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Wut und Misstrauen gegenüber den MitmenschenBöse raue Welt

Wie rau es momentan in der Welt zugeht, erfährt, wer regelmäßig und viel mit der Bahn im Nah-, Regional- und Fernverkehr unterwegs ist. Nicht nur die Pannen und Verspätungen, das verspätete Personal aus vorausgegangener Fahrt, die Störung an einem Signal, die Personen im Gleisbett, kurz: die infrastrukturellen Probleme sorgen für ein raues Klima beim Bahnfahren. Die nachfolgend geschilderten beiden Szenen spielten sich im Oktober und November 2025 ab:

Im Bistro des ICE zwischen Hannover und Hamburg bat ich unlängst eine Mitarbeiterin, mir gegen ein Freigetränk auf der BahnBonus-App die eigene Thermoskanne mit heißem Wasser zu füllen, um einen mitgebrachten Teebeutel darin zu versenken. Das mir wütend entgegengeschleuderte »Ich habe das aber nicht!« der Bahnangestellten erzwang meine Nachfrage. Sie habe kein solches Bonus-Programm, fauchte die Frau im Bistro, und das, obwohl auch sie Steuern zahlen würde. Es seien aber meine und ihre Steuern, die dieses Programm finanzierten. Sie füllte das heiße Wasser zwar ein und entwertete einen der QR-Codes für Freigetränke, aber in deutlichem Zorn.

Kaum zu bändigende negative Affekte

Am Servicecounter in Münster ist es an einem Morgen im November belebt, sind alle Mitarbeiter mit Kunden im Gespräch. In der Warteschlange stehen noch zwei Leute. Man stellt sich dazu, eine vierte Person in die Position dahinter. Da nähert sich ein Mann von hinten, geht zielstrebig an der Schlange vorbei an einen der freiwerdenden Schalter. Er wird sofort bedient. Der Letzte in der Schlange flucht. Als der Drängler sein Anliegen geklärt hat und wieder an ihm vorbeigeht, faucht er ihn an: »Sie können sich wohl nicht anstellen?« Der grinst frech und sagt: »Ich hab‹ die Schlange nicht gesehen!«, ehe er davoneilt. Der Wartende flucht weiter: »Auch noch lügen! In welchem Land leben wir denn eigentlich?«

Die beiden Szenen wollen der vielfach mit Häme überzogenen Bahn nicht noch mehr aufladen. Sie stehen exemplarisch für Situationen im öffentlichen Raum, in denen negative Affekte als kaum mehr zu bändigende erlebt werden: beim Radfahren in der Großstadt, beim Stau in den Stoßzeiten kann man tagtäglich erleben, wie dem inneren Überdruck freier Lauf gelassen wird. Es scheint als fühlten sich viele übergangen, in die Ecke gedrängt.

Die Zukunft wird mit Angst erwartet.

Nicht nur Wut, sondern auch Misstrauen gegenüber den Mitmenschen und insbesondere der Politik, dazu große Angst vor der Zukunft diagnostiziert das Soziologenpaar Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey der Gesellschaft. Der Klimawandel, zahlreiche Kriege, die Pandemie, die wachsende Inflation, der Wohnungsmangel in Städten und nicht zuletzt die stark sanierungs­bedürftige Infrastruktur haben, hätten in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass sich in der Gesellschaft der Eindruck einstellt, die Zukunft sei nicht länger mit Neugier und Spannung zu erwarten, sondern eben mit Angst. Das lange gültige Credo des Wachstums hat angesichts des inzwischen spürbaren Klimawandels seine Wirkmacht verloren. Verheißungen eines Mehr an Vermögen, Zeit und Lebensqualität durch Fortschritt werden vage, bei manchen lösen sie sich ganz auf. Die Zukunft erscheint als Bedrohung.

Durch die Maßnahmen der Pandemie und eine starke Regulation der Gesellschaft entstand, was Amlinger und Nachtwey in ihrem Vorgängerband Gekränkte Freiheit (2022) genannt und worin es Aspekte des libertären Autoritarismus erkannt hat. Zahlreiche Interviews mit so genannten Querdenkern bildeten die empirische Grundlage der Studie. Unter denen, die ein libertäres Freiheitsverständnis entwickeln und gesellschaftliche Übereinkünfte als Einschränkung ihrer Freiheit verstehen, entwickelt sich nun auch eine Zerstörungslust (2025) mit Elementen dessen, was die beiden »demokratischen Faschismus« nennen.

Lust, die Demokratie zu zerstören

Er unterscheidet sich vom historischen Faschismus dadurch, dass er die Demokratie nicht offen bekämpfe, sondern sich als deren Erneuerer verstanden wissen wolle. Der Wunsch nach Einschränkungen der freiheitlichen Ordnung, die Lust, die Demokratie zu zerstören, so Amlinger und Nachtwey, die für das aktuelle Buch erneut zahlreiche Interviews geführt haben, komme paradoxerweise oft gerade von denen, die sich eingeschränkt fühlen.

Viele haben den Eindruck, sie lebten ein Leben unter ihren Möglichkeiten.

Amlinger und Nachtwey zeigen, dass vielen der politische Prozess elitär erscheint, woran partizipative Prozesse wenig ändern. Aufgrund des gewachsenen Wissens erscheinen vielen politische Felder als unzugänglich. Viele fühlen sich ausgeschlossen. Doch liegt darin schon eine hinreichende Erklärung für die Radikalisierung derer, die nicht selten AfD wählen, die zwar unter den für die Studie Befragten eine Minderheit sind, aber eben eine mit Sendungsbewusstsein und großem Empörungspotenzial? Ein weitaus stärkerer Motor für die Zerstörungslust sei, so die Autoren, der Eindruck man lebe ein Leben, bei dem die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten nicht ausreichend zu erfahren und auszuschöpfen seien. Schuld daran seien ihnen zufolge stets die anderen, der Staat, die Wirtschaft, Minderheiten, Migranten.

