Sprache hat immer mehrere Ebenen, wird interessant durch Metaphern, also dadurch, dass ein Ausdruck nicht einfach nur wörtlich genommen wird, sondern er übertragene Bedeutung erhält, um etwas anschaulicher oder auch emotionaler auszu-drücken. Bei heiß und cool geht es eben nicht nur um den Temperaturunterschied. Dahinter verbirgt sich mehr. Ist etwas heiß, so ist es angesagt, attraktiv, spannend, sehr beliebt. Ist etwas cool, so geht es darum, lässig, auf der Höhe der Zeit, beliebt, beeindruckend zu sein.
Gerade die Umgangssprache unterliegt in dem Maße, in dem sich die politische Kultur entwickelt - also die Einstellungen, Werte, Emotionen und Verhaltensweisen der Einzelnen gegenüber der Gesellschaft - stetem Wandel. Dabei ändert sich manche begriffliche Modekonjunktur extrem schnell. In der Jugendforschung wird jährlich ein neues Wort des Jahres ausgerufen, ob cringe 2011 oder das crazy 2025. Von den meisten dieser Worte hört man anschließend kaum mehr etwas.
Doch anhand des Gebrauches von heiß und cool zeigt sich, es gibt auch größere und nachhaltigere Begriffskonjunkturen, die über das Verhältnis von Individuum zur Gesellschaft einiges aussagen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ging es den Nachkriegsgenerationen darum einzugreifen. Nicht nur das eigene Leben, sondern vor allem Politik und Gesellschaft, ja die ganze Welt zu verändern. Selbst in dem durch Täter und Mitläufer des Nationalsozialismus geprägten Deutschland hieß dies, für kulturelle Modernisierung zu kämpfen, hieß für Emanzipation, Demokratisierung, Öffnung und Aktivierung zu streiten.
Nicht das Mir-ist-heiß, sondern das Auf-etwas-heiß-Sein, also große Lust auf etwas zu haben, traf den Zeitgeist. Alles, was als »in« und »sexy« galt, alles was extrem angesagt und begehrt (heiß begehrt) war, wurde gleich mit dem Adjektiv heiß versehen. Bereits in den ersten Nachkriegsjahren kannte die Jugendsprache etwa den – attraktiven und temperamentvollen - heißen Feger (wie den »steilen Zahn« oder »die flotte Biene«).
Hot Stuff in Kleinostheim
1959 hieß die klassische Filmkomödie mit Marlyn Monroe Manche mögen’s heiß. Ab Mitte der 60er Jahre lernte man scharfes asiatisches Essen kennen, das eben geschmacklich hot im Sinne von »spicy« ist. Nicht von ungefähr spielt der Gesellschaftsroman In der Hitze des Sommers der britischen Autorin Emma Flint im Jahr 1965, während Hitze des deutschen Erfolgsautors Ralf Rothmann sich eine andere heiße Wendezeit, den »Wahnsinn« der deutschen Einheit in Berlin, vornimmt. Ab 1969 hörte man die britische Soul- und Funkband Hot Chocolate. Nicht von ungefähr nennt sich heute eine Coverband mit »Live Disco Musik der 70er und 80er Jahre« aus Kleinostheim bei Stuttgart Hot Stuff.
»Die Coolness setzte sich erst im 21. Jahrhundert durch: als Ideal von ruhig und gelassen Bleibenden.«
Früh pubertierende Jungs lockte das Bahnhofskino mit Trashstreifen von Heißer Sand auf Sylt (1967) bis zu Heiße Girls und heiße Reifen (1991). In verrauchten Studentenkneipen gab es heiße Diskussionen, nebenbei fiel man bei heißen Rhythmen mit Heißhunger über die Buletten her. Auch war vom heißen Herbst immer mal wieder die Rede: 1960 war damit die heißlaufende Konjunktur des westdeutschen Wirtschaftswunders gemeint, dann wurden Massenstreiks und Studentenproteste in Italien 1969 und die Tarifauseinandersetzung in der westdeutschen Metallindustrie 1970 so bezeichnet, sogar den terroristischen »Deutschen Herbst« 1977 nannte man so. Schließlich wurde der heiße Herbst wegen der großen Friedensbewegung zum Wort des Jahres 1983 gewählt. Gegen Ende dieses Zyklus hieß dann sogar noch eine Spielshow bei RTL II ab 1989 Der Preis ist heiß.
