Ingeborg Bachmann hat bleibende Verse geschrieben: »Es könnte viel bedeuten: wir vergehen,/wir kommen ungefragt und müssen weichen.« Zum 100. Geburtstag der österreichischen Schriftstellerin am 26. Juni 2026 erscheinen zwei Biografien, die sich im Vorgehen, im Stil und im Umfang deutlich unterscheiden. Wie bestimmen sie das Verhältnis von Literatur und Leben der Dichterin, die prägende Vater-Tochter-Beziehung, die Liebesbeziehungen zu Paul Celan und zu Max Frisch, vor allem: Ziehen sie Analogien zwischen Bachmanns Werken, ihrer Poetik und ihrem Leben?
»Im Schreiben wie im Leben bis zum Äußersten zu gehen«, dieser Mut mache diese Schriftstellerin einmalig, äußert die Germanistin und Filmemacherin Andrea Stoll in ›Zwei Menschen sind in mir‹. Ingeborg Bachmann – Die Biographie. Nach Ingeborg Bachmann. Der dunkle Glanz der Freiheit (2013) ist es Stolls zweite Lebensschilderung. Die Editionslage, die inzwischen publizierten Tagebücher und Briefwechsel wie der mit Paul Celan (von Stoll mit herausgegeben), mit Max Frisch, Hans Magnus Enzensberger, mit Heinrich Böll oder Marie Luise Kaschnitz, eröffne neue Sichtweisen. Dieses unruhige Ich. Eine Biografie, ist das Werk des Leipziger Literaturwissenschaftlers Dieter Burdorf betitelt. Nicht nur im Anspruch unterscheiden sich beide Titel. Stolls Zugriff ist journalistisch süffig und straff, während Burdorf ausführlich-gediegen erzählt.
Zwischen Leben, Werk und Widerspruch
Bachmanns Leben habe mit enormer Wucht Eingang in ihre Literatur gefunden. Die Literatur einer der bedeutendsten europäischen Autorinnen des 20. Jahrhunderts sei ohne den beständigen Dialog mit intimsten Erlebnissen ihres Lebens gar nicht zu denken. Mit dieser These steht Andrea Stoll konträr sowohl zu Sigrid Weigel, die 1999 auf den Primat der Werke, nicht den der Lebensdeutung gepocht hatte, wie auch zu Ina Hartwig, die 2017 mit Wer war Ingeborg Bachmann? Eine Biographie in Bruchstücken vorlegte. Dieter Burdorf spricht von der »multiplen Persönlichkeit« Bachmanns. Sie zu fassen, ihre freundschaftlichen, kollegialen und erotischen Konstellationen multiperspektivisch darzustellen, bedeute, Unauflösbares und Widersprüchliches stehen zu lassen: »Erst in der vielfältigen Brechung durch die Briefwechsel werden wir etwas über ›dieses unruhige Ich‹ Ingeborg Bachmann erfahren.«
Sprachlich virtuos, verletzlich, zerstreut und kokett
Die seit dem tödlichen Brandunfall der Autorin 1973 kursierenden Deutungen betonen zumeist die ausstrahlungsstarke und doch zerbrechlich wirkende Persönlichkeit, Bachmanns Können wie ihre Kapricen. Die poeta assoluta, die Diva der Gruppe 47 fasziniert im patriarchalen Literaturbetrieb ihrer Zeit. Das Porträt der aparten jungen Lyrikerin auf dem SPIEGEL-Titel 1954 ist eine Sensation. Eine dichtende Frau, sprachlich virtuos und verletzlich, zerstreut und kokett – »die erste Pop-Ikone der österreichischen Literatur« (Franzobel), die »Sphinx der neueren Literaturgeschichte« (Helmut Böttiger) sendet irritierende Signale.
Für die begabte, behütet aufgewachsene Tochter eines Volksschullehrers und frühen NSDAP-Mitglieds aus Klagenfurt, wird der Einmarsch der Nationalsozialisten in Osterreich 1938 zur lebensbestimmenden Erschütterung. Dieser Moment habe ihre Kindheit zertrümmert, hat Bachmann später bekannt. Den Bombenhagel 1944 erlebt die Abiturientin allein, der Vater steht im Feld, die Mutter hat mit den beiden Jüngsten Schutz auf dem Land gesucht. Stoll sieht diese Monate des Auf-sich-gestellt-Seins als »literarische wie biografische Ur-Szene der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann.« Fortan zerreißen sie die ambivalenten Empfindungen gegenüber dem Vater: »Den geliebten Vater als Nazi-Täter akzeptieren zu müssen, wird zu einer lebenslangen Wunde, die als ›verschwiegene Erinnerung‹ in ihren Texten rumort«. Von dieser »unerlösten Vaterbindung« rührten die monströsen Vaterfiguren in ihren Texten, wie im Roman Malina (1971). Hölzern formuliert Burdorf dieses Lebensthema Bachmanns als »Schuld, die auch auf den nachgeborenen Österreicherinnen und Österreichern gegenüber der verfolgten und ermordeten jüdischen Bevölkerung lastet.«
Die junge Frau aus der Provinz geht nach Wien, wo sie
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