Regierungen weltweit reduzieren maßgeblich ihre Ausgaben in der Entwicklungszusammenarbeit (EZ). Projekte zur Verbesserung von Lebensrealitäten in Ländern des Globalen Südens in Gesundheit, Infrastruktur, Wirtschaft, Umwelt, Bildung, Menschenrechte, Frieden und (soziale) Sicherheit waren 2025 einem immensen Druck und Wandel ausgesetzt.
Der Entwicklungsbereich muss sich neu erfinden.
Das Wegfallen der US-Behörde für internationale Entwicklung (USAID) mag in den Augen einiger der Startpunkt hierfür gewesen sein. Der Trend weg von spezialisierten Ministerien mit großen Budgets zeichnete sich jedoch bereits zuvor ab, beispielsweise bei der Zusammenlegung der britischen EZ-Behörde (Department for International Development, DFID) und dem Außenministerium (Foreign and Commonwealth Office, FCO) 2020. Das (temporäre?) Ende von USAID setzte auf globaler Ebene dennoch ein eindeutiges und bereits viel diskutiertes Zeichen mit Trickle-down-Effekt in Ländern des »alten« Westens: Das Schrumpfen von Soft-Power-Strategien zugunsten von sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Prioritäten. Die Ankündigung des Auswärtigen Amts zu Stellenkürzungen ebenso wie weitere geplante Kürzungen des EZ-Etats im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung kommt hierbei für einige Beobachtende dieses Trends vermutlich wenig überraschend.
Die globalen Einsparungen in der EZ – wie auch immer interpretiert – treffen nun Menschen weltweit: Gute Projekte hinterlassen hunderttausende Menschen ohne wichtige Hilfe, Projektangestellte (internationale und lokale) finden sich in plötzlicher Arbeitslosigkeit, Infrastrukturen und Produkte sind nutzlos geworden. Der sogenannte »development sector« muss sich neu erfinden. Kann das Konzept von finanzieller, technischer und Normen-orientierter Hilfe in Zukunft weiter existieren?
In Anbetracht der derzeitigen politischen Lage, aber auch mit Blick auf interne Kritiken, offenbart sich eine Chance hin zu positiver Veränderung. Es lohnt sich ein Blick auf die Entwicklung von Monitoring und Evaluation (M&E, die Erhebung und Auswertung von Daten, um Projekte zu beobachten und zu bewerten), um wichtigen Problemen der EZ auf die Spur zu kommen und Lösungsansätze zu entwickeln.
Innerhalb der EZ vernahm man vor circa 20 Jahren erste Rufe, die eine bessere Messbarkeit von Programmen forderten. Die bis dahin durch begleitendes M&E gesammelten Informationen wurden zunehmend als unzureichend angesehen. Es dauerte weitere zehn Jahre, bis durchdachte Wirkungslogiken und damit einhergehende Analysen regelmäßig in Programme eingebaut und von Geberländern standardmäßig verlangt wurden. Tatsächlich konnten so Ausgaben für Projekte mit minimaler – oder gar negativer – Wirkung reduziert werden. Der Wunsch nach mehr Wirkung durch mehr Daten ist also durchaus nachvollziehbar und wichtig.
Dringend benötigte Veränderungen
Die Kehrseite dieser Entwicklung zeigt sich jedoch inzwischen ebenso: M&E stellt einen signifikanten finanziellen Posten in der EZ dar, während Schlüsse, die aus den Informationen gezogen werden, häufig schlichtweg nicht adressiert werden. Ein neuer Umgang mit vorhandenem Wissen und eine darauf fußende radikale Ehrlichkeit könnten dringend benötigte Veränderungen in der EZ ermöglichen.
Erstens muss die Maxime »Mehr Daten = bessere Projekte« entschieden hinterfragt werden. Viele Programme sind inzwischen mit komplexen M&E- und Forschungskomponenten ausgestattet, auch wenn es Informationen häufig bereits gibt. Neue Verfahren führen darüber hinaus nicht unbedingt dazu, dass Wirkungsweisen besser verstanden oder zugewiesen werden können. Dennoch investieren Geberländer immer wieder in die Erhebung neuer Daten, in der Hoffnung, bessere Einblicke zu bekommen und Projekte möglichst »gut« gestalten, aber auch rechtfertigen zu können (immerhin handelt es sich um Steuergelder).
