ein Mann der alten Medienwelt. Doch sein auf TikTok verbreitetes Zitat aus einem Sommerinterview umreißt die Motivation vieler Demokraten der Mitte ziemlich gut, warum sie sich mit dieser Plattform mittlerweile intensiv auseinandersetzen. 

Es brauchte dafür unter anderem eine explizit unter Verweis auf TikTok annullierte rumänische Präsidentschaftswahl und einen Wahlerfolg der Linkspartei bei der Bundestags­wahl 2025, der oft mit Heidi Reichinneks erfolgreicher Anti-Merz-Wutrede auf TikTok erklärt wurde. Dort nämlich zählt politische Autorität ähnlich viel wie die richtige Wortwahl und das Gespür für Themen, die bei den Usern und dem Algorithmus verfangen. Letzteres scheint bei AfD und Linkspartei offenbar besonders häufig zuzutreffen, was (auch) ihren Erfolg bei Jungwählern erklärt. Ist TikTok also das neue politische Leitmedium? Können Parteien der demokratischen Mitte dort Stimmen zurückholen? 

67 Prozent der Bundestagsabgeordneten haben nach Zählung des Social-Media-Beraters Martin Fuchs einen TikTok-Zugang: bei der CDU jeder Vierte, bei AfD und Linkspartei ist der Anteil dreimal so hoch (SPD: knapp 50 Prozent). Friedrich Merz' Erkenntnis übersetzt sich also noch längst nicht für alle in Kommunikationshandeln. 

Nur wenige Politiker erreichen mit einem Video viele Millionen User. Selbst den Spitzen­politikern gelingt dies nur, indem sie – wie Bundeskanzler Olaf Scholz im April 2024 – mit nicht-politischen Influencern wie Younes Zarou zusammenarbeiten. Dessen Reichweite bescherte Scholz sein bis heute erfolgreichstes Video mit mehr als zwölf Millionen Ansichten. Solch große Reichweiten sind die Ausnahme. Politik erreicht auf TikTok eher kleine Ziel­gruppen. »Younes Zarou ist mit einem einzigen Video erfolgreicher als die sieben Spitzen­kandi­dat:innen mit 623 Videos«, schreibt Jan Engels in einer Analyse des TikTok-Wahlkampfs 2025 für die Friedrich-Ebert-Stiftung.

»In vielen Videos werden unterschwellig politische Weltbilder propagiert.«

TikTok gilt also zu Recht nicht als vorrangig politische Plattform. Und doch werden in vielen Videos unterschwellig politische Weltbilder propagiert, lassen sich mit gut gemachten Clips Millionen Wahlberechtigte ansprechen. Welche politische Inhalte bei welchen Usern ankom­men und womöglich deren Wahlentscheidung beeinflussen, ist dagegen eine Black Box – bis jetzt. Zwei aktuelle Studien zur Bundestagswahl untersuchen, welche TikTok-Beiträge welchen Usern angezeigt werden – ob also beispielsweise eine Partei generell mehr Sichtbarkeit auf TikTok erreicht als andere. Die Universität Potsdam und die Bertelsmann Stiftung setzen für ihren »Social Media Monitor« auf automatisiert gesteuerte, zu Studienzwecken angelegte Useraccounts. So wird nicht reales, sondern nur simuliertes Nutzerverhalten analysiert. Dafür kann eine sehr große Zahl von Beiträgen analysiert werden, auch plattformübergreifend.  

