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»Wir müssen für die nächste Pandemie deutlich besser gerüstet sein«

 

NG|FH: Wo stehen wir bei der Coronapandemie im Moment in Deutschland? Neigt sie sich dem Ende zu oder befinden wir uns inmitten einer trügerischen Euphorie?

Karl Lauterbach: Wir befinden uns im Übergang in eine neue Phase. Die akute Bedrohung ist für die allermeisten Menschen zunächst einmal vorbei, aber in der neuen Phase bleiben die weiterhin gefährdet, die durch die Impfkampagne nicht erreicht werden konnten. Wir werden zudem auch noch Probleme damit haben, den Schulbetrieb so zu organisieren, dass das Lernen für die Kinder optimal ermöglicht wird. Ferner haben wir auch noch das Problem derer, die zwar bisher durch gute Impfstoffe geschützt sind, die aber an neuen Varianten, bei denen diese Impfstoffe nicht perfekt wirken, möglicherweise auch schwer erkranken werden.

Corona ist also nicht besiegt, die Pandemie geht weiter. Aber die akute Phase ist für den größten Teil der Bevölkerung vorbei.

NG|FH: Sind wir in Deutschland denn überhaupt strukturell – politisch wie medizinisch – richtig aufgestellt, um dieses Risiko mittel- und langfristig in den Griff zu bekommen? Es ist ja darüber viel diskutiert worden, dass auch nach Corona immer wieder ähnliche Viren auftauchen werden.

Lauterbach: Dieses Mal waren wir nicht besonders gut aufgestellt. Wir hatten kein Schutzmaterial, wir hatten keine Masken, in Deutschland gibt es keine wirklich gut organisierte staatlich geförderte Impfstoffentwicklung. Im Verhältnis dazu ist Deutschland enorm gut durch die Pandemie gekommen. Wir müssen nun aus dem, was wir erlebt haben, lernen, wie wir uns das nächste Mal, und dieses nächste Mal wird kommen, besser aufstellen. Wir brauchen eine Reihe von Veränderungen.

NG|FH: Welche Veränderungen müssen kommen?

Lauterbach: Was wir aus meiner Sicht brauchen, ist zum einen so etwas wie einen ständigen Pandemierat oder ein Pandemieinstitut. Eine Institution, die sich mit beginnenden neuen Pandemien weltweit systematisch auseinandersetzt und quasi so etwas wie ein Frühwarnsystem darstellt, welches uns zeigt, wo Pandemien entstehen können oder wo sie schon entstanden sind, sodass wir schneller reagieren können.

Zum zweiten brauchen wir auch eine deutliche Stärkung der Forschung in diesem Bereich. Wir brauchen mehr wissenschaftliche Erkenntnis in der Epidemiologie. Es wäre sinnvoll, wenn wir dafür ein eigenes großes staatliches Institut oder zumindest eine Arbeitsgruppe in einem Institut in Berlin hätten, welches staatlich gefördert wird und in der Lage ist, für solche Pandemien epidemiologische Modellierungen durchzuführen, die uns helfen können die politischen Beschlüsse, die zu treffen sind, auch gut vorbereitet zu treffen.

Es ist zudem aus meiner Sicht dringend notwendig, dass wir in Deutschland eine staatlich geförderte Impfstoffforschung sowie eine Kapazität zur Produktion von Impfstoffen aufbauen. Dieses Mal haben wir Glück gehabt, dass die Impfstoffproduktion hierzulande durch das Werk in Marburg noch für den Biontech-Impfstoff geschaffen werden konnte. Aber Impfstoffproduktion muss zu jedem gegebenen Zeitpunkt in Deutschland möglich sein.

NG|FH: Einige Politikwissenschaftler haben kritisch angemerkt, dass vor allem im letzten Jahr die Politik im Wesentlichen ihre Verantwortung an die Wissenschaft abgegeben habe, die Wissenschaft den Prozess gesteuert und reguliert habe und dass das so nicht gehe.

