»Wir repräsentieren wahrscheinlich etwas wie Feldhasen im Augenblick, wo klar ist, woran es liegt, dass es die nicht mehr gibt. Und wir müssten uns sehr genau überlegen, woran es liegt, dass es uns eigentlich auch nicht mehr gibt und dass wir komische Gestalten sind, die mit ein bisschen Subvention hier, mit einem Preis doch, mit einem Stipendium doch, von freundlichen Redakteuren, die uns immer wieder was abnehmen, aufrechterhalten werden. Wir repräsentieren doch eigentlich im Augenblick so etwas, dass es durchaus in dieser sich nivellierenden Gesellschaft so etwas wie Persönlichkeiten gibt, die in der Tat tun und lassen, was sie wollen.« Das sagte Ursula Krechel 1985 im Literarischen Colloquium in Berlin und formulierte damit ein gleichermaßen skeptisches wie starkes Bekenntnis zu der Rolle als Autorin, die sich gegen das Nivellierende, das Gleichmachende wendet.
Seitdem sind 40 Jahre vergangen, und Ursula Krechel, die in diesem Jahr mit dem Georg-Büchner-Preis den wichtigsten Literaturpreis deutscher Sprache erhält, hat seitdem nicht aufgehört gegen das Nivellierende anzuschreiben und ihre Rolle als intellektuelle Mahnerin ausgebaut. Als »Archivarin des Verdrängten« wird sie aufgrund ihrer besonderen Arbeitsweise und im Blick auf die drei Romane bezeichnet, mit denen Krechel zu einer der wichtigsten Gegenwartsautorinnen wurde.
»Er war angekommen. Angekommen, aber wo«, lauten die ersten knappen Sätze des 2012 erschienenen Romans Landgericht, für den die 1947 in Trier geborene Krechel im gleichen Jahr mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Der Roman, der das Mittelstück einer Trilogie bildet, die mit Shanghai fern von wo (2008) beginnt und mit Geisterbahn (2018) endet, erzählt die Geschichte des Richters Richard Kornitzer, der als Jude Ende der 30er Jahre Deutschland verlassen muss, nach Kuba flieht und 1947 nach Deutschland und zu seiner Frau zurückkehrt. Die auf Fakten gründende Geschichte geht nicht gut aus: Kornitzer fasst im Land unter der Kanzlerschaft Konrad Adenauers nie wieder richtig Fuß, einem Land, in dem nicht nur ehemals nationalsozialistisch gesinnte Juristen, Lehrer und Ärzte mithilfe von Persilscheinen rasch wieder Karriere machen konnten – schlimmer noch: einem Land, in dem die Erfahrung ehemals Exilierter auf Unverständnis und Ablehnung stieß.
Landgericht ist wie Shanghai fern von wo und Geisterbahn nicht zuletzt deswegen ein erschütternder Roman, weil Ursula Krechel die Menschen, die Vorbilder für ihre Figuren, deren brüchigen und leidvollen Geschichten nicht erfunden hat. Alle Romane arbeiten mit historischem Quellenmaterial aus Archiven. Für Shanghai fern von wo, dem Roman, auf dessen Titel der ersten Satz von »Landgericht« mit dem Adverb »wo« noch einmal anspielt, hat Ursula Krechel die Situation der deutschen und österreichischen Juden in dieser Stadt ins Zentrum gestellt, war doch Shanghai nach 1938 nahezu der einzige Ort, wohin sie ohne Visum vor den Nazis fliehen konnten. Umfangreiche Recherchen gingen Krechels Schreiben voraus, auch in Geisterbahn, in dem die Geschichte der Schaustellerfamilie Dorn, die durch Deutschland zieht, erzählt und konterkariert wird mit Kleinbürgern, Mitläufern und dem Erzähler, und zudem mit der Geschichte der kommunistischen Familie Torgau, aus der zahlreiche Mitglieder im Zuchthaus oder im Konzentrationslager landen.
