Die Wehrpflicht wurde 2011 aus guten Gründen ausgesetzt. Dass sie nun wieder in Mode kommt, liegt weniger an sicherheitspolitischer Notwendigkeit als an konservativer Symbolpolitik.
Natürlich hat sich die sicherheitspolitische Lage seit dem russischen Angriff auf die Ukraine dramatisch verändert. Europa muss verteidigungsfähiger werden und unabhängiger von den USA agieren. Niemand bestreitet die Bedrohung, die vom russischen Imperialismus ausgeht. Aber daraus folgt nicht, dass Deutschland wieder junge Menschen zwangsweise in Uniform stecken muss. Die Frage ist nicht, ob wir uns verteidigen wollen, sondern wie wir das tun – und zu welchem Preis für unsere Gesellschaft.
Das Argument, man müsse die Wehrpflicht reaktivieren, »wenn Freiwilligkeit nicht reicht«, offenbart ein tiefes Misstrauen in die eigene Bevölkerung. Es unterstellt, dass junge Menschen nur durch staatlichen Zwang Verantwortung übernehmen. Dabei zeigen die Zahlen ein anderes Bild: Laut einer Studie der Universität Hamburg haben fast 20 Prozent der unter 30-Jährigen Interesse an einer militärischen Ausbildung. Das sind deutlich mehr, als die Bundeswehr überhaupt ausbilden könnte. Das Problem ist also nicht der Mangel an Bereitschaft, sondern der Mangel an attraktiven Bedingungen.
Freiwilligkeit ist kein Luxus, sondern Voraussetzung für eine starke Bundeswehr.
Viele Freiwillige brechen den Wehrdienst nach kurzer Zeit ab – wegen schlechter Ausrüstung, maroder Unterkünfte, bürokratischer Strukturen und eines autoritären Umgangstons, der abschreckt statt motiviert. Zudem kommen immer wieder schockierende Berichte über demütigende Initiationsrituale bis hin zu rechtsextremen Netzwerken in der Bundeswehr ans Licht. Wer die Bundeswehr stärken will, muss diese Missstände beheben, nicht die Freiheit junger Menschen einschränken. Freiwilligkeit funktioniert, wenn sie ernst genommen wird. Und eine Armee von Freiwilligen – im aktiven Dienst wie in der Reserve – ist eine Armee mit höherer Moral und größerer Professionalität.
Wehrpflicht als Symbolpolitik
Der Entwurf für ein Gesetz zur Modernisierung des Wehrdienstes setzt zwar scheinbar auf Freiwilligkeit, impliziert aber bereits das eigene Scheitern. Der verpflichtende Fragebogen, die Musterung und ein Mechanismus, der die Wiedereinführung der Wehrpflicht im Schnellverfahren ermöglichen soll – all das läuft auf eine »Wehrpflicht durch die Hintertür« hinaus. Dieser Ansatz ist mutlos. Wer es mit der Freiwilligkeit ernst meint, muss das Gesetz deshalb dahingehend anpassen und die Hintertür zur Wehrpflicht schließen. Sprich: Kein Mechanismus zur Wehrpflicht in diesem Gesetz!
Wer die Bundeswehr stärken will, muss dortige Missstände beheben.
Eine Wehrpflicht löst kein einziges Problem, das die Bundeswehr hat. Sie ist ein Scheinargument, das von den wirklichen Baustellen ablenkt. Wenn Freiwillige fehlen, liegt das nicht an fehlendem Pflichtbewusstsein, sondern an fehlender Attraktivität, Perspektive und Sinnhaftigkeit des Dienstes.
Die Bundeswehr braucht spezialisierte Fachkräfte, nicht Massen an schlecht ausgebildeten Wehrpflichtigen. In einem tatsächlichen Verteidigungsszenario, etwa bei einem Angriff auf die baltischen Staaten, helfen keine kurzfristig eingezogenen 18-Jährigen. Was Europa braucht, sind gut ausgebildete, gut ausgestattete und hochmotivierte Soldat*innen, die in einem starken europäischen Verbund zusammenarbeiten und technologisch auf der Höhe der Zeit sind. Das lässt sich nicht mit einem halben Jahr Zwangsdienst erreichen. Besonders absurd wird die Wehrpflicht-Debatte mit Blick auf die Vorschläge, die CDU/CSU kurz vor der ersten Lesung des Gesetzes eingebracht haben. Junge Menschen per Losverfahren, in einer Art Schwarz-Rot-Goldenen Hunger Games, zum Wehrdienst zu verpflichten, wird weder der Ernsthaftigkeit des Dienstes gerecht noch dem Bedarf an geeigneten Reservisten. Eine Wehrpflicht steht sogar in Konkurrenz zur tatsächlichen Verteidigungsfähigkeit, indem sie enorme personelle wie finanzielle Ressourcen bindet, die dringend für die Aufstellung einer modernen Berufsarmee benötigt werden. Statt also Übungsmaterial für zehntausende Wehrpflichtige anzuschaffen, sollte erstmal die nötige Schutzausrüstung für diejenigen besorgt werden, die tatsächlich im Verteidigungsfall ihr Leben riskieren müssten.
