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Wie »smart« sollten unsere Städte sein?

»Smart City« heißt ein Zauberwort, mit dem IT-Unternehmen seit einigen Jahren Stadtplaner und Urbanisten bezirzen, um ihre Technologien unters Volk zu bringen. Die digital aufgerüstete und intelligente Stadt verspricht, das urbane Leben in vielerlei Hinsicht zu verbessern. Smart soll der Verkehr werden: reibungsloser, effizienter, umweltfreundlicher. Smart soll die städtische Energieversorgung künftig sein: sparsamer und vernetzter. Smart soll die Verwaltung der Städte werden: leichter zugänglich für den Bürger, transparenter, demokratischer. Und smart soll die City sein im Hinblick auf ihre Sicherheit: besser gerüstet gegen Naturkatastrophen, Unfälle aller Art, auch gegen Kriminalität. Die digitale, intelligente Stadt gilt ihren Befürwortern zudem als Antwort auf die ökologischen Probleme der Gegenwart: um die Klimakrise und die schädlichen Auswirkungen von schlechter Luft und Lärm in den Griff zu kriegen.

Denn die Smart City soll eine »Green City« sein. Intelligente Lichtmasten, die Umwelt- und Verkehrsdaten messen, und Apps, die den Zugriff auf elektrische Mobilitätsangebote ermöglichen, sind dabei nur der Anfang. Die große Vision ist die Stadt als kybernetische Maschine, in der alle Abläufe technokratisch optimiert sind. Das setzt einen großflächigen Umbau voraus: die Ausrüstung mit digitaler Infrastruktur, Sensoren im öffentlichen Raum, Kameras und Messstationen an allen Orten. Ziel ist die Vernetzung all der gewonnenen Daten durch IT-Systeme, die eine Art dreidimensionaler Karte erstellen, die die urbanen Ereignisse in Echtzeit erfasst und damit der Steuerung zugänglich macht.

Am liebsten würden die Smart-City-Apologeten die Stadt von Grund auf neu bauen; ihre Spielwiese ist daher das Reißbrett, an dem die Entwürfe entstehen: nicht für das alte Europa, wo die Stadt schon viele Jahrhunderte, gar Jahrtausende Geschichte auf dem Buckel hat, sondern für asiatische oder arabische Länder, wo man Städte unbehindert von den historisch gewachsenen Strukturen und Infrastrukturen errichten kann.

Die technologische Utopie der Smart City benötigt natürlich auch Smart Citizens, die sich entsprechend den Vorgaben der technischen Vernunft verhalten. Sie steigen nur ins Auto, wenn es ihnen die Smart App empfiehlt, und fahren vom Navi ausgewiesene Umwege, um Staus zu vermeiden. Sie nehmen den Elektrobus oder die U-Bahn, wenn die Smart City meldet, dass die Abgaswerte in der Stadt zu hoch sind. Die Vernetzung aller Verkehrssysteme macht Staus und Verspätungen seltener, alles läuft wie geschmiert. Weniger Stress, weniger Lärm, weniger Umweltverschmutzung sind die Folge.

In den Stadtverwaltungen der Smart City sind ganz neue Abteilungen entstanden, die die Kompetenzen von bislang getrennten Bereichen bündeln: Verkehr, Energie, Umwelt, Sicherheit werden nun vernetzt geplant. Intelligente Mülltonnen, die per Internet melden, ob sie voll oder leer sind, erlauben es der Müllabfuhr, nur dann zu kommen, wenn es sich lohnt. Intelligente Lichtmasten messen die Luftfeuchtigkeit sowie die Luftqualität und melden den Bewohnern der Stadt, wann es besonders sinnvoll ist, die Wohnungen zu lüften – und wann man es besser sein lassen sollte. Die schöne neue Welt der Smart City ist ein urbanes Universum der Sicherheit, des Wohlbefindens, einer nachhaltig-grünen Lebensweise.

Und wenn es nach der Polizei ginge, gewänne man auch mehr Sicherheit in der Stadt, wenn man zum Beispiel den öffentlichen Raum immer und überall überwachte, wie es in China bereits praktiziert wird. Mittels Gesichtserkennung lässt sich von jedem Bürger ein Bewegungsprofil erstellen und seine Kommunikation überwachen. Es nutzt nichtdemokratischen Regimen, wenn man Teilnehmer an Demonstrationen identifizieren kann, um sie schneller verhaften zu können. Deshalb tragen Aktivisten Masken oder versuchen die Überwachungskameras mit Laserpointern zu blenden.