Dominanz der AfD

Die Studie macht deutlich, wie dominant die AfD oder die von ihr bearbeiteten Themen auf TikTok sind. So kommen die den Forschungsaccounts angezeigten Videos von AfD-Politikern auf einen Anteil von 37 Prozent, obwohl diese nur rund 21 Prozent aller untersuchten Videos hochgeladen hatten. Das bedeutet, dass die AfD-Videos eine viel größere Sichtbarkeit als die Videos anderer Parteien im »For You«-Feed erhalten, der vom TikTok-Algorithmus gesteuert und auf der Plattform besonders häufig genutzt wird. Das Gleiche gilt für die Linkspartei – auf Kosten aller anderen Parteien. Ein weiteres Ergebnis der Potsdamer Studie: »Auf TikTok wird ein Video mit #afd bereits in den ersten elf bis zwölf Minuten den 21- bis 25-jährigen Nutzerprofilen vorgeschlagen. Hingegen dauert es über 90 Minuten, bis ein Video mit #fdp durch den Plattformalgorithmus ausgespielt wird.« Bestimmte Parteien sind für den Algorithmus also attraktiver als andere.  

Für das Projekt »Dein Feed, Deine Wahl« nutzten das Weizenbaum-Institut, das Data Donation Lab der Uni Zürich sowie die Medienpartner BR und Stuttgarter Zeitung bei TikTok herunter­geladene und von einzelnen Usern »gespendete« Nutzungsdaten. Die User wurden zudem nach ihrer Parteineigung und ihrem Politikinteresse befragt. Die knapp 700 nutzbaren Daten­spenden stammen zwar ganz überwiegend von Usern, die sich links der Mitte verorten. Trotz dieses Bias lässt er zumindest für links oder grün wählende User erstmals empirisch basierte Rückschlüsse auf die vom TikTok-Algorithmus erzeugten Filterblasen zu. Konkret: Usern, die angeben, SPD, Grüne oder Linke zu wählen, werden im »For You«-Feed überwiegend Videos dieser Parteien angezeigt. TikTok scheint User politisch sehr gut einem Milieu, gar einer Partei »zuordnen« zu können – und zeigt ihnen vor allem Videos, die zu ihrer politischen Einstellung passen.    

Ein weiteres zentrales Ergebnis: explizit politische Inhalte machen auf TikTok nur einen Bruch­teil der von Usern gesehenen Videos aus; selbst in den Feeds der mutmaßlich politisch Interessierten und in den Wochen unmittelbar vor der Bundestagswahl beträgt der Anteil der Videos mit politischen Hashtags an allen angezeigten Videos im Mittel nur rund vier Prozent. Von Parteien und Politikern hochgeladene Videos kommen gar nur auf ein Prozent. Mehr Reichweite machen inoffizielle Accounts: Influencer aller Art, Bots oder User, die beispielsweise Ausschnitte aus politischen Talkshows hochladen. 

Der TikTok-Algorithmus steht einer sachlichen Wissensvermittlung im Weg.

Martin Fuchs spricht von der »Kraft des digitalen Vorfelds«, das es stärker als bisher zu beachten gelte. Dafür spricht auch, dass AfD und Linkspartei längst mit der »TikTok Guerilla« (AfD) oder der »Einhornfabrik« (Linkspartei) niederschwellig Multiplikatoren mit Material und Best-Practice-Beispielen versorgen. Weil sicherlich nicht alle dieser inoffiziellen Accounts erfasst wurden, ist deren tatsächliche Reichweite sogar noch größer. 

Digitales Vorfeld

Politiker und Parteien müssen, um mit ihren Botschaften auf TikTok durchzu­dringen, also sowohl selbst Videos produzieren als auch ein digitales Vorfeld aufbauen, das ihre Aussagen dezentral weiterträgt. Bei den offiziellen Partei- oder Politikervideos konzentriert sich die TikTok-Reichweite häufig auf eine einzige Persönlichkeit je Partei – bei der Bundestagswahl typischerweise die Spitzenkandidaten. Weniger bedeutende Akteure wie Bundestags­abgeordnete haben es schwer. Was das bedeutet, bekommt zum Beispiel Zoe Mayer regelmäßig zu spüren. Die auf Themen wie Tierschutz spezialisierte Karlsruher Grünen-Abgeordnete erreicht mit den meisten Beiträgen nur einige Tausend Nutzer – mit »So dreist lügt Trump« dagegen eine Dreiviertelmillion. Ihr Eindruck: »Politische Information, das muss man leider so klar sagen, ist auf dieser Plattform oft auch ein Rohrkrepierer.«  

