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Trotz katastrophaler Verluste könnte die Ukraine eine wichtige Rolle in Europa spielen Die Chance nicht verpassen

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Was sind schon ein paar Jahre im Vergleich zur Menschheitsgeschichte. Aber für einen einzelnen Staat ist es eine enorme Zeitspanne, die die Zukunft für kommende Generationen bestimmen kann. So hat die russische Invasion in der Ukraine in den zurückliegenden rund 1.000 Tagen dem Land die unvorstellbaren Schrecken eines der blutigsten und zerstörerischsten Kriege der vergangenen 80 Jahre beschert. Die Entbehrungen und Herausforderungen, denen die Ukraine in dieser Zeit ausgesetzt war, haben sie bis zur Unkenntlichkeit verändert.

Zum einen hat die Wirtschaft katastrophale Verluste erlitten, seit 2021 ist sie um 25 Prozent geschrumpft. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft schätzt, dass die Ukraine bis 2026 etwa 120 Milliarden US-Dollar an Wirtschaftsleistung und fast eine Billion US-Dollar an Kapital verlieren wird. Die systematischen russischen Angriffe auf zivile Infrastruktur haben zahlreiche Städte und Dörfer zerstört. Der Gesamtschaden an der Infrastruktur der Ukraine wurde Anfang 2025 auf 176 Milliarden US-Dollar beziffert. Viele Ukrainer haben ihr Haus verloren, Babys werden in Luftschutzbunkern geboren, Schüler lernen im Untergrund, Ärzte retten in zerstörten Krankenhäusern unter russischem Bombardement fremde Leben und riskieren dabei ihr eigenes.

Viele Tausende Ukrainer haben im Krieg ihr Leben verloren. Die Zahlen variieren allerdings ziemlich stark. Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach im Dezember 2024 von 43.000 getöteten Soldaten, kurz darauf behauptete US-Präsident Donald Trump, dass die Ukraine etwa 700.000 Soldaten verloren habe. Die zivilen Opferzahlen sind nicht weniger erschütternd, doch solange der Krieg und die Besetzung andauern, können sie nicht genau ermittelt werden.

Gefahren für das Wirtschaftswachstum und den Wiederaufbau

Zudem ist die ukrainische Bevölkerung in den über drei Jahren Invasion um zehn Millionen Menschen geschrumpft, von 42 auf 32 Millionen. Nach Angaben der Vereinten Nationen belief sich die offizielle Zahl der ukrainischen Flüchtlinge weltweit im August 2025 auf fast sechs Millionen Menschen. Die Vertreibung einer so großen Zahl in so kurzer Zeit wäre für sich genommen schon eine Tragödie. Dies ist jedoch nur ein Teil der demografischen Katastrophe der Ukraine, denn man sollte nicht vergessen: 80 Prozent der ins Ausland Geflohenen sind Frauen und Kinder. Wenn die meisten von ihnen nicht zurückkehren, hätte dies dramatische Auswirkungen auf die Demografie und die künftige Entwicklung der Erwerbsbevölkerung.

Die Folgen zeichnen sich bereits ab. Nach aktuellen Daten führt die Ukraine die Liste der Länder mit der höchsten Sterblichkeitsrate und der niedrigsten Geburtenrate weltweit an. Die Sterblichkeitsrate in der Ukraine ist dreimal so hoch. Die Gefahren für das Wirtschaftswachstum und den Wiederaufbau nach dem Krieg sind deshalb groß. Die Regierung schätzt, dass die Ukraine in den kommenden Jahren mindestens 4,5 Millionen zusätzliche Arbeitskräfte benötigen wird.

»Die Fähigkeiten der Ukraine sind begrenzt. Und die Erschöpfung aufgrund der unerträglichen Spannungen in allen Bereichen macht sich zunehmend bemerkbar.«

