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Zwischenrufe: Hoffen beginnt mit Handeln

Hoffnung ist nicht nur durch eine begriffliche Definition verstehbar; der Bedeutungsgehalt wird auch und gerade im Erleben klar. Bei der Beschreibung, was für sie persönlich Hoffnung bedeutet, treffen sich zwei politisch engagierte Studierende in der Erfahrung von Handeln als Triebkraft. Aus unterschiedlichen Perspektiven – erfahrungsbasiert einerseits, theoriegeleitet andererseits – beschreiben sie Hoffnung als eine aktive Entscheidung gegen eine Hoffnungslosigkeit, die sich so oft aufgrund gesellschaftlicher Umstände ergibt. Es sind besondere Momente in ihrer politischen Arbeit, aus denen sie die Kraft schöpfen, um hoffen, handeln und widerständig bleiben zu können.

I. Suraj Mailitafi: Da gibt es diese Momente

In den vergangenen Monaten habe ich mich öfter gefragt, ob sich all diese Mühe lohnt. Ob es sich lohnt, für eine Gesellschaft der Vielen zu kämpfen – für eine offene, gerechte und antirassistische Gesellschaft. Für eine Gesellschaft, in der die Schönheit in den Differenzen gesehen wird.

An manchen Tagen fühlt sich Engagement schwer an, wie ein ständiger Kampf gegen eine Wand aus Ignoranz.

Es sind die Hasskommentare unter meinen Social-Media-Beiträgen, die persönlichen Angriffe und die Morddrohungen, weil ich über Rassismus spreche und weil ich so aussehe, wie ich aussehe. Es ist das Leugnen von Rassismus als strukturelles Pro­blem, das mich manchmal zweifeln lässt. Es sind die Momente, wenn Institutionen zwar über Vielfalt reden, aber nicht bereit sind, ihre Macht zu hinterfragen. An solchen Tagen fühlt sich das Engagement schwer an, wie ein ständiger Kampf gegen eine Wand aus Ignoranz.

Auch die politische Stimmung im Land hat sich verändert. Rechtsextreme Parteien gewinnen an Zustimmung, rassistische Narrative rücken wieder in den Mainstream. Was früher als menschenverachtend galt, wird heute auf Marktplätzen beklatscht. Und während sich politische Debatten zunehmend verrohen, wächst auch der Druck auf Menschen, die für Menschenrechte und Gleichberechtigung einstehen. Manchmal frage ich mich, wie laut man noch sprechen muss, um gehört zu werden.

Doch dann gibt es diese anderen Momente. Momente, die mich tief berühren und mich daran erinnern, warum ich das alles mache. Sie geben mir nicht nur Hoffnung, sondern auch Mut, weiterzumachen. Als ich mit meinem Aktivismus begann, wollte ich vor allem eines: die weiße Mehrheitsgesellschaft sensibilisieren. Ich wollte zeigen, wie tief Rassismus in Strukturen verankert ist, und Menschen dazu bringen, hinzusehen, zuzuhören, zu verstehen. Ich hatte nicht im Blick, anderen migrantisierten Menschen eine Stimme zu sein und schon gar nicht, ein Vorbild. Doch genau das ist es, was mir immer wieder rückgespiegelt wird. Und es ist das, was mir heute am meisten Hoffnung gibt.

»Aktivismus und politische Bildungsarbeit vermitteln nicht nur Wissen, sondern öffnen Räume, in denen Menschen sich gesehen fühlen.«

Neulich saß ich in der Bahn, als mich fünf junge Schwarze Männer ansprachen. Sie hatten mich von meinen Videos erkannt. Einer sagte, dass ich für ihn spreche, dass ich Dinge benenne, die er selbst kaum in Worte fassen kann. Ein anderer bedankte sich dafür, dass ich sichtbar bin – und ihnen damit auch Sichtbarkeit gebe. Solche Begegnungen tragen mich. Sie zeigen mir, dass Aktivismus und politische Bildungsarbeit nicht nur Wissen vermitteln, sondern Räume öffnen, in denen Menschen sich gesehen fühlen. Dass Sichtbarkeit nicht nur Last ist, sondern Verantwortung und Verbindung.