Kein Wunder, dass viele sich anpassen, konfrontativere Themen wählen, sich vom politischen Gegner abgrenzen statt für etwas zu sein. »Der TikTok-Algorithmus steht einer ordentlichen Wissens­vermittlung oder der Informationsaufgabe von Parteien entgegen«, sagt der Kommunikations­forscher Jakob Ohme vom Weizenbaum-Institut. Linkspartei und AfD haben aus einer Oppositionsrolle heraus mit Polarisierung und Zuspitzung naturgemäß weniger Probleme als die Regierungsparteien oder die auf Ausgleich bedachten Kräfte der Mitte. 

Viele, aber nicht viele erfolgreiche Videos.

Was können diese Kräfte nun tun? Darauf gibt es bislang offenbar keine strategische Antwort. Zwar war etwa die SPD früh auf TikTok und SPD-Politiker haben laut einer Erhebung des Weizenbaum-Instituts die meisten offiziellen Accounts. Doch nur die Reichweite des Scholz-Accounts kann sich sehen lassen. Es werden also viele, aber nicht viele erfolgreiche Videos produziert. Einen akuten Rückstand haben die Mitte-Parteien zudem bei den nicht-offiziellen Accounts. Sie haben kein Pendant zur »TikTok Guerilla« oder der »Einhornfabrik«. Auch ist unklar, mit welchen Themen oder Personas ein digitales Vorfeld beispielsweise mit SPD-Inhalten aufgebaut werden soll.

Die TikTok-Performance macht programmatische Defizite gnadenlos sichtbar. Die SPD könnte sich für die von der KI-Revolution bedrohten Arbeitnehmer, für Beschäftigte in prekären Verhältnissen oder Facharbeiter zuständig fühlen. Wo aber sind diese Menschen, die ihre Anliegen auf TikTok verbreiten – und würden sie die SPD überhaupt wählen?

Dynamik politischer Inhalte

An TikTok wird erstmals klar sichtbar, was der Wandel der Öffentlichkeit konkret bedeutet. Politische Macht ist nicht völlig entwertet, mit dem digitalen Vorfeld treten jedoch neue Player dazu. Ein solches Vorfeld zu rekrutieren und für die eigenen politischen Zwecke zu nutzen, ist eine neue Herausforderung. An sich haben die bisherigen Volksparteien gute Chancen mit ihren vielen Tausend Mitgliedern sowie starken Jugendorganisationen. Diese müssen aber befähigt werden, Inhalte in einer modernen Form zu vermitteln – und die Mitte-Parteien müssen entsprechende Positionen aus ihren Parteiprogrammen heraus entwickeln und glaubhaft vertreten. Selbst dann ist nicht garantiert, dass TikTok der populistischen und polarisierenden Ränder entrissen wird. Denn auch wenn man es sich anders wünschen würde: Politische Kommunikation auf TikTok funktioniert anders, emotionaler. Nur eines ist keine Option: nicht mitzumachen.  

Für die Kommunikationsforschung tun sich derweil neue Chancen auf. Mithilfe von Nutzerdaten lassen sich Plattformen wie TikTok viel umfassender als bisher untersuchen. Auch der vom Digital Services Act der EU vorgeschriebene Datenzugang für Forscher wird helfen, die Dynamiken politischer Inhalte auf TikTok  zu verstehen. Nicht zuletzt können die neuen Möglichkeiten KI-gestützter Inhaltsanalyse auch von Bild- und Toninhalten helfen zu verstehen, mit welchen Inhalten die Akteure vom politischen Rand durchdringen – und wie Desinformation auf TikTok kursiert. 

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