»Entwicklungszusammenarbeit sollte anerkennen, welche Erkenntnisse man aus bereits bestehenden Daten ziehen kann.«
Zweitens sollte die EZ anerkennen, welche wichtigen Erkenntnisse man aus bereits bestehenden Daten ziehen kann. »Best/good practice«-Studien ebenso wie programminterne oder externe (akademische) Wirkungsstudien gibt es zur Genüge. Sich mit den Ergebnissen der letzten Jahre auseinanderzusetzen, sollte für die verschiedenen Geldgeber und Organisationen mit vergleichsweise wenig Aufwand und Kosten verbunden sein. Dies wird nicht überall der Fall sein, sollte aber zumindest überall als ernsthafte Möglichkeit gesehen werden. M&E muss darüber hinaus effizienter werden. Warum Daten zu zehn Indikatoren sammeln, wenn am Ende ohnehin nur bei zwei oder drei überhaupt administrativer und politischer Änderungswille besteht? Ein Rückblick und reduziertes M&E sind zumindest kurz- bis mittelfristig weit effizienter als die Suche nach dem ultimativen Wirkungstest ohne konkrete Vorstellungen über dessen Nutzen. Selbstverständlich dürfen Entscheidungen nicht willkürlich gefällt werden und die grundlegende Qualität von Projekten muss weiter gewährleistet sein. Aber Debatten über die tatsächliche »Verbesserung« von EZ durch mehr Daten sollten ehrlich geführt werden.
Ein Beispiel: Die EU und einzelne europäische Länder investieren in Kommunikationsprojekte zu Risiken irregulärer Migration. Kritik daran gibt es viel. Es zeigte sich jedoch, dass bestimmte Ansätze eine kleine Zahl von Menschen in ihren Migrationsentscheidungen für kurze Zeiträume beeinflussen können. Ob nun bei sehr ähnlich konzipierten Projekten weiterhin kostspielig Daten zur Wirksamkeit gesammelt werden müssen, kann zumindest infrage gestellt werden. Die Wirkungsmuster und Mängel sind inzwischen bekannt genug, dass radikale Ehrlichkeit angebracht wäre. Mehr Wirkungsdaten bei wenig Veränderung der Projekte dienen wohl lediglich der Illusion, man könne durch intensives M&E den Ansatz verbessern.
»Viele Erkenntnisse verlassen nie die Schreibtische der direkt involvierten Personen.«
Drittens bedarf es einer kritischen Reflexion und »radikaler« Ehrlichkeit mit Blick auf den Zweck und die Konsequenzen von M&E (wobei der Eindruck von tatsächlicher Radikalität wohl vor allem für die beteiligten Personen und Institutionen zutrifft). Berichte über Evaluationen, die darauf ausgerichtet sind, ein Projekt zu rechtfertigen, anstatt zu lernen und zu verändern, sind eher die Norm als die Ausnahme. Vorhandenes Wissen wird, wenn überhaupt, häufig nur innerhalb von Programmen verwendet. Negative Projektbeispiele machen ihre Runden durch die Presse und werden selten durch die Programme selbst erarbeitet. Einige Berichte werden zwar veröffentlicht, aber meist auf fragmentierten Webseiten der Projekte oder in riesigen Datenbanken. Mögliche andere Nutzer*innen werden kaum erreicht. Sorge und Mehraufwand in Hinblick auf Datenschutz oder projektinterne, eventuell politisch unerwünschte Details, führen dazu, dass viele Erkenntnisse nie die Schreibtische der direkt involvierten Personen verlassen. Sobald diese Menschen ihren Job wechseln, gehen Informationen verloren.
