Spätestens jetzt erscheint – tatütata – das besorgte Bürgertum am Tatort und sucht nach Schuldigen. Unter dringendem Tatverdacht: die öffentlich-rechtlichen Medien. Vermutetes Tatmotiv: sinnlose Mordlust, Quotengier, Einfallslosigkeit. Als erste Verdächtige wird die Programmdirektorin der ARD vorgeladen. Ein Ermittlerteam aus der Magdeburger Staatskanzlei illuminiert den Verhörraum: »Niemand mordet so viel wie Sie. Gestehen Sie! Oder wir kürzen den Rundfunkbeitrag.«
Ist die Gesellschaft krimi-krank? Ist sie noch zu retten?
Mittlerweile ist dieser Plot so durchschaubar wie »Nord Nord Mord«, »Nord bei Nordwest« oder »Mord mit Aussicht«. Wenn es doch so einfach wäre. Doch leider sind die Herren aus Magdeburg auf dem Holzweg. Die Dinge stehen weitaus schlimmer. Die Krimi-Seuche nämlich ist keine Fernsehverschwörung. Sie ist pandemisch. Der Krimi ist immer und überall: im Buchhandel sowieso – und auch in den podcast-verstopften Gehörgängen. Die eigentliche Frage lautet, weshalb das so ist. Woher die Seuche? Ist die Gesellschaft krimi-krank? Ist sie noch zu retten? Höchste Zeit, die Spuren zu sichern. Harry holt schon mal den Wagen.
Die Omnipräsenz des Krimis
Wie bitte, die Fernsehleute waren es nicht? Dabei laufen im Fernsehen so viele Krimis wie nie zuvor. ARD-Programmdirektion und ZDF-Medienforschung haben das Ende 2024 selbst bestätigt, in ihrer Studie zu »Tendenzen im Zuschauerverhalten«. Demnach liegen Krimis mit 51 Prozent an der Spitze der gesendeten Fernsehminuten im Fiktionalen. 2013 waren es noch 41 Prozent, vor 20 Jahren sogar nur 20 Prozent. Was gibt es daran zu deuteln?
Eigentlich nichts. Mit der Einschränkung, dass sich das lineare Fernsehen langsam zur Endmoräne des älteren Publikums entwickelt. Jüngere nutzen häufiger Mediatheken und Streamingdienste. Die Ü-50er schauen dafür mehr Krimis. 55 Prozent ihres Fernsehfilm-Konsums verbraten sie für das Mordgeschäft, gegenüber 37 Prozent bei Jüngeren. Es ist daher nur folgerichtig, dass im linearen Fernsehen immer häufiger Krimis auftauchen.
Noch verräterischer ist, dass Krimis zuverlässig die höchsten Reichweiten erzielen. Von einer Zwangsbeglückung ideenloser Programmgestalter kann folglich keine Rede sein. Auf der Top-30-Liste der erfolgreichsten Fernsehfilme finden sich fast nur Krimis, angefangen beim »Tatort«, der durchschnittlich knapp acht Millionen Zuschauer erreicht. Neun der zehn erfolgreichsten Sendereihen im Fernsehen sind Krimis.
Ist das eine Anomalie des Fernsehens? Kleben die Leute vor dem Bildschirm, weil andere Angebote Mangelware sind? Keineswegs. Der Podcast-Markt bietet seit Jahren ein ähnliches Bild. Hier sind es »True-Crime«-Formate, die sich auf dem Siegeszug befinden. Regelmäßig sind sie unter den reichweitenstärksten Formaten. »Zeit Verbrechen«, »Mordlust« oder »Mord auf Ex« werden monatlich millionenfach abgerufen. »True Crime« gilt als Treiber des gesamten Podcast-Geschäfts.
Auf dem Buchmarkt sieht es nicht anders aus. Ein Viertel des Umsatzes fließt in die sogenannte Spannungsliteratur. Das sind nicht nur gewaltige Stückzahlen. Wenn man die verkaufte Auflage mit der konsumierten Krimi-Sendezeit vergleicht, ist das Fernsehen sogar vergleichsweise zurückhaltend. In den öffentlich-rechtlichen Programmen jedenfalls sind Krimis von einem Viertel der Sendezeit deutlich entfernt.
