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Italien als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2024 Wo wurzelt die Literatur?

Noch bevor die Frankfurter Buchmesse am 16. Oktober ihre Tore öffnet und die Fachwelt auf die Piazza strömt – als solche gestaltet Ehrengast Italien seinen Pavillon – ist der erste Skandal da: Roberto Saviano wird von Hanser, seinem deutschen Verlag, eingeladen, als offizieller Repräsentant der italienischen Literatur war er nicht genehm. Kein Wunder. Wer sich mit Mafia und Camorra anlegt, wird vor Giorgia Meloni nicht kuschen – und Saviano gilt als einer der scharfzüngigsten Kritiker der Ministerpräsidentin. Es folgten der erwartbare offene Brief sowie die nicht minder erwartbare Reaktion auf diesen: Irgendjemand müsse immer zu Hause bleiben, die Delegation stehe selbstredend für Vielfalt et cetera pp. Was über der politischen Auseinandersetzung fast in Vergessenheit gerät: Saviano hat höchst lesenswerte Bücher geschrieben – und Italien ist ein Ehrengast, der viel zu bieten hat.

Skandale und literarische Gegenwehr

Bereits 1988 kam dem Land diese Rolle zu, damals lautete das Motto Italienisches Tagebuch. Seitdem ist mancherlei geschehen. Ins politische Tagebuch trägt sich 1994 Silvio Berlusconi mit seiner ersten Regierung ein, der Schrecken sollte drei Neuauflagen finden. Die Kultur hätte er am liebsten weggespart, mit seinem Medienimperium wollte er das Publikum in einen Zustand widerspruchsloser Glückseligkeit infotainen. Stattdessen hagelte es Skandale, Verfahren und literarische Gegenwehr. Selbst auf Deutsch erschien ein Sammelband, Berlusconis Italien – Italien gegen Berlusconi, in dem Autoren wie Andrea Camilleri, Stefano Benni oder Umberto Eco Stellung beziehen. Wer nur diesen Band liest, würde allein durch diese (satirischen) Texte einiges über die wesentlichen Momente der italienischen Literatur erfahren. Zunächst, wenig erstaunlich, ist da der politische Kommentar, den die Literatur abgibt. Der ist oft genug selbst bei grundsätzlicher Übereinstimmung kontrovers. Gegen Berlusconi lässt sich eben in vielerlei Hinsicht etwas einwenden. Facettenreichtum und Originalität im Denken sind indes die Stichpunkte, die über den Sammelband hinaus auf weiter literarischer Flur Gültigkeit haben. Es überrascht nicht, wenn ein hochgebildeter Autor wie Eco in Das Foucaultsche Pendel sein Spiel mit Verschwörungstheorien beginnt und Wissensleckerbissen aus verschiedenen Kulturen und Zeiten auftischt. Wenn er darin aber mit großer Sinnesfreude eine Frau beim Flippern beschreibt, sieht die Sache schon anders aus. Die im Deutschen oft strikte Trennlinie zwischen bedeutender und unterhaltender Literatur ist im Italienischen längst nicht so klar gezogen.

Und ein wenig dolce vita spielt wohl auch hinein. Der wichtigste Literaturpreis zeigt das besonders schön, der Premio Strega. Kürt die 400-köpfige Jury nach aufwendigem Prozedere ihren Siegertitel, geht das nicht ohne den namenge­benden Kräuterschnaps ab, und so reckt die aktuelle Preisträgerin Donatella Di Pietrantonio freudig eine Flasche Strega in die Höhe. Sicher, auch in der deutschen Literatur kann einem viel Gutes widerfahren – aber wann wäre das einen Asbach Uralt wert?

Damit zurück zu Eco: Als hierzulande über den Comic beinahe noch die Nase gerümpft wurde, hat er, wie seine Königin Loana verrät, aus seiner Vorliebe für das Genre keinen Hehl gemacht. In den letzten Jahren hat Zerocalcare mit seinen fumetti in Italien enorme Erfolge gefeiert, doch trotz allgemeiner guter Übersetzungslage findet aus diesem Bereich nur wenig den Weg ins Deutsche. Außer den Lustigen Taschenbüchern, die Disney teils dorthin ausgelagert hatte, ist aus dieser Sparte kaum etwas ins Deutsche gebracht worden.

