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picture alliance / ZUMAPRESS.com | Andrew Leyden

Bedingungsloser Relativismus ist genauso problematisch wie überkommene Vorurteile Zivilisation, was ist das?

Drei Tage nachdem er den Krieg gegen Iran begonnen hatte, klärte der US-Präsident die Welt darüber auf, dass seine Gegner »Krieg gegen die Zivilisation selbst führten«. Krieg legitimierende Rhetorik sollte nicht zu ernst genommen werden. Die Wortwahl kann aber von Interesse sein, wenn man Motive und Ziele der Kriegführung verstehen will.

War against civilization itself – ist so ein Fall. Das englische Original zu erwähnen, ist nicht überflüssig, denn obwohl auf Deutsch das gleiche Wort verwendet wird, gibt es wichtige Unterschiede. Deutlich macht das z. B. der deutsche Titel des Buchs The Clash of Civilizations von Samuel Huntington: »Kampf der Kulturen«. Kultur und Zivilisation haben sicher etwas miteinander zu tun, sind aber nicht dasselbe.

Kulturen und Kultur

Im Englischen ist zwischen civilization im Singular und civilizations im Plural zu unterscheiden. Letztere sind im Deutschen »Kulturen« oder »Kulturwelten«, wie Max Weber sie nannte. Huntington argumentiert, dass seit dem Ende das Kalten Krieges neue Gegensätze die Weltordnung bestimmen und zwar solche zwischen Kulturen. Sie dienen als Anker des Weltverständnisses und manchen auch der politischen Loyalität. Während des Kalten Krieges waren sie vom Gegensatz zwischen West und Ost in den Hintergrund gerückt worden. Als der seine politische Wirkungskraft verlor und die Marktwirtschaft auch in Russland und China Einzug hielt, wurden sie aufs Neue zu einem Faktor der Weltpolitik.

Europa wurde zum Ideal der Zivilisation.

Jetzt zur civilization im Singular; hier ähneln sich der englische und der deutsche Sprachgebrauch. Beide beinhalten eine abstrakte, im Prinzip kulturunabhängige Idee von globalem Fortschritt, in dessen Verlauf es zur Verknüpfung von Zivilisation und Modernisierung kam. Im Westen der Kolonialzeit verbreitete sich so eine evolutionistische Typologie von primitiven, archaischen, intermediären und modernen Gesellschaften. Letztere fanden sich, überflüssig zu sagen, nur im Westen. Da Europa Vorreiter der die Moderne verkörpernden Industrialisierung war, wurde es dadurch im eigenen Verständnis auch zum Ideal der Zivilisation. Dieser Begriff kam erst im 18. Jahrhundert auf, als der Kolonialismus (inklusive Sklavenhandel) immer mehr Fahrt aufnahm. Die westliche Lebensform, eng verbunden mit christlichen Doktrinen wurde zum Maß aller Dinge. Jeder konnte sehen, dass europäische Wissenschaft und Technik, die besseren Waffen und einen höheren Lebensstandard ermöglichten, der so zum wichtigsten Indikator der Zivilisation wurde.

Zivilisierungsmissionen

Die europäische Expansion auf andere Kontinente diente nicht der eigenen Bereicherung, sondern als Mission civilisatrice, wie die Franzosen es nannten, dem Wohle der weniger entwickelte Gesellschaften. Kulturanthropologen nahmen dazu seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine kritische Haltung ein und suchten nach anderen theoretischen Möglichkeiten, Zivilisation und Fortschritt zu konzeptualisieren. Sie wiesen darauf hin, dass die edelsten Ausformungen verschiedener Kulturen oft mehr miteinander gemein hatten als mit niedrigen Ausprägungen ihrer selbst. An Beispielen von Rückfällen allgemein als hochzivilisiert angesehener Nationen in die Barbarei mangelt es nicht, wenn man nur an Holocaust, Atombomben und Genozide im 20. Jahrhundert denkt. Zivilisation als linearer Fortschritt ist deshalb wenig überzeugend.

»An Beispielen für Rückfälle in die Barbarei mangelt es nicht.«

Politisch verlor dieser Zivilisationsbegriff im 20. Jahrhundert an Überzeugungskraft, was 1960 in der UN-Resolution 1514 (XV) zum Ausdruck kam, die »feierlich die Notwendigkeit verkündete, dem Kolonialismus in allen seinen Erscheinungsformen rasch und bedingungslos ein Ende zu machen«. Sie wurde ohne Gegenstimmen angenommen, nur einige Mitgliedstaaten enthielten sich, darunter die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich. Die sich selbst zugeschriebene Rolle der Vorreiter der Zivilisation aufzugeben, fiel ihnen schwer, und faktisch führte die Resolution nicht zum Ende westlicher Dominanz.

Erst Japan, dann China, heute Indien

Der Aufstieg nicht-westlicher Länder in die erste industriekapitalistische Liga stieß auf große Abneigung. Japans Neuerfindung des Kapitalismus machte den Anfang, was, um nur ein Beispiel zu nennen, 1987 in Washington damit quittiert wurde, dass Republikaner ein Toshiba-Radio auf den Stufen des Kapitols mit einem Vorschlaghammer zertrümmerten, weil sie die japanische Konkurrenz als Bedrohung ansahen. Wenig später entwickelte sich China, nachdem es sich während der Kulturrevolution (1966 –1977) vom Weltmarkt verabschiedet zu haben schien, zu einer bedeutenden Wirtschaftsmacht, deren staatlich gelenkte Industriepolitik als unfair gebrandmarkt wurde. Heute Indien.

Was könnte einem sinnvollen Begriff von Zivilisation als Grundlage dienen?

Die Frage, wie sinnvoll ein eindimensionaler Zivilisationsbegriff ist, wird dadurch wieder aktuell. Japaner, Chinesen und Inder bezeichnen heute nur wenige als primitiv oder archaisch, was deshalb von Interesse ist, weil sie im Zuge ihrer wirtschaftlichen Entwicklung nicht nur an ihren kulturellen Eigenheiten festhielten, sondern sie verstärkt betonten. An der Rückkehr des Konfuzianismus in China zeigte sich beispielhaft, dass die Verflechtung von Kultur, Ideologie und sozioökonomischem Wandel, wie sie sich im Westen vollzog, keine unausweichliche Notwendigkeit war. Dass die Sozialwissenschaften immer mehr vom selbstzentrierten Fortschrittsglauben abrückten, war folgerichtig, aber das Verständnis von Zivilisation wurde durch Theorien von Varietäten des Kapitalismus und multiplen Modernitäten komplizierter; denn bedingungsloser Relativismus – alle Lebensformen sind gleich gut – blieb ebenso problematisch wie überkommene Vorurteile.

Sozialwissenschaftler suchen deshalb weiter nach Konfigurationen von Lebensform, Ideologie, Wirtschaftsentwicklung und soziopolitischem Muster, die einem sinnvollen Begriff von Zivilisation als Grundlage dienen können. Politik kümmert sich in der Regel nicht viel um Wissenschaft. Mit Zivilisation geht es jedoch um einen Begriff, der in beiden Bereichen von Belang ist und den der mächtigste Mann der Welt für eigene Zwecke instrumentalisiert. Was bedeutet das für ein zeitgemäßes Verständnis des Begriffs?

Mit heute verfügbaren Daten lassen sich Kulturen, Lebensformen, Staaten und andere Gemeinschaften auf vielfältige Weise vergleichen. Abstufungen der Zivilisiertheit zu ermessen, bleibt dennoch schwierig, denn dass sich eine gesellschaftliche Konfiguration oder Errungenschaft auf einen einzigen Faktor zurückführen lässt, ist die große Ausnahme. Kann diese Einsicht dazu beitragen, vom eurozentrischen bzw. westzentrierten Blick abzurücken? Manche Wissenschaftler plädieren dafür, sich von dem Begriff der Zivilisation (im Singular) zu verabschieden; andere favorisieren eine pluralistische Zivilisationstheorie, die neben Wirtschaftswachstum als Staatsräson auch Ordnung, Hierarchie, Ideologie, Umgangsformen und Ritual als Elemente berücksichtigt. Da es keine Gesellschaft ohne Geschichte gibt, und das Festhalten an etablierten Praktiken Teil jeder Sozialisation ist, bleibt das problematisch.

Wer allerdings weiß, dass andere Krieg gegen die Zivilisation führen, weiß wohl nicht nur, was Zivilisation ist, sondern auch, dass er sie verteidigen muss. Sich hier an die Zivilisationsmission des 19. Jahrhunderts erinnert zu fühlen, ist nicht abwegig, nur kommen die Missionare heute nicht aus Europa, sondern aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten – womit wir einen der erfolg­reichsten Werbeslogans aller Zeiten angesprochen haben. Sein Geheimnis ist, dass man ihn weder verifizieren noch falsifizieren kann.

Trotzdem (oder deshalb) hat der Slogan verfangen und dazu beigetragen, die USA zum Anführer der »freien Welt« und damit der Zivilisation der Weltgesellschaft zu machen. Dass die real existierenden unbegrenzten Möglichkeiten sehr ungleich verteilt waren und Freiheit stark mit Reichtum korrelierte, wurde nicht so oft thematisiert. Können die USA also die Zivilisation als solche verteidigen? Wenn es ums Verteidigen geht, gewiss, denn: »Die Vereinigten Staaten verfügen über das stärkste Militär, das die Welt je gesehen hat. Ich habe unser Militär in meiner ersten Amtszeit wiederaufgebaut. Es hat noch nie ein Militär wie unseres gegeben.«

Krieg als Triebfeder von Zivilisation?

Damit brüstet sich der US-Präsident. Ist das ein Maßstab für Zivilisation? Um Erkenntnis, Kunst, guten Geschmack, Pietät, Liebe, Freundschaft, Selbstlosigkeit, Hilfsbereitschaft und gute Sitten kann es hier nicht gehen. Krieg als Triebfeder der Zivilisation anzuerkennen, wäre das nicht die komplette Resignation?

Neben Militärausgaben gibt es im Zeitalter des Rankings viele andere Variablen, die empirisch untersucht werden und relativ unkontrovers als Indizes der Zivilisation dienen können, z. B. Lebenserwartung, Kindersterblichkeit, Mordrate, Bildung, Lebenszufriedenheit, Vertrauen in Regierung bzw. Staat, soziale Sicherheit und (Un)gleichheit. Der Good Country Index kombiniert die Beiträge, die Länder zu Wissenschaft, Kultur, Frieden und Sicherheit, Klimaschutz, Wohlstand und Gleichheit, Gesundheit und Wohlbefinden leisten.

Über die für diese und viele andere Indizes zusammengetragenen Zahlen kann man wie bei allen Rankings dieser Art streiten; dass die USA außer mit dem »stärksten Militär, das die Welt je gesehen hat« nirgends an der Spitze und bei besonders zivilisationssensiblen Variablen – Kultur 84, Frieden 149, Klima 86, Gleichheit 47 – weit hinter praktisch allen europäischen und auch asiatischen Ländern rangiert, macht jedoch die Frage unausweichlich, wem die Verteidigung der Zivilisation anvertraut werden kann und soll. Darüber sollten europäische Regierungen nachdenken und das völkerrechtliche Gewaltverbot nicht wie Bundeskanzler Merz kleinreden.

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