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picture alliance / Sueddeutsche Zeitung Photo | Rumpf, Stephan

II. Der andere Habermas Zum Tod von Jürgen Habermas

Jürgen Habermas ist tot. Er war der große Philosoph, der bedeutendste politische Denker unserer Zeit, für viele auch das Gewissen Deutschlands, nein Europas. Bei aller  Bewunderung, Verehrung und Würdigung des großen Intellektuellen wird allerdings eine seiner Seiten viel zu oft unter den Teppich gekehrt, oder sie bleibt auf geheimnisvolle Weise unerkannt: Er war ein Mann mit hinreißendem Charme, einer, der alles wusste - nur eben von diesem Charme wusste er nichts. Das glaube ich jedenfalls.

Als ich ihm einmal sagte, dass ich ihn nicht wegen seiner großen philosophischen Schriften, sondern aus anderen Gründen verehre und, ja, liebe, weil ich nämlich seine Texte immer wieder versucht habe zu lesen und zu verstehen, (schließlich habe ich in den 70er Jahren in München Philosophie studiert), doch immer wieder scheiterte ich am Werk des großen Habermas, ein Lese- und Verstehversuch nach dem anderen misslang. Irgendwann gab ich auf. 

 »Wo gibt es die beste grobe Leberwurst?«

Als ich ihn dann viele Jahre später persönlich kennenlernte, als sich irgendwann ein freundschaftliches, federleichtes Verhältnis zwischen uns entwickelt hatte, beichtete ich, erzählte ihm von meinem Scheitern beim Studieren seiner Schriften. In aller Ehrlichkeit und ohne Koketterie. Er tat, als wäre das nicht wichtig, als sei das nebensächlich, und wir sprachen über etwas anderes. Er war ein amüsanter, uneitler Gesprächspartner, ein konzentrierter Zuhörer, auch, wenn es um Dinge ging, die man seinem Interesse niemals zugeordnet hätte.

Sich mit ihm über »Unwichtiges« zu unterhalten war ein großer Genuss, verstand er doch, dass sich eventuell in den Ecken dieser leichtfüßigen Themen eine gewisse Portion Glück befinden mag! Etwa wo es in der Umgebung die beste grobe Leberwurst, das beste Schnitzel gab und wo man eine – wie heißt das Ding? – Zitronenpresse kaufen konnte (das fragte er mich, als er von seiner Frau Ute den Auftrag bekommen hatte, eine zu besorgen und wir uns zufällig bei der Suche nach einem Parkplatz vor dem Baumarkt trafen), auch, ob in Starnberg der Türke oder der Grieche besser sei als die bayerische Wirtschaft in Percha, ob der Schuster was tauge, wie es unserer Tochter, den Enkelkindern trotz Brexit in London ergehe, und ob ich neue Fotos der Enkel auf dem Handy habe und er sie sehen könne. Ein Wort gab das andere, unanstrengend, nicht abgehoben, und ich konnte mithalten, auch wenn es schon spät war und wir auf seine Aufforderung hin nach dem Nachhause bringen noch mitkamen »auf ein Glas Wein«.

Wie schön waren unsere gemeinsamen Kinobesuche! Bis es die Hörgeräte in seinen Ohren nicht mehr schafften und wir nicht ins Kino sondern gleich in die Wirtschaft zum Abendessen gingen, einen Tisch in einer Ecke reserviert hatten, in der nicht das ganze Lokal Anteil an unserer Unterhaltung nehmen sollte. Und natürlich gab es auch politische Auseinander¬setzungen! Aber, auch bei unterschiedlicher Meinung immer erfreulich und interessant! Er beugte sich dann vor über den Tisch, sein munterer Blick, seine vergnügten, freund¬lichen Augen, diese lebhafte, ehrlich teilnehmende Mimik, seine Fröhlichkeit, zogen mich in seinen Bann. Auch spät am Abend nach mehreren Gläsern Wein.

Die Trauer um seine Tochter Rebecca, kurz darauf um seine Frau Ute und wahrscheinlich das zunehmend unerträgliche Alter hatten ihn verändert. Die Lustigkeit war verschwunden, die Lebhaftigkeit in seinen Augen und die Kraft hatten ihn sichtlich verlassen.

Er geht mir ab.
 

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