Originelle Romane in Gruppenarbeit

Zerocalcare zeichnet und textet zwar allein, versteht sich jedoch als Teil eines Kollektivs, dessen Diskussionen die Werke beeinflussen. Nun ist die Gruppenarbeit zwar nicht typisch für die italienische Literatur, zumindest in einem anderen Fall aber ein Garant für originelle Romane. Wu Ming, eine Bologneser Gruppe und früher als Luther Blisset bekannt, beleuchtet mit viel Witz und Scharfsinn aus Randperspektive Weltereignisse. Ihr Erfolg Q spielt in der Reformationszeit, in Ufo 78 mixen sie die Entführung von Aldo Moro, Beobachtungen in den unendlichen Weiten des Weltraums und den italienischen Faschismus überzeugend zu einem Gesamtbild. Und auch hier keinerlei Berührungsängste.

Der Kriminalroman hat in einigen seiner Spielarten international längst den Gesellschaftsroman ersetzt. In Italien hat das Tradition. Vor Saviano hat sich Leonardo Sciascia der Mafia angenommen, sein Der Tag der Eule ist Krimi wie Anamnese politischer Missstände gleichermaßen. Camilleri hat mit seinem Kommissar Montalbano an diese Tradition angeknüpft. Und ein Paradoxon: Obwohl die italienische Romantik literarisch schwächer war als in anderen Ländern, prägen die Literatur heute Versatzstücke des Phantastischen oft stärker als anderswo. Zu nennen sind hervorragende Schriftsteller wie der groteskhumorige Stefano Benni, die bereits verstorbenen Autoren Italo Calvino mit dem Baron in den Bäumen aus der Vorfahren-Trilogie oder der von E. T. A. Hoffmann faszinierte Tommaso Landolfi, aber auch der literarisch etwas schwächere Sacha Naspini mit seinen Dorfgeschichten, der auch in Frankfurt zu erleben sein wird.

In Italien hat der Krimi als Gesellschaftsroman Tradition.

Resistenza und Faschismus, der Krieg in Abessinien, die Brigate Rosse – all das fand und findet Eingang in die Literatur. Dafür stehen nicht nur die Namen inzwischen toter Autoren und Autorinnen wie Ennio Flaiano, Beppe Fenoglio oder Elsa Morante, sondern auch etliche derjenigen, die in Frankfurt sein werden.

In dem Jahr, als Italien das erste Mal Ehrengast in Frankfurt war, 1988, kam Giulia Caminito in Rom zur Welt. Dieses Jahr bildet sie einen Teil der Gruppe, die mit ihren Werken die Messe besucht. Im Gepäck hat sie denn auch ihren dritten ins Deutsche übersetzten Roman Das große A. Nach dem Anarchismus auf dem Land und dem Prekariat in Rom geht es nun um Faschismus und italienische Kolonien in Afrika. Erneut greift sie dabei auf ihre eigene Familiengeschichte zurück, nicht aber auf ihr eigenes Ich. Ihre Romane sind gerade deshalb so lesenswert, weil ihnen eine Recherche vorausging, die über das eigene Wissen hinausführte.

Hochkarätige literarische Präsenz

Ihr Beispiel deutet es an: Die Gruppe ist hochkarätig und von erstaunlicher Vielfalt. Neben einer Unterhaltungsschriftstellerin wie Stefania Auci gehören ihr Dacia Maraini oder Erri De Luca an. Maraini hat immer wieder Lebensgeschichten von Frauen eingefangen und früh schon familiären Missbrauch in Die stumme Herzogin oder Gefängnisstrafen in Erinnerungen einer Diebin geschildert. De Luca kann nicht nur eine Anklage wegen Sabotage (samt Freispruch) vorweisen, sondern hat auch mit dem Musiker Gianmaria Testa zusammengearbeitet. Cantautori, die Liedermacher, spielen für die zeitgenössische italienische Literatur eine kleine, aber wichtige Rolle. Ihre Texte finden als Lyrik oft Eingang in Schulbücher, häufig schreiben sie auch Prosa. So hat Francesco Guccini neben seinen Songs nicht nur Texte für Comics geschaffen, sondern zusammen mit Loriano Macchiavelli auch Kriminalromane.

