Journalismus ist heute dann erfolgreich, wenn er hohe Klickzahlen erreicht. Dagegen wäre nichts einzuwenden, stünden die Klicks in einer Korrelation mit Qualität. Das ist in Zeiten diskursiver Polarisierung, die den Gesetzen digitaler Aufmerksamkeitsökonomie folgt, bekanntermaßen nicht der Fall. Wer laut auftritt, provokante Thesen aufstellt, sich oft empört und gern inszeniert, hat im Netz sehr viel bessere Chancen, Gehör zu finden, als die nüchterne Berichterstattung, ein geistreicher Text, ein entlegenes Thema, ein differenzierter Leitartikel. Mitunter gelingt Journalisten eine Punktlandung, und sie erreichen mit hoher Qualität jenseits polarisierender Reflexe eine starke Reichweite. Doch das ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr.
Im Vergleich zum vordigitalen Zeitalter, als die Print-Auflagen noch um ein Vielfaches höher waren und sehr viel mehr Menschen gedruckte Zeitungen lasen, gibt es heute einen gravierenden Wettbewerbsnachteil. Früher galt es, Leser zum Kauf eines Gesamtproduktes zu animieren. Es war nicht erforderlich, sie von der Notwendigkeit eines jeden Artikels zu überzeugen, sei es eines kleinteiligen Unternehmensberichts auf den hinteren Seiten des Wirtschaftsteils oder einer wenig aussagekräftigen Ballettrezension im Kulturteil. Die Marke der Zeitung motivierte zum Kauf, nicht ein einzelner Artikel, der hinter der Bezahlschranke mit besonders auffälliger oder provokanter Aufmachung Leser zum Abschluss eines Abonnements anlocken soll.
Die Zeitung als Gesamtprodukt
Natürlich war es auch in früheren Zeiten nicht so, dass etwa das Feuilleton als jenes Ressort, das noch am meisten mit intellektuellem Anspruch, Tiefgang und Bildung verknüpft wird, Massen erreicht hätte. Aber es wurde mitgetragen von der gesamten Zeitung, die viele vielleicht vorrangig wegen des Politik- oder Wirtschaftsteils gekauft haben.
Heute ist die Lage dagegen prekär. Unter Umständen kann die Entscheidung für Differenzierung oder intellektuellen Tiefgang existenzgefährdend für ein Medium sein. Jeder einzelne digitale Artikel steht nicht nur im Wettbewerb mit anderen Zeitungen. Zu den marktrelevanten Konkurrenten gehören nun auch Social Media, Netflix, Videogames, Amazon, digitaler Konsum. Es wird immer schwerer, in diesem komplexen Marktgeschehen noch aufzufallen – umso mehr, als die Omnipräsenz der Smartphones die meisten Menschen dauerhaft ablenkt und ihre Aufmerksamkeitsspanne drastisch reduziert. Das verstärkt auch im einst klassischen Journalismus den fatalen Trend zum Plakativen, zur Skandalisierung, Einseitigkeit, groben Vereinfachung, mitunter auch zur Radikalität. Gleichzeitig tragen manche Medien zu ihrer eigenen Entpolitisierung bei, indem sie #ANLESEN### Ratgeber- und Lifestylethemen möglichst großen Raum geben, weil sie hohe Klickzahlen versprechen.
»Unter Umständen kann die Entscheidung für intellektuellen Tiefgang existenzgefährdend sein.«
Wo aber Inhalte der Reichweitenlogik geopfert werden, leidet die Qualität, und das Niveau verfällt. Eine Trendumkehr ist nicht in Sicht – im Gegenteil. Mittlerweile wird auf den digitalen Seiten und Apps der Zeitungen nahezu alles gezählt und gemessen: die Anzahl der Klicks, die Verweildauer in einem Artikel, die Scrolltiefe der Leser, ihr Weg zur Website, ihre Abo-Gewohnheiten, ihre Aufmerksamkeit für unterschiedliche Schlagzeilen. Wir befinden uns im Zeitalter des bezifferten Journalismus, der Gefahr läuft, sich durch ökonomischen Druck die eigenen Grundlagen zu entziehen. Denn das Fundament eines seriösen, unabhängigen Journalismus ist und bleibt die gesicherte Information – wie wenig oder viel Aufmerksamkeit sie auch immer erzeugt.
Die mediale Realität jedoch ist vielerorts weder durch Versachlichung gekennzeichnet noch durch reflexive Tiefe, sondern vielmehr durch niveaulosen und oftmals kenntnislosen Meinungsjournalismus, der die grassierende Informationskrise weiter verstärkt. Es scheint sich die erstaunliche Auffassung durchzusetzen, man müsse nicht über Wissen und durchdachte Argumente verfügen, um seine Meinung kundzutun. Diese Haltung fällt allerdings in einer bildungsfernen Gesellschaft, die den Wert des Intellekts immer weniger erkennt, auf fruchtbaren Boden. Auf diese Weise verstärken sich die multiplen Krisenphänomene wie in einer Eskalationsspirale.
»Das Fundament eines seriösen Journalismus ist und bleibt die gesicherte Information.«
Angesichts der sukzessiven Auflösung, wenn nicht willentlichen Zerstörung herkömmlicher Strukturen des politischen Denkens, aus dem der Journalismus im Kern erwächst, könnte man der Versuchung erliegen, in kulturpessimistische Abgesänge zu verfallen und den Niedergang der guten, alten Zeit zu betrauern. Doch wenn sich Gesellschafts- und Gegenwartskritik darin erschöpft, drohen Stillstand, Lähmung und Verbitterung.
Zerschlagung traditioneller Strukturen
Ein heilsames Mittel gegen die Verklärung des Vergangenen ist die Anerkennung von gesellschaftlichem, ökonomischem und technologischem Fortschritt. Veränderung bedeutet Verlust – aber ebenso die Entstehung von etwas Neuem. Diese Dialektik verkörpert die Künstliche Intelligenz (KI), deren tiefgreifende Folgen sich nicht mehr unter dem unscharfen Begriff der Transformation fassen lassen. Mit der KI vollzieht sich vielmehr genau das, was seit dem Hype um Elon Musk in aller Munde ist: Disruption.
Dabei geht es nicht allein um systemischen Wandel, sondern um die Zerschlagung von Strukturen. »Legacy Media must die«, rief Musk aus – und seine Warnung ist ernst zu nehmen: Traditionelle Medien sind in ihrer Existenz bedroht. Sie werden dieser Bedrohung jedoch nicht entkommen, wenn sie ihren Qualitätsanspruch aufgeben, die Mühen der tiefen Recherche scheuen und das selbständige Denken willfährig an Algorithmen abgeben. Ja, es ist destruktiv und kurzsichtig, sich den Erneuerungen der Welt zu verweigern. Technologieoffenheit darf indes nicht bedeuten, blind gegenüber ihren Gefahren zu sein. Mehr denn je muss sich der Journalismus heute der Tradition der Aufklärung verpflichtet fühlen und Sorge dafür tragen, die Mündigkeit der Gesellschaft zu wahren.

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