Der Reiz des Bösen und die Suche nach Ordnung
Das alles sind keine Gründe, an der grassierenden Krimi-Seuche Vergnügen zu finden. Die übliche Programmkritik jedoch greift zu kurz. Oder sollen jetzt auch Verlage Krimis aus dem Sortiment nehmen, Podcaster sich von »True Crime« auf verbrechensbefreite Sozialforschung verlegen? Weitaus ehrlicher ist es, anstelle der Medienkritik den Blick auf uns selbst zu richten. Was macht die Gesellschaft für den Krimi so empfänglich? Woher seine enorme Präsenz?
»Der Krimi ist das Märchen der Gegenwart.«
Der Krimi ist das Märchen der Gegenwart. In einer relativ unbedrohten, freiheitlichen Gesellschaft bleibt es der größte Normenverstoß, einen anderen Menschen zu töten. Hier wird das Böse greifbar, schlummert die Faszination für die Schrecken des Lebens. Zugleich erzeugen souveräne Ermittlerfiguren das Gefühl, dass die Dinge am Ende wieder ins Lot kommen werden. So hat es der Medienwissenschaftler Gerd Hallenberger umschrieben: Der Krimi spiegelt vor, dass es auch in einer schreckenerregenden Welt jemanden gibt, der die Ordnung wiederherstellen kann.
Zwar bleibt es eine Vermutung, dass sich Jüngere vor allem von der Faszination des Bösen, Ältere dagegen vom Ordnungsversprechen des Krimis angezogen fühlen. Unzweifelhaft aber ist, dass der Krimi als Unterhaltungsgenre seit den Nachkriegsjahren alle Generationen maßgeblich geprägt hat.
Vielleicht haben sich die älteren Generationen in besonderer Weise an den Krimi gewöhnt. Anfang der 50er Jahre wurden Krimis im Radio populär. Ab Ende des Jahrzehnts wurden sie auch zum festen Bestandteil des Fernsehprogramms. Dafür sorgten die vielen Francis-Durbridge- und Edgar-Wallace-Verfilmungen. Mit dem »Kommissar« ab 1969 und dem »Tatort« ab 1970 eroberte der Krimi das Abendprogramm.
Etwa zu diesem Zeitpunkt dürften Krimis zum Mittel der gesellschaftlichen Selbstvergewisserung geworden sein. Zeitweilig erlangte der Freitagskrimi im ZDF den Rang einer säkularen Heilsbeschwörung. Der Friede des Wochenendes konnte nicht einsetzen, ehe nicht »Derrick«, »Der Alte« oder Günter Strack und Claus Theo Gärtner in »Ein Fall für Zwei« das Böse aus den deutschen Wohnzimmern verscheucht hatten.
»Die moralisch grundierte Sehnsucht nach Ordnung entspringt einer Angst vor dem Bodenlosen.«
In einem Essay über »Derrick« hat der Schriftsteller Frank Witzel dieses Ordnungsbedürfnis beschrieben. So illustriert in der sechsten Folge der Serie ein surrealistisches Gemälde von Rudolf Hausner die Persönlichkeit eines mordlüsternen Studenten. Die künstlerische Abweichung von der Norm soll bedrohlich wirken. Der biedere Derrick dagegen hört Mozart. Zugleich kontrastiert mit dem korrekten Kunstgeschmack des Kommissars seine seltsam spurenlose Biografie. Man erkennt darin den Serienautor und früheren NS-Propagandisten Herbert Reinecker ebenso wie den Waffen-SS-Soldaten Horst Tappert. Die moralisch grundierte Sehnsucht nach Ordnung entspringt auch einem Bedürfnis nach Verdrängung und der Angst vor dem Bodenlosen.