Der erste Schritt zur Veränderung

Auch im Schmerz liegt manchmal Mut. Als der 21-jährige Lorenz A., dessen Vater aus Togo stammt, in der Nacht zum 20. April 2025 in Oldenburg nach einer Auseinandersetzung vor einer Diskothek durch Polizeikugeln ums Leben kam, war ich voller Trauer und Wut und bin es bis heute. Anfang November wurde gegen den Polizisten Anklage wegen fahrlässiger Tötung erhoben. Gleichzeitig sehe ich aber auch, dass Menschen, die sich zuvor nie mit Rassismus auseinandergesetzt hatten, plötzlich Fragen stellen, zuhören und sich selbst reflektieren. Dieser Prozess des Nachdenkens ist der erste Schritt zur Veränderung. Und das gibt mir Hoffnung: zu sehen, dass Bewusstsein wachsen kann, wo vorher Schweigen war.

In den vergangenen Monaten bin ich viel durch Deutschland gereist. Ich habe Jugendliche getroffen, die den Mut haben, sich in ihren Schulen gegen Diskriminierung einzusetzen. Junge Muslim*innen, die politische Räume fordern, die ihnen lange verwehrt blieben. Und Menschen, die sich auf unterschiedlichste Weise für eine gerechtere und vielfältigere Welt engagieren. Sie alle zeigen mir, dass Hoffnung ansteckend ist und dass Mut entsteht, wenn man merkt, dass man nicht allein ist.

Ich weiß, dass ich nicht alles verändern kann. Aber ich kann Wege gehen, damit andere es einmal leichter haben. Ich kann Kämpfe führen, damit andere sie nicht mehr führen müssen. Dieser Gedanke gibt mir Kraft. Mut bedeutet für mich, trotz der Angst weiterzumachen. Und genau das tue ich mit jedem Workshop, jedem Gespräch und mit jedem Video.

Wir haben keine andere Wahl, als hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen. Denn Hoffnung ist kein naives Gefühl, sondern eine bewusste Entscheidung. Sie ist politisch. In einer Zeit, in der rechte Ideologien wieder lauter werden und Menschenverachtung salonfähig scheint, ist Hoffnung Widerstand. Wir, die von Rassismus und anderen Diskriminierungsformen betroffen sind, haben keine andere Wahl, als hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken, weil Aufgeben für uns nie eine Option war.

II. Mitja Nikos Groß: Der Augenblick als Möglichkeit

Das Ende meines Masterstudiums der Soziologie ist von Unsicherheit geprägt. Der akademische Arbeitsmarkt zeichnet sich durch Prekarität aus, während sich das politische Weltgeschehen immer bedrohlicher gestaltet: die anhaltenden Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten, die Klimakrise, der Aufstieg rechtspopulistischer Bewegungen in Europa wie der AfD in Deutschland und Donald Trumps Wiedereinzug ins Weiße Haus. Gleichzeitig zeigt die Bundesregierung wenig Wirksamkeit gegen den Rechtsruck, die sie doch eigentlich versprach. Parallel dazu steigen psychische Erkrankungen unter jungen Erwachsenen und die politische Linke ist tiefgreifend zerstritten.

Wo lässt sich Hoffnung verorten, wenn das politische Koordinatensystem aus den Fugen gerät? Ich glaube, eine Antwort darauf in meiner Tätigkeit im interkulturellen und interreligiösen Dialog gefunden zu haben. Gerade da, wo die Welt undurchsichtig erscheint, eröffnen sich in der praktischen Arbeit Formen von Hoffnung durch konsequentes Handeln im Alltag.

Das Kontinuum der Katastrophe unterbrechen

Doch was bedeutet Hoffnung eigentlich? Walter Benjamins Hoffnungsbegriff ist paradox und radikal. In seinem Essay über Goethes Wahlverwandtschaften formuliert er: »Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben.« Diese Hoffnung gilt den Vergessenen, den Unterdrückten, den geschichtlich Besiegten. Wir hoffen für andere, nicht für uns selbst. Für Benjamin ist Hoffnung eine aktive Kraft im Hier und Jetzt, zentral ist seine »schwache messianische Kraft«: Jeder Moment ist eine kleine Pforte, durch die der Messias treten könne. Diese Kraft ermöglicht, das Kontinuum der Katastrophe zu unterbrechen und in dieser Stilllegung selbst das revolutionäre Moment zu finden. Revolution ist für Benjamin keine Beschleunigung des Fortschritts, sondern dessen Unterbrechung – eine Notbremse, die das Katastrophenkontinuum zum Stillstand bringt. Die Hoffnung ist keine passive Erwartung, sondern eine aktive, revolutionäre Energie, die aus dem Eingedenken der Unterdrückten ihre Kraft bezieht. Jeder Augenblick kann zu einer Möglichkeit werden, durch die konkretes, befreiendes Handeln möglich wird.