Lauterbach: Ich glaube nicht, dass die Wissenschaft das Ruder übernommen hat, sondern dass wir das gemacht haben, was wir viel öfters machen sollten: Wir haben wissenschaftliche Erkenntnisse sehr schnell in politische Entscheidungen integriert. Aber es blieben dann zum Schluss doch politische Entscheidungen. Diese sind ja durch die Ministerpräsidentenkonferenzen, mit den Regierungsmitgliedern und der Bundeskanzlerin getroffen worden. Da waren die Wissenschaftler sehr eng eingebunden, weil es anders auch gar nicht gegangen wäre. Aber sie haben selbst keine einzige Entscheidung getroffen.

NG|FH: Der Föderalismus scheint ja sehr oft das behindert zu haben, was die Wissenschaftler gefordert haben. Wie schätzen Sie das Verhältnis von Wissenschaft und Politik ein, welche Rolle spielt der Föderalismus?

Lauterbach: Der Föderalismus hat die meiste Zeit gut funktioniert. Ich teile die Kritik nicht, die ich oft höre, dass der Föderalismus das Problem gewesen wäre. Wie ich eben bereits erwähnt habe, sind wir insgesamt, im Vergleich mit anderen Ländern um uns herum, relativ gut durch die Pandemie gekommen. Unsere Übersterblichkeit beträgt ungefähr 4 %, fast alle vergleichbaren Länder um uns herum haben Übersterblichkeiten von 8 bis 11 %. Wenn wir eine solch hohe Übersterblichkeit gehabt hätten, dann wären in Deutschland mindestens 100.000 Menschen mehr gestorben. Die Tragödie wäre nochmals viel größer gewesen.

Die Ministerpräsidentenkonferenz hat immer lange getagt. Und in der zweiten Welle haben wir allesamt auch Fehler gemacht. Da hat die MPK keine gute Rolle gespielt. Aber in der ersten und der dritten Welle sind wir relativ stark gewesen. Somit glaube ich, dass die MPK dazu geführt hat, dass zum einen gemeinsame Entscheidungen getroffen werden konnten, die dann auch für alle verbindlich waren. Durch die Beteiligung der Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten an den Entscheidungen ist auch sehr viel Wissen transportiert worden, was in den Ländern dann eine große Rolle gespielt hat.

NG|FH: Wie fällt Ihr Urteil über die Gesellschaft aus? Hat sie sich in der Coronazeit verändert? Wenn ja, eher zum Besseren oder zum Schlechteren?

Lauterbach: Meine subjektive Beobachtung ist, dass der Kern der Gesellschaft zusammengerückt ist und die Maßnahmen, die wir getroffen haben, nicht nur mitgetragen hat, sondern sich auch sehr für Politik und das, was wir da gemacht haben, interessiert hat. Sie hat Zustimmung signalisiert und auch die entscheidenden Akteure getragen.

Gleichzeitig hat sich aber eine parallele Gruppe gebildet, die die Maßnahmen, die wir beschlossen haben, von vorneherein abgelehnt hat, und die in eine Fundamentalopposition gegangen ist. Diese Gruppe hat sich auch zunehmend radikalisiert. Zum einen sind das die Querdenker, aber auch andere Gruppen, die den Staat und das Staatshandeln, welches wir praktizieren mussten, grundsätzlich ablehnen und eine libertäre, zum Teil rechtsnationale Position vertreten. Diese Gruppe ist sehr viel stärker geworden und hat uns auch sehr zugesetzt. Sie setzt mir zum Beispiel jeden Tag zu.

NG|FH: Haben Sie Personenschutz?

Lauterbach: Ich bin leider in der gesamten Zeit über attackiert worden, bekomme sehr viele Drohungen, bis hin zu Morddrohungen, auch meine Familie. Es gab Anschläge auf meine Mietwohnung in Köln. Daher habe ich rund um die Uhr Personenschutz.

NG|FH: Wird Corona beim Wahlausgang eine größere Rolle spielen?

Lauterbach: Ich glaube, dass es eine Rolle spielen wird, aber in welche Richtung das gehen wird, kann ich nicht sagen. Für mich als Wissenschaftler und Politiker ist es undenkbar, dass etwas, was uns eineinhalb Jahre intensiv beschäftigt hat, keine Bedeutung für die Wahlen haben soll.