Aber die neue Sicherheitstechnik in der Smart City hat auch noch andere Möglichkeiten, ihre Bürger zu kontrollieren, etwa indem sie deren Smartphones ausliest und sich einen Überblick über die Kommunikation in den sozialen Netzwerken verschafft. Neue Möglichkeiten der Prävention tun sich auf. Die Smart City ist die Safe City.

Überwachung und Risiko

Es gibt den sanften Zwang der technischen Vernunft, die zu konformem Verhalten erzieht, aber auch die Gefahr der Überwachung. Die Stadt als Ort freier Bürger ist bedroht, wenn man der smarten Technik keine Zügel anlegt. Die erhobenen Daten müssen anonymisiert werden. Die Technik braucht juristische Grenzen. Die Bürger der Städte müssen aufpassen, damit sie nicht die Kontrolle über ihre Daten verlieren. Die Verträge mit den Unternehmen müssen entsprechend verhandelt werden. Die Städte brauchen Know-how, um überhaupt zu verstehen, was geschieht, wenn man IT-Konzerne einlädt, Daten in der Stadt zu erheben und zu verarbeiten. Sonst droht nicht nur der Datenklau, sondern auch die ökonomische Abhängigkeit der Städte. Oder die Städte müssen die Sensoren selbst betreiben und die Verarbeitung der gewonnenen Daten mit eigenen Mitteln und Systemen bewältigen.

Das alles ist aufwändig und teuer. Die Smart City wird nicht billig werden. Vielleicht spart man einige Müllmänner. Dafür muss man Programmierer einstellen, um zu verhindern, dass Hacker in die intelligenten Netze eindringen und sie lahmlegen oder die Stadt erpressen. Die Smart City braucht Firewalls gegen mögliche Trojaner, so wie sie früher Stadtmauern gegen Eindringliche errichtete. Kleinere Städte werden die Investitionen, die nötig sind, um solche smarten Systeme zu installieren, aus Geldmangel gar nicht allein stemmen können und sind auf die Kooperation mit anderen Städten angewiesen.

Viele Lösungsansätze sind noch in der Erprobung und meist wenig spektakulär. Das Versprechen ist im Moment größer als der praktische Nutzen. Die Städte sollten, bevor sie viel Geld ausgeben, genau definieren, für welche Probleme sie teure IT-Lösungen eigentlich brauchen. Denn analoge Intelligenz tut es oft auch. Um festzustellen, dass der Verkehr in einer Straße oder einem Viertel nicht gut läuft und dass die Luftqualität zu schlecht ist, muss man nicht die ganze Stadt mit Messstationen verkabeln. Um zu erkennen, dass es zu wenige Wohnungen gibt, braucht man keine künstliche Intelligenz. Dass wir mehr Sozialwohnungen brauchen und mehr ÖPNV, mehr Elektromobilität und weniger Diesel, lässt sich leicht verstehen, aber es muss politisch umgesetzt werden.

Eine Smart City ist nur dann eine gute Stadt, wenn die Menschen ihre bürgerlichen Freiheiten darin ausleben und ihre Bedürfnisse besser artikulieren können. Dazu mag auch eine App helfen, die Bürgerbefragungen ermöglicht. Dazu mag eine bessere, schnellere Kommunikation mit der Stadtverwaltung beitragen. Vor allem aber gehört dazu, dass die Bürgergesellschaft die demokratische Kontrolle behält: über ihre Daten und deren Verwendung. Datenschutz hat oberste Priorität. Die Smart City muss eine Stadt sein, in der mehr Partizipation möglich ist und die Freiheit der Bürger garantiert wird. Das ist eine Anknüpfung an das Ideal der griechischen Polis. Zu einer freien bürgerlichen Stadt passen keine Kameras überall im öffentlichen Raum oder das An-den-Pranger-Stellen von Leuten, die sich nicht konform verhalten.

Eine Smart City, die alles über ihre Bürger weiß, in deren Wohnungen und Köpfe schaut und das soziale Verhalten überwacht, steuert und kontrolliert, wäre das Ende der Stadt als Ort bürgerlicher Freiheit und Kreativität. Niemand hat etwas gegen eine intelligente Mülltonne, aber gegen die Totalkontrolle des öffentlichen Raums, den Ausverkauf und die Weitergabe privater Daten schon. Denn: Eine bloß ingenieurtechnische Optimierung des urbanen Lebens kann die Smart City nicht legimitieren. Was wir vor allem brauchen sind Smart Citizens, die am politischen Leben ihrer Kommune teilnehmen und sich in der Stadtgesellschaft engagieren.

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