»Hoffnung zeigt sich in der politischen Praxis des gemeinsamen Handelns.«

Hannah Arendt erweitert Benjamins Verständnis durch ihre Betonung der menschlichen Fähigkeit zum Neuanfang. Ihr Begriff »Natalität« meint hier nicht den biologischen Akt der Geburt, sondern die ontologische Bedingung des Anfangenkönnens. Arendt beschreibt den Menschen als initium – ein Neuanfang in der Welt. Aus dieser Fähigkeit schöpft sie Hoffnung als Zukunftsvermögen, das sich im praktischen Handeln realisiert. Hoffnung zeigt sich in der politischen Praxis des gemeinsamen Handelns. Arendts kritischer Blick auf passive Hoffnung ist wichtig: Hoffnung darf nicht zum Verharren führen, sondern entspringt aus der realen Fähigkeit, im Miteinander neue Anfänge zu wagen. Die Hoffnung, die ich erfahre, ist keine abstrakte Erwartung, sondern konkrete, politische Praxis des Anfangens.

Was Benjamin und Arendt formulieren, lässt sich in meiner Arbeit im interreligiösen und interkulturellen Dialog konkret nachvollziehen. Bei einer Interfaith-Konferenz zur UN Faith Harmony Week, die fragte, wie Organisationen Geflüchtete besser unterstützen können, kamen progressive linke und religiöse Akteurinnen und Akteure zusammen. Ich durfte beobachteten, wie es zwischen disparaten Sphären zu ungeplanten Begegnungen kam. Speaker:innen blieben nach ihren Vorträgen im Livestream um die Panels anderer Speaker:innen zu hören, lernten sich in den Übergängen kennen und verabredeten sich nicht selten zur gemeinsamen Arbeit – Arendts Natalität als fundamentaler Neuanfang im Handeln.

Momente der Versöhnung

Bei gemeinsamen interreligiösen Veranstaltungen wie dem jährlichen Fastenbrechen, das vom Verein veranstaltet wird, in welchem ich arbeite, wird Benjamins »Ordnung des Profanen« unmittelbar erfahrbar. Diese Veranstaltungen schaffen einen Raum, in dem das alltägliche Zusammensein – das gemeinsame Essen, die kulturellen Beiträge aus unterschiedlichen Traditionen – zu Momenten der Versöhnung führt. Die religiösen und kulturellen Differenzen werden dabei nicht überwunden, sondern gerade in ihrer Verschiedenheit als verbindende Kräfte erlebbar und zelebriert. Es ist diese Erfahrung, dass Gemeinsamkeit durch Differenz entsteht, die Hoffnung nährt.

Bei den von uns veranstalteten Filmabenden mit Menschen mit Fluchtgeschichte realisiert sich Benjamins Konzept des »Eingedenkens«. Leute teilen ihre persönlichen Erfahrungen und präsentieren dazu ausgewählte Filme, die diese Geschichten emotional vertiefen. Durch das Sicht-und-Hörbarmachen marginalisierter Stimmen entsteht eine Verbundenheit, die über bloßes Mitgefühl hinausgeht. In diesen Momenten formt sich Hoffnung nicht aus abstrakten Idealen, sondern aus der unmittelbaren Anerkennung des Anderen und dem daraus erwachsenden gemeinsamen Handeln.

Die Hoffnung, die ich erlebe, ist keine Illusion. Sie ist revolutionäre Kraft, die das Kontinuum der Katastrophe unterbricht, und das Vermögen, immer neu anzufangen. Hoffnung wartet nicht, sondern handelt – im Miteinander, in der Anerkennung des Anderen und in der Überzeugung, dass die Welt veränderbar ist.

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