Natürlich gab es bereits seit den späten 40er/frühen 50er Jahren den Cool Jazz, ein entspannter melodischer Jazz-Stil als Gegenbewegung zum schnellen, um nicht zu sagen hektischen Bebop. Aber dieser blieb eine Ausnahme, die Coolness setzte sich erst im 21. Jahrhundert wirklich durch: als weit verbreitetes Ideal von ruhig und gelassen Bleibenden, die jetzt nicht mehr der Illusion hinterherlaufen, die Welt revolutionieren zu können. Sondern, statt sich einzulassen, die Außenwelt abweisen, um sich von dieser nicht unterkriegen zu lassen. Die auf der eigenen Identität beharren und unbeirrt ihren inneren Weg weitergehen. Das ist der coole Typ a la Udo Lindenberg, der – gerade 80 geworden – sein ganzes Leben und künstlerisches Wirken in diesem Sinne stilisierte: »Ja, ich mach mein Ding / Egal, was die ander’n labern / Was die Schwachmaten einem so raten / Das ist egal / Ich mach mein Ding« (Lied Mein Ding von 2008).
Ulf Poschardt, der sich heute als rechter Provokateur im Feuilletondiskurs gibt, zeigte in seiner frühen philosophisch-popkulturellen Abhandlung Cool (2000), dass im gesamten 20. Jahrhundert durchaus schon künstlerisch-ästhetische Avantgarden versuchten, Coolness auszustrahlen. Als Attitüde, individuelle Emanzipationsstrategie und Überlebenskunst. Doch: »Die Affirmation des Kalten konnte sich in der Alltagskultur noch nie gegen die Wärmestuben der Tradition durchsetzen. Dennoch hat sie überall Spuren hinterlassen. In der Comic-Welt von Batman und Superman, im Rausch der Junkies, in den Romanen von F. Scott Fitzgerald, im Cool Jazz, in der Pop-Art und nicht zuletzt im Punk und New Wave«.
»Vielleicht ist das Coole heute überlebenswichtig geworden.«
Vielleicht ist das Coole heute überlebenswichtig geworden: Wenn sich die militärischen Konflikte einfrieren ließen, es für den heißlaufenden US-Präsidenten ein Abkühlbecken gäbe, wenn aus den hitzigen Drohnengefechten wieder Kalter Krieg würde, dann wäre doch schon etwas gewonnen. Der kulturelle Prioritätenwechsel der vergangenen Jahrzehnte von heiß zu cool könnte darauf verweisen, dass aus der Moderne, wo man noch heiß war auf die Freuden des Lebens und heiß auf große Gemeinwohlalternativen, für viele eine Postmoderne geworden ist.
Deren Zeitläufe erscheinen zu komplex und kompliziert, um sie wirklich zu verstehen, Gestaltungsoptimismus und Fortschrittsgewissheit sind verloren gegangen, die Stabilisierung des eigenen Ichs wird vielen da als Lebensaufgabe schon schwierig genug. Coole Menschen kennen nicht mehr das hitzige Engagement, aber sie wollen auch unerschrocken und keine Opfer sein, träumen bestenfalls von einer Freiheit im Hier und Jetzt. Ihr gesellschaftliches Engagement jedoch, auf das die Boomer einst so heiß waren, fehlt jetzt oft.
Das definitive Ende davon, dass hot positive Konnotationen auslöst, dürfte jedoch die 2018 von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum Wort des Jahres gekürte Heißzeit markieren, die genuschelt wie Hasszeit klingt. Klimaforscher bezeichnen damit ihr schlimmstes Szenario, die globale Durchschnittstemperatur steigt vier bis fünf Grad über das vorindustrielle Niveau. Da wäre dann Coolbleiben tatsächlich die bessere Alternative.


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