Vielleicht besteht darin auch die gesellschaftliche Veränderung, die im Verhältnis zum Krimi mittlerweile eingetreten ist. Denn die moralische Einhegung des Bösen scheint zunehmend dessen permanenter Ergründung Platz zu machen. Konnte sich der Schuldige früher der eisigen Verachtung der Ermittler sicher sein, gilt die Aufmerksamkeit nun vor allem den Ursachen seiner Devianz. Erfolgsserien wie »Criminal Minds«, »Breaking Bad« oder die »Millenium«-Reihe von Stieg Larsson kosten den Reiz des Bösen aus, liefern komplexe Psychogramme krimineller Persönlichkeiten.
Dasselbe gilt für Netflix-Dokumentationen wie »Making a Murderer« oder »Ted Bundy«. Inzwischen gibt es sogar Crime-Conventions, die sich tagelang der Erforschung krimineller Rätsel widmen. Hier dürfte sich die Ursache für den Siegeszug des Krimis verbergen: Im digitalen Zeitalter lässt sich die Welt nahezu in Permanenz vom Bösen entwirren.
Die Krimischwemme der Gegenwart ist das Ergebnis digitaler Entgrenzung. Nahezu perfekt haben sich Krimis der Konsumerwartung angepasst, jederzeit in den Stoff eintauchen zu können. Zwar ist es keine neue Entwicklung, dass Serienermittler dabei zu Lebensbegleitern avancieren – wobei die nahende Verrentung langjährig tätiger Tatort-Teams beim Publikum noch für Trennungsschmerzen sorgen dürfte.
Krimi als Lebensbegleitung
Das eigentlich Neue jedoch ist die Verwandlung des Krimis in eine präsentische Form der Unterhaltung. Jede Lebenssituation und Umgebung kann zur Folie der Fiktion werden, das eigene Zuhause ebenso wie der Urlaubsort. Keine Nordseeinsel, die nicht als imaginärer Ort des Verbrechens fungiert. Keine Landschaft, die nicht irgendeinem heimatverbundenen Detektiv aus dem jeweiligen Regio-Krimi als Kulisse dienen würde.
Etliche Krimis spielen mittlerweile an den Sehnsuchtsorten deutscher Urlauber. Wie langweilig es in der Bretagne oder in Barcelona wohl wäre, dürfte man sich dort nicht in die Abgründe ihrer Übeltäter hineinträumen. Ähnlich erfolgreich als Lokalität sind die Küsten Irlands, die Berggipfel Südtirols, Amsterdam, Wien, Zürich und das Venedig von Commissario Brunetti. Das zeigt, wie tief sich die Enträtselung des Bösen in den Alltag geschmiegt hat.
Krimis sind zu einer Selbstbeschäftigung mit autofiktionalen Zügen geworden.
Krimis werden auf diese Weise zu einer Selbstbeschäftigung mit autofiktionalen Zügen. Das zeigt sich am besten in den sogenannten Cosy-Crime-Serien. Wenn sich unter jedem Misthaufen in der Eifel ein toter Bauer findet, könnte ich ebenfalls einen entdecken. Daher auch der Erfolg der vier Rentner, die der britische Autor Richard Osman in seinem »Thursday Murder Club« auftreten lässt. Gerade noch saßen sie harmlos auf dem Sofa. Plötzlich lösen sie die kniffligsten Mordfälle. Nie lag der Gedanke näher: Das könnte auch ich selbst sein. Offenbar ist es ein verlockendes Gedankenspiel, selbst zum Detektiv werden zu können.
Der Krimi ist folglich kein überlebtes Medienphänomen. Im Gegenteil, er gehört zu den lebendigsten Stoffen der Gegenwart. In ihm erleben wir die Märchen unseres Alltags. In seiner digitalisierten und daher präsentischen Form beginnt er seinen Lesern, Zuhörern und Zuschauern als Folie des Lebens zu dienen: ein (allzu) vertrauter Schlüssel, mit dem eine trostlose Zeit enträtselbar zu werden scheint.


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