Die Armee, die Zivilgesellschaft und die Behörden, unterstützt von ausländischen Verbündeten, stellen sich trotz allem weiterhin einem übermächtigen Feind entgegen. Die Ukraine will mit allen Mitteln zeigen, dass sie sich nicht der Gnade der Invasoren ergeben wird. Dennoch sollten sich die Partner im Westen keinen Illusionen hingeben, denn die Fähigkeiten der Ukraine sind begrenzt. Und die Erschöpfung aufgrund der unerträglichen Spannungen in allen Bereichen macht sich zunehmend bemerkbar. An der Front häufen sich die Fälle von unerlaubtem Verlassen der Stellungen, auch im Hinterland nehmen die gesellschaftlichen Spannungen zu. Einige Ukrainer sind mit der anhaltenden Mobilisierung unzufrieden, andere sind verärgert über die eigenen Landsleute, die geflohen sind. Und noch viel mehr sind sie von den ausländischen Verbündeten desillusioniert, von denen sie entschlossenere militärische Hilfe und wirksamere Sanktionen erwartet hatten. Und es wächst die Kriegsmüdigkeit. Doch während viele in der Ukraine angesichts des Leids tatsächlich müde sind, können sie nur bitter lachen, wenn in den Medien wieder einmal davon die Rede ist, dass »der Westen des Krieges müde sei«.

Anfang 2025 gab es vorsichtige Hoffnungen, dass bald ein Waffenstillstand erreicht werden und damit der Wiederaufbau der Ukraine beginnen könnte. Da gab es allen voran die kühnen Äußerungen des neuen US-Präsidenten. Trump erklärte, die Beendigung der Feindseligkeiten in der Ukraine habe für ihn oberste Priorität, sie können in den kommenden Monaten erreicht werden, da die gegnerische Seite bereit sei, Friedensgespräche aufzunehmen.

Doch auch andere Signale deuteten darauf hin, dass dies wahrscheinlich sei. Präsident Selenskyj äußerte sich weniger unnachgiebig und bot einen Waffenstillstand und die Aufnahme von Verhandlungen mit Russland ohne Vorbedingungen an. In der Ukraine selbst wird verstärkt über Wahlen in naher Zukunft gesprochen und die europäischen Staats- und Regierungschefs begannen lautstark mit der Planung, Militärkontingente in die Ukraine zu entsenden. All dies gab Anlass zur Hoffnung, dass die Kampfhandlungen bald beendet sein könnten.

»Man kann kein schnelles Ende des Krieges erwarten, wenn die Amerikaner das Opfer des Angriffs mit dem Aggressor gleichsetzen.«

Die vergangenen Monate haben jedoch gezeigt, dass ein baldiger Waffenstillstand und eine anschließende Erholung der Ukraine unwahrscheinlich sind. Der Hauptgrund dafür liegt in der Inkonsequenz der neuen US-Regierung und der Unentschlossenheit der europäischen Verbündeten. Man kann schwerlich ein schnelles Ende des Krieges erwarten, wenn die Amerikaner plötzlich das Opfer des Angriffs mit dem Aggressor gleichsetzen und die militärische Unterstützung aussetzen oder reduzieren. Darüber hinaus zwangen sie die Ukraine, im Krieg ein Abkommen über die Nutzung ihrer Bodenschätze zu unterzeichnen. Das sieht eher danach aus, dass das leblose Opfer eines Verbrechens noch ausgeraubt wird. Von dem ursprünglich anvisierten »Frieden durch Stärke«, also durch Einflussnahme auf die einzige Ursache des Konflikts – Putins Russland – ist nichts geblieben. Im Gegenteil: roter Teppich in Alaska mit anschließenden ergebnislosen Verhandlungen und freundschaftliche Umarmungen für den Aggressor.

Die Zurückhaltung der Europäer wirft ebenfalls viele Fragen auf. Sicher, in Worten unterstützen die europäischen Verbündeten die Ukraine und verurteilen die russische Invasion. Aber statt der lang erwarteten entschlossenen Maßnahmen zeigt sich die bekannte Unentschlossenheit.

Man erinnere sich an das Ultimatum der europäischen Staats- und Regierungschefs an Russland vom Mai, das Feuer einzustellen. Monate später dauert der Krieg immer noch an, ohne dass das russische Regime spürbare Konsequenzen zu befürchten hätte. Auch alle Versprechen der Verbündeten, die Ukraine mit Langstreckenwaffen (einschließlich deutsch-schwedischer Taurus-Raketen) zu beliefern und Militärkontingente als tragfähige Sicherheitsgarantien zu stationieren, blieben uneingelöst.