Krechels Romane sind auch deshalb so bemerkenswert, weil sie \\\ANLESEN\\\ ein weit verzweigtes Netz von Orten und Figuren aufspannen, weil sie extrem empathisch die Situationen der Figuren in Sprache übersetzen, weil alle drei den vermeintlich gut erforschten historischen Narrativen neue Aspekte hinzugefügt haben, vor allem aber, weil Ursula Krechel im Rahmen der künstlerischen Freiheit des literarischen Erzählens anhand ihrer Figuren immer wieder und zugleich immer neu vollzieht, was sie auch in ihrem jüngsten Buch Vom Herzasthma des Exils, einem Band mit Essays, in einem der Essays über Adelbert von Chamisso schreibt, der aus Frankreich nach Deutschland geflohen war: »Wem derart der Boden unter den Füßen weggerissen worden ist, kennt kein Aufbrechen und kein Ankommen, er ist immer im Dazwischen, im Vorläufigen.«
»Eine höchst engagierte, an der gesellschaftlichen Realität und den gesellschaftlichen Verhältnissen interessierte Autorin.«
Ursula Krechel, die nach einem Studium der Theaterwissenschaft, Germanistik und Kunstgeschichte in Köln, mit einer Arbeit über das theater- und filmkritische Werk von Herbert Ihering promovierte, begann journalistisch und dramaturgisch zu arbeiten, ehe sie ab 1972 auch als Schriftstellerin in Erscheinung trat. Eindrucksvoll ist zudem, wie Krechel 1975 mit dem Band Selbsterfahrung und Fremdbestimmung. Bericht aus der Neuen Frauenbewegung und quasi zeitgleich mit ihrem ersten Theaterstück Erika (1974) über eine Frau, die sich aus ihrer freudlosen Ehe befreien will, gleich zu Beginn ihrer Karriere sich als eine höchst engagierte, an der gesellschaftlichen Realität und den gesellschaftlichen Verhältnissen interessierte Autorin vorstellte.
Was an »Selbsterfahrung und Fremdbestimmung« von heute aus selbstverständlich wirken mag – dass Frauen sich in schwierigen Fragen gegenseitig unterstützen, war in der Zeit, in der verheiratete Frauen in Deutschland noch immer ihre Männer um Erlaubnis fragen mussten, wenn sie einer Erwerbstätigkeit nachgehen wollten, beileibe keine Selbstverständlichkeit. Die Liste mit »Frauengruppen in der Bundesrepublik Deutschland und West-Berlin«, die im Digitalzeitalter ebenfalls irritierend wirkt, war damals eine überaus wichtige Handreichung und zeigt in ihrer Detailliertheit, dass auch die junge Ursula Krechel nicht vor kleinteiligsten Recherchen zurückschreckte. Sie suchte für ihr Buch über die Situation von Frauen der Zeit mit sehr vielen das Gespräch und destillierte aus dem Material für die Kapitel des Bandes.
Dokumentarisches und Künstlerisches
Auf die Überzeugungskraft des Dokumentarischen setzend, zieht Krechel für ihr Schreiben das dokumentarische Material aber auch heran, um es künstlerisch zu gestalten, es schreibend zu verlebendigen und ihre zutiefst humane, dabei undogmatische Haltung zu unterstreichen. Der Essay »Zahlen« aus Das Herzasthma des Exils – eine Metapher mit der Krechel den Exilanten Thomas Mann zitiert – im Wesentlichen aus dem Buch Todesursache Flucht. Eine unvollständige Liste, einem Verzeichnis offiziell dokumentierter Todesfälle von Flucht und Vertreibung in den Jahren 1993 bis 2018.
