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Auf unseren Umgang mit dem Virus kommt es an – noch sehr lange Zwischen Überdruss und Veralltäglichung

100 Jahre nach der Spanischen Grippe war ab Anfang 2020 wieder ein Virus unterwegs, auf das die moderne Industriegesellschaft nicht gefasst und nicht vorbereitet war. Rigorose Kontaktbeschränkungen, um der exponentiellen Ausbreitung Einhalt zu gebieten, waren aber schnell Konsens und zeigten Wirkung. Es folgte ein eher unbeschwerter Sommer. Aber dann kamen die zweite, die dritte und die vierte Welle, der Überdruss nahm zu, Tod und Leid gehören zum Alltag von Vielen, gesellschaftliche Schäden stehen zur Besichtigung.

Da das Coronavirus nicht von selbst verschwindet und uns auch nicht den Gefallen tut, milder zu werden, sondern ganz im Gegenteil durch Mutationen noch ansteckender werden kann, hilft zum individuellen und gesellschaftlichen Schutz in erster Linie eine durch eine Impfung gestärkte Immunabwehr. Und obwohl wir uns eigentlich glücklich schätzen könnten, dass wir im Gegensatz zu der Mehrzahl der Menschen auf dieser Erde bisher über mehr als genügend vorhandenen Impfstoff verfügen, hat die Impfkampagne ihr Ziel verfehlt.

Zuerst wurde über die Beschaffung gestritten, dann über die Organisation, statt wie es am klügsten gewesen wäre, das absehbare Haupthindernis bei der Zielerreichung der Kampagne rechtzeitig in den Blick zu nehmen: die nicht ausreichende Impfbereitschaft. Zu Beginn des Jahres 2022 ergeben sich regional unterschiedlich große Lücken bis zum Erreichen der Herden- oder Gemeinschaftsimmunität.

Der Verlauf einer Pandemie ist sehr von psychologischen Faktoren abhängig, die das Verhalten der Menschen bestimmen. War in der ersten Welle noch die Bereitschaft zur Teilnahme an den Gesundheitsmaßnahmen groß, so wuchs der Überdruss von Welle zu Welle. Viele Menschen sehen sich erschöpft angesichts der Flut an Informationen und der angeordneten oder empfohlenen Veränderungen ihrer Gewohnheiten. Menschen reagieren auf Überdruss unterschiedlich, die einen vernachlässigen die Schutzmaßnahmen, viele werden fatalistisch und unmotiviert, es verbreitet sich ein Gefühl der Ohnmacht, andere reagieren aggressiv.

Verdruss und Überdruss steigern sich, wenn sich immer mehr Menschen ungerecht und unsolidarisch behandelt fühlen. Viele sehen sich oder ihre Verwandten und Bekannten durch das Verhalten der Sich-Nicht-Impfenden in der körperlichen Unversehrtheit bedroht oder durch nötig werdende Maßnahmen in ihrem Arbeits- und Freizeitverhalten eingeschränkt. Die Empörung über die ist groß, die Regeln verletzen.

Besonders nachvollziehbar ist der Verdruss der Pflegekräfte auf den Intensivstationen, die aufgrund des Arbeitskräftemangels und der immer stärkeren Belegung mit ungeimpften Patienten am maximalen Anschlag arbeiten. Diejenigen, die sich nicht impfen lassen wollen, empfinden sich in ihrer Entscheidungsfreiheit immer mehr begrenzt und unter Druck gesetzt. Entsolidarisierungen, Spaltungen und Fliehkräfte nehmen so im Impfstreit der pandemischen Gesellschaft zu.

Nach einer Forsa-Umfrage haben 50 Prozent der Nichtgeimpften bei den Bundestagswahlen AfD gewählt. In den Staaten der USA ist entsprechend den Wahlergebnissen für die Demokraten oder die Republikaner die Impfquote hoch oder niedrig, in Deutschland entsprechend der AfD-Wahlergebnisse. Je blauer die politische Landkarte ist, desto niedriger ist die Zahl der Geimpften. Die Motive derer, die sich nicht impfen lassen, sind aber vielfältig.

Es gibt in der Tat die harten Impfverweigerer, die kaum zu erreichen sind, nicht von der Politik und nicht von der Wissenschaft, und mit denen Diskussionen nicht nur in den sozialen Medien in Aggressivität und Bedrohungen enden. Dazu gehören die, die sich von Staat und Demokratie abgewendet haben. Sie vertreten dabei die abstrusesten Theorien, etwa als würden Menschen beim Impfen gechippt wie ihre Hunde.

Dann sind da die Besorgten, die Angst vor dem Kontrollverlust über ihren Körper haben, die kurz- bis langfristige Nebenwirkungen der Impfung befürchten. Es gibt die Nachlässigen, die das Impfen nicht für nötig halten, sowieso vorsichtig wären und denen das Impfen zu viel Aufwand bedeutet. Und dann sind da noch die Zögerlichen, die angesichts der Informationslage unsicher sind, noch abwarten wollen, vielleicht auf den Totimpfstoff.