»Viele Menschen in der Ukraine haben das Gefühl, dass die Partner mit der aktuellen Situation eigentlich zufrieden sind.«

Aus diesem Grund haben viele Menschen in der Ukraine das Gefühl, dass die Partner mit der aktuellen Situation eigentlich zufrieden sind. Diese Überzeugung wurde durch die jüngsten Äußerungen des NATO-Generalsekretärs Mark Rutte bestärkt, wonach ein Ende des Krieges in der Ukraine die Bedrohung für das Bündnis erhöhen würde. Regelmäßige Berichte darüber, wie ukrainische Flüchtlinge zur Stärkung der Wirtschaft ihrer Aufnahmeländer beigetragen haben, vergrößern diese Enttäuschung. Der Beitrag der ukrainischen Zwangsmigranten etwa zum polnischen BIP seit 2022 wird auf 85 Milliarden Dollar geschätzt. Die gesamten polnischen Ausgaben für militärische, humanitäre und soziale Hilfe für die Ukraine umfassen demgegenüber nicht mehr als zehn Milliarden Dollar. Das alles spricht nicht für einen Waffenstillstand und den Beginn des Wiederaufbaus der Ukraine.

Ohne die Unterstützung ihrer Verbündeten wäre es für die Ukraine zweifellos fast unmöglich, sich gegen die russische Aggression zu wehren, aber die erwähnte Unentschlossenheit spielt dem Kremlchef in die Hände. Da die Ukraine für Putin die einzige echte Obsession für den Rest seines Lebens ist, werden wohl keine Kompromissvorschläge von Trump die Russen zufriedenstellen. Sie werden weiterhin echte Verhandlungen vortäuschen und ihre barbarische Aggression fortsetzen, wobei sie hartnäckig auf der Kapitulation der Ukraine bestehen werden. Ohne deren Stärke wird es also keinen Frieden geben.

Die Rolle Deutschlands

Die Aussichten auf einen Waffenstillstand und künftigen Wiederaufbau der Ukraine hängen nach wie vor von einer effizienten Zusammenarbeit mit ihren Partnern ab. Dabei hat Deutschland eine führende Rolle. Die deutsch-ukrainischen Beziehungen haben mittlerweile ein strategisches Niveau erreicht, für die Ukraine ist Deutschland wichtigster Partner in der EU, bezüglich militärischer Hilfe aber auch bei der wirtschaftlichen Zusammenarbeit.

Auch Deutschland profitiert in hohem Maße von dieser Partnerschaft. Erstens: Ein Beitrag zum Wiederaufbau der Ukraine ist ein Beitrag zur eigenen Sicherheit. Die Bedrohung durch Russland wird auch nach einem Kriegsende wahrscheinlich nicht verschwinden. Deshalb sollte eine wirtschaftlich und militärisch starke, freie Ukraine für Deutschland eine Priorität sein. Es braucht einen solchen Verbündeten mit einer erfahrenen Armee an der Ostflanke Europas.

»Die Schlüsselrolle der Ukraine für die Zukunft Europas wird von allen globalen Akteuren anerkannt. Deutschland sollte daher seine Führungsrolle beim Wiederaufbau wirksam geltend machen.«

Zweitens sind deutsche Investitionen auch »ein Beitrag für ein zukünftiges EU-Mitglied«, so Olaf Scholz. Im Dezember 2024 erklärte er, dass bereits rund 2.000 deutsche Unternehmen in der Ukraine tätig seien und ihre Präsenz dort ausbauen wollten. Der massive Zufluss deutschen Kapitals in die Ukraine verspricht angesichts der Aussichten auf ein rasches Wirtschaftswachstum in der Nachkriegszeit erhebliche Vorteile. Die deutschen Investitionen sollten allerdings diversifiziert werden und neben dem wichtigen militärisch-industriellen Komplex auch Projekte in anderen Sektoren in den Blick nehmen. Ferner wird die Schlüsselrolle der Ukraine für die Zukunft Europas von allen globalen Akteuren anerkannt. Deutschland sollte daher seine Chance nicht verpassen und seine Führungsrolle beim Wiederaufbau wirksam geltend machen. Insbesondere angesichts des zunehmenden wirtschaftlichen und geopolitischen Wettbewerbs zwischen der EU, den Vereinigten Staaten und China ist dies von Bedeutung.

Wichtig für die weitere Entwicklung der Beziehungen ist die ukrainische Diaspora in Deutschland, die in jüngster Zeit um 1,2 Millionen Menschen angewachsen ist. Es spricht also alles dafür, dass die Beziehungen strategisch bleiben werden.

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