»Die Mitarbeiterin im Bistro hat Gründe sich als Opfer zu sehen.«

Ist man mit dieser Erklärung wieder angelangt bei der aufgebrachten Mitarbeiterin im ICE-Bistro? Nach Angaben des Jobportal Kununu verdienen Restaurantleiterin bei Deutsche Bahn AG durchschnittlich etwa 37.600 Euro brutto im Jahr. Das entspricht monatlich etwa 3.133 Euro. Damit liegt dieses Gehalt rund zwei Prozent unter dem Durchschnittsgehalt in Deutschland bei 38.500 Euro. Je nachdem, wo man lebt, dürfte abzüglich der Lebens­haltungskosten nicht viel übrigbleiben. Reicht das, um sich ausgeschlossen zu fühlen? Anzunehmen ist, dass hier die Angst vor der Zukunft sich ungut mit dem Verdruss paart, den die Frau mutmaßlich täglich erfährt, wenn frustrierte Bahnreisende die Folgen der maroden Infrastruktur abbekommen und an sie weitergeben.

Die Mitarbeiterin im Bistro käme also potenziell infrage als Protagonistin der Zerstörungswut im Sinne Amlingers und Nachtweys. Sie hat Gründe, sich als Opfer (einer Tyrannei der Minderheit bzw. unfähiger Politiker) zu verstehen. Auch das Verhalten des Mannes in der Warteschlange der Münsteraner Bahnhofsapotheke deutet darauf hin, dass seine Wut sich nicht nur auf den Drängler richtet. Wie anders ließe sich verstehen, dass er lautstark fragt, in welchem Land er denn eigentlich lebt?

Unklar ist, ob beide die liberale Demokratie gerne ausgelöscht sähen, weil sie sich benachteiligt sehen, weil sie aus ihrer Sicht eben nicht demokratisch ist, wie Amlinger und Nachtwey es an zahlreichen Teilnehmenden ihrer Studie beobachteten. Und ganz egal, ob man sie nun tatsächlich zu den Zerstörern zählen kann: Wie könnte man Menschen wieder für die Demokratie begeistern, wie könnte aus dem Empfinden potenzieller Gegnerschaft wieder eines von Gemeinschaft und Vertrauen werden.

Wieder für die Demokratie begeistern

Fakten und Zahlen allein werden es nicht richten können. Besonders wichtig, so Amlinger und Nachtwey, ist dagegen, Menschen direkt anzusprechen, um die Spaltung nicht weiter voranzutreiben. Zu begreifen, dass Gefühle der Unbehaustheit und Entfremdung nicht von außen oder von oben oder von Fremden verursacht sind, wäre eine wichtige Einsicht.

Fremdheit als existenzielle Erfahrung aller.

Eine Denkerin, die sich mit der Frage nach den Ursachen der Demokratiefeindlichkeit am Beispiel von Ungarn auseinandergesetzt hat, das beim Blick auf den demokratischen Faschismus eine traurige Vorreiterstellung einnimmt, ist die ungarische Philosophin Ágnes Heller. Hineingeboren 1929 in Budapest in eine jüdischen Mittelschichtsfamilie überlebte sie gemeinsam mit ihrer Mutter den Holocaust. Sie beschäftigte sich wie ihre Kollegin Hannah Arendt zeit ihres Lebens mit dessen Ursachen und ihrer Erfahrung eines Alltags in totalitären Regimen. Heller analysierte den Orbanismus in Ungarn als paradigmatisches, beileibe nicht singuläres Phänomen, wie in Vorahnung dessen, was in ganz Europa inzwischen um sich gegriffen hat.

Heller konstatiert in ihrem Essay »Paradox Europa« (2019) eben das: Fremdheit sei eine existenzielle Erfahrung aller: »Wir werden alle als Fremde geboren. Genetisch sind wir für Sprache und soziales Leben ausgestattet, aber nicht für eine bestimmte Sprache, Kultur oder Gesellschaft«, schreibt Heller. Die Welt, in die wir zufällig hineingeboren werden, ist fremd und ungewohnt. Wir müssen lernen, unsere angeborenen Fähigkeiten an die Sprache, die Sitten und die Anforderungen der Welt, in der wir uns befinden, anzupassen. Wir müssen die besondere Welt, die unsere Heimat sein wird, verstehen, aber diese Aufgabe wird nie vollständig erfüllt sein.«

Daran zu erinnern, dass es ein Prozess ist, Gefühle von Angst und Bedrohung zu verstehen, die auch in einem demokratischen System erlebt werden, ist ein weiterer Aspekt. Ebenso zentral ist eine stärkere Förderung des Bildungsbereichs. Wer schulpflichtige Kinder hat oder mit Lehrern spricht, wird diese deutsche Misere vielfach bestätigt finden. Hier muss sich etwas ändern. Nur wenn Menschen früh lernen, sich lebendig und selbstbestimmt zu artikulieren, anders als versimpelt und verarmt zu sprechen, was Umberto Eco es in Der ewige Faschismus (2018) als eines der Kennzeichen des Ur-Faschismus ausgemacht hat, können sie miteinander im Gespräch bleiben oder wieder zu einem respektvolleren Ton zurückkehren, was die Voraussetzungen einer funktionierenden Demokratie sind.

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