Es macht viel Sinn, die zweite, dritte und vierte Gruppe wo immer möglich zu erreichen, um sie von den großen Vorteilen der Impfung zu überzeugen, sowohl für sie selbst, aber auch für die Gemeinschaftsimmunität. Die Verstärkung der ersten Gruppe ist eine reale Gefahr. Die Abgrenzung von Rechtsextremen, Reichsbürgern oder Hooligans bei den »Montagsdemonstrationen« findet kaum noch statt. Filterblasen in den sozialen Medien begünstigen Konformität und das Entstehen gewaltbereiter Kerne. Dagegen muss die Zivilgesellschaft sich stemmen – und die Sicherheitsbehörden müssen es genau beobachten. Denn hier entsteht eine bislang ungekannte Gefahr für die Demokratie insgesamt.

Empfehlungen für eine gelingende Krisenkommunikation in der Pandemie sind schwer. Es ist zu hoffen, dass spätestens die wissenschaftliche Aufarbeitung der vergangenen beiden Jahre Anhaltspunkte für die Verbesserung der Kommunikation zur Einhaltung von Gesundheitsmaßnahmen und zur Motivation zum Impfen liefert. Nach Meinungsumfragen unterstützte in den letzten zwei Jahren immerhin eine eindeutige Mehrheit die ergriffenen Maßnahmen oder trat für schärfere ein. Aber eine nicht zu vernachlässigende Minderheit blieb unüberzeugt.

Öffentliche Kommunikation ist umso glaubwürdiger, je weniger sie in sich widersprüchlich ist und sich korrigieren muss, je transparenter sie aber mit Unsicherheiten und Fehlern umgeht. Nüchternheit ist da eine Leitlinie, damit nicht unnötig Ängste geschürt oder ablehnende Gegenreaktionen provoziert werden. Dabei kann der Staat das alleine nicht schaffen. Die Gesellschaft ist zu heterogen, die Reaktionen auf Krisen und Vorgaben sind zu unterschiedlich. Bündnisse von Unternehmen, Kommunen und Zivilgesellschaft sind genauso wesentlich wie aufsuchende Impfaktionen insbesondere in den ländlichen Regionen.

Psychosoziale Hilfen, Beratungsdienste und Gespräche in Vereinen, Jugendclubs und Schulen können von unten ein stärkendes Netzwerk für motivierende Gesundheitsvorsorge ergeben. Nachrichten-, Informations- und Kommunikationskompetenz ist auch grundlegend berührt. Soziale Medien schaffen Filterblasen, sie können aber auch die Varianz erhöhen. Durch das Fehlen der journalistischen Filter ist jede und jeder in diesen Medien Empfänger und Sender zugleich.

Freedom days jedenfalls waren unrealistischer Optimismus. Wir kommen vom Virus nicht ganz frei. Wir werden eine offene Gesellschaft bleiben und das Virus kann immer wieder von Tieren auf Menschen überspringen. Durch seine große Verbreitung sind auch in Zukunft Mutationen wahrscheinlich, die die Ansteckungsrate erhöhen oder Krankheitsverläufe schwerer machen. Eine gute Beobachtung der Pandemie bleibt weltweit notwendig und gegebenenfalls eine schnelle Weiterentwicklung der Impfstoffe.

Wir wissen inzwischen, dass das Impfen vor schweren Krankheitsverläufen schützt. Nicht genau wissen wir, in welchem Umfang und wie lange es bereits vor Ansteckung bewahrt. Je mehr Menschen geimpft werden und je weniger Impfungen ablehnen, umso mehr werden sich nicht anstecken oder keine schweren Krankheitsverläufe haben. Die Maske im Supermarkt bleibt auf, Hygiene bei Eintritt und Verlassen von Räumen ist Routine, Impfen zur Auffrischung und mit regelmäßigen Updates wird selbstverständlich. Überdruss auch da? Ja, bei manchen Leuten längst auch das. Aber wir alle müssen sie immer wieder überzeugen, durchzuhalten und mitzumachen.

Politik, regelmäßig beraten von den Experten, findet in Zukunft hoffentlich erkennbarer als bisher zu vorausschauender und rechtzeitiger Feinsteuerung. Ausrotten werden wir das Virus damit nicht, aber wir können seine Verbreitung und Wirkung so begrenzen, dass wir mit ihm leben können und es zu keinen unberechenbaren wellenartigen Ausbrüchen mehr kommt. Wir hegen das Virus ein. Wir passen uns ihm an und verringern damit seine Chancen, Lücken zu nutzen und Durchbrüche zu starten. Wir veralltäglichen das Virus.

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