Man hatte sich an ihn gewöhnt. Wo immer es um Grundfragen der Demokratie ging, um den Umgang der Deutschen mit ihrer Vergangenheit, wo wachsender Wohlstand und wirtschaftlicher Erfolg neue Geltungssucht und Überheblichkeit laut werden ließen, wo konservative Politiker eine ganze Generation von jungen Deutschen kriminalisierte, weil sie einforderte, was im Grundgesetz als verbindliche Richtlinie der Politik vorgegeben war, als konservative Historiker darangingen die Geschichte der Deutschen beschönigend umzuschreiben – immer war er zur Stelle, um wortreich und präzise zu verteidigen, was die Niederlage von 1945 für die Deutschen zur demokratischen Chance werden lassen.
Ich erinnere mich an die 60er, 70er und 80er Jahre, als auch ich in den Strudel der Auseinandersetzungen um die Zukunft Deutschlands geriet. Wenn es eng wurde, war es fast immer auch seine Stimme, die uns Orientierung gab, eine Stimme, die, weil von Kindheit an beschädigt, sich vor allem schriftlich äußerte.
Jürgen Habermas war von Anfang an ein Medienphänomen, das in unzähligen Wortmeldungen, in Büchern und Aufsätzen und Polemiken, den Diskurs der demokratischen Linken prägte. Er war nie Mitglied der SPD. Die größte Nähe zur SPD hatte Habermas sicherlich während der rot-grünen Koalition, was auch mit Joschka Fischers mutigem Eintreten für eine raschere und gründlichere europäische Integration zu tun hatte.
Ein überzeugter Europäer
Immer wieder hat Habermas sich für eine schnellere europäische Integration eingesetzt. In vielen hiermit zusammenhängenden Fragen wie zum Beispiel den Eurobonds, vertrat er die Position der Franzosen, vor allem von Macron, der in seiner berühmten Pariser Rede eine beschleunigte europäische Integration forderte, aber bei der deutschen Regierung unter Merkel keine Unterstützung fand.
Zugleich war Habermas lange ein entschiedener Anwalt einer engen transatlantischen Zusammenarbeit. Als alle Versuche für eine Stärkung der EU in der Ära Merkel scheiterten, und als sich auch in den USA Kräfte durchsetzten, die die berühmte »wertebasierte Ordnung« des Westens zu einem bloßen Wunschgebilde der sogenannten ›Atlantiker‹ werden ließen, verlor der politische Denker Habermas zunehmend den Grund und Boden seiner politischen Ordnungsvorstellungen. Wenn meine Frau und ich nach einem gemeinsamen Kinobesuch spät abends mit dem Ehepaar Habermas bei einem Glas Wein in ihrem Esszimmer am Tisch saßen, war er immer noch der meinungsstarke, kämpferische Diskutierer, der er immer gewesen war. Aber unverkennbar war auch, dass der Optimismus, der ihn zeitlebens befeuert hatte, angesichts des US-amerikanischen Wegs in den Autoritarismus einer tiefen Skepsis bezüglich des Laufs der Weltereignisse gewichen war.
»Jürgen Habermas hat die wertebasierte Ordnung nie als das letzte Ziel der Menschheitsentwicklung angesehen.«
Es ist wohl nicht übertrieben, zu sagen, dass mit Jürgen Habermas auch eine Ära zu Ende gegangen ist. Das was sich lange »der Westen« nannte, aber insgeheim doch meist als Ordnungsprinzip für die Welt als ganze gedacht wurde, ist spätestens mit der Präsidentschaft von Donald Trump, im Grunde schon seit Obamas »turn to Asia«, Vergangenheit geworden. Freilich muss das Ende des Westens nicht bedeuten, dass damit zugleich alles Denken über eine Weltordnung sich als überflüssig erweist. Jürgen Habermas hat die vielzitierte »wertebasierte« Ordnung nie als das letzte Wort und das eigentliche Ziel der Menschheitsentwicklung angesehen.
In seinem zweibändigen Werk mit dem ironisch-bescheidenen Titel Auch eine Geschichte der Philosophie hat er nur wenige Jahre vor seinem Tod gegen den dogmatischen Westler Samuel Huntington unmissverständlich deutlich gemacht, »dass eine tragfähige globale Rechtsordnung unmöglich ist, so lange die durch die griechisch-jüdisch-christlichen Überlieferlieferungen geprägte ›westliche Kultur‹ nach wie vor mit dem Anspruch auf universale Geltung auftritt.« Wer sich die Mühe macht, dieses letzte große Werk von Habermas zu bewältigen – allein schon wegen des Umfangs ist das Buch nicht mühelos zu lesen, wird hier eine exzellente philosophie-historische Grundlage für eine weniger enge westliche Diskussion über eine neue wertebasierte Grundordnung finden, eine Diskussion, die angesichts des offenbaren Zerfalls der alten, allzu engen westlichen Ordnung, heute an der Tagesordnung wäre.


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