Özgür Özel, Vorsitzender der Republikanischen Volkspartei in der Türkei erklärte kürzlich in einer Rede stolz: »Die Cumhuriyet Halk Partisi(CHP, Republikanische Volkspartei) ist mit ihrem Stimmenanteil bei der letzten Wahl die sozialdemokratische Partei mit den meisten Stimmen weltweit.« Sie erzielte bei den Kommunalwahlen 2024 mit 37,8 Prozent ihr bestes Ergebnis seit 1977. Özel fasste diesen Erfolg mit den Worten zusammen: »Wir haben die 25-Prozent-Glasdecke durchbrochen«. Damit erinnerte er daran, dass die CHP nach dem Militärputsch von 1980 bei keiner Wahl mehr als 25 Prozent erreicht hatte. Jüngste Meinungsumfragen deuten zudem darauf hin, dass die Partei bei der nächsten Parlamentswahl 2028 auf über 30 Prozent kommen könnte. Doch wie kam dieser Erfolg zustande? Was hat die CHP anders gemacht, um die Adalet ve Kalkınma Partisi (AKP, Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung) von Präsident Erdoğan, die seit fast einem Vierteljahrhundert an der Macht ist, zu überholen?
»Wir haben die 25-Prozent-Glasdecke durchbrochen.«
Alternative für die resignierten Massen
Bei der Wahl 2002, bei der Erdoğan an die Macht kam, scheiterten nahezu alle etablierten Parteien an der Sperrklausel; neben der AKP gelang nur der CHP der Einzug ins Parlament — allerdings mit weniger als 20 Prozent der Stimmen. 2010 musste der Parteivorsitzende Deniz Baykal, der die Partei fast 16 Jahre lang geführt hatte, zurücktreten, nachdem kompromittierende Videoaufnahmen an die Öffentlichkeit gelangt waren. Sein Nachfolger Kemal Kılıçdaroğlu konnte in den folgenden 13 Jahren und fünf Wahlen die »25-Prozent-Glasdecke« nicht durchbrechen. Wohl oder übel musste er auf dem Parteitag 2023 den Vorsitz an Özgür Özel übergeben.
Für den 1974 geborenen Apotheker Özel war die Kommunalwahl 2024 seine erste ernsthafte Bewährungsprobe. Bei dieser Wahl erhöhte die CHP ihren Stimmenanteil um zehn Prozentpunkte, gewann in 14 Großstädten, einschließlich Istanbul und Ankara, und wurde erstmals stärkste Partei. Dieser historische Sieg war zugleich das Startsignal für den folgenden Höhenflug.
Dieser Erfolg in so kurzer Zeit hat zahlreiche Gründe. Zunächst ist ein »negativer« Faktor zu nennen: Im Jahr 2024 war die Mehrheit der Bevölkerung der über 20-jährigen Herrschaft Erdoğans und vor allem der von seiner Wirtschaftspolitik verursachten Verarmung überdrüssig. Die resignierten Massen suchten nach einer Alternative, sahen aber lange weder eine vertrauenswürdige Partei noch eine überzeugende Führungspersönlichkeit. Der 50-jährige Özel, der die Partei vom 75-jährigen Kılıçdaroğlu übernommen hatte, konnte gegenüber dem alternden Erdoğan mit persönlicher Energie, rhetorischer Stärke, dem Versprechen nach Veränderung sowie mit seinem Team und Programm punkten und lang ersehnte Hoffnungen wecken.
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