In M&E zu investieren und die Ergebnisse nur geringfügig zu verbreiten und zu nutzen (und gegebenenfalls schlechte oder mittelmäßige Ansätze weiterlaufen zu lassen), gießt lediglich Öl ins Feuer rechter Kräfte, die Ausgaben in EZ fundamental kritisieren. Gleichzeitig wird auch die Problematik des »white saviour« befeuert: Gutes M&E gibt Zielgruppen eine Stimme. Dieser dann allerdings nur minimal Gehör zu schenken, führt dazu, dass Projekte weiter »von oben herab« handeln. Vor Ort werden solche Projekte im besten Fall freundlich belächelt und als möglicher Arbeitgeber für gut ausgebildete Ortskräfte angesehen. Im schlechtesten Fall verfestigen sie tiefes Misstrauen in die EZ.
Beteiligte argumentieren mit Blick auf die mangelhafte Umsetzung der Handlungsempfehlungen zumeist mit schwerfälligen bürokratischen Systemen, der Notwendigkeit jährliche Budgets auszuschöpfen, oder einem Reißen um Zielsetzungen von Fördergebern und umsetzenden Organisationen. Ob berechtigte Einwände oder nicht, feststeht: Der tatsächliche Nutzen von Studien zu Verbesserungen von Programmen in der EZ bleibt oft gering.
»Trotz der Abhängigkeiten zwischen den verschiedenen Akteur*innen darf nicht der eigene Selbsterhalt im Mittelpunkt stehen.«
Radikale Ehrlichkeit ist hier gerade im derzeitigen politischen Spannungsfeld ein schwieriger, aber notwendiger Schritt. Während Stellen und Etats gekürzt werden, gilt es proaktiv zu sein, auch wenn der/die einzelne »white saviour« möglicherweise selbst darunter leidet. Der Politikwissenschaftler Joel Quirk sprach mit Blick auf Evaluation vor Kurzem über den fehlenden Willen, durch M&E echte Veränderung zu erzielen. Er nutzte eine von Mario Savio geprägte Formulierung: Die Idee, man müsse seinen »Leib auf die Getriebe der Maschinen« (bodies upon the gears) werfen, um diese außer Gefecht zu setzen. Tatsächlich können gezielteres M&E(&L, Learning) und ein Nutzen bestehenden Wissens dazu führen, manche Ansätze in der EZ schlichtweg nicht weiter zu verfolgen. Projektgelder verfallen, einzelne Angestellte verlieren ihre Stellen. Es muss eine Bereitschaft entstehen, Lernen in der EZ so fundamental zu ändern, dass trotz der großen und verständlichen Abhängigkeiten zwischen den verschiedenen Akteur*innen nicht der eigene Selbsterhalt im Mittelpunkt steht.
Was sich so formuliert als massive Bedrohung anhört, ist vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Situation bereits weit weniger radikal. Es sollte möglich sein, angesichts der derzeitigen externen Bedrohung der EZ, ernsthaft und auf der Grundlage bestehenden Wissens, zu hinterfragen, wo und auf welche Weise Gelder das Leben von Menschen tatsächlich positiv beeinflussen. Hierbei nicht in Zeitskalen von fünf bis zehn, sondern ein bis zwei Jahren zu denken, stellt einen entscheidenden Faktor dar. Der bestehende Druck ist bereits immens; es stehen Leben und Lebensgrundlagen auf dem Spiel.
Sollen die Grundgedanken von EZ erhalten bleiben, zeigt sich jedoch in der derzeitigen Situation ein kleines, aber wichtiges, Zeitfenster, um auf Grundlage eines Rückblicks Strategien zu ändern und den realen Mehrwert von EZ aufzuzeigen. Die momentane Lage als Chance zu sehen, gewonnene Erkenntnisse unmittelbar zu nutzen, gleicht sicherlich dem Gefühl, seinen Körper auf die Maschinen zu werfen. Allerdings ist eine von innen geleitete Umgestaltung der EZ wünschenswerter und nachhaltiger, als den Sektor entlang extern auferlegter Vorstellungen verändern zu müssen.

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