Manchmal, wenn Journalisten anrufen, um Erkundigungen zur Wehrpflicht-Debatte einzuholen, drehe ich den Spieß um: »Darf ich fragen, wie alt Sie sind?« Wenn dann die Antwort lautet »sechsundzwanzig«, hole ich etwas weiter aus. Denn vielen jüngeren Medienleuten und auch Politikmenschen scheint das Konzept »Wehrpflicht« heute erst einmal unvertraut; als solle hier gerade etwas grundstürzend Neues erfunden werden.
Also ja, es ist mit der Menschenwürde vereinbar, Staatsbürger zu verpflichten, im Ernstfall ihr Leben einzusetzen zur Verteidigung der Freiheit, der eigenen wie der aller anderen, mit denen wir verbunden sind. Schon Willy Brandts Antwort auf die Frage, was ihm neben dem Frieden das Wichtigste sei, lautete »ohne Wenn und Aber: Freiheit«. Genau so regelt es auch das Grundgesetz.
Und nein, bei der Wehrpflicht geht es nicht in erster Linie darum, immer einen ganzen Jahrgang vollständig zum Militärdienst zu verwenden, sondern aus einem Jahrgang hinreichend viele taugliche Rekruten zu gewinnen, um den Personalbedarf der Streitkräfte zuverlässig zu decken.
Ja, es ist mit der Menschenwürde vereinbar, sein Leben zur Verteidigung der Freiheit einzusetzen.
Wenn das bei stetig schrumpfenden Umfangszahlen der Bundeswehr seit dem Ende der Blockkonfrontation 1990 irgendwann auch durch reine Freiwilligenmeldung gelingen konnte, war das zulässig. Aber gegründet wurde die Bundeswehr 1955 in der Zeit des Kalten Krieges von vornherein als Wehrpflichtarmee. 1956 zogen die ersten »W12er« in die Kasernen, später für 18 Monate. Binnen eines Jahrzehnts sollte die neue bundesdeutsche Armee auf 495.000 aktive Soldaten aufwachsen. Mit mobilgemachten Reservisten erreichte sie am Ende einen Verteidigungsumfang von 1,3 Millionen.
Die SPD-Bundestagsfraktion hat übrigens 2011 der Aussetzung der Wehrpflicht durch die Parlamentsmehrheit von CDU/CSU und FDP ausdrücklich nicht zugestimmt. Im Gegensatz zur damaligen Koalition wollte die SPD mit einem eigenen Konzept auf Nummer Sicher gehen: Es sollte weiter erfasst und gemustert werden, und nach einer Freiwilligkeitsabfrage bei den tauglich Gemusterten sollten dann von denen, die tauglich und willig waren, nach Eignung und Bedarf so viele gezogen werden, wie die auf 185.000 Soldatinnen und Soldaten verkleinerte Bundeswehr benötigte. Also: »Freiwilligkeit first«. Ginge aber die Rechnung nicht auf, hätte weiterhin die Pflicht greifen können. In der Bevölkerung war dieses sozialdemokratische Konzept nach Umfragen populärer als der Weg der Regierung.
Festzuhalten wäre also vor dem Hintergrund der heutigen, manchmal etwas geschichtsvergessenen Diskussion, dass die SPD lange eine Pro-Wehrpflicht-Partei war – Brandt, Schmidt und Schröder waren gewissermaßen »Wehrpflicht-Kanzler«. Und die Fraktion hat bis zum Schluss zum Pflicht-Prinzip gestanden.
Nun soll die Bundeswehr aber nicht weiter reduziert werden, sondern wachsen, möglichst schnell. Russland führt Krieg in der Ukraine, und es geht weitere Kriegsgefahr von Moskau aus. Der NATO hat Deutschland deshalb eine künftige Streitkräfte-Stärke von mindestens 260.000 aktiven Soldaten und einen Mobilmachungsumfang von 460.000 zugesagt. Die aktuelle Stärke liegt bei 183.000 Aktiven und geschätzt 40.000 ausgebildeten Reservisten, die schnell einzuberufen wären. In den Jahren der Freiwilligenarmee haben sich diese Zahlen kaum verändert. Dabei ist mit coolen Werbekampagnen immer wieder experimentiert worden – denn die Soll-Stärke wurde schon nach der russischen Krim-Annexion auf 203.000 angehoben. Erfolg: nicht messbar. Nicht einmal das alte Schrumpf-Soll von 2011 (185.000) wurde seither erreicht.