In dem Essay »Mitleid« fragt sie sich, ob heute diejenigen Menschen, die als Gegner des Nationalsozialismus aus Deutschland flüchteten oder dort der Repression und der Vernichtung anheimfielen, mit der seit 1997 festgeschriebenen Dubliner Vereinbarung in Europa noch einen Ort finden könnten, an dem sie sich sicher und angekommen fühlen: »Welches Land ist sicher für Menschen, die alles hinter sich gelassen haben, hinter sich lassen mussten? Und wie »sicher« ist die innere Verfasstheit an einem Ort mit der Sorge um die zurückgebliebene Familie, mit der Angst vor Repressalien und der vollkommenen Unsicherheit einer Zukunft?«
»Konsequente Verteidigung einer radikal der literarischen, kunstvoll ausdifferenzierten Sprache verpflichteten dichterischen Existenz.«
Mag sein, dass es Konsequenz, Akribie und Produktivität der Autorin sind, ihr bewusstes Abstehen von dem, was seit Jahren unter dem weit dehnbaren Begriff Autofiktion, also eine deutliche markierte Nähe zwischen dem Leben des Autors und dem Inhalt seiner Texte, in der deutschsprachigen Literatur extrem weit verbreitet ist. Es ist vor allem aber die konsequente Verteidigung einer radikal der literarischen, kunstvoll ausdifferenzierten Sprache verpflichteten dichterischen Existenz, die doch in einer gesellschaftlichen Verantwortung steht. Diese Radikalität drückt sich insbesondere in Ursula Krechels Lyrik aus, der in der Kritik bisweilen Unverständlichkeit und Privatismus vorgeworfen wurden. »In den Gedichten begriff ich, was ich in Begriffen nie begreifen wollte. Oder waren es die falschen Begriffe?«, schreibt Krechel schon in der 2. Auflage ihres Gedichtbandes Nach Mainz, der zuerst 1977, dann im Jahr 1982 erneut aufgelegt wurde.
Eigenwilligkeit und Verbindliches
In zahlreichen von Krechels Gedichten zeigt sich, dass die sprechende Instanz auf ihren persönlichen Ausdruck als einen beharrt, der gerade in seiner Eigenwilligkeit in etwas Verbindliches und Verbindendes umschlagen kann, gerade in dem, wie sich die sprechende Instanz in ihrem Sprechen bedroht fühlt, in dem wie Außen und Innen gegeneinander zu verschwimmen scheinen, so etwa in dem Gedicht »Mundtot«, zuerst erschienen 1985 in dem Band Verwundbar wie in den besten Zeiten und 1997 erneut in dem Band Ungezürnt: »Jetzt wieder Angst vor Bekenntnissen / Wallfahrten, Kinderkreuzzügen / verschwisterten Opfermählern: / Daß alles Bekannte schon bekannt sei. / Daß Ruhe herrscht / Wo sich das bloßgelegte Herz beruhigt / also nirgends. / Auf Vernünftigkeit folgt Dunkel /Auf Dunkel wölfische Heiligkeit. / Nachts höre ich die Schreie der Stummen / oder schreie ich schon selbst, halbwach.«
Wenngleich sich Krechels Lyrik in Anbetracht schwer erträglicher Verhältnisse und im Interesse der Ausbildung einer stark individuierten, manchmal auch verrätselten Sprache einerseits auf sich zurückzuziehen scheint, und damit vordergründig einen anderen Kurs verfolgt als die Romane, hängen beide Gattungen in Krechels Werk dennoch eng zusammen in dem Anspruch, den man mit einem Vers des Dichters Paul Celan umschreiben könnte als »die wildernde Überzeugung, dies sei anders zu sagen als so«.
Es ist der Anspruch, sich nicht abzufinden mit den Gegebenheiten, schlechten Gewohnheiten und vor allem mit Gewalt und Willkür in der Gesellschaft. Es ist ein utopischer Anspruch, der sehr genau zwischen vermeintlicher Wirklichkeit und ethisch-moralischer Wahrheit unterscheidet, ohne ins Ideologische oder Dogmatische abzurutschen. Viele von Ursula Krechels Dramen, Hörspielen, Features und Essays verhandeln im Wesentlichen die Themen der Romane und Lyrik dann noch einmal diskursiv, aus gutem Grund: Flucht, Vertreibung und Exil werden derzeitig und zukünftig brisanter denn je.


Kommentare (0)
Keine Kommentare gefunden!