Unser Zukunftsbild: Wie schaffen wir wieder den Blick nach vorne? Rückblick auf die Jahrestagung 2026


Das Jahrestreffen der Neuen Gesellschaft/Frankfurter Hefte stand 2026 unter dem Motto des aktuellen Heftes: »Unser Zukunftsbild«. Gemeinsam mit dem vollen Hauptsaal in der Berliner Zentrale der Friedrich-Ebert-Stiftung diskutierten AutorenInnen der Zeitschrift darüber, den Blick wieder nach vorne zu richten, den Rechtsaußen-Erzählungen vom unaufhaltsamen Absturz zu widersprechen. Es ging allen darum, wie die progressiven Werte, Ziele und Wege der Gesellschaftsreform heute genauer und so, dass sie attraktiver werden, beschrieben werden müssten. Es geht gegen die rechten Disruptionsphantasien um die Wiedergewinnung von Reformoptimismus.
Zur Begrüßung hob Sabine Fahndrych, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der FES, hervor, dass eine solche Zukunftsdebatte aus der demokratischen Mitte heraus der richtige Weg sei gegen die Gefahr allgemeiner Ratlosigkeit sowie eines falschen Sich Einlassens auf Radikalisierung, das niemals gewonnen werden könne. Wer nur Teilprobleme löse und keine Deutungsangebote mache, dessen Abstieg sei in der Demokratie von einer sozialen Integrationspartei hin zu einer bloßen Funktionspartei vorgezeichnet. Besonders hob sie das Problem der Ungleichheit hervor, das zerreiße gerade die Gesellschaft und biete – wo dreiviertel der Menschen der Aussage zustimmen, die Ungleichheit sei zu groß – vielfältige Anknüpfungspunkte für eine erfolgreiche Politik. Abschließend sprach sie vom Mut, den es brauche, um attraktive Zukunftsbilder zu entwickeln und Wege dahin aufzuzeigen.
In einer von NG/FH Chefredakteur Richard Meng moderierten Debatte bezogen die Podiumsgäste, «unterbrochen« durch besinnliche Gitarrenklänge, wiederholt Position: Die Demokratieforscherin Paulina Fröhlich von der Bertelsmann-Stiftung nahm das Thema Zukunftsbilder wörtlich und entwickelte gegen die Stimmung im Lande, wo 55-65 Prozent der Leute negative Zukunftserwartungen hätten, konkrete Bilder einer funktionierenden Bahn, von Wahlkreistagen, einer fundamental verbesserten Kinderförderung.
Die Politikwissenschaftlerin Isabella Hermann will die Zukunft dreifach als Gewinn erzählen: als Geschichte von Wohlstand und Wachstum in neuer immaterieller Bedeutung; als Geschichte von Resilienz und solidarischer Krisenbewältigung; als Geschichte des Zusammendenkens von technischer und sozialer Innovation.
Die Grünen-Politikerin Ricarda Lang beklagte besonders, dass gerade jungen Menschen die Zukunftsperspektiven abhandengekommen seien. Es sei auch eine objektiv schwierige Aufgabe in einer Welt der Begrenzung trotzdem zu schauen, wie es besser werden kann. Sie richtete sich vor allem gegen falschen Hyperindividualismus, es brauche einen neuen Denkansatz, der von der gegenseitigen Abhängigkeit der Menschen und der Natur mit den Menschen ausgeht. Gegen das verbreitete Gefühl von Erschöpfung helfe eine Politik hin zu einer Welt, in der Fragen wie Wohnen, Bildung, Mobilität, Energie nicht zu existenzieller Verunsicherung führen.
Der Schatzmeister der SPD Dietmar Nietan sprach zunächst davon, wie sehr sein Zukunftsbild ein zutiefst Menschliches des guten Lebens für alle sei, was in dieser Welt alles andere als selbstverständlich geworden ist. Inklusiv friedlich miteinander leben, welches Ziel! Progressiv müsse heißen evolutionär, demokratisch und glaubwürdig Veränderung anzustreben. Politik solle immer an den konkreten Lebenswelten anknüpfen, Grundsätze seien dabei u.a.: Frieden und Freiheit sind nicht gegeneinander zu stellen, es geht um »Freiheit für alle, nicht für die wenigen« (Willy Brandt). Er skizzierte Leitplanken einer solidarischen Gesellschaft: U.a. Eigentum verpflichtet; eine faire Chance für alle; ein Fortschrittsglauben, der sich gegen technische Allmachtsphantasien richtet; ein handlungsfähiger Staat; eine bestausgebildete Gesellschaft.
In einer zweiten Runde konzentrierte sich die Debatte auf die Frage nach dem Kern einer progressiven Erzählung: Da war vom Zulassen von Alternativen und von der produktiven Kraft der Vielfalt die Rede (Hermann); davon, sich nicht von falschen Kulturkämpfen ablenken zu lassen und davon, man müsse auch von der zu schnellen Geschwindigkeit der technischen Revolution reden (Lang); davon, das Zusammenkommen kluger Ideen sei auch mit einer wertorientiert engagierten Haltung zu verbinden (Nietan).
Die eingeklagte »Selbstwirksamkeit« (Fröhlich) führte zu einer Kontroverse, wieweit Politik als Lieferservice noch funktioniert. Inwieweit es falsch ist, zu fragen: Was bringt etwas mir selbst? Inwieweit muss zivilgesellschaftliche Selbstermächtigung Ziel sein, auch um emotionalisierte Mobilisierung nicht den Rechten zu überlassen? Doch Selfcare als Parole wurde auch kritisch gesehen. Es brauche gerade auch aus der Politik heraus zentrale Botschaften, zentrale Ziele, eine zentrale Richtung, die von den Menschen verstanden wird. Eine progressive Steuerpolitik, die auch Erträge aus Kapital angemessen besteuert und der steigenden Ungleichheit entgegenwirkt, ein andere auch europäische Kapitalmarktregulierungspolitik (Nietan) wurden da genannt. Aber dennoch seien alternative Experimente und Projekte des Ausprobierens, wie uns die Zukunftsforschung gelehrt hat, dringend notwendig.
Zum Abschluss fragte Meng die Podiumsgäste nach einem Ratschlag für Jahr 2027, das er als Jahr vieler Landtagswahlkämpfe beschrieb. Einige der Antworten: Es geht zuvorderst darum, sich mit anderen zusammenzuschließen, um mehr zu erreichen (Hermann). Es geht um die Wiedergewinnung einer Haltung von Zuversicht (Nietan). Die Frage stelle sich sonst, ob eine Diskussion um Zukunftsbilder wie an diesem Abend die demokratischen Parteien überhaupt noch erreichen kann. In seinem Schlusswort versprach Meng, dass die Zeitschrift NG/FH der Debatte über Zukunftsbilder weiter Raum geben wird, gerade weil das im politischen Alltag oft zu kurz käme. Sein Fazit: »Wir müssen es gemeinsam schaffen, die richtigen Fragen zu stellen - auch wenn die Antworten in der Demokratie unterschiedlich bleiben.«