Zwangsdienst ist kein Kitt für die Gesellschaft
Dass es in Wahrheit gar nicht um praktische Verteidigungsfähigkeit geht, lässt sich auch an der Forderung nach einer allgemeinen Dienstpflicht ablesen, die oft im gleichen Atemzug erhoben wird. Diese Forderung ist Ausdruck eines zutiefst pessimistischen Menschenbilds und eines konservativen Kulturkampfes: Junge Menschen haben erst zu »dienen«, bevor sie gleichberechtigter Teil der Gesellschaft sind. Dieses Denken atmet preußischen Geist – Hierarchie, Drill, Gehorsam. Es wird gerne mit großen Worten verkauft: als Mittel gegen gesellschaftliche Polarisierung, als Beitrag zum Zusammenhalt, gar als Wundermittel gegen den Fachkräftemangel.
In Wahrheit geht es gar nicht um praktische Verteidigungsfähigkeit.
Doch Zwangsdienste schaffen keine Gemeinschaft, sondern Ohnmachtsgefühle und Verbitterung. Das gilt ganz besonders für die junge Generation, die von der Coronapandemie bis hin zur Unsicherheit des Arbeitsmarktes viele aktuelle Krisen schultert. Wer junge Menschen zur Arbeit verpflichtet, degradiert sie zur Verfügungsmasse. Eine solche Zwangsarbeit ist eine tiefgreifende Verletzung von Grundrechten. Dass solche Zwangsmaßnahmen für mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt sorgen, ist geradezu absurd. Gesellschaftlicher Zusammenhalt wächst nicht durch Pflicht, sondern durch Beteiligung, Mitbestimmung und Solidarität.
Freiwilligkeit braucht Struktur, nicht Ersatzpflicht
Statt immer neue Pflichtmodelle zu diskutieren, sollte die Politik die bestehenden freiwilligen Dienste stärken – ob Bundesfreiwilligendienst, Freiwilliges Soziales oder Ökologisches Jahr oder der Freiwillige Wehrdienst. Der Zusammenschluss vieler Träger hat mit dem Konzept »Freiwilligendienste 2030« längst einen Weg aufgezeigt: Ein Rechtsanspruch auf einen Freiwilligendienst, verbunden mit einer fairen Vergütung, die echte Unabhängigkeit ermöglicht. Damit wäre der Staat endlich in der Pflicht, das Engagement, das in dieser Gesellschaft steckt, zuzulassen. Das ist der richtige Perspektivwechsel. Dazu braucht es eine ausreichende Finanzierung der Freiwilligendienste aus dem Bundeshaushalt anstelle der tiefen Einschnitte, von denen die letzten Jahre geprägt waren. Die Zeiten, in denen es mehr Bewerbungen auf Freiwilligendienste gab als Plätze, müssen endlich der Vergangenheit angehören.
Ein solcher Ansatz stärkt Engagement, fördert demokratische Teilhabe und bindet junge Menschen ein, statt sie zu bevormunden. Wer heute mit Jugendlichen spricht, spürt nicht Gleichgültigkeit, sondern Verantwortungsbewusstsein – für Klima, Gerechtigkeit, Frieden. Dieses Verantwortungsgefühl verdient Anerkennung und Förderung, nicht Misstrauen.
Sicherheit durch Freiheit
Sicherheit entsteht nicht durch Zwang, sondern durch Vertrauen – in Menschen, Institutionen und Werte. Eine Gesellschaft, die glaubt, sie könne junge Menschen zu Verantwortung zwingen, verliert am Ende beides: die Freiheit und das Vertrauen. Die Wehrpflicht würde weder die Bundeswehr effizienter noch die Gesellschaft solidarischer machen. Sie wäre ein politisches Placebo, das alte Gewissheiten bedient, aber keine neuen Lösungen schafft.
Wenn Freiwilligkeit nicht »reicht«, liegt das nicht an der Jugend, sondern an der Politik. Dann hat sie es versäumt, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen, um Engagement zu ermöglichen. Wer die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands sichern will, muss das Vertrauen der jungen Generation gewinnen, nicht ihre Freiheit opfern.
Nein – die Wehrpflicht darf nicht zurückkommen. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Vernunft und Generationengerechtigkeit.

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