Die Gruppe umfasst zudem etliche ausgezeichnete Größen. Was hier auffällt: Die kurze Form ist ausgesprochen stark repräsentiert, vielleicht ein Nachhall der exzellenten Novellistik aus dem Trecento mit Giovanni Boccaccios Decamerone. Valeria Parrella, für ihr Debüt mit einem Preis gewürdigt, danach mehrfach auf der Shortlist für den Premio Strega, bescheidet sich meist mit guten 100 Seiten. Selbst in der Übersetzung sind das schmale, aber gehaltvolle Bände. Was zum nächsten Spezifikum führt. Aus dem Italienischen wird viel übersetzt, vor allem aber hat Italien eine gute Tradition als Übersetzungsland und – wichtiger noch – als Land, in dem exilliterarische Werke erstmals erschienen. Boris Pasternaks Doktor Schiwago oder Jewgenija Ginsburgs Gulag-Autobiografie fanden ihren Weg zu den weltweiten Druckpressen über Italien. Mit Igiaba Scego und Helena Janeczek sind zudem Stimmen vertreten, deren Muttersprache nicht oder nicht nur Italienisch ist. Ihre Namen sind zu ergänzen um Jana Karšaiová, Jhumpa Lahiri oder Ferzan Özpetek, die alle auch auf Deutsch vorliegen.

Was auch immer es im Vorfeld für Auseinandersetzungen gegeben hat, diese Gruppe kann sich sehen lassen. Bleibt das Motto: Verwurzelt in der Zukunft.

Manfred Hardt bietet mit seiner Geschichte der italienischen Literatur von 1996 nicht nur einen kundigen Überblick über die Jahrhunderte, sondern schafft auch, was selten in diesem Bereich gelingt: Seine Begeisterung für die italienische Literatur mit ihrem »pfiffigen Einfallsreichtum«, den »überraschenden Formen und Inhalten« stiftet zum Lesen an. Für das neue Jahrhundert ist dem nichts hinzuzufügen. Es bleibt überraschend. Auf zügellosen Kapitalismus und zunehmende Monopolisierung der Verlagswelt reagieren einige Autoren und Autorinnen 2015 mit der Gründung des Verlags La nave di Teseo. Und schon dort heißt es: »La nave di Teseo hat die Zukunft im Blick und gibt der Vergangenheit eine Zukunft.«

Der Literatur eine Zukunft garantieren

Das klingt sehr nach dem diesjährigen Motto für die Messe – und ist doch um so Vieles treffender. Denn es gehört zu den schönsten Facetten der Literatur, uneindeutig – mehrdeutig – zu sein. Für ein Motto gilt das nicht unbedingt. Es soll nicht anregen, sondern signalisieren, ein eindeutiges Bekenntnis darstellen. Von offizieller Seite hieß es, mit dem Motto nehme man sich selbst in die Pflicht, wolle der Literatur eine Zukunft garantieren.

Ein reichlich elliptisch formuliertes Versprechen. Wer das Wort professionell gebraucht, muss nämlich auch mit folgender Auslegung rechnen: Heute soll geerntet werden, was morgen angebaut wird, die Zukunft gibt der Literatur ihre Gegenwart. Derartige Pflegetipps, mit denen das Wort getrimmt werden sollte, hat es bereits gegeben. »Wir wollen und wir werden eine freie Presse gründen, die nicht nur frei von Polizei ist, sondern auch frei von Kapital« – bis hierher mag Zustimmung vielleicht auf der Zunge liegen, gerade angesichts einer ­Meloni – »frei von Karrierismus und, nicht zuletzt, frei vom bourgeois-anarchischen Individualismus«. So äußerte sich Lenin, bereits 1905 und durchaus auf die Literatur schielend. Pfiffiger Einfallsreichtum war denn auch kein Markenzeichen des Sozialistischen Realismus.

Literarische Wiederentdeckungen

Die italienische Literatur hat es hervorragend verstanden, ihre eigene Vergangenheit, ihre Traditionen lebendig zu halten. Natalia Ginzburg und Leonardo Sciascia entdeckten oft genug in Vergessenheit geratene Schriftstellerinnen wieder. Als ein solcher Glücksfall ist Maria Messina herauszuheben, die »sizilianische Katherine Mansfield«, wie Sciascia sie nannte, als er sie in den 80ern, 40 Jahre nach ihrem Tod, bei seinem eigenem Verlag Sellerio unterbrachte. Ihre kammerspielhaften Darstellungen von Frauenschicksalen sind nun neuerlich in Italien, Frankreich und hierzulande zu lesen.

Und der Individualismus? Die italienische Literatur hat ihn sich mit »pfiffigem Einfallsreichtum« bewahrt. Nicht zuletzt spricht dafür die Souveränität, mit der die Gruppe auf die politischen Querelen im Vorfeld reagiert hat, während die Qualität der zeitgenössischen Literatur die begründete, geradezu fest verwurzelte Hoffnung schürt, es werde auch in Zukunft so bleiben. In dem Fall würden den künftigen Wurzeln Pflanzen entsprießen, die reizvolle Früchte tragen.

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