Bisher brauchte die Bundeswehr, nur um ihren Bestand zu halten, jährlich gut 20.000 Neueinstellungen. Die gewonnenen Zeitsoldaten bleiben im Schnitt zehn Jahre, ein Drittel ist inzwischen Berufssoldat; zusätzlich gab es immer noch einige Tausend »freiwillig Wehrdienstleistende« (für 6 – 23 Monate). Dringend gebraucht wird für den Aufwuchs der Bundeswehr heute mehr Kampftruppe, das heißt mehr kurzdienende Mannschaftssoldaten: Panzergrenadiere, Ladeschützen, Logistiker. Hier können Wehrpflichtige, wenn sie 12 oder 15 Monate Dienst tun, massiv zur Verstärkung der aktiven Truppe beitragen. Danach werden sie Reservisten.
Rückkehr zum bewährten Wehrpflicht-Prinzip
Um die 260.000 zu erreichen, wird man nicht auf 80.000 zusätzliche, plötzlich vom Himmel fallende freiwillige Zeitsoldaten rechnen können. Man muss auch nichts »attraktiver« machen oder losen, sondern schlicht zurück zum klassischen, in fünfeinhalb Jahrzehnten bewährten Wehrpflicht-Prinzip. In den ersten zwei Jahren des Hochfahrens vielleicht noch nach dem Motto »Freiwilligkeit first«, aber dahinter steht dann die Pflicht.
Um einmal die Zahlen ins Verhältnis zu setzen, weil ja »Wehrgerechtigkeit« immer ein großes Thema ist: Mein Jahrgang 1961 verzeichnet 1,3 Millionen Geburten in Westdeutschland. Von der Männer-Hälfte wurden für die Bundeswehr aber nicht 650.000 gebraucht, sondern 250.000. Die übrigen 400.000 waren untauglich gemustert, haben Zivil- oder Ersatzdienst geleistet, unterlagen Heranziehungshindernissen oder gehörten zum sogenannten »Ausschöpfungsrest«. Dass »früher« immer ganze Jahrgänge eingezogen wurden (im Gegensatz zum heutigen Bedarf), ist eine Legende.
Der Jahrgang 2008, der 2026 zur Erfassung und Musterung heransteht, verzeichnet in ganz Deutschland 680.000 Geburten. Von den nach Art. 12a GG gegebenenfalls zu verpflichtenden 340.000 Männern dürfte inzwischen eine erhebliche Anzahl als nicht-deutsche Staatsbürger herausfallen, ein Teil wird den Kriegsdienst verweigern. Das Verteidigungsministerium rechnet mit 200.000, die gemustert werden können. Wie viele von den tauglich Gemusterten die Armee dann nach und nach jedes Jahr einziehen oder verpflichten will, ist noch nicht öffentlich bekannt.
»Waffen ohne Soldaten schrecken nicht ab.«
Nach meiner Einschätzung käme man im Endaufwuchs der Streitkräfte auf einen Ersatzbedarf von etwa 70.000 Wehrpflichtigen und Zeitsoldaten pro Jahr (2024: 20.000), davon auch wenige Tausend Frauen, die sich freiwillig melden. (Frauenwehrpflicht- und allgemeine Dienstpflicht-Debatten helfen gegenwärtig niemandem weiter.) Fazit: Ohne das Wiederaufleben der klassischen Wehrpflicht bliebe in der Bundeswehr, in deren moderne und zusätzliche Ausrüstung jetzt so viel Geld investiert wird, die Personalstruktur hohl. Und Waffen ohne Soldaten schrecken nicht ab.

Kommentare (0)
Keine Kommentare gefunden!