NG|FH: Gibt es gesundheitspolitisch eine Alternative, die die SPD zur Wahl anbieten kann? Stichworte wären die Bürgerversicherung, auch die Konsequenzen aus der Coronakrise und die Struktur des Gesundheitswesens. Was sind die Hauptpunkte einer sozialdemokratischen Gesundheitspolitik nach Corona, wenn die SPD an der Regierung beteiligt wäre?

Lauterbach: Die Vorschläge, die ich eben gemacht habe, werden sicherlich auch in der Programmatik der SPD noch auftauchen: ein Pandemierat oder eine Pandemieberatungsgruppe, die sich systematisch, auch von Wissenschaftlern unterstützt, mit der Früherkennung und mit einem Frühwarnsystem für Pandemien auseinandersetzt; epidemiologische Institute, die mit Modellierungsarbeitsgruppen arbeiten können, und eine viel bessere Impfforschung und -unterstützung sowie Produktion von Impfstoffen. In diesen Fragen bin ich auch im engeren Austausch mit Olaf Scholz, der das ganz ähnlich sieht. Wir müssen für die nächste Pandemie deutlich besser gerüstet sein.

Darüber hinaus muss der öffentliche Gesundheitsdienst in Deutschland sehr viel besser organisiert sein, weil er in der Pandemie überfordert war. Er hat fantastische Arbeit geleistet, ist wirklich den Idealen gerecht geworden. Das muss aber anders gefördert und finanziert werden. Es muss auch Möglichkeiten geben, dass die Menschen, die insbesondere im öffentlichen Gesundheitsdienst arbeiten, besser bezahlt werden. Was viele nicht wissen ist, dass die Bezahlung von Ärztinnen und Ärzten im öffentlichen Gesundheitsdienst im Vergleich zu anderen angestellten Ärzten sehr viel schlechter ist, sodass diese Stellen nicht wirklich begehrt sind. Das ist natürlich nicht hinzunehmen, daran müssen wir arbeiten.

Hinzu kommen die klassischen Themen, also wie wir z. B. ein Gesundheitssystem bekommen, das die Zwei-Klassen-Medizin, die Zwei-Klassen-Versorgung beseitigt und eine wirklich gute Versorgung für alle ermöglicht. Dazu zählt natürlich die Bürgerversicherung, dazu zählt aber auch eine bessere Vergütung der Pflege, eine Aufwertung der hausärztlichen Versorgung und eine bessere Vernetzung von Pflege und medizinischer Tätigkeit. Und wir müssen uns auch darüber Gedanken machen, wie wir öffentliche Krankenhäuser und auch kleinere Krankenhäuser, selbst wenn sie nicht öffentlich sind, besser absichern, sodass sie die Routineversorgung, etwa auf dem Land, leisten können, ohne dass sie dafür Leistungen erbringen müssen, die zwar lukrativ sind, aber dann zu oft gemacht werden müssen und nicht wirklich dazu beitragen, dass die Versorgung besser wird. Wir brauchen die kleinen Krankenhäuser, die sich aber auf die Routine- und Basisversorgung konzentrieren können müssen.

NG|FH: Was bleibt darüber hinaus zu tun?

Lauterbach: Wir müssen mehr für die Vorbeugung tun. Es hat sich in dieser Pandemie gezeigt, dass die Menschen am schlimmsten betroffen gewesen sind, die nicht nur alt sind, sondern die viele chronische Erkrankungen haben. Wir sollten also konsequent weiter daran arbeiten, die chronischen Erkrankungen in der Bevölkerung zu reduzieren. Wir müssen beispielsweise mehr tun zur Vorbeugung von Zuckerkrankheit. Zuckerkranke waren in der Pandemie sehr stark gefährdet. Wir müssen mehr dafür tun, dass Menschen keine Herz-Kreislauf-Erkrankungen entwickeln, wir müssen mehr bei der Bekämpfung von Adipositas tun. Wir brauchen einfach eine ganz andere Art und Weise, wie wir uns ernähren. Und das ist sowohl aus Umweltschutzgründen wichtig, wie aber auch aus Vorbeugegründen. Hier muss die SPD die Akzente setzen.

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