Als im Januar in Teilen Berlins Stromausfall war, tauchten über Nacht Themen auf, die bis dahin kaum jemanden interessiert hatten. Wie verletzlich ist die Infrastruktur? Funktionieren die Nachbarschaften noch? Wie kommunizieren wir, wenn Telefon und Internet ausfallen? Doch die großen Städte sind Durcheinander gewohnt. Speziell eine Stärke Berlins war es immer, anzupacken und sich durchzubeißen, wenn die äußeren Umstände kritisch werden. Krisen können auch Lebenszeichen sein.
Der konkrete Fall war nur eine Episode. Aber er hat ein paar weitere Stichworte auf die Liste gesetzt, auf der festzuhalten bleibt, was alles für städtische Zukunftstauglichkeit angepackt werden müsste. Mietpreise, Verkehrsmix, Wohnungsmangel, Klimaverträglichkeit, Verlust öffentlicher Räume, Abschottung der Milieus: Die Liste ist ohnehin lang genug. Und doch, dies sei allen Nörglern ins Stammbuch geschrieben, ist die Vielfalt der großen Städte ungebrochen attraktiv, zumal für junge Menschen.
Andererseits: Das Nicht-mehr-Verstehen zwischen Stadt und Land ist immer mehr zum politischen Problem geworden. Urbane linke Radikalität steht ausweislich weltweiter Wahlergebnisse nicht selten gegen ländliche rechte. Das städtische Bildungsbürgertum ist nicht mehr automatisch meinungsprägend. Die Städte sind die Hauptzuwanderungsziele geworden, aber bleiben sie noch Begegnungsorte?
Viel zu oft wird die Diskussion über die Städte auf einige wenige Kernprobleme verengt. Dieses Heft bietet ein breiteres Textspektrum. Es ist an der Zeit, wieder generell über die urbanen Perspektiven nachzudenken, von den baulichen bis zu den sozialen. Auch über die ewigen beiden Seiten städtischen Lebens, die glänzende wie die bedrückende, die so weit voneinander entfernt scheinen und doch Nachbarn auf engstem Raum bleiben.
Wissen die Stadtmenschen noch, was sie eint und zusammenhält? Es wird bei all dem routinehaften Durchwursteln auch dringend Zeit, die Frage nach gemeinsamen Zukunftsbildern aufzuwerfen. Weil es auf die Städte, ihre Funktionsfähigkeit und ihre Bindekraft, so entscheidend ankommen wird beim Kampf um die Demokratie. Gute Antworten sind da ohne engagierte Zivilgesellschaft undenkbar geworden. Kein Thema für Spezialisten also. Die Zukunft der Städte gestalten wir alle. Also: bitte einlesen, es geht ums Ganze.


Kommentare (0)